»Ach, gnädigste Dame,« rief leise klagend die bejahrte Dienerin, »Eure Gedanken schweifen in gar weite Fernen!«
»Freilich, freilich, meine liebe Fleming!« erwiderte darauf die Königin; »aber ist es recht von Dir, sie zurückzurufen? ist's freundlich von Dir? Bei wessen Hochzeit war es denn, liebe Fleming, daß Wir zum letzten Male tanzten? Bei der Hochzeit, von der ich jetzt spreche, soll Maria nichts spüren von all ihren Sorgen und Kümmernissen! da will sie selbst noch einmal den Reigen führen! in ungebundner Fröhlichkeit! ... Ach, Fleming, mir ist's heut ganz zu Mute, als hätte mir der gestrige Auftritt das Gedächtnis ein bißchen verwirrt – ich sollte doch eigentlich wissen, wann ich zum letzten Male im heitern Tanze mich drehte! Kannst Du mir nicht einhelfen? Freilich, kannst Du es, liebe Fleming! warum tust Du's denn nicht?«
»Ach, gnädigste Herrin,« wehrte die Fleming ab ...
»Aber warum denn so ungehorsam, liebe Fleming! warum willst Du es meinem Gedächtnis weigern, ihm zu helfen? – ich muß doch meinen, Fleming, daß Unsre Reden Deinem ernstern Sinne als eitle Torheit erscheinen. Du bist aber doch am Hofe erzogen, Fleming, und weißt, was solcher Ungehorsam gegen Deine Gebieterin bedeutet – ich sage Dir also, daß ich es Dir befehle! verstehst Du, Fleming, die Königin befiehlt der Lady Fleming, ihr zu sagen, wann sie den letzten Reigen geführt hat!«
Todbleich wurde die Hofdame, aber sie weigerte sich nicht länger, der Aufforderung zu gehorchen, und mit einer Miene, wie wenn sie in die Erde sinken müsse, sagte sie: »Gnädigste Fürstin, sofern mich mein Gedächtnis nicht trügt, so war es auf einem Maskenball in Holyrood, bei der Hochzeit Sebastians.«
Bei diesem unheilvollen Worte entfuhr der unglücklichen Königin, die bis jetzt der stotternden Hofdame mit übermütigem Lächeln zugehört hatte, ein so wilder, so furchtbarer Schrei, daß das ganze Gemach davon widerhallte. Katharina und Roland eilten in der größten Bestürzung an ihre Seite. Völlig außer sich durch die Verknüpfung der grausigsten Vorstellungen, aus allen Grenzen der Vernunft gerissen durch diese plötzliche Erinnerung an das Entsetzlichste, das sie in ihrem jungen Leben getragen, schrie sie mit gellender Stimme: »Verräterin! Deinen Fürsten wolltest Du morden! Ruft meine Garden! à moi, à moi, mes Français! – Verräter umzingeln mich in meinem eignen Palaste! meinen Gemahl haben sie ermordet – Hilfe, Hilfe der Königin von Schottland!« Ihre in ihrer Blässe noch eben so überaus lieblichen Züge waren entflammt von der Wut des Wahnsinns und glichen denen Bellonas, der Kriegsgöttin Roms. »Ha!« schrie sie wieder, »Unsre Hauptstadt soll wachsam sein! Lothian und Fife sollen wachsam sein! man sattle Unser spanisch Roß, und Paris, der Franzose, soll unsren Karabiner laden! besser, an der Spitze Unsrer tapfern Soldaten wie Unser Großvater zu Flodden sterben, als an einem gebrochnen Herzen hinsiechen wie Unser unter einem unheilvollen Sterne geborner Vater.«
»Beruhigt Euch doch, gnädigste Fürstin!« bat Katharina und wandte sich hierauf an ihre Gefährtin: »Wie konntet Ihr auch nur ein Wort sagen, das sie an ihren Gemahl erinnerte!«
»Gemahl!« wiederholte die unglückliche Königin, denn sie hatte dies Wort aufgefangen und wiederholte es hastig ein paarmal hintereinander. Dann schrie sie: »Welcher? welcher Gemahl? Seine allerchristlichste Majestät nicht, denn die ist unpaß – kann nicht aufs Pferd hinauf – auch nicht der von Lennox – der Herzog von Orkney war's, auf den Du anspieltest!«
»Um Gottes willen, Fürstin,« bat die Fleming, »seid ruhig!«
Aber die erregte Phantasie der Königin war nicht zu besänftigen ... »Ruf ihn her! sag ihm, er solle mir helfen! solle seine Lämmer mitbringen, wie er sie nennt: Bowton, Hay von Talla, Ormiston den Schwarzen, und Robert, seinen Vetter! – Ach, prrrr! wie sie nach Schwefel duften! und wie schwarz sie aussehen! – Was? mit Morton im geheimen Rat? Nein! wenn die Douglasse mit den Hepburns über einem Anschlage brüten, dann jagt der Vogel, der aus der Schale kriecht, ganz Schottland in Angst und Schrecken – meinst Du nicht, liebe Fleming?«
»Sie wird immer irrer,« sagte die Fleming, »wir haben für diese verworrnen Reden der Zuhörer zuviel.«
»Roland,« rief Katharina und trieb den Pagen in das Vorzimmer, »laß uns allein mit ihr fertig werden; Du kannst uns nichts dabei helfen – Fort – fort!« Aber trotzdem die Tür hinter ihm abgeschlossen und verriegelt wurde, konnte er die Königin noch immer schreien hören, bis ihre Stimme sich endlich in einem leisen Gewimmer verlor.
