»So unwahrscheinlich möchte das nicht sein, gnädigste Frau,« nahm Lady Lochleven, auf die diese Bemerkung gemünzt war, das Wort, »wenigstens bin ich der Ueberzeugung, daß es inmitten aller läppischen Torheit an besserem Element dort nicht gefehlt haben wird; nicht alle sind Freunde jener eitlen Lust, die aufflackert wie dürre Dornen, und den Toren, die sich dafür begeistern, nichts hinterlaßt als ein bißchen Staub und Flugasche.«
»Fleming,« sagte die Königin, sich umdrehend und den Mantel enger um sich ziehend, »wenn doch ein bißchen Dornicht, von dem unsre Wirtin so wundersam poetisch spricht, sich in unsern Ofen verirren möchte! mir kommt es vor, als wenn die feuchte Luft vom See, die in diesen gewölbten Räumen sich festnistet, empfindliche Kälte verursache.«
»Der Wunsch Euer Gnaden soll erfüllt werden,« erwiderte Lady Lochleven, »ich darf wohl aber daran erinnern, daß wir uns mitten im Sommer befinden.«
»Danke für die freundliche Belehrung,« sagte die Königin; »aber Gefangene sollen den Kalender ja in der Regel aus dem Munde ihrer Wächter besser erfahren als auf Grund der eignen Empfindungen ... Aber, wie war es denn in Kinroß, Roland, mit der Festbarkeit?«
»O, gnädigste Frau, das Treiben war äußerst munter und vielseitig,« antwortete der Page, »aber wohl kaum danach beschaffen, von Eurer Hoheit vernommen zu werden.«
»O, Ihr wißt nicht, lieber Roland,« sagte die Königin, »wie nachsichtig mein Ohr gegen alles geworden ist, was mir erzählt wird von Belustigungen freier Menschen. Ein Rundtanz froher Menschen um die Maie ist mir lieber als der prächtigste Maskenball in den Ringmauern eines Palastes.«
»Es werden, wie ich hoffen will, bei solchem Tand,« bemerkte Lady Lochleven, »keinerlei Anstößigkeiten passiert sein?«
»Nicht daß ich wüßte, gnädigste Frau,« erwiderte Roland, »ausgenommen höchstens, daß ein keckes Frauenzimmerchen mit ihrer Hand in zu große Nähe der Wangen eines fahrenden Schauspielers kam und halb und halb in Gefahr geriet, in den See getaucht zu werden.« Bei diesen Worten faßte er Katharina Seyton scharf ins Auge; es war ihr aber nicht das geringste anzumerken, als ob der Wink sie irgendwie getroffen hätte.
»Es dürfte nicht notwendig sein,« bemerkte Lady Lochleven, »Euer Gnaden noch länger mit meiner Gegenwart zu belästigen .. es müßte denn sein, Ihr hättet mir noch Weiteres zu melden.«
»Nicht das mindeste, gute Wirtin,« antwortete die Königin, »höchstens hätte ich zu bitten, daß Ihr es bei weiteren Anlässen nicht wieder für notwendig erachtet, Uns so lange aufzuwarten und liebere Aemter dadurch zu verabsäumen.«
»Es beliebt wohl Euer Gnaden,« bemerkte Lady Lochleven noch, »Euern Pagen dahin zu belehren, daß er gehalten ist, mir Rechenschaft über die Dinge abzulegen, die zu Euer Gnaden Bestem durch ihn aufs Schloß geholt worden sind?«
»Roland, begleitet die Lady, sofern Unser Befehl wirklich von nöten dazu ist. Du magst Uns morgen von Kinroß und der Festlichkeit erzählen. Für heute entlassen Wir Dich Deines Dienstes.«
Roland beantwortete die Fragen, die ihm die Lady unterwegs stellte, mit äußerster Vorsicht und hütete sich besonders, irgend etwas über Frau Magdalena und den Pater Ambrosius verlauten zu lassen. Als die Dame sah, daß er ihr wenig oder gar nichts Belangreiches zu berichten hatte, verabschiedete sie ihn, und er sah nun zu, sich vor allen Dingen mit etwas Speise und Trank zu versorgen, denn er fühlte regen Appetit. Dann stahl er sich, da ihn die Königin beurlaubt hatte, hinaus in den Garten. Hier ging er trübsinnig auf und ab, überdachte noch einmal die Vorfälle des Tages und stellte, was er vom frommen Pater über Georg Douglas vernommen hatte, zusammen mit den eignen Beobachtungen. Er kam zu dem Schlusse, daß es sein Beistand sein müsse, der es ihr möglich mache, sich wie ein Irrlicht bald dort, bald hier zu zeigen, nach Belieben jetzt auf dem Festlande, und nachher wieder auf der Insel zu erscheinen. Dann aber durchkreuzte ihn der Gedanke, – denn Liebe hofft ja immer, wenn Ueberlegung schon verzweifelt – daß sie vielleicht mit Douglas bloß um der Wohlfahrt ihrer Herrin willen schön tue, und daß sie zu edel und offen sei, ihn mit Hoffnungen zu erfüllen, deren Erfüllung nicht in ihrem Sinne läge. Versunken in diese Betrachtungen, setzte er sich auf eine Rasenbank, von der aus man auf der einen Seite nach dem See hinaus, auf der andern nach der Schloßseite die Aussicht hatte, wo sich die Zimmer der Königin befanden.
