»Es wäre für den Vornehmsten dieses Geschlechts, ja für den Stammherrn ein Ehrenamt gewesen!«
Diese herausfordernden Worte des Pagen mit finsterm Blicke beantwortend, verlieh der Hausmeier das Zimmer. Roland aber zeigte sich beflissen, all den Anstand und die gute Manier bei dem neuen Dienste zu zeigen, wodurch Georg Douglas sich hervorzutun verstanden hatte. Aber was ihn hierbei vor allem leitete, war ein Gefühl edelmütiger Aufopferung, wie etwa ein tapfrer Krieger in das Glied eines gefallnen Kampfgenossen vorrückt; »hinfort bin ich ihr einziger Hort und Schutz,« sprach er bei sich, »und ich will ihr, im Glück und im Unglück, dienen so treu und brav, wie es kein Douglas besser vermöchte.«
In diesem Augenblicke trat, ihrer Gewohnheit völlig zuwider, ein Tuch vor die Augen haltend, Katharina Seyton allein in das Vorzimmer; ängstlich trat Roland ihr näher und fragte sie mit klopfendem Herzen, wie sich die Königin befände.
»Könnt Ihr etwa meinen, sie befände sich wohl?« erwiderte Katharina Seyton! »da müßte sie ja gerade von Stahl und Eisen sein, wenn sie nach der grausamen Enttäuschung noch den gräßlichen Hohn dieser puritanischen Hexe aushalten sollte. Ach, daß ich kein Mann bin! wie wollt ich ihr helfen und beistehen!«
»Wenn Leute, die Pistolen, Stöcke und Dolche führen, auch nicht allemal Männer sind,« versetzte Roland, »so sind es dann doch Amazonen; und das kommt, wenn es nicht gar noch schlimmer ist, auf ein und dasselbe hinaus.«
»Ei, Ihr seid ja heute recht gut aufgelegt,« erwiderte das Fräulein, »ich bin's aber nicht, und kann Witz deshalb nicht recht vertragen, geschweige erwidern.«
»Nun,« sagte der Page, »so vergönnt mir ein Wort im Ernste. Fürs erste erlaubt mir die Bemerkung, daß gestern abend alles weit besser verlaufen wäre, hättet Ihr mich ins Vertrauen gezogen.«
»Das ist auch unsre Absicht gewesen. Wem konnte es aber einfallen, daß es Euch belieben würde, die Nacht im Garten zu verbringen?«
»Und muß denn solch wichtige Angelegenheit bis zum äußersten Augenblick geheim gehalten werden?«
»Euer Verkehr mit dem Kaplan Henderson hat uns abgehalten, uns früher an Euch zu wenden.«
»Und warum noch im letzten Augenblicke?« fragte hierauf der Page, der sich durch diese Worte gekränkt fühlte; »warum überhaupt in irgend einem Augenblicke, da ich doch einmal das Malheur hatte, soviel Mißtrauen zu wecken?«
»Nun seid Ihr schon wieder knurrig,« versetzte Katharina, »ich müßte, wenn ich verfahren wollte, wie es recht und billig ist, eigentlich kein Wort mehr mit Euch wechseln; aber ich will noch einmal Gnade für Recht ergehen lassen und Eure Frage beantworten. Unser Grund, Euch zu vertrauen – versteht Ihr wohl? vertrauen, sage ich – war ein doppelter: erstens ließ es sich doch nicht vermeiden, daß wir den Weg durch Euer Zimmer nahmen, und zweitens ...«
»Bitte, bitte! den zweiten Grund könnt Ihr Euch sparen,« bemerkte der Page, »macht doch der erste Euer Vertrauen bloß zu einem notgedrungnen.«
»Ich möchte nichtsdestoweniger bitten, mich ausreden zu lassen,« sagte Katharina, »zweitens, sage ich, gibt's unter uns Weibsvolk hier oben auf der Burg ein törichtes Ding, das sich einbildet, Roland Gräme hätte, wenn's ihm auch im Kopfe ein wenig schwindelt, doch ein warmes Herz, und auch, wenngleich ein hitzig wallendes, doch ein treues Blut und hohes Ehrgefühl, wenngleich eine Zunge, die leicht alle Vorsicht vergißt.«
Katharina legte dieses Bekenntnis ab mit leiser Stimme und mit zu Boden geschlagenen Augen, es war, als ob sie Rolands Blick aus dem Wege gehen wollte, als diese Worte den Weg über ihre Lippen nahmen. »Und dieses einzige Wesen, das dem armen Roland Gerechtigkeit zu teil werden läßt,« rief der Jüngling mit gehobner Stimme, »die ihrem eignen edlen Herzen befiehlt, zwischen Kopf und Herz und den Irrungen beider zu unterscheiden ... dies einzige Wesen, geliebte Katharina, wo muß ich es suchen? wem bin ich innigen Dank dafür schuldig?«