Da trat Katharina wieder zu ihm ... »Mach Dir keine Sorge weiter,« sagte sie zu ihm, »der Anfall ist vorüber. Aber halte die Tür versperrt und laß niemand herein, bis sie ihre Fassung wiedergewonnen hat.«
»Um Gottes willen, Katharina,« sagte Roland, »was bargen die Worte der Fleming so Schreckliches, daß die Königin in eine so wilde Erregung geriet?«
»Ach, die Fleming, die Fleming!« sagte Katharina, den Namen ungeduldig wiederholend, »die Fleming ist ein dummes Frauenzimmer, sie hängt an ihrer Herrin mit aller Liebe, weiß aber nicht, wie sie diese Liebe beweisen soll – wenn ihr die Königin befehlen sollte, sie zu vergiften, so würde sie sich auch nicht besinnen, sondern es tun, weil es ihr eben von der Königin befohlen worden – ich hätt ihr die Halskrause herunterreißen können um dieses Wortes Sebastian willen – mir hätte die Königin eher das Herz aus der Brust reißen können, als daß ich diesen Namen über meine Lippen gelassen hätte!«
»Und was ist's denn für eine Geschichte mit diesem Sebastian?« fragte Roland; »beim Himmel, Katharina! Ihr seid das lebendige Rätsel!«
»Und Ihr ein Narr, wie die Fleming eine Närrin!« versetzte das Fräulein voll Ungeduld, »wißt Ihr denn nicht, daß in jener Nacht, da Heinrich Darnley ermordet und die Feldkirche in die Luft gesprengt wurde, die Königin auf einem Maskenballe anwesend war, den sie zum Hochzeitsfeste ihres Leibdieners mit Namen Sebastian gab, der sich mit einem Hoffräulein von ihr verheiratete?«
»Beim Himmel! dann wundre ich mich freilich nicht mehr über ihre Erregtheit,« sagte Roland, »bloß der Gedächtnismangel ist mir nicht verständlich, daß sie der Fleming solche Frage mit solcher Dringlichkeit stellen konnte!«
»Darüber kann ich freilich auch nichts sagen,« erwiderte Katharina, »aber großes Seelenleid mag wohl, wenn es sich mit einem wilden Schreck gepaart hat, das Gedächtnis schwächen oder verdüstern. Indessen will ich mit Euch nicht länger müßig diskutieren, während es mir in allen Fingern juckt, der Fleming noch jetzt eine kalte Douche zu geben – verwahrt mir die Tür gut, Roland, denn auf keinen Fall möcht ich haben, daß einer von dem Ketzerpack im Schloß sie in diesem traurigen Zustande vor die Augen bekäme – denn in der Freude darüber, daß ihre teuflischen Pläne so herrlich angeschlagen, möchten sie sich keine Sekunde besinnen, den Anfall der Königin in ihrem ekelhaften Kauderwelsch als ein Strafgericht des Himmels zu preisen.«
Gerade als sie den Fuß aus dem Vorzimmer setzte, um zur Königin zurückzukehren, wurde von draußen mit Wucht auf die Türklinke gedrückt; aber Roland hatte den Riegel fest vorgeschoben, und er widerstand den Bemühungen des groben Eindringlings.. »Wer ist an der Tür?« fragte Roland.