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Doch reite ich nüber nach Holyrood,

Dann bin ich der Willy Will.«

»Sagt lieber, der Eigenwill oder Hansdampf in allen Gassen,« rief Roland bitter, »denn ein trügerisches, luftigeres Gebilde hat's wohl nie gegeben!«

»Wenn ich's bin,« erwiderte das Mädchen, »so mach ich's doch keinem Narren zur Bedingung, mir nachzulaufen! und wenn er's tut, so tut er's aus eigner Lust und Freude, und muß auch die eigne Gefahr drum leiden!«

»Aber, holdeste Katharina, seid doch bloß mal einen einzigen Augenblick ernsthaft!« sagte Roland Gräme.

»Wollt Ihr mich Eure holdeste Katharina nennen,« sagte das Fräulein, »da ich Euch doch die Wahl ließ unter so mancherlei Namen, möchte ich Euch doch fragen, wie Ihr so grausam sein könnt, mir während der paar vergnügten Augenblicke, die ich seit Monden vielleicht genieße, zuzumuten, daß ich ernst sein solle? vorausgesetzt natürlich, daß Ihr die Vermutung, festhaltet, ich sei dem Turm dort drüben auf ein paar Stunden entronnen!«

»Aber, schöne Katharina, es gibt doch Augenblicke im Leben voll so tiefen und warmen Gefühls, daß sie Jahre aufwiegen! und solcher Augenblick war gestern für mich, als Eure Lippen..«

»Was?... meine Lippen?« fragte hastig das Fräulein.

»Als Ihr Eure Lippen zum Zeichen des Kreuzes so nahe brachtet, das Ihr mir auf die Stirn machtet!«

»Heilige Gottesmutter!« rief in noch stolzerm Tone und mit noch männlicherer Weise als bisher das Fräulein, »Katharina Seyton hätte ihre Lippen der Stirn eines Mannes genähert, und dieser Mann wärst Du? ... Sklave, Du lügst!«

Roland erstaunte. Als er aber erkannte, daß er das Zartgefühl des Mädchens durch diesen Hinweis auf einen Augenblick schwärmerischer Begeisterung gekränkt habe, bemühte er sich, ein paar Worte der Entschuldigung oder Rechtfertigung zu stottern, und seine Gefährtin ließ, ob sie schon aller gebührlichen Form ermangelten, sie doch gelten, zumal ihr Unwille sich bereits wieder gelegt hatte.

»Reden wir nicht weiter drüber,« sagte sie, »sondern scheiden wir! denn unsre Unterhaltung möchte zuletzt noch Aufmerksamkeit wecken, und die taugt vielleicht für uns beide nicht.«

»Erlaubt mir wenigstens, Euch nach einem abgeschiedenen Platze zu folgen!« sagte der Page,

»Das wagt Ihr doch nicht!« sagte das Mädchen.

»Ich sollte mich dorthin nicht getrauen, wohin Ihr geht?« fragte der Page.

»Ihr fürchtet Euch vor einem Hansdampf in allen Gassen,« sagte das Fräulein; »wie, wenn nun gar ein feuriger Drache käme, der eine Zauberin auf seinem Rücken trüge?«

»Wie Zauberer Merlin am Artushofe?« rief Roland; »gibt's solche Wunderdinge hier zu sehen?«

»Ich geh zur Mutter Rieneven, und die weiß mit der Wünschelrute fein Bescheid!«

»Dorthin will ich Euch folgen,« erwiderte Roland.

»Doch nur in gewissem Abstande!« erwiderte das Mädchen.

Geschickter als zuvor hüllte sie sich in ihren Mantel, mischte sich ins Gedränge und ging nach dem Dorfe zu, während Roland ihr behutsam, um keinerlei Aufmerksamkeit zu wecken, in einiger Entfernung folgte.

Sechstes Kapitel

Als das Fräulein in die Haupt- oder einzige Straße einbog, die Kinroß besaß, drehte es sich um, wie wenn es sich überzeugen wolle, daß er die Spur auch nicht verloren habe. Dann bog sie plötzlich in ein schmales Seitengäßchen ein, das von einer kleinen Reihe armseliger, baufälliger Hütten gebildet wurde. Vor der Tür solcher elenden Wohnstatt blieb sie noch einmal stehen und blickte wieder die Gasse hinauf nach dem Pagen, dann griff sie nach der Klinke, machte die Tür auf und verschwand ... So geschwind auch der Page hinter ihr her war, so verursachte doch der besondre Kniff, der beim Druck auf die Klinke von nöten war, und der Druck gegen die Tür, die auch nicht sogleich nachgab, eine Verzögerung von einigen Minuten. Ein räucheriger Gang führte, wie in allen schottischen Bauerhütten, zu dem sogenannten »Hallan«, der das Innere solcher Behausung von der Außenwelt scheidenden Lehmwand. Am Ende des Ganges führte eine Tür in dieser Scheidewand nach dem »Ben« oder innern Stäbchen der Hütte, und als Roland den Drücker faßte, da sprach eine weibliche Stimme:

Heil, wer im Namen des Herrn, wehe, wer im Namen des Feindes kommt!

