»Verfüge Dich in den westlichen Turm und setze keinen Fuß hinaus,« befahl die Dame, »bis sich erkennen läßt, welchen Ausgang dieser Fall nimmt – ich kenne Dich und weiß, daß Du nicht zu entkommen suchen wirst.« »Nein, keine Sorge!« erwiderte Dryfesdale, »und wären die Burgmauern aus Eierschalen gefügt und der See mit fester Eisdecke überzogen! Ich stehe zu fest in dem Glauben, daß der Mensch nichts aus sich selbst zu dem Schicksale hinzutun kann, das ihm von Geburt an vorgezeichnet ist. Doch eines, Lady! vergiß nicht, wenn ich raten darf, bei allem Eifer für das Leben und Heil dieser Jesabel die eigne Ehre, und was Du ihr schuldest – halt auch die ganze Geschichte so geheim, wie irgend tunlich.«
Mit verbissenem Gleichmut verfügte sich der finstere Schicksalsmensch an den ihm angewiesenen Haftort; die Lady aber nahm sich den letzten Wink zu Herzen und begab sich nun selbst zu den Gemächern der Königin, bemühte sich aber bei Roland ebenfalls vergeblich um Einlaß. »Befand sich je ein Weib in schrecklicherer Lage?« rief sie; »Hab wenigstens acht, Du kecker Wicht, daß niemand was von dem Trank und der Speise genießt, die heut herausgebracht worden sind!« Darauf eilte sie nach dem Turme, um Dryfesdale wieder aufzusuchen. Er saß ruhig in seiner Zelle und las. »Weißt Du, ob Dein Trank schnell oder langsam wirkt?« fragte sie.
»Langsam,« erwiderte er; »die Hexe fragte mich, was mir das liebere sei, und ich sagte ihr, langsame, aber sichre Rache sei es, was ich haben wolle.«
»Welchen Teufel hab ich in meinem Hause genährt?« klagte die Lady, »Verzeih mir Gott die Sünde, Dich so lange in Kost und Kleidung zu erhalten.«
»Das hat nicht in Eurem Ermessen gestanden, Lady,« versetzte der Hausmeier, »denn lange schon vor Erbauung dieses Schlosses, lange schon, bevor diese Insel, auf der es errichtet wurde, aus den blauen Wogen heraufstieg, war es mir vom Schicksal bestimmt worden, Euch als Sklave zu dienen – habt Ihr vergessen, wie ich zur Zeit, als die Mutter dieser Madam sich als Feindin Eures Hauses aufspielte, mich unter die siegreichen Franzosen stürzte und Euren Gemahl aus den Feinden heraushieb? habt Ihr vergessen, daß keiner von denen, die mit ihm die gleiche Milch getrunken hatten, solchen Versuch wagen mochte? habt Ihr vergessen, wie ich mich in den See stürzte, um Euren Enkel zu retten, als er sein Boot im Sturme nicht zu steuern wußte? ... wer einem schottischen Edeln recht dient, der scheut weder das eigne Leben, noch fremdes Leben, das seines Herrn ausgenommen – Wär's nicht für ganz Schottland die froheste Kunde, wenn ihr Tod gemeldet werden konnte? entstammt sie nicht dem blutigen Geschlecht der Guisen? ist sie nicht Jakobs Kind, jenes schurkischen Tyrannen, den der Himmel vom Throne stürzte und dessen hochmütiger Sinn geduckt wurde wie derjenige des Nebukadnezer?«
»Schweig, Elender!« rief die Lady, in deren Herzen sich allerhand Erinnerungen regten, als sie den Namen ihres königlichen Galans vernahm, »schweig und störe die Asche jenes unglücklichen Toten nicht! Lies weiter in Deiner Bibel und bitte zu Gott, daß sie Dir künftig bessere Belehrung gebe!« Kaum war sie in das nächste Zimmer getreten, so entströmten Tränen ihren Augen, und sie mußte stehen bleiben, um sie zu trocknen. »O, daß ich solche Tränen noch erleben würde,« sprach sie bei sich, »das hätt ich nicht erwartet! trocknen Auges hab ich die Untreue meines Enkels über mich ergehen lassen, und doch ruhte auf ihm meines Sohnes Hoffnung, des Kindes meiner Liebe Hoffnung! und nun weine ich um ihn, der so lange schon im Grabe ruht! um ihn, dem ich es beizumessen habe, daß seine Tochter mich mit Spott und Hohn überschüttet? aber es ist seine Tochter, und wenn mir plötzlich aus ihrem Auge das Bild des Vaters vor die Seele tritt, dann wird es mir weich ums Herz, das durch mancherlei Ursache verhärtet gegen sie ist – doch wenn mir dann wieder die Aehnlichkeit beikommt, die ihr Gesicht mit ihrer mir verhaßten Mutter, mit dieser echten Tochter des Hauses Guise, aufweist, dann wanke ich wieder in meinem Entschlusse, ihr Milde und Güte zu erweisen. Aber durch solchen schändlichen Anschlag soll sie nicht sterben in meinem Hause! Ich danke Dir, mein Gott! daß es kein schnell wirkendes Gift war, das dieser Elende ihr eingab, daß sich ihm also noch vorbeugen läßt – ich will noch einmal nach ihrem Zimmer – aber daß dieser Mensch, auf dessen Treue wir so fest bauten, der uns so viele Beweise seiner Anhänglichkeit gegeben, sich entpuppt als solcher Bösewicht! welches Wunder erklärt solche Tücke und solche Treue in ein und demselben Herzen?«
Roland Gräme hatte, während Lady Lochleven sich zu dem Hausmeier nach dem Turme begab, Katharina Seyton von den Worten unterrichtet, die ihm diese zur Tür hereingerufen hatte, und das lebhafte Mädchen mit seinem schnellen Verstände begriff im Nu den ganzen Zusammenhang, schoß aber im Uebermaß ihrer Liebe um ihre Gebieterin weit über die Wahrheit hinaus und malte sich die Sache furchtbarer aus, als sie in Wirklichkeit sich verhielt.
