»Ehedem,« versetzte der Page, »als ich sie noch nicht in ihrem Leben bedroht wußte.«
»Ist denn Ihr Leben jetzt schärfer bedroht als früher?« fragte lebhaft erschrocken das Fräulein.
»Aengstigt Euch nicht,« sagte der Page, »aber Ihr habt doch gehört, mit welchen Worten Eure Herrin von der greisen Lady schied?«
»Gewiß, gewiß!« erwiderte Katharina, »ach! daß sie ihren fürstlichen Unwillen nicht mäßigen kann!«
»Zwischen den beiden Frauen ist etwas vorgegangen,« sagte Roland, »was Frauen niemals verzeihen. Ich habe recht gut gesehen, wie zuerst bleich, und dann schwarz das Gesicht der Lady wurde, als ihr die Königin vor dem ganzen Hausgesinde ihre Schande vorwarf. Ich habe auch den Schwur vernommen, den sie in ihrem Grimm und Rachegefühl einem ins Ohr raunte, der nach der Antwort, die er darauf gab, nur zu bereitwillig sein dürfte, ihren Willen zu vollstrecken.«
»Ihr setzt mich in Schrecken,« rief ängstlich Katharina.
»Begebt Euch nicht unter das Joch der Furcht,« sagte Roland; »rafft Euch auf, wendet Euch an die männliche Seite Eures Charakters, und laßt uns auf der Hut sein, damit wir Pläne vereiteln, so gefahrvoll sie auch sein mögen. Warum seht Ihr mich so an und weint?«
»Ach,« erwiderte Katharina, »Ihr seid ein Mann, steht in Eurer vollen Jugend, seid erfüllt von edlem Unternehmungsgeist, und erfreut Euch noch aller Sorglosigkeit einer frischen Jugend! wenn Ihr nun heut oder morgen verstümmelt und entseelt auf dem Boden dieses verhaßten Kerkerloches liegt, wem anders als Katharina Seyton wird dann die Schuld beizumessen sein, daß Eure Laufbahn schon zerstört wird, kaum daß Ihr in die Schranken getreten seid? und hattet Ihr sie nicht erkoren, Euch die Myrte ins Haar zu binden? und sie soll bestimmt sein, Euch das Totenhemd zu weben?«
»Und das geschehe,« rief Roland in jugendlicher Begeisterung, »wenn Du Tränen hineinwebst, wie sie jetzt aus Deinen Augen rinnen; welch schönere Ehre konnte es geben für meine irdische Hülle? kein Grafenmantel könnte dem Lebenden schönere Zierde sein! Aber beiseite jetzt mit aller Weichheit des Herzens! Katharina, sei eine Seyton, oder richtiger gesprochen, sei ein Seyton! – sofern Du es willst, kannst Du schon einer sein!«
Katharina wischte sich die Tränen aus den Augen und versuchte zu lächeln. »Befragt mich nicht jetzt über Dinge, die Euer Herz beunruhigen! mit der Zeit sollt und werdet Ihr alles erfahren – gleich in diesem Augenblicke solltet Ihr es erfahren, wenn nicht – doch still! die Königin kommt!«
Maria von Schottland trat, bleicher als sonst, aus ihrem Zimmer. Sie war sichtlich erschöpft und abgespannt durch eine schlaflose Nacht. Aber ihre Schönheit verlor nicht hierdurch, denn an die Stelle hoheitsvoller Anmut der Königin trat jene zarte Erregbarkeit des liebevollen und liebenswürdigen Weibes. Abweichend von ihrer sonstigen Weise, hatte sie ihre Toilette hastig gemacht; das Haar, das sonst von Lady Fleming sorgsam frisiert wurde, fiel in den langen, üppigen Locken, die von der Natur selbst gekräuselt wurden, lose um die Stirn hernieder und über Hals und Busen, die nicht so fürsorglich wie sonst verhüllt waren. Kaum hatte die Königin den Fuß über die Schwelle gesetzt, als Katharina ihr entgegeneilte, sich vor ihr auf ein Knie niederließ und ihr die Hand küßte. Auf der einen Seite die Fleming, auf der andern Katharina, schienen sie sich in die ehrenvolle Aufgabe, ihr Stütze und Beistand zu sein, mit treuem Eifer zu teilen. Der Page rückte den Armsessel an die Tafel heran, in welchen sie sich in der Regel niederließ, um ihr Frühstück einzunehmen, und stand, seines Dienstes gewärtig, auf dem Platze, den bisher der junge Seneschall Georg Douglas eingenommen hatte. Marias Auge ruhte eine Weile auf ihm; es mußte ihr natürlich bewußt werden, daß in diesem Dieneramt ein Wechsel vorgegangen war, und doch war sie sich vielleicht der Worte »Armer Douglas!« die ihr jetzt entschlüpften, nicht bewußt; sie lehnte sich in ihren Stuhl zurück und brachte ihr Tuch vor die Augen.
