»Der würdige Kämmerer,« versetzte sie, »indem sie ihm ihre Hand reichte, »ist ganz gescheit, sein Vorrecht auf einen Tanz auf solche Weise geltend zu machen. Die Vorschriften auf diesem Tanzboden möchten eine andre Wahl für mich wohl auch ausschließen.«
»Vorausgesetzt, schönes Fräulein, bemerkte der Page, »daß Euch die Wahl des Ersatzmanns nicht durchaus mißfällig sei.«
»Darauf, schöner Herr,« antwortete die lose Maid, »möcht ich Euch antworten, wenn wir den ersten Gang auf diesem Turnier hinter uns haben.«
Katharina Seyton besaß, wie wir wohl schon einmal bemerkt haben, eine bewunderungswürdige Grazie ihrer Bewegungen und eine außerordentliche Gewandtheit. Sie war von ihrer königlichen Herrin oft gebeten worden, ihr etwas vorzutanzen, und dann war Roland Gräme immer ihr Partner gewesen. Infolgedessen kannte er ihre Art beim Tanzen genau, und machte jetzt die Wahrnehmung, daß die lose Maid, die er zum schottischen Bauerntanze aufführte, Katharinen wohl an Munterkeit und Grazie glich, aber hier auf dem Rasenturnier eine stärkere Hand erforderte als die kunstreichen Pas, Touren und Wendungen im kleinen Gemache der Königin. Aber die vielen Dinge, die bei solch naturwüchsigem Tanze Beobachtung heischen, ließen ihm keine Zeit zum Nachdenken und noch weniger Zeit zum Plaudern. Als aber ihr Pas-de-deux zu Ende getanzt war, und das ganze Landvolk, das solch kunstvolle Ausführung wohl noch nie gesehen haben mochte, in lautes Klatschen und Jubeln ausbrach, da nahm er diesen Zeitpunkt wahr, ein Gespräch mit seiner Schönen anzuknüpfen.
»Holde Kallipolis,« hub er an, »darf ich nicht bitten um den Namen derjenigen, die mir solch hohe Gunst gewährte?«
»Das dürft Ihr schon,« antwortete sie, »was anders aber ist's, ob ich's Euch sagen werde.«
»Und warum solltet Ihr nicht wollen?«
»Weil niemand was gibt für nichts und wider nichts!« versetzte die Schöne. »Und Ihr könnt mir nichts sagen von allem, was ich gern hören möchte.«
»Könnt ich nicht meinen Namen und meine Verwandtschaft sagen im Austausch?« fragte der Page.
»Nein, denn Ihr wißt von beidem wenig!« sagte die Maid.
»Wieso?« fragte der Page verstimmt.
»Seid nicht grillig darüber,« antwortete das Mädchen, »ich will's Euch auf der Stelle zeigen, daß ich von Euch mehr weiß, als Ihr selber von Euch bislang wohl gehört habt!«
»Das wäre!« erwiderte Roland Gräme, »für wen haltet Ihr mich wohl?«
»Für den Nestfalken, den ein Windspiel in der Schnauze ins Schloß trug – für den Sperber, den man nicht von der Leine lassen mag, damit er den Fang nicht im Stich lasse und auf Aas stoße, und dem man die Kappe nicht abnehmen darf, bis seine Augen hell genug geworden sind, Gutes von Bösem zu unterscheiden.«
»Nun, sei es so,« erwiderte Roland Gräme, »ich errate einen Teil Eures Gleichnisses, schöne Herrin, und vielleicht weiß ich von Euch so viel wie Ihr von mir und kann der Auskunft, mit der Ihr so spröde tut, entbehren.«
»Nun, so beweist's,« versetzte das Mädchen, »und ich will Euch gern scharfsinniger halten, als Euer Gesicht erraten läßt.«
»Ich will sofort damit dienen,« erwiderte Roland, »Euer Name fängt an mit einem S und schließt mit einem N.«
»Trefflich geraten,« sagte die Tänzerin, »weiter, bitte!«
»Heut paßt's Euch, Haube und Schürze zu tragen,« sagte Roland, »und morgen sieht man Euch wohl vielleicht in Hut und Feder, Wams und Beinkleid?« – »Fein gezielt! Aufs Haar getroffen!« rief die Maid, mit Mühe ein herzliches Lachen unterdrückend.
»Ihr könnt Männern die Augen ausschlagen und Herzen aus dem Busen reißen!« fuhr Roland fort, aber wenngleich er diese letzten Worte so leise sagte, daß er meinte, sie müßten zum Herzen gehen, so minderten sie doch die Lachlust der muntern Dame nicht, sondern mehrten sie nur und Zwar in einem Maße, daß Roland sich schrecklich dumm vorkam.
