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Wollte man an die theatralische Vorstellung, die hier geboten wurde, den Maßstab von heute legen, so würde man freilich weit neben das Ziel schießen, denn wahrscheinlich waren die Bühnen im alten Griechenland gegenüber denen im alten Schottland noch großartig zu nennen. Von Kulissen, Maschinenwerk, Logen und Parterre ec. war nichts zu erblicken, der grüne Rasen war die Bühne, und Rasenbänke waren für die Zuschauer die Sitze, die um drei Vierteile des Platzes herum liefen, während das letzte Viertel offen gelassen war für die Schauspieler zum Auf- und Abtreten. Auf diesen Rasenbänken saß nun das kritische und unkritische Publikum, allen voran der Kämmerer als die vornehmste Standesperson, der den Platz in der Mitte einnahm.

Die Schauspieler, die hier auftraten, waren dieselben, wie auf all den frühern Volksbühnen der Kulturvölker: greise Männer und Weiber, die von ihren Kindern ausgebeutet und ausgeplündert werden, ein großmäuliger Kriegsmann, ein pfiffiger Ablaßkrämer, ein Tolpatsch von Bauer und eine Zierpuppe von Stadtmadam. Daneben der lose Narr mit der Pritsche, der Don Juan der spanischen Bühne, u. s. w.

Das Stück war eine Komödie gegen den katholischen Glauben, das keine geringere Person als den Doktor Lundin zum Urheber hatte, allerhand scharfe Spitzen gegen die Geistlichkeit und die Klöster ec. enthielt; und wenn eine besonders saftige Stelle zum Vortrag kam, so ermangelte er nicht, Roland mit dem Aermel anzustoßen, und wenn auch Roland nicht lachte, so unterließ er das doch nie selbst und klatschte wohl auch in die Hände, um die allgemeine Stimme seinem Werke recht günstig zu machen. Die Handlung drehte sich um das uralte, ewig neue Thema des Liebeshandels zwischen Mann und Weib, wobei eine wundertätige Reliquie ihre wirksame Rolle spielte. Mit entsprechenden Grimassen und Hanswurstereien wurde die Reliquie allen Darstellerinnen reihum präsentiert, von denen aber keine, wenn es an die Keuschheitsprobe ging, bestehen konnte oder wollte. Endlich drohte die Geschichte langweilig zu werden, und der Reliquienkrämer wollte ein andres Stück an die Reihe bringen, als der Narr unvermutet einem jungen Frauenzimmer, das in der vordersten Reihe der Zuschauer stand, ein schwarzes Tuch vor dem Gesicht hatte und sich grade mit den Vorgängen auf der Bühne schärfer als vorher befaßte, ein Fläschchen unter die Nase hielt. Infolge des scharfen Geruchs, den das Fläschchen ausströmte, mußte das Frauenzimmer heftig niesen und geriet darüber in solchen Zorn, daß es dem Narr eine Ohrfeige versetzte, so derb, daß derselbe ins Gras purzelte.

Darüber nun großer Lärm. Alles schrie der couragierten Person Beifall zu, aber der Narr erhob sich langsam und fing an zu wimmern und seine Backe zu streicheln, und da schien es, als wenn die Stimmung des Publikums umschlagen wollte. Den Kämmerer verdroß es aber, daß gegen den Narren solche Selbstjustiz von solchem jungen Dinge geübt worden war, und er beorderte zwei von seinen Hellebardierern, die schuldige Person vor sein Tribunal zu führen. Das Mädchen aber widersetzte sich trotzig den beiden Dienern der kämmerlichen Hermandad, und schon schickten diese sich an, Gewalt zu brauchen, als das Mädchen nach kurzem Besinnen in bescheidner jungfräulicher Sitte ihren Mantel um die Arme schlug und sich zum freiwilligen Mitgehen anschickte. Leicht und in natürlicher, ungezwungner Anmut schritt sie über den Rasenplatz, bewacht von ihren beiden Trabanten, und ließ ihr blitzsaubres, rotbraunes Mieder sehen mit dem Röschen von rotbrauner Farbe und dem niedlichen Füßchen darunter. Das Tuch verhüllte ihr Gesicht, aber der Doktor, der es sich trotz alles wissenschaftlichen Ernstes nicht nehmen lassen mochte, ein guter Kenner weiblicher Schönheit zu sein, meinte genug gesehen zu haben, um von dem wenigen, was er sah, einen befriedigenden Schluß auf das Ganze zu machen.

»Was hast Du zu Deiner Entschuldigung vorzubringen, Du naseweises Ding, das mich hindern könnte, Dich in den See zu tauchen zur Strafe dafür, daß Du Dich an einem Manne vergriffen hast?« fragte der Doktor.

