Als Roland sich eben anschickte, ungeachtet seines lebhaften Verdrusses, ihr zu folgen, faßte ihn Doktor Lundin auf der andern Seite, denn der Biedermann hatte es nicht über sich gebracht, seinen Gast allein ziehen zu lassen, und erinnerte ihn, daß der Kahn noch immer seiner laure, und daß drüben am Turm eben wieder die Flagge aufgezogen worden sei. So sah sich Roland gewissermaßen gezwungen, die Heimfahrt nach Schloß Lochleven anzutreten. Es währte nicht lange, so befand er sich am Landungsplatze, wo ihn der greise Dryfesdale streng und höhnisch bewillkommnete ... »Also endlich wieder da? Ganze sechs Stunden seid Ihr junger Fant nun weg, und schon dreimal hab ich Euch das Zeichen geben lassen, daß Ihr erwartet werdet! Ich möchte wetten, daß Euch allerhand Larifari, vielleicht gar eine Schlemmerei oder Sauferei, verhindert hat, Euch Eurer Pflicht zu erinnern. Wo ist das Verzeichnis über das Silberzeug und Hausgerät? Hoffentlich ist nichts davon verloren gegangen unter Eurer Aufsicht, junger Taugenichts?«
»Sollten das Worte sein, Herr Hausmeier, im Ernste gesprochen,« erwiderte zornig der Page, »so dürft Euch, beim Himmel! das graue Haar nicht schützen gegen Eure schlimme Zunge!«
»Windbeutelt nicht, Musje,« versetzte Dryfesdale, »sondern denkt hübsch daran, daß wir in Lochleven für solche Streitbolde allerhand Unterkunft hinter Schloß und Riegel haben .. Scher Dich zur gnädigen Frau und mach Dich, wenn Du Courage dazu hast, vor ihr breit .. verdrießlich genug wirst Du sie finden, denn sie hat nun lange genug gewartet.«
»Soviel ich merke, sprichst Du von Lady Lochleven,« versetzte Roland mürrisch; »also sag mir lieber, statt zu räsonnieren, wo ich sie finde.«
»Was schwatzest Du da wieder?« sagte der Hausmeier; »von wem anders als Lady Lochleven sollt ich denn reden? Außer ihr hat doch niemand im Schlosse was zu sagen!«
»Lady Lochleven ist Deine Herrin,« antwortete Roland, »aber nicht meine. Ich diene der Königin von Schottland.«
Dryfesdale sah ihn einen Moment lang starr an. Dann rief er mit einer Miene erkünstelter Verachtung, der es jedoch gar nicht gelingen wollte, den Argwohn und Verdruß, der in seinem Herzen wohnte, zu verbergen: »Musje! durch Deine vorlaute Zunge wirst Du Dich selbst noch in arges Ungemach bringen .. Mir ist Dein verändertes Benehmen erst letzthin in der Kapelle aufgefallen; ich habe recht gut gesehen, was für Blicke Du einer gewissen Mamsell beim Essen zugeworfen hast! Ihr habt was vor miteinander, Musje, und darauf werde ich mein Auge gerichtet halten. Nun schert Euch, und wenn Ihr wissen wollt, wem Ihr auf dem Schlosse zu gehorchen habt, der Lady Lochleven oder der andern, so könnt Ihr Euch Belehrung darüber im Vorzimmer der andern verschaffen, denn dort stecken sie jetzt gerade beisammen.«
Von Herzen froh, dem knurrigen Greise aus dem Wege zu kommen, eilte Roland nach dem Schlosse. Unterwegs überlegte er aber, daß es doch einen besondern Grund haben müsse, weshalb die Schloßherrin zu solch ungewohnter Zeit und Stunde bei seiner Gebieterin weile, und er kam zu dem Schlusse, daß sie hierfür keinen andern Grund haben dürfte, als zu beobachten, wie ihn die Königin bei seiner Rückkunft begrüßen und sich gegen ihn verhalten werde, und er nahm sich vor, möglichst auf der Hut zu sein.
Als er in das Zimmer der Königin trat, sah er diese auf ihrem Stuhle sitzen, während sich Maria Fleming auf die Lehne desselben stützte. Dagegen stand Lady Lochleven vor ihr, und aus dem Verdrusse, den ihr Gesicht verriet, konnte Roland Gräme schließen, daß sie sicherlich schon eine geraume Zeit stehen mochte und noch immer auf eine Aufforderung der Königin, sich zu setzen, wartete. Roland machte, als er eintrat, erst der Königin eine tiefe, dann der Lady Lochleven eine weniger tiefe Verbeugung, Dann blieb er stehen, wie wenn er darauf wartete, von ihnen gefragt zu werden ... Die beiden Damen fragten ihn ziemlich zur gleichen Zeit ...
»Na, junger Mensch! endlich wieder da?« fuhr ihn Lady Lochleven an, verhielt sich aber still, als sie bemerkte, daß die Königin weiter sprach, ohne sich daran zu kehren, daß auch die andre sprach ..
