»Gnädigste Herrin,« erwiderte der alte Hausmeier, »der unnütze Page hat, wie ich zu seiner Rechtfertigung nicht unterlassen darf zu sagen, an der Affäre kaum Anteil, denn was im Schlosse heute nacht vorgegangen ist, kann er schon um deswillen gar nicht wissen, weil ich ihm heut nacht den Zutritt zum Schlosse versperrt und ihn dadurch gezwungen habe, draußen zu kampieren. Seine Beteiligung bei der Affäre ist demnach zweifellos äußerst gering gewesen, wenn überhaupt von ihm dabei die Rede sein kann.«
»Dryfesdale, Du lügst,« rief die Lady, »um das erbärmliche Leben dieses hergelaufnen Zigeunerbuben zu retten, trachtest Du danach, die Schmach über das Haus Deines Herrn zu bringen.« »Ich wüßte nicht, weshalb mir an seinem Leben mehr liegen sollte als an seinem Tode,« versetzte der Hausmeier, »aber was wahr ist, muß doch wahr bleiben.«
Bei diesen Worten richtete Georg Douglas sich auf und sprach kühn und gelassen wie ein Mensch, der mit seinem Entschlusse ins reine gekommen ist: »Durch mich soll keines Menschen Leben in Gefahr geraten. Ich allein« ...
»Douglas,« fiel ihm hier die Königin ins Wort, »bist Du von Sinnen? Kein Wort weiter! ich befehle es Dir!«
»Gnädigste Frau,« nahm hierauf entschlossen wie vordem Douglas das Wort, indem er sich mit tiefer Ehrfurcht verbeugte, »Eurem Befehle gehorchte ich gewiß gern, aber man verlangt nach einem Opfer, und dieses soll niemand anders sein als der wirklich Schuldige.« Hierauf wandte er sich an die Lady: »Es ist, wie ich sage, gnädige Dame, mich allein trifft an diesem Vorgange die Schuld ... und sofern bei Euch ein Douglas-Wort noch Gewicht hat, so müßt Ihr mir glauben, daß dieser Knappe unschuldig daran ist. Auf Euer Gewissen mache ich es Euch aber zur Pflicht, ihm keinerlei Unrecht zu tun oder antun zu lassen, und ebenso wollt Ihr es nicht der Königin selbst anrechnen als Schuld, daß sie die Gelegenheit, die sich ihr bot, die Freiheit wieder zu erlangen, wahrnahm! ... sie wurde ihr geboten nicht allein aus ehrlicher Untertanentreue, sondern von einer tiefern Empfindung aus ... jawohl, ich bekenne, daß ich den Plan zur Flucht der schönsten aller Frauen entwarf, ich allein und kein andrer – und weit entfernt, solches Tun zu bereuen, so rühme ich mich dessen vielmehr und bin stündlich bereit, für sie und ihr Heil mein Leben in die Schanze zu schlagen.«
»Nun, dann verleihe mir der gütige Gott Trost im Alter und Kraft, die schwere Bürde des Kummers zu tragen!« erwiderte Lady Lochleven. »O, wann werdet Ihr, zu unglücklicher Stunde geborne Fürstin, aufhören, allen, die sich Euch nähern, zum Werkzeug der Verführung und des Unterganges zu werden! o unheilvolle Stunde, die unter das Dach des alten, so lange als ehrenfest gepriesenen Geschlechtes der Lochleven diesen Irrläufer führte!«
»Ihr sprecht zu Unrecht so,« versetzte ihr Enkel, »denn wenn ein Lochleven in den Tod geht für die unglücklichste aller Königinnen und für die liebenswürdigste aller Frauen, so kann dies den alten Ruhm des Geschlechts nur überstrahlen.«
»Douglas,« sagte die Königin, »muß ich in diesem Augenblick äußerster Gefahr, eines getreuen Dieners verlustig zu werden, Dich darum schelten, weil Du außer acht läßt, was Du mir als Deiner Königin schuldest?«
»Ungeratener Bube!« sagte Lady Lochleven, »so tief bist Du in die Schlingen dieser Moabiterin geraten? hast Du alles vergessen können um ihrer willen, Namen, Pflicht, ritterlichen Eid, Dankbarkeit gegen Deine Eltern, Gott und Vaterland? ist Dir dies alles feil gewesen um einer erheuchelten Träne, um eines erzwungnen Lächelns willen von Lippen, die dem kränklichen fränkischen Franz geschmeichelt, den Narren Darnley in den Tod gelockt, dem Günstling Chatelet süße Liederchen vorgehaucht, mit Rizzio süße Liebeslieder zur Laute gesungen und den schändlichen Bothwell mit Wonne geküßt haben?«
»Lästert nicht also, Mutter,« rief Douglas, »und Ihr, schöne Königin, so tugendhaft wie schön, scheltet nicht jetzt Eures Vasallen Anmaßung! Nicht bloße Untertanentreue konnte mich zu der Rolle bewegen, die ich spielte ... und wenn Ihr auch wert seid, daß ein jeglicher Eurer Untertanen für Euch in den Tod geht, so konnte zu meinem Verhalten einen Douglas doch nur Liebe treiben! denn ich habe geheuchelt und mich verstellt, und solcher Falschheit kann noch kein Douglas geziehen werden! Drum, edelste aller Frauen, und herrlichste aller Königinnen, Du holde Königin aller Herzen und meines Herzens Kaiserin! lebt wohl! wenn Ihr befreit seid aus dieser schmählichen Haft – und sofern noch Gerechtigkeit lebt unter Gottes Himmel, müßt Ihr die Freiheit gewinnen – und wenn Ihr den glücklichen Mann, dem es gelang, Euch die Freiheit zu bringen, mit Ehren und Titeln überhäuft, dann gedenket zuweilen auch jenes Ritters, dessen Herz jeglichen Lohn verschmäht hätte, dem ein Kuß auf Eure Hand das hehrste Glück gebracht hätte ... und laßt eine Träne fallen auf sein unrühmliches Grab!« Bei diesen Worten warf er sich der Königin zu Füßen, nahm ihre Hand und preßte sie an seine Lippen.