Als er in das Zimmer eintrat, erblickte er vor einem niedrigen Herde eine Gestalt. Sonst war der Raum leer. Roland Gräme sah sich darin um, verwundert über Katharinas Verschwinden, ohne des alten Weibes zu achten, bis sie durch den Ton ihrer Stimme von neuem seine Aufmerksamkeit fesselte.

»Was suchst Du hier?« fragte sie.

»Ich suche ... ich suche...« stotterte verlegen der Page.

Aber er stockte, denn das alte Weib zog mit einem grimmigen Blicke, der ihre Stirn in tausend Falten legte, die hohen, grauen Brauen finster zusammen, stand auf, richtete sich zu voller Höhe auf, ritz das Tuch vom Haupte, nahm Roland beim Arm und führte ihn mit zwei Schritten quer durch das Zimmer vor ein kleines, schmales Fenster, das volles Licht auf ihr Gesicht warf und dem verdutzten Jünglinge die Züge von Magdalena Gräme zeigte ...

»Ja, Roland,« sagte sie, »Deine Augen betrügen Dich nicht, sie zeigen Dir die Züge derjenigen, die Du betrogen haft, deren Wein Du in Galle, deren Brot Du in Gift, deren Hoffnung Du in Verzweiflung verwandelt hast! ... Magdalena Gräme ist es, die jetzt an Dich die Frage richtet: Was suchest Du hier? – Das Weib, dessen einzige Sünde war, daß es Dich liebte über alles, mehr als das Heil der ganzen Kirche liebte, sie richtet jetzt an Dich die Frage: was suchest Du hier?« ... Und ihre großen schwarzen Augen hafteten auf dem Antlitz des Jünglings mit dem Ausdruck, den das Auge eines Adlers zeigt, der im Begriffe steht, seine Beute zu zerreißen.

Roland fühlte sich im Augenblick unfähig, zu antworten oder zu entrinnen. Die wunderliche Schwärmerin hatte von jenem Ansehen, das sie während seiner Kindheit über ihn gewonnen hatte, noch manches behalten. Außerdem war er sich der Leidenschaft und Unduldsamkeit gegen Widerspruch noch recht gut bewußt und ahnte, daß, er mochte antworten, was und wie er wollte, sich ganz sicher annehmen ließe, daß sie in maßlose Wut geraten werde. Darum schwieg er, und Magdalena Gräme fuhr mit steigender Begeisterung fort:

»Noch einmal, falscher Knabe, was suchest Du hier? Doch nicht die Ehre, auf die Du verzichtetest, den Glauben, den Du verlassen, die Hoffnungen, die Du zertrümmert hast? ... oder suchtest Du mich, die einzige Beschützerin, die einzige Verwandte, die sich Deiner angenommen hat in Deiner Jugend? vielleicht um mein graues Haar unter Deine Füße zu treten, wie schon die liebsten Wünsche meines Herzens?«

»Verzeiht mir, Mutter,« erwiderte jetzt Roland Gräme, »Euren Tadel verdiene ich gewiß nicht. Bin ich nicht von allen, und vor allen andern von Euch, verehrte Großmutter, behandelt worden wie einer, dem es an den gemeinsten Gaben eines freien Willens und einer richtigen Ueberlegung fehlte? Bin ich nicht in ein Land versetzt worden, rings umgeben von Zauberei? Ist mir nicht alles verkleidet entgegengetreten? hat nicht alles in Bildern zu mir gesprochen? daß ich befangen war wie in einem schweren Traume? ... Und nun scheltet Ihr mich, ich besäße nicht Beharrlichkeit? ich wäre nicht wie ein verständiger Mensch, der wisse, was er tue, und warum er es tue? ... Wenn ein Mensch mit Vermummten und mit Gespenstern umgehen muß, als wären es Erscheinungen und keine Wirklichkeit, so muß das den festesten Glauben erschüttern und den klügsten Kopf in Verwirrung setzen. Wen ich suchte, so fragt Ihr? Nun, dieselbe Katharina Seyton suche ich, mit der Ihr mich zusammengeführt habt! die ich hier in Kinroß traf, ohne daß ich mir zu erklären vermag, wie sie hierher gekommen sein soll, nachdem ich sie vor wenigen Stunden im Schlosse Lochleven verließ? die ich hier sehe in tollster Ungebundenheit, während ich sie verlassen habe als trübsinnigste Zofe einer gefangenen Königin? ... Sie habe ich gesucht, und Euch treffe ich an ihrer Statt? Euch, meine Mutter, und in noch seltsamerer Verkleidung!«