Es war schon eine geraume Weile nach Sonnenuntergang, und das Mai-Zwielicht verlor sich schnell in einer heitern Maiennacht. Der Wasserspiegel des Sees hob und senkte sich beim leisesten Hauche des Südwinds; in der Ferne erblickte man die dunkeln Umrisse der St.-Serf-Insel, auf die einst mancher Pilgrim in Sandalen gepilgert kam, die aber als Zuflucht fauler Mönche seit Jahren verachtet und aus der Reihe der heiligen Stätten gestrichen worden war .. ihr Anblick lenkte Rolands Gedanken auf den Widerstreit der Glaubensmeinungen, in den er heute wiederholt einbezogen wurde, und in dieser Stunde des Sinnens stellten sich ihm die Gründe und Beweise des Kaplans Henderson mit verdoppelter Stärke vor die Seele, so daß sie sich durch die Berufung des Abtes Ambrosius von seinem Verstände an sein Gefühl kaum zurückweisen ließen: eine Berufung, die ihm mitten im regen Lebensgewühle eindringlicher zu sein bedünkte als jetzt bei ungestörter Betrachtung. Sein Gemüt von diesem beunruhigenden Gegenstande abzulenken, erforderte Anstrengung, und er spürte, daß ihm dies am besten gelänge, indem er seine Augen nach der Schloßseite lenkte und dort die Stelle beobachtete, wo noch immer ein flimmerndes Licht vom Fenster Katharina Seytons ausging, das zuweilen auf Augenblicke verdunkelt wurde, wenn der Schatten seiner schönen Bewohnerin zwischen die Kerze und das Fenster fiel. Schließlich aber wurde das Licht entfernt oder verlöscht, und so entschwand auch dieser Gegenstand der Betrachtung den Augen des sinnenden Verliebten. Die Augen wurden ihm schwer, Zweifel über die verschiedenen Punkte seiner Glaubensmeinung, bange Vermutungen über die Neigung der Geliebten, schließlich auch die Abspannung nach solchem von seiner Lebensführung in den letzten Monaten so grundverschiedenen Tage; dies alles wirkte so stark auf seine Nerven, daß er zuletzt in festen Schlaf versank .. Erst als die eiserne Zunge der Turmglocke zu lärmen begann und die Höhe, die sich jäh am südlichen Gestade des Sees erhob, die tiefen dumpfen Klänge widerhallen ließ, fuhr Roland aus seinem Schlafe auf: pünktlich um zehn Abend für Abend wurde diese Glocke geläutet zum Zeichen, daß die Tore geschlossen und ihre Schlüssel dem Seneschall zur Obhut übergeben wurden. Hurtig rannte er zur Pforte, die aus dem Garten nach dem Schlosse führte, um noch Einlaß zu bekommen; aber eben raffelte der Riegel in die steinerne Fuge der Pforte. »Halt! halt!« rief er, »laßt mich ein, bevor Ihr das Tor sperrt!«
Die grämliche Stimme Dryfesdales antwortete ihm: »Musje! die Stunde hat geschlagen; wie es scheint, behagt's Euch nicht mehr recht drinnen bei uns im Schlosse .. macht also richtigen Feiertag und bringt nach dem Tage auch die Nacht noch außerhalb der Ringmauern zu! Und nun, Musje! Glück zu der frischen Luft heute nacht, die Deinem heißen Blute recht gut zusagen wird!«
Roland lief in seiner Wut über die Gemeinheit Dryfesdales eine Weile lang, sich in eitlen Rachegelübden erschöpfend, durch den Garten. Dann überkam ihn eine Empfindung, daß seine Lage eher belachens- als beklagenswert sei, denn für einen an das Jägerleben so gewöhnten Menschen wie ihn, war es weiter nichts Unangenehmes, eine Nacht im Freien verleben zu müssen, und so sagte er sich bald, daß die kleinliche Bosheit des Hausmeiers weit mehr Verachtung verdiene als Zorn. Ruhiger kehrte er nach seiner Rasenbank zurück, die von einer Hecke auf der einen Seite halbwegs verdeckt war, hüllte sich in seinen Mantel und streckte sich auf das grüne Lager in der Hoffnung, den Schlaf wiederzugewinnen, den die Turmglocke in einer für ihn so wenig ersprießlichen Weise unterbrochen hatte. Aber je eifriger Roland ihn suchte, desto länger floh er ihn; er war völlig munter geworden, und der Aerger über Dryfesdale hatte seine Nerven wieder so belebt, daß er nach geraumer Zeit bloß in eine Art träumenden Sinnens versank, aus dem er aber bald wieder, und zwar durch die Stimme von zwei im Garten auf und niederwandelnden Personen, aufgerüttelt wurde. Eine Weile lang vermischten sich die Worte, die zu seinen Ohren drangen, noch mit seinen Träumen, dann aber erwachte er vollständig und richtete sich auf seinem Lager empor. Mit maßlosem Erstaunen sah er nun deutlich zwei Personen im Garten, die sich lebhaft wenn auch leise, unterhielten. Im ersten Augenblicke dachte er, überirdische Wesen vor sich zu haben; dann dachte er an ein Komplott von Anhängern der Königin, schließlich an Georg Douglas und Katharina Seyton, die sich hier, unter Wahrnehmung des Vorteils, daß Georg als Verwahrer der Schlüssel freien Aus- und Eingang habe, ein Stelldichein gäben; und in dieser letzten Auffassung wurde er bestärkt durch den Ton der Stimme, die flüsternd die Frage stellte, ob alles bereit sei?