»Willkommen daheim, Roland,« sagte die Königin, »also doch die treue Taube geblieben, und nicht zum Raben verwandelt? nun, ich hätte es Dir wahrlich nicht übel genommen, mein Kind, wenn Du den Weg zu unsrer vom Wasser umschlossnen Arche nicht wiedergefunden, sondern die goldne Freiheit unserm elenden Kerker vorgezogen hättest! Hoffentlich hast Du einen Oelzweig mit hergebracht, denn unsre gütige Frau Wirtin hat sich über Dein langes Ausbleiben in große Erregung hinein abwirtschaftet, und Uns war doch nie ein Sinnbild des Friedens und der Versöhnung so dringend von nöten wie gerade jetzt.«
»Es tut mir leid, daß ich nicht pünktlicher sein konnte, gnädigste Frau,« erwiderte Roland, »aber der Mann, dem die Sachen, die ich holen sollte, übergeben wurden, hat mich so lange aufgehalten.«
»Nun, da habt Ihr's,« sagte die Königin, sich zur Lady Lochleven wendend, »wir konnten Euch zu unserm Bedauern, geliebteste Frau Wirtin, nicht davon überzeugen, daß Euer Hausgerät wohl aufgehoben sei. Freilich finden Wir für Eure Sorge, daß etwas hätte abhanden kommen können, hinlängliche Erklärung in dem dürftigen Zustande, den diese königlichen Gemächer aufweisen. Sind Wir doch nicht einmal in der Lage gewesen, Euch einen Stuhl anzubieten während der langen Zeit, da Ihr Uns das Vergnügen Eurer königlichen Gesellschaft zu schenken die Güte hattet.«
»Hierzu, gnädigste Frau,« antwortete die Lady, »hat es wohl mehr am guten Willen als an den Mitteln gefehlt?«
»Wie,« sagte die Königin, indem sie sich umsah, mit erkünstelter Verwunderung, »sind denn wirklich Stühle hier? einer, zwei, richtig! wirklich vier Stühle! den zerbrochnen da mitgezählt – ein königlicher Hausrat! das muß ich wohl sagen – aber Unsre liebenswürdige Wirtin darf uns glauben, Wir hatten diesen Reichtum nicht bemerkt – ist's Euer Gnaden gefällig, Platz zu nehmen?«
»Nein, gnädigste Frau,« versetzte die Lady, »denn ich will Euch bald von meiner Gegenwart befreien, und die kurze Zeit, die ich noch hier zu verweilen habe, ertragen meine alten Glieder ein bißchen leichter, als mein Herz sich drein finden könnte, Erniedrigung zu heucheln.«
»Nein, Lady Lochleven, so tief gekränkt sollt Ihr Euch nicht fühlen,« sagte die Königin und stand auf, um ihr den eignen Stuhl hinzuschieben, »da bedient Euch doch lieber des meinigen! die erste aus Eurer Familie, die das tut, seid Ihr ja doch nicht!«
Lady Lochleven weigerte sich auch jetzt, von der Güte der Königin Gebrauch zu machen; es schien ihr aber schwer zu fallen, die Antwort, die sich ihr auf die Lippen drängte, zu unterdrücken. Roland hatte während der ganzen Zeit all seine Aufmerksamkeit auf Katharina Seyton gerichtet, die kurz nach ihm in ihrer gewöhnlichen Kleidung in das Zimmer der Königin getreten war. Von irgend welcher Eile, durch die Notwendigkeit schnellen Kleiderwechsels bedingt, oder von einer Spur von Verwirrung oder Bange, vielleicht doch entdeckt zu werden, konnte Roland nicht das geringste an ihr merken. Eine Verbeugung, die er ihr machte, wurde mit der gleichgültigsten Miene erwidert .. er wußte wirklich nicht, was er von ihr denken sollte! »daß sie auch jetzt wieder, wie seinerzeit die Begegnung in dem Gasthofe von Sankt Michael, alles sollte abstreiten wollen, was ich mit eignen Augen gesehen habe, kann ihr doch nicht in den Sinn kommen? immerhin will ich es sie merken lassen, daß sie sich in solchem Falle vergebliche Mühe machen möchte, und daß sie klüger wegkommen dürfte, wenn sie mir gegenüber weniger hinter dem Berge hielte.«
In diesem schnellen Gedankenspiele wurde er unterbrochen durch die Königin, die sich nach dem Wortwechsel mit der Eigentümerin des Schlosses wieder an ihn wandte: »Wie hat's denn a name="page 66" title=" Schmidi/JWE" ID="page66"> ausgesehen in Kinroß, Roland Gräme? es mag wohl recht lustig drüben hergegangen sein, nach dem bißchen Musik zu urteilen, das bis zu den Fenstern hier herauf gedrungen ist, aber Du siehst ja so grämlich aus, als kämst Du unmittelbar aus einem Hugenotten-Konzil?«