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»Ich, der Hausmeier,« erwiderte Dryfesdale.

»Ihr könnt nicht herein,« rief Roland.

»Warum nicht?« rief draußen Dryfesdale; »ich komme ja nur, mich pflichtschuldigst zu erkundigen, weshalb die Moabiterin so laut geschrieen hat?«

»Bleibt draußen!« rief Roland; »herein dürft Ihr nicht!«

»Und warum nicht, junger Hansdampf?« fragte Dryfesdale.

»Weil ich den Riegel vorgeschoben habe, und weil ich keine Lust habe, ihn Euch zu Gefallen wegzuschieben – Wurst wider Wurst, Hausmeierchen!«

»Laß Dir solche Dummheiten nicht beikommen, Musje,« schrie vor Wut außer sich draußen der Hausmeier, »ich setze auf der Stelle die Schloßherrin in Kenntnis.«

»Ihr könnt der Dame zugleich mit melden, daß die Königin sich alle Besuche verbittet, wie auch alle Botschaft, denn sie fühlt sich zurzeit nicht wohl und empfängt niemand.«

Also abgewiesen, begab sich Dryfesdale unter lautem Gebrumm wieder die Treppe hinunter.

Zehntes Kapitel

Lady Lochleven saß, in ihre in Sammet gebundne und auf dem Deckblatt mit Silber reich verzierte Bibel vertieft, allein in ihrem Gemache; sie erkannte aber bald, daß es ihr nicht gelingen wollte, ihr Gemüt von dem verdrießlichen Ereignis der letzten Nacht abzulenken. Die Kränkung, die ihr von der Königin widerfahren war, erinnerte sie an eine zu schwere Verirrung ihrer Jugend, die sie schwer genug bereut hatte, um jede Erwähnung auf das bitterste zu empfinden. »Warum,« sprach sie bei sich, »soll grade sie mir solchen Vorhalt machen dürfen? sie, die meiner Torheit Früchte genießt oder doch genossen hat? die meinen Sohn vom Throne verdrängte? warum soll sie es wagen dürfen, mir in Gegenwart meines Gesindes und ihrer Dienerschaft diese Torheit, diese Schande vorzuwerfen? Befindet sie sich nicht in meinen Händen? Fühlt sie keine Furcht vor mir? Ha, Versucher! weiche von mir! komm mir nicht mit Gedanken, die ich meinem Herzen fernhalten will, komme es, wie es wolle!« Sie griff wieder nach dem heiligen Buche, ernster als vordem bemüht, sich durch seinen Inhalt seelisch zu stärken – da wurde sie durch ein Pochen an der Tür unterbrochen. Auf ihr Herein erschien der Hausmeier Dryfesdale auf der Schwelle. Sie schrak zurück vor der verstörten Miene, die sein Gesicht zeigte. »Was ist vorgegangen, Dryfesdale?« fragte die Lady; »was soll dieses dumme Gesicht? Hast Du schlimme Kunde von meinem Sohn oder meinem Enkel?«

»Nein, Lady,« antwortete der Hausmeier, »aber Ihr habt letzte Nacht schweren Hohn erlitten, und heute morgen ist, wie ich befürchte, Euch herbe Genugtuung geschaffen worden – Wo ist der Kaplan?«

»Was soll diese hastige Frage, Dryfesdale? Der Kaplan ist, wie Ihr doch recht gut wißt, heut abwesend. Ihr habt ihm doch selbst die Bestellung zur geistlichen Konferenz in Perth überbracht.«

»Mag er stecken, wo er will,« brummte Dryfesdale, »ein Baalspfaffe ist und bleibt er ohnehin!«

»Dryfesdale! was sollen solche Reden?« erwiderte die Dame streng, »ich habe schon immer gehört, daß Du während Deines Aufenthalts in den Niederlanden zur Gemeinschaft der Wiedertäufer gehört hättest – zu jenen Keilern, die alle Weinberge aufwühlen – aber meine geistlichen Berater sollen auch meiner Dienerschaft recht sein!«

»Immerhin wär's mir gerade heut nicht unlieb,« versetzte, der Worte seiner Gebieterin nicht achtend, der Hausmeier, »wenn ich geistlichen Zuspruch zur Hand hätte ... die moabitische Madame in unsrer Burg.«

»Sprich von der Dame mit der Ehrerbietung, die ihr zusteht,« wies ihn die Lady zurecht, »denn sie ist eines Königs Tochter!«

»Meinetwegen,« versetzte Dryfesdale störrisch, wie vordem, »wenn sie ins Grab steigt, ist zwischen ihr und einer Betteldirne auch kein Unterschied – Maria von Schottland liegt in den letzten Zügen.«

»Was schreist Du mir da in die Ohren, Mensch?« rief die Lady entsetzt; »Maria in den letzten Zügen? in meinem Schlosse? an welcher Krankheit? durch welchen Zufall?«

»Nun, nicht so aufgeregt, Lady!« sagte Drysesdale, »den Dienst hab ich ihr geleistet.«