»Uns vergiftet zu haben, so rechneten sie!« rief sie mit Entsetzen; »und hier steht der tödliche Trank, der die Greueltat bewirken sollte daß wir auf dergleichen gefaßt sein mußten, seitdem Georg Douglas nicht mehr Vorkoster unsrer Nahrung ist, ist klar; aber wie kamen die Scheusale dazu, Roland, den unschuldigsten von uns allen, zum sichern Tode zu verdammen? er hätte doch, wenn er von dem Tranke, seiner Dienstpflicht gemäß, zuerst genoß, doch auch zuerst und von allen am sichersten, den Tod gefunden! Verzeiht mir, liebe Fleming, was ich im Zorn gegen Euch gesagt habe! der Himmel gab Dir die Worte ein, die Du der Königin von ihrem Gemahle sagtest! gab sie Dir ein, um unser Leben zu retten – was aber nun? das alte See-Krokodil wird doch sicher gleich wieder zur Stelle sein, um über unsern Todeskampf seine heuchlerischen Tränen zu flennen – was sollen wir beginnen, Fleming?«
»Helf uns die Mutter Gottes!« antwortete die Lady, »ich weiß nicht, wozu ich raten soll, als höchstens, daß wir uns an den Regenten wenden?«
Den Teufel selber zitieren?« rief Katharina heftig, »und am Fuße seines Flammenthrons seine Großmutter obendrein?« Dann lugte sie in das Zimmer hinein. »Die Königin schläft noch. Wir müssen Zeit gewinnen, denn die giftmischerische Hexe darf nicht erfahren, daß ihr Anschlag mißglückt ist. Solche alte Kreuzspinne ist zu schnell bei der Hand, ein zerrissnes Gewebe auszubessern – Roland, hilf mir den Krug in den Ofen oder zum Fenster hinaus schütten! und dann schmeiße hier alles durcheinander, daß es aussieht, als hätten wir gefuttert wie die Raben. Schütte alles in den Ofen und laß die Reste auf den Schüsseln, laß auch in jedem Becher ein Paar Tropfen! Aber wenn Dir Dein Leben lieb ist, dann koste nichts, weder von den Speisen noch von dem Tranke; wenn die Königin aufwacht, will ich ihr erzählen, in welch schlimmer Lage wir uns befinden – sie ist verständig genug, uns über unser Verhalten das Rechte zu sagen – bis dahin merk Dir, Roland, die Königin ist bewußtlos, die Fleming ist unwohl – für sie schickt sich diese Rolle,« setzte sie leiser hinzu, »am allerbesten, da braucht sie ihren Witz nicht anzustrengen –«
»Und Ihr selbst Katharina? was sage ich von Euch?«
»Mit mir verhält es sich besser – Du verstehst schon, Roland –«
»Und was von mir selbst?« fragte der Page. »Was Ihr von Euch sagen sollt?« rief Katharina schelmisch, »Euch geht's natürlich kreuzmunter – wer möcht sich wohl in Ungelegenheit setzen, um Schoßhündchen oder Pagen zu vergiften?«
»Für solchen Augenblick paßt solch leichtfertiger Scherz doch nicht!« sagte Roland in pikiertem Tone.
»O doch, er paßt!« antwortete Katharina; »denn wenn die Königin sich einverstanden erklärt mit dem, was ich will, so kann uns grade dieser hämische Anschlag von gutem Dienste sein.«