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Roland sah sich um und bemerkte, daß er in einem kleinen Baumgarten sich befand. Der Fremde führte ihn durch eine Reihe von Gängen in eine Laube und forderte ihn auf, sich auf eine Rasenbank zu setzen, während er selbst an einen Pfosten sich lehnte. Nach kurzem Schweigen begann er:

»Ihr verlangtet Gewähr von mir, daß ich von Georg Douglas beauftragt sei, das Euch anvertraute Paket an mich zu nehmen?«

»Ja,« versetzte Roland, »und sollte mir hier ein Irrtum unterlaufen sein, so muß ich zusehen, alles zu tun, was in meinen Kräften steht, den Schaden wieder gut zu machen.«

»Ihr meint, ich sei Euch völlig fremd,« erwiderte der Mann. »Ei, so seht Euch doch mein Gesicht einmal näher an!«

Roland sah den Fremden aufmerksam an, konnte aber in seinen Zügen nichts entdecken, was ihn an frühere Bekanntschaft erinnerte.

»Nun, mein Sohn,« sagte der Fremde, seine Verlegenheit wahrnehmend, »den Ihr vor Euch seht, ist Pater Ambrosius, der einst wähnte, Euch für seinen Glauben gewonnen zu haben, jetzt aber einen Abtrünnigen in Euch beklagen muß.«

Seinen ehemaligen Lehrer und geistlichen Führer in solcher kläglichen Lage, als gemeinen Reisigen, zu sehen, ging Roland, dessen Herzensgüte seiner Lebhaftigkeit um nichts nachstand, so nahe, daß er auf die Kniee sank und laut aufschluchzte.

»Durch welches Verhängnis,« rief der Page – »und doch,« unterbrach er sich selbst, »was brauche ich zu fragen? hat mich doch Katharina Seyton schon vorbereitet ... aber daß ein so gänzlicher Umsturz, ein so völliger Wechsel der Verhältnisse ...«

»Mein Sohn, was sollen diese Tränen?« erwiderte der Abt; »sollen sie bezeugen, daß Du Deiner Abtrünnigkeit Dich schämst, dann ist es ein Erguß, Gott und den Heiligen wohlgefällig – aber nicht vergieße sie um meinetwillen! Freilich siehst Du das Oberhaupt des heiligen Marienklosters in der Kleidung eines armen Knappen, aber solches ist den Zeitumständen angemessen und steht einem Prälaten der streitenden Kirche ebensogut an wie Bischofsstab und Inful zurzeit, da die Kirche als triumphierende erscheint.«

»Und Euer Bruder, der Ritter von Avenel, konnte denn er nichts tun zu Eurem Schutze?«

»Er ist selbst in Verdacht geraten bei den Mächtigen im Lande,« sagte der Abt, »denn sie beweisen sich ebenso ungerecht gegen ihre Freunde wie grausam gegen ihre Feinde. Nicht könnte es mich betrüben, wenn ich hoffen dürfte, es werde ihn ablenken von der betretenen Bahn des Irrtums, doch besorge ich bei Halberts Denkungsweise eher, es werde ihn spornen zu Taten, noch verderblicher für die Kirche, noch mißfälliger in den Augen des Herrn, den Feinden Gottes und der Kirche zum Zeugnis dafür, wie treu er ihrer Sache anhängt ... Ich bin sicher, es wird Euch genügen, daß das Paket, vor kurzem noch in Euren Händen, von Georg Douglas für mich bestimmt war.«

»Dann also ist Georg Douglas –« Hub der Page an, und der Abt ergänzte seine Worte: »Ein Freund seiner Königin, Roland, dessen Augen, so hoffe ich, bald sich öffnen werden über die Irrtümer seiner sogenannten Kirche!«

»Was aber ist er dann seinem Vater, was der Lady Lochleven gegenüber, die ihm so viel gewesen ist wie eine Mutter?« fragte der Page voll Ungeduld.

»Der beste Freund ist er beiden, in Zeit sowohl als in Ewigkeit,« erwiderte der Abt, »wenn er zum glücklichen Werkzeug wird, das Böse gut zu machen, das sie schaffen und schufen.«

»Aber, mein Vater,« machte Roland geltend, »ist solch Verhalten eines Mannes wie Douglas nicht eben das, was unsre Gegner uns zur Last legen? wenn sie sagen, daß wir handelten nach dem Lehrsätze, der Zweck heilige die Mittel?«

»Die Ketzer haben bei Dir, mein Sohn, ihre gewöhnlichen Mittel angewendet,« versetzte der Abt, »uns möchten sie gern des Rechtes berauben, klug und versteckt zu handeln, obgleich ihre Ueberlegenheit an irdischer Macht uns verbietet sie zu bekämpfen ... Doch darüber ein andermal mehr. Jetzt, mein Sohn, befehle ich Dir auf Dein Gewissen, mir aufrichtig zu bekennen, was Dir begegnet ist, seit wir voneinander geschieden wurden, und wie der gegenwärtige Zustand Deines Herzens beschaffen ist. Die Großmutter Gräme ist eine eifrige Dienerin Gottes und der Kirche, aber ihr Eifer ist nicht immer mit Klugheit verbunden. Darum, mein Sohn, möcht ich Dich gern selbst befragen und selbst auch beraten.«

Mit aller seinem Lehrer gebührenden Ehrerbietung erzählte Roland die unsern Lesern bekannten Ereignisse und unterließ auch nicht von dem Eindrucke zu sprechen, den Katharina Seyton auf sein Gemüt gemacht hatte.

