»Bruder, Ihr seid verständig, Ihr solltet wissen ...« sagte der Abt.
»Nein, ich bin nicht verständig, keine Bohne Verstand hab ich, kein Krümelchen Witz hab ich,« versetzte ärgerlich der streitbare Gärtner, sich die Ohren mit den Fingern zuhaltend, »Verstand hat man mir immer bloß eingeredet, wenn man mich zu einer Dummheit verleiten wollte!«
»Aber, mein lieber Bruder in Christo,« hub der Abt wieder an.
»Ich bin kein lieber Bruder,« versetzte der Gärtner, »hätt ich Verstand gehabt, hätt ich Euch hier nicht aufgenommen, und wäre ich ein lieber Bruder, dann hätt ich Euch mit Eurem Komplott zur Störung des Friedens im Lande Gott weiß wohin geschickt! Was soll uns und dem Lande dieser Streit zwischen König und Königin nützen? Können wir Menschen denn nicht friedlich beieinander wohnen? sub umbra vitis [unterm Schatten des Weinstocks]? und wenn ich ein verständiger Mensch wär und ein lieber Bruder, dann tät ich das auch! Aber so bin ich lieber Bruder bloß in dem Sinne, daß Ihr mir aufhalsen könnt, was Euch gefällt! Komm also mit mir, junges Bürschchen! mein Bruder in seiner Tracht als Knappe wird mir wenigstens insoweit recht geben, daß Du nun lange genug hier gewesen bist.«
»Folge meinem frommen Bruder,« sagte der Abt zu Roland, »und bleib eingedenk meiner Worte! Der Tag ist nahe, an dem sich die Treue Schottlands erproben wird ... mag Dein Herz sich bewähren so fest wie der Stahl Deines Schwertes!«
Der Page verneigte sich, und sie schieden. Der Gärtner führte den Pagen zu einer andern Tür, als durch die er gekommen war. An der Schwelle blieb er stehen und machte das Zeichen des Kreuzes. Dann sprach er zu Roland:
»Jüngling, laß Dir raten von einem alten Manne, von einem, der lang in der Welt gelebt hat und auf höhern Posten, in höhern Aemtern gesessen hat, als Du erhoffen kannst... Laß Dir raten und krümme Dein Schwert zu einer Gartenhippe, aus Deinem Dolch aber mach ein Gartenmesser! Dir wird's dann, rückst Du in höhere Jahre auf, nur um so wohler sein. Hilf mir in meinem Garten, ich will Dir die französischen Pfropfweisen beibringen, das ist besser für Dich als in Kriegsfehde ziehen. Es wird ein Wirbelsturm über unser Land hinbrausen, und bloß solche werden ihm entgehen, die niedrig genug stehen, daß der Sturm ihre Aeste nicht fassen kann!«
Dann sprach er das Benedicite [Seid gesegnet!] und kehrte, nachdem er die Pforte fürsorglich verschlossen hatte, brummend in den Garten zurück.
Siebentes Kapitel
Roland Gräme schritt durch den Garten, den ein eingefriedigter Rasenfleck, wo sich ein paar dem Gärtner gehörige Kühe es sich wohl sein ließen, von dem Dorfe schied. Wenn er der Worte des Paters Ambrosius gedachte, konnte er nicht umhin, einen gewissen Argwohn zu empfinden, als sei derselbe beflissener gewesen, die abweichenden Lehren der beiden Kirchen beiseite zu lassen als ihn der Zweifel zu entheben, in die ihn die Predigten des Kaplans Henderson versetzt hatten. Es mag ihm freilich, sagte er sich, an der Zeit dazu ebenso gefehlt haben, wie mir an der nötigen Ruhe und dem nötigen Wissen, auf Streitpunkte von solcher Tragweite sich einzulassen. Soviel ist aber doch sicher, daß es von mir erbärmlich wäre, meinem Glauben abtrünnig zu werden gerade dann, wenn ihm Zeit und Welt übel mitspielen. Ich bin als Katholik getauft, als Katholik erzogen, und will so lange Katholik bleiben, bis mich Zeit und Vernunft belehren, daß der katholische Glauben ein Irrglauben ist, ebenso will ich dieser armen gefangnen Königin dienstbar bleiben, wie es einem loyalen Untertan geziemt. Ich kann nicht dafür, daß die Wahl der Leute, die mich nach Lochleven schickten, nicht auf einen feilen und doppelzüngigen Schuft gefallen ist, der das Zeug dazu in sich hatte, den dienstwilligen Pagen der Königin und gleichzeitig den unterwürfigen Spion ihrer Feinde abzugeben. Die Schuld, sich geirrt zu haben, haben sie sich selbst beizumessen, nicht mir. Für mich gibt es kein Besinnen, wenn die Frage an mich tritt, ob ich ihr dienen oder sie verraten will. Wie aber soll ich mich gegenüber dieser Katharina Seyton verhalten, die mit mir kokettiert, während sie mit Georg Douglas Beziehungen unterhält? die mit mir Fangball spielt, ganz wie es ihrer Lust und Laune gefällt? .. Beim Himmel! sie soll mir Rede und Antwort stehen bei der ersten Gelegenheit, die sich mir bietet, und bekennt sie nicht ehrlich Farbe, so breche ich mit ihr auf immer!«