»Ich kann's Euch nicht sagen,« versetzte Katharina, »Wenn es nicht Euer eignes Herz Euch sagt.«
Der Page ließ sich auf ein Knie nieder und faßte die Hand des Mädchens. »Geliebteste Katharina!«
»Ich sage ja,« wiederholte Katharina, »wenn es nicht Euer eignes Herz Euch sagt, dann habt Ihr ein recht undankbares Ding von Herz!« und sie entzog ihm langsam ihre Hand .. »denn da doch die mütterliche Zärtlichkeit und Fürsorge von Lady Fleming.« Im Nu war der Page auf den Beinen. »Beim Himmel, Katharina!« rief er, »Eure Zunge hüllt sich in so verschiedne Tracht, wie Euer Leib. Warum treibt Ihr mit mir solch herben Spott? Ihr wißt doch recht gut, daß Lady Fleming sich so wenig um jemand bekümmert, wie dort die arme Prinzessin in dem Stück alter Tapete.«
»Was kann schon sein,« sagte Katharina, »aber redet doch deshalb nicht so laut!«
»Ihr wißt, daß sie sich außer um die Königin und um sich selbst um keinen Menschen bekümmert! und ebenso gut wißt Ihr, daß mir an keines Menschen Beifall etwas liegt außer an dem Eurigen ... selbst nicht an dem der Königin.«
»Wenn es an dem ist,« sagte darauf Katharina mit Gelassenheit, »so müßt Ihr Euch um so ärger schämen!«
»Aber, schöne Katharina,« rief der Page wieder, »warum wollt Ihr mich dadurch, daß Ihr der Glut meiner Liebe solchen Dämpfer aufsetzt, verhindern, mich mit Leib und Seele der Sache meiner Gebieterin zu weihen?«
»Wer seinem Glauben, seinem Fürsten, seinem Vaterlande mit Eifer und Hingebung dienen will, der braucht dazu keinen romanhaften Ausputz .. und wer diese gekränkte Fürstin aus ihrem Kerker errettet und als freie Königin ihren freien und tapfern Adelingen zuführt, deren Herzen vor Begierde brennen, sie willkommen zu heißen – dessen Liebe wäre hohe Ehre für jedes Mädchen Schottlands, und wäre sie dem Blute des vaterländischen Königshauses entsprossen und er des ärmsten Käthners Sohn, der jemals hinter einem Pfluge schritt!«
»Schönste Katharina,« rief Roland begeistert, »ich will das Abenteuer wagen! doch sagt mir zuvor, und so, als wenn Ihr dem Priester die Beichte ablegtet – ich weiß, die arme Königin ist tiefunglücklich, aber, Katharina, ist sie auch unschuldig? man zeiht sie des Mordes!«
»Halt ich das Lamm für schuldig, weil der Wolf es anfällt?« erwiderte Katharina, »oder die Sonne dort für besudelt, weil Erdendunst ihren Glanz verhüllt?«
Seufzend blickte der Page zu Boden. »Hätt ich doch Deine feste Ueberzeugung! aber eins ist offenbar: durch diese Kerkerhaft geschieht ihr das herbste Unrecht – auf einen Vergleich hin hat sie sich den Adelingen ihres Reiches ausgeliefert, und die Bedingungen des Vergleichs sind ihr nicht gehalten worden – Katharina! ich will für ihre Sache eintreten mit Tod und Leben!«
»Das wolltet Ihr? wolltet Ihr wirklich?« rief Katharina, jetzt seine Hand ergreifend; »o, sei so standhaften Sinnes, wie Du kühn und entschlossen im Wollen bist – halte Dein verpfändetes Wort, und künftige Geschlechter werden in Dir Schottlands Erlöser verehren.«
»Hab ich aber mit Erfolg gestrebt, die Lea – Ehre – zu gewinnen, soll ich dann etwa noch verurteilt sein, weitere Jahre um die Rahel – Liebe – zu dienen?«
»Darüber werden wir noch Zeit genug finden zu reden,« versetzte Katharina, ihre Hand wieder aus der seinigen ziehend. »Ehre ist die ältere der beiden Schwestern und will zuerst errungen sein.«
»Ob ich sie erringe, steht nicht allein bei mir,« sagte drauf der Page, »wagen dafür will ich, was im Vermögen eines Menschen steht. Zudem laßt Euch sagen, schönste Katharina, daß nicht Ehre allein, und auch nicht jene andre Schwester, deren bloße Erwähnung schon Eure Stirn in Falten legt, mich treibt, zur Befreiung der Königin aus ihrer schmählichen Haft das meinige zu tun, sondern auch das strenge Gebot der Pflicht.«
»Wirklich?« fragte Katharina, »das hat Euch doch aber so manchen Zweifel bereitet?«