»Hättet Ihr meine Hand,« sagte die Maid, »für so schlimm erachtet, dann hättet Ihr sie wohl kaum so derb angefaßt! Aber ich sehe schon, Ihr kennt mich so aus dem FF, daß gar kein Grund für mich vorliegen kann, Euch mein Gesicht zu zeigen.«
»Schöne Katharina,« erwiderte der Page, »der wäre wahrlich nicht würdig, Euch je gesehen zu haben, der so lange unter einem Dach mit Euch gelebt, so lange Eure Grazie bewundert, Eure Mienen studiert, Euer Ebenmaß angestaunt hätte und Euch nicht überall erkennen sollte, wo ihm das Glück, Euch gegenüber zu treten, zu teil wird? Und wer mit Stumpfsinn geschlagen wäre, müßte Euch erkennen; was aber mich angeht, holde Kallivolis, dann könnt ich wohl auf diese Locke schwören, was hinter diesem Tuche sich birgt!«
».. und auf das Alltagsgesicht, das dieses Tuch verhüllt,« sagte das Mädchen, indem sie es zurückschob, aber im nämlichen Augenblick wieder darüber zu ziehen suchte. Es waren Katharinens Züge, aber ein eigentümlicher Grad von Ungeduld und Zorn zuckte darin auf, als es ihr nicht gelingen wollte, das mit der Eleganz und Gewandtheit zu tun, die ein auszeichnendes Moment für die Modedamen der damaligen Zeit war.
»Der Teufel soll den Fetzen in Stücke reißen,« rief das Fräulein, während das Tuch ihr um die Schultern wehte, in solch resolutem und zornigem Tone, daß der Page stutzig wurde. Er blickte ihr von neuem ins Gesicht, aber er sah in den Augen nichts anders als bisher. Dann half er ihr, das Tuch zu ordnen, und dann schwiegen beide eine Weile, Das Fräulein begann die Unterhaltung zuerst wieder, denn Roland war außer stande, sich die Widersprüche, die er im Aeußern und im Charakter bei Katharina entdeckte, zusammenzureimen.
»Was Ihr hier hört und seht,« sagte das Mädchen, »verwundert Euch? Aber der Lauf der Zeit, der aus Weibern Männer macht, ist am wenigsten geeignet, daß aus Männern Weiber werden; und doch steht Ihr, scheint's, in Gefahr einer solchen Metamorphose.« »Ich stünde in Gefahr, zu einem Weibe zu werden?« fragte Gräme.
»Ei freilich, trotz aller Keckheit, mit der Ihr antwortet! ..« erwiderte das Fräulein. »Zu einer Zeit, da Ihr festhalten solltet an Eurem Glauben, weil er bedrängt wird von allem möglichen verräterischen Ketzergesindel, laßt Ihr ihn Euch aus dem Herzen entwinden wie Wachs! Ist das nicht weibisch? ... Und was besticht Euch dazu? Feile Hoffnung auf Gewinn und irdische Auszeichnung! Ist das nicht weibisch? ...Und wenn Ihr Euch wundert, daß ich eine Drohung ausstoße oder einen Fluch über die Lippen gelangen lasse, solltet Ihr nicht vielmehr Euch wundern über Euch selbst, daß Ihr beim Vorhandensein eines Anspruchs auf edlen Namen und bei dem Streben nach Ritterswürde, das Euch doch beseelt, so feige, so töricht und so selbstisch sein könnt!«
»Ich wollte, solchen Vorwurf machte mir ein Mann!« rief der Page, »er sollte gewahren, ob er Ursache habe, mich der Feigheit zu zeihen, noch ehe er um eine Minute älter geworden wäre.«
»Seht Euch vor ob solcher stolzen Worte!« versetzte das Mädchen. »Ihr sagtet noch eben erst, ich trüge zuweilen Wams und Beinkleid.«
»Aber Ihr bleibt immer Katharina Seyton, und wenn Ihr sonst was tragt,« antwortete der Page, indem er von neuem versuchte, sich ihrer Hand zu bemächtigen.
»So gefällt es Euch, mich zu nennen,« entgegnete das Mädchen, seine Absicht vereitelnd, »doch führe ich daneben noch andre Namen!«
»Und wolltet auf den nicht hören, unter dem Ihr alle Schönen ganz Schottlands an Schönheit überstrahlt?« rief der Page.
Sein Lob bestach sie nicht, denn sie hielt ihn noch immer von sich fern, und unter mutwilligem Lachen hub sie an, aus einer Ballade die Strophe zu trällern:
»Der eine Herzliebste, der ruft mich Hans,
Und der andre bald Roland, bald Will.