Von diesem kühnen Entschlusse beseelt, wollte er den Fuß aus dem Gartenzaune setzen, als er sich angesprochen fühlte von jemand, an den er am allerwenigsten gedacht hatte .. »Ei, sieh da, mein vortrefflichster Freund,« rief Doktor Lukas Lundin ihm entgegen, »wo kommt denn Ihr her? Aber ich wittere, was dahinter steckt. Nachbar Blinkhoolies Gärtchen ist ein vergnügliches Stelldichein, und in dem Alter, in welchem Ihr Euch befindet, steht einem ja der Sinn nach einem schmucken Dirndl fortwährend .. Und doch, mein Lieber, sieht es mir, wenn ich Euch genauer ansehe, ganz so aus, als ob Ihr eine trübselige Miene schnittet; hat Euch das Dirndl etwa gar übel angelassen? .. Laßt Euch kein graues Härlein drum wachsen, junger Freund! denn in Kinroß gibt's mehr Käthchen .. und sollt's Euch nebenher passiert sein, von Blinkhoolies unreifen Pflaumen zu naschen, na, so gibt's in meiner Apotheke ein Gläschen von zweimal abgezogner Aqua mirabilis, die Euch von allem Bauchkneifen im Nu erlösen .. diese aqua mirabilis de facto probatum est [Wunderwasser ist wirklich erwiesenermaßen heilsam].«
Am liebsten hätte Roland dem Doktor, den er ob seines Witzes haßte, die Wege gewiesen; aber es fiel ihm ein, daß der Mann den Namen Käthe für Dirne bloß aus Vorliebe für Alliteration gewählt hatte, und so begnügte er sich, ihm die Frage zu stellen, ob schon Nachricht von den Fährleuten da sei?
»Ich suche Euch schon eine ganze Stunde,« erwiderte der Doktor, »um Euch zu sagen, daß die Ladung bereits im Boote liegt, und Eurer Heimfahrt mithin nichts im Wege steht. Die Rudersleute sind auf ihrem Posten, und drüben am Wachtturm haben sie schon ein paarmal die Flagge gehißt, zum Zeichen, daß Ihr erwartet werdet. Zu einem Imbiß bleibt Euch schließlich aber noch immer Zeit.« Trotzdem aber hierzu ein guter Schnaps als Magenstärkung vom Doktor in Aussicht gestellt und entschieden davon abgeraten wurde, sich der scharfen Luft auf dem See mit hohlem Magen auszusetzen, hielt es den Pagen doch nicht länger. Er eilte vielmehr in der Richtung zum Anlegeplatze davon. Unterwegs vermeinte er unter einem Haufen Menschen, der sich um eine Bande fahrender Spielleute geschart hatte, Katharina Seyton zu erkennen, und mit einem einzigen Satze war er an der Seite des Mädchens .. »Katharina,« flüsterte er, »ist es klug von Euch, noch hier zu weilen? Wollt Ihr nicht lieber mit nach dem Schlosse zurück?«
»Hol Eure Katharinen und Schlösser der Geier!« erwiderte ärgerlich die Angeredete, »habt Ihr Euch noch immer nicht aus Euren Narrheiten herausgefitzt? Macht, daß Ihr weiter kommt! ich mag nichts wissen von Euch, und wenn Ihr mich nicht in Ruhe laßt, so habt Ihr's Euch selbst zuzuschreiben, wenn Euch Ungelegenheiten zustoßen.« –
»Holde Kallipolis!« antwortete Roland, »wenn Ihr Ungelegenheiten befürchtet, warum soll ich sie nicht mit Euch teilen dürfen?«
»Zudringlicher Narr!« rief das Mädchen leise, »mich ficht keine Gefahr an, Du aber hast mit ihr zu rechnen! und damit Du es weißt, so laß Dir gesagt sein, daß Du sie vor allem in meiner Dolchspitze zu gewärtigen hast!« .. Mit dieser Drohung kehrte sie ihm trotzig den Rücken und verschwand unter der Menge, die ihr nicht ohne Befremden über die Rücksichtslosigkeit, mit der sie sich den Weg durch die Menge bahnte, nachsah.