»Weil ich, beim Himmel, meinen sollte, daß Eure Würden bei dem Unfall, der mich betroffen hat, auch noch ein kaltes Bad für notwendig erachten werden, möchte ich mich der Antwort entschlagen,« versetzte das Mädchen.

»Eine verteufelte Schwerenöterin,« flüsterte der Doktor dem neben ihm sitzenden Roland zu, »und ganz gewiß, wie ich wetten möchte, ein sehr liebes Kind ... Mein Kind, Du zeigst von Deinem Gesichtchen recht wenig. Möchtest Du nicht so freundlich sein, das Tuch abzubinden?«

»Hoffentlich wird Eure Würden mir vergönnen, damit so lange zu warten, bis wir näher bekannt sind. Ich möchte wenigstens nicht als das arme Ding im Lande bekannt sein, mit dem der alberne Mensch seinen Jux getrieben hat.«

»Sei unbesorgt um Deinen Ruf,« erwiderte der Doktor, »denn so wahr ich Kämmerer von Lochleven, Kinroß usw. bin, selbst die keusche Susanne hätte an diesem Elixir nicht riechen können, ohne zu niesen, da es pures Extraktum von Sonnenessig war, von mir speziell gebraut. Und da Du Dich bereit erklärst, über den Vorfall Dich gebührlicher Reue und Buße nicht zu verschließen, so befehle ich Dir, für den Augenblick alles beim alten zu lassen, wie wenn keinerlei Unterbrechung und Störung dieser Art sich bei diesem spectaculo ereignet hätte.«

Das Mädchen verneigte sich vor Ihren kämmerlichen Würden und verfügte sich an ihren Platz zurück. Das Spiel nahm seinen Fortgang, aber der Page fühlte keinerlei Interesse mehr daran.

Was ihm seltsame Gedanken machte, war der Umstand, daß dieses Mädchen eine gewisse Aehnlichkeit mit Katharina Seyton aufwies. Stimme und Gestalt, auch Nackenbildung und Lockenhaar erinnerten unmittelbar an die geliebte Erscheinung, daß es ihm wirklich zu Mute war, als habe er sich im Irrsal eines seltsamen und staunenerregenden Traumes befunden. Der merkwürdige Auftritt im Wirtshause trat ihm mit all seinen merkwürdigen Umständen wieder vor die Seele. Waren in diesem seltsamen Geschöpf von Mädchen all die Märchen, wie man sie in Gedichten vorfand, in die Wirklichkeit getreten? war Katharina im stande, sich aus dem festen Schlosse Lochleven, das doch von dem breiten See umgeben war, – nach welchem er sich jetzt umsah, wie wenn er sich vergewissern wollte, ob er auch wirklich noch da sei – hierher zu begeben? konnte sie all diese Hindernisse besiegen, um an einem Feste in solchem Dorfe wie Kinroß teilzunehmen? und konnte sie sich hier so weit hinreißen lassen, daß sie in Händel mit der Ortspolizei geriet? War das möglich? Ließ sich das annehmen? Roland konnte zu keiner bestimmten Meinung gelangen, ob er sich irrte oder nicht; aber soviel mußte er sich sagen, daß sie sich zu einem Geschöpf entpuppen würde, für das dem gewöhnlichen Menschenkinde die Begriffe fehlten, wenn sie die Mühen und Anstrengungen im Verein mit den mannigfachen Gefahren wirklich überstanden hätte, um ihre Freiheit zu gewinnen, und wenn sie diese Freiheit in der Tat dazu wahrnähme, sich den Genuß solcher Feste zu verschaffen!

In diesen Betrachtungen wurde er gestört durch seinen Gefährten Doktor Lundin.. »Ihr dürftet,« meinte dieser, indem er Roland ziemlich unsanft in die Rippen stieß, wahrscheinlich weil er schon mehrfach auf zartere Weise versucht haben machte, die Aufmerksamkeit des jungen Pagen für sich zu gewinnen, »doch vielleicht Lust zu einem Tänzchen haben? Die Spielleute fangen an aufzuspielen, und über Eure Tänzerin seid Ihr wohl nicht im Zweifel? Discernit sapiens res, quas cofundit asellus [Wohl durchschauet der Weise, was töricht verheddert das Eslein] .

Kaum hörte der Page diese Mahnung des Kämmerers, als er auch schon auf den Beinen war, drei bis vier Bauernburschen den Rang abzugewinnen, die die muntre kleine Schlägerin ebenfalls aufs Korn genommen hatten. Keiner von ihnen verstand die rechten Worte für seine Absicht zu finden, der Page meldete aber in wohlgesetzter Rede, daß er im Auftrage oder doch wenigstens als Abgesandter des Kämmerers komme, ihre Hand zu einem Tänzchen zu erbitten.