»Ja, gnädigste Herrin,« sagte Katharina, mit heiterer Miene, in der Absicht, das Gemüt Marias dadurch aufzuheitern, »unsrer wackrer Amadis ist von uns gegangen, er war dem kühnen Wagnis nicht gewachsen; indessen hat er uns einen jungen Knappen hinterlassen, der dem Dienste seiner Königin nicht minder ergeben ist und Euch durch mich Hand und Schwert bieten läßt.«
»Wozu das alles?« erwiderte die Königin; »weshalb immer und immer wieder für neue Opfer sorgen, Katharina, sie mit meinem unglücklichen Schicksal zu verketten? Geben wir lieber alles weitere Bemühen, eine Aenderung meiner Lage herbeizuführen, auf! es widerstrebt mir, soviel edle Herzen, die zu unserm Heile ihr Bestes einsetzen, mit in mein Verderben zu reißen; es haben sich in meiner Umgebung genug Anschläge und Ränke abgespielt, seit ich als verwaistes Kind in meiner Wiege lag, und die feindlichen Adelinge meines Reichs sich darum bekämpften, wer von, ihnen im Namen des unschuldigen und bewußtlosen Kindes das Regiment in meinem Reiche führen sollte – es ist ja wirklich an der Zeit, daß dieser schmachvolle und gefahrvolle Zustand sein Ende finde! Ich will meine Haft hinfort als Klosterhaft ansehen, will mir vorstellen, als hätte ich mich freiwillig von der Welt und ihrem Treiben in diese stille Klause zurückgezogen.«
»O, gnädigste Fürstin,« erwiderte Katharina, »redet doch nicht so in Gegenwart Eurer treuesten Diener! muß das nicht ihnen allen Eifer rauben, Euch zu dienen? muß ihnen solche königliche Rede nicht das Herz brechen! Komm, Roland! wir sind die jüngsten ihres Gefolges, knie neben mir nieder vor ihrem Schemel und flehe mit mir zu ihr, daß sie ihren hohen Sinn auch fürder behalte!« und sie nahm Roland bei der Hand und kniete mit ihm vor der Königin. Maria richtete sich empor, reichte die eine Hand dem Pagen zum Kusse und strich mit der andern die üppigen Locken aus der kühnen und offenen Stirn des jungen Mädchens.
»Ach, ma mignonne,« sagte sie, denn mit diesem Kosenamen liebte sie ihre junge Dienerin zu nennen, »wie soll ich es billigen, daß Du Dein junges Leben an mein unheilvolles Schicksal kettest? .. Sieh doch her, Fleming! ist's nicht ein holdes Paar? und muß mir der Gedanke, daß ich ihnen zum Untergang werden soll, nicht das Herz zerfleischen?«
»Sprecht nicht also, gnädigste Fürstin,« rief da begeistert Roland, »denn unser freier Wille ist's, Euch Befreiung zu schaffen,«
»Aus dem Munde dieser Kinder,« sprach die Königin, indem sie den Blick gen Himmel lenkte, »wird mir also vom Himmel die Aufforderung, jene hohen Gedanken weiter zu nähren, die meiner Geburt und meinen Rechten geziemen. Da darf ich wohl erwarten, daß er ihnen auch seinen Schutz wird angedeihen lassen und die Macht verleihen wird, ihren Eifer zu belohnen.« Hierauf an Lady Fleming sich wendend, setzte sie hinzu: »Du weißt ja, liebe Fleming, wie glücklich ich mich immer gefühlt habe, wenn es mir vergönnt war, Dienste fürstlich zu lohnen – ach, und wie gern hab ich mich immer unter glücklichen Menschen bewegt! selbst als man es mir übel anrechnete, daß ich mich in ungebundner Fröhlichkeit unter die Maskenzüge meines Hofstaates mischte und an den Tänzen von dessen jungem Volke teilnahm! mag es auch der kalvinistische Knox, der strenge Prediger des Ketzertums, eine Sünde genannt und Graf Morton es als eine Herabwürdigung königlichen Ansehens bezeichnet haben! ich bereue es auch heute noch nicht, denn wehe der armseligen Scheelsucht, die aus dem Ueberschwange unbewachter Fröhlichkeit eine Herzenssünde herzuleiten vermag. Verlaß Dich drauf, Fleming! sind Wir erst wieder in den Besitz Unsres Thrones gelangt, so soll ein fröhliches Hochzeitsfest Uns alle vereinen! aber Wir dürfen zurzeit weder Braut noch Bräutigam nennen, doch haben Wir dem Bräutigam die Baronie von Blairgowrie zugedacht, die auch als Geschenk einer Königin noch immer ein schönes Geschenk genannt weiden darf, und in den Kranz der Braut wollen Wir die schönsten Perlen flechten, die in den Tiefen des Lamondfees gefischt worden sind – und Du selbst, liebe Fleming, die geschickteste Haarkräuslerin, die je die Locken einer Königin flocht, und die sich wohl an keines Weibes Haar von geringer Herkunft vergriffe, Du selbst sollt die Perlen mir zuliebe ihr, Unsrer holden Braut, in die Locken flechten – Liebe Fleming, setzen Wir den Fall, es wären Locken von der üppigen Art, wie sie das süße Köpfchen Unsres Lieblings hier, Unsrer frohen Katharina, zieren? sie würden doch Deiner schönen Kunst nimmer zur Unehre gereichen! – Was meinst Du wohl?« und während sie liebkosend mit der Hand über den Kopf ihres Lieblings strich, blickte sie der andern ihrer beiden Hofdamen so mild und glückselig in die Augen, daß dieser die hellen Trauen in die Augen schossen.