»Zu meiner Freude bemerke ich, mein lieber Sohn,« entgegnete der Abt, daß ich noch grade zeitig genug komme, Dich am Rande des Abgrundes aufzuhalten, in den Du zu versinken drohtest. Dem Unkraut, das in fettem Boden aufschießt und das der Landmann mit gar emsiger Hand ausrotten muß, sind die Zweifel Deiner Seele zu vergleichen. Aber Du darfst nicht hoffen, diese Lockungen des Bösen durch die Vernunft allein zu besiegen. Versenke Deine Gedanken in die Anbetung der heiligen Gottesmutter, wenn Dir der Erzketzer die Ohren zu füllen sucht und es die Umstände Dir nicht gestatten, Dich seiner Gesellschaft zu entziehen. Und wenn Du Deine Gedanken nicht fest auf himmlische Dinge lenken kannst, dann denke lieber an Deine irdischen Freuden, als daß Du Gott und die Heiligen in Versuchung setzest dadurch, daß Du der Irrlehre Dein Ohr leihst. Der Himmel fördert seine Ratschlüsse auch durch die Torheit der Menschen, und die ehrgeizige Neigung, die Douglas beherrscht, wird nicht minder als die, welche Dich so völlig gefangen hält, das Ziel erringen helfen, das uns vorschwebt.«

»Wie, mein Vater,« rief der Page, »so ist es also wahr, daß Douglas liebt ...«

»Douglas liebt, und seine Liebe hat sich ein ebenso verkehrtes Ziel gesucht wie Deine Liebe ... doch nimm Dich vor ihm in acht und tritt ihm nicht in den Weg!«

»Er mag zusehen, daß er mir nicht in den Weg trete!« rief der Page heftig, »denn nicht einen Zoll werde ich ihm weichen, und hätt er den Mut von jedem Douglas im Leibe, der seit den Zeiten des Graumännchens [der Stammvater dieses urältesten aller Adelsgeschlechter] gelebt hat.«

Da näherte sich ein alter Mann, wie ein Bauer gekleidet, der Laube und grüßte den Abt.

»Ich komme Euch zu melden, daß der junge Mensch vom Kämmerer Lundin gesucht wird, und daß er gut täte, sich gleich zu ihm zu verfügen. Heiliger Franciscus, wenn seine Hellebardiere den Weg hierher fänden, die richteten doch mein ganzes Gärtchen zu grunde!«

»Schicken wir ihn fort, Bruder,« sagte der Abt, »aber wie können solche geringen Dinge im Augenblick der schwersten Entscheidung, die uns bevorsteht, die Schottland bevorsteht, Dein Gemüt beschäftigen?«

»Ehrwürdiger Vater,« sagte der Eigentümer des Gartens, denn er war es, »wie oft muß ich Euch noch bitten, Eure hehren Ermahnungen an Gemüter zu richten, die Euch gleichgestimmt sind? ... Was habt Ihr von mir begehrt, das ich Euch nicht gewährt hätte, wenn auch schweren Herzens?«

»Eins begehren möchte ich von Euch und muß ich von Euch, daß Ihr Euch selber treu seid, daß Ihr nicht vergeßt, wer Ihr gewesen seid, und wozu frühere Gelübde Euch verbanden!«

»Vater Ambrosius,« erwiderte der Gärtner, »durch die Proben, die Ihr meiner Geduld stelltet, wäre unsrer sämtlichen Heiligen Geduld erschöpft worden. Daran, was ich gewesen, ist nichts gelegen, und niemand weiß besser als Ihr, worauf ich in der Hoffnung auf Ruhe in meinen letzten Tagen Verzicht leistete, und niemand weiß besser als Ihr, wie meine Freistatt überfallen, meine Obstbäume vernichtet, meine Blumen zertreten, meine Ruhe erschüttert, ja aller Schlaf mir geraubt wurde, seit die Königin, der unser lieber Herrgott seinen Segen geben möge, nach Lochleven gebracht wurde ... Ich schelte sie nicht und tadle sie nicht. Sie sitzt in Gefangenschaft, und daß sie wünschen mag, solch niedrer Haft zu entkommen, ist menschlich begreiflich, ist doch dort drüben in dem alten Steinloch kaum Raum für einen Garten, denn die Dünste, die aus dem Wasser aufsteigen, sollen, wie ich gehört habe, jede Knospe im Keime ersticken. Aber warum mußte man mich in dieses Komplott mit einbeziehen? warum meine harmlosen Lauben, die ich mit eigner Hand gepflanzt, zu Sammelplätzen für die Verschwörer machen? warum meine Anlände, die für meinen kleinen Kahn von mir gezimmert wurde, zu einem Hafen für geheime Einschiffungen machen? ... warum mußte, mit einem Worte, ich in einen Plan verwickelt werden, der menschlichem Ermessen nach mit nichts anderm als Schafott und Galgen enden kann?«