»Solches in meiner Gegenwart und vor meinen Augen!« rief Lady Lochleven empört, »angesichts Deiner Großmutter buhlst Du mit Deinem ehebrecherischen Liebchen? ... Reißt sie auseinander, Leute! und werft ihn in mein tiefstes Turmverließ!« Und als sie sah, daß ihre Dienerschaft unschlüssig stand, schrie sie: »Hört Ihr nicht, was ich befehle? wenn Euer Leben Euch lieb ist, greift ihn und schleppt ihn in den Turm!«
Da trat Maria näher zu Douglas und raunte ihm zu: »Douglas! noch schwanken sie! rette Dich! ich befehle es Dir.«
Mit jähem Satz vom Boden aufspringend, und mit dem Rufe: »Dir, Königin, gehört mein Leben, verfüge darüber nach freier Wahl!« riß er sein Schwert aus der Scheide und brach sich durch die noch immer wie vom Donner gerührte Dienerschaft, die den Sohn ihres Dienstherrn ebenso sehr liebte wie fürchtete, Bahn.
Als Lady Lochleven inne wurde, daß er entkommen sei, rief sie zornentbrannt: »Hab ich etwa bloß Verräter um mich? Ihm nach! Verfolgt ihn, schlagt ihn, stoßt ihn nieder!«
»Gnädigste Herrin!« sagte zu ihrer Beruhigung der Hausmeier, »er kann nicht weg von der Insel, denn ich trage den Schlüssel zur Bootskette bei mir.« Aber von unten herauf schrieen ein paar, der junge Herr habe sich in den See gestürzt.
»Ein tapferes Herz!« rief die Königin, »ein echter Douglas! Er zieht den Tod der Gefangenschaft vor!«
Lady Lochleven aber rief: »Feuert auf ihn! und wer als treuer Diener seines Vaters gelten will, der sorge dafür, daß die Fluten des Sees unsre Schande bedecken!«
Während ein paar Schüsse fielen, trat Randal mit der Meldung herein, der Junker sei unfern vom Schlosse von einem Kahne aufgenommen worden und müsse nun wohl schon drüben auf dem Lande sein ... »So ist er doch entkommen? und die Ehre unsres Hauses ist auf ewig hin!« rief Lady Lochleven ergrimmt, indem sie mit einer Gebärde der Verzweiflung die Hände gegen die Stirn preßte; »uns alle wird man nun als Teilnehmer an diesem schändlichen Verrate betrachten.«
Da trat die Königin ihr einen Schritt näher und sprach: »Lady Lochleven! Ihr habt mir heut nacht meine schönsten Hoffnungen genommen! habt mir den Becher der Freude von den Lippen gerissen! und doch fühle ich bei dem Kummer, der Euch trifft, das Mitleid, das Ihr dem meinigen weigert. Wie gern tröstete ich Euch, wenn es in meinem Vermögen stände – ich kann es nicht! aber laßt mich wenigstens in Liebe von Euch scheiden.«
»Hinweg, Du stolzes Weib! hinweg!« rief die Lady, »niemand verstand es so gut wie Du, unter der Maske von Güte und Liebe die tiefsten Wunden zu schlagen! wer hätte je mit einem Kusse so berücken können wie Du Gleißnerin?«
»Die Lady Douglas von Lochleven,« erwiderte mit Ruhe die Königin, »kann mich in solchem Augenblicke wie diesem mit Ihren unweiblichen Reden, deren sie sich selbst nicht vor dem Hausgesinde schämt, nicht verletzen. Dazu bin ich heut nacht einem Gliede ihres Hauses zu tief verpflichtet, denn es tilgte durch seinen Edelmut alles, was seine Ahne und Herrin im Grimme ihrer Leidenschaft an Jammer und Unglück auf mein Haupt gehäuft hat.«