»Schurke! Verräter! wie konntest Du solches wagen?«

»Ich hab's Euch gestern abend zugesagt, und jetzt ist's geschehen; sie verhöhnt Euch zum andern Male nicht wieder.«

»Schurke, Du bist nicht bei Sinnen!«

»Aber auch nicht von Sinnen!« erwiderte trocken der Hausmeier; »was dem Menschen vorgezeichnet, muß er erfüllen; und in meinem Zeichen steht, was ich getan, schon seit Millionen von Jahren!«

»Grausamer Halunke! Du hast sie doch nicht etwa gar vergiftet?«

»Nun, und wenn ich sie vergiftet hätte, was wäre weiter dabei? Die Menschen vergiften Ungeziefer – warum sollten sie sich nicht auch ihrer Feinde auf gleiche Weise entledigen? in Italien tut's der erste beste, wenn er ein Goldstück dafür bekommt.«

»Aus meinen Augen, feiger Meuchelmörder!« rief die Dame entsetzt.

»Urteilt nicht blindlings, Lady!« sagte Drysesdale; »denkt an Lindesay, an Ruthven, an Euren Vetter Morton! erdolchten sie nicht den Rizzio? sitzt etwa auf ihren gestickten Aufschlägen Blut? erstach nicht der Lord Temple den Lord Sanquhar? und sitzt ihm seine Kappe deshalb um einen Strich schiefer? – ein Gifttrank und ein Dolch sind völlig gleiche Mittel zum gleichen Zweck; der eine wirkt aufs Hirn, der andre zapft Blut – indessen sage ich ja keineswegs, daß ich dieser Lady was eingegeben hätte.«

»Was soll diese Salbaderei, Mensch?« rief die Dame; »willst Du Deinen Hals vom Stricke retten, dann berichte mir unverhohlen den Hergang! Als gefährliches Subjekt kennt man Dich ja schon lange!«

»Hm, daß ich im Dienste meines Herrn kühn und rücksichtslos sein kann, will ich nicht in Abrede stellen. Warum sollt ich Euch nicht sagen, wie ich mich in dieser Sache verhielt? ich war, als ich letzthin drüben auf dem Lande war, bei einem klugen Weibe, von dem sich seit einigen Monaten die ganze Gegend allerhand Wunderdinge zuraunt. Sie heißt Mutter Nicneven. Narren, die wieder' jung werden wollen, lassen sich Zaubertränke von ihr brauen. Geizhälse, die ihr Hab und Gut mehren wollen, lassen sich Wünschelruten von ihr schneiden; andre lassen sich von ihr die Zukunft deuten; nun, mir hat sie ein Päckchen gegeben, das, unter eine Flüssigkeit gemischt, vollkommene Rache übt,«

»Elender! und Du hast dies Gift unter die Speisen der Lady gemischt? Zur ewigen Schmach für Deines Herrn Haus?«

»Bloß um die Ehre meiner Herrschaft zu rächen, die sie auf gemeine Weise verhöhnte! ich hab das Tränkchen in den Krug Zichorienwasser geschüttet, das die moabitische Madam ja mit solcher Vorliebe trinkt, daß sie selten mal einen Tropfen drin übrig läßt.«

»Ein Werk der Hölle, Schurke!« rief die Lady, aufspringend; »fort, fort! laß uns sehen, ob wir noch helfen können.«

»Ich glaube nicht, Lady, daß wir eingelassen werden,« sagte trocken der Hausmeier, »ich wenigstens bin schon zweimal an der Tür gewesen, hab aber nicht Zutritt erlangen können.«

»Wenn nicht anders, so lasse ich die Tür einschlagen,« rief zornig die Lady; »doch halt! lauf und bring mir den Randal her!«

»Randal,« sprach sie, als der Mann eintrat, »es hat sich ein schlimmer Vorfall im Schlosse zugetragen. Laß mir auf der Stelle den Kämmerer Lundin herüberholen! bring auch die Hexe Nicneven mit, wenn Du ihrer irgend habhaft werden kannst, sie soll hier erst ihren Zauber unschädlich machen, dann werden wir sorgen, daß sie auf der Serf-Insel verbrannt wird – Fort, fort! laß alle Segel beisetzen und sieh zu, auf der Stelle wieder hier zu sein.«

»Ich glaube schwerlich, daß sich unter solchen Verheißungen die Hexe bereit finden läßt, die Fahrt mit über den See zu machen,« bemerkte Dryfesdale.

»Dann sage ihr volle Sicherheit zu! schaff sie her, denn Du haftest mit Deinem eignen Leben für die Wiederherstellung der Lady!«

»Das hätt ich mir freilich denken können,« brummte Dryfesdale ärgerlich, »da, einen Trost wenigstens hab ich, daß ich mich selbst dabei mit gerächt habe – denn mir hat diese Moabiterin oft genug aufs ärgste mitgespielt! und dem verfluchten Pagen, der jetzt Vorkoster ist, hab ich's auch gleich mit eingetränkt.«