Выбрать главу

»Vielen Dank, meine liebste Lady und Großmama! abgesehen von einigen Vorgängen in der jüngsten Gegenwart wäre es ja Sünde von mir, wollt ich Eure Liebe und Anhänglichkeit mißdeuten oder in Zweifel ziehen. Beide Tugenden sind ja schon von Euch, wie mir zu Ohren gekommen, glänzend bewährt worden, als ich noch in der Wiege lag.«

Lady Lochleven sprang, wie von einer Tarantel gestochen, vom Bett hinweg, durchmaß ein paarmal das Zimmer und riß heftig das Fenster auf, wie um frische Luft zu schöpfen.

»Heilige Gottesmutter,« sagte Katharina bei sich, »wie tief muß doch beim Weibe die Spottsucht eingeimpft sein, da die Königin bei allem Verstande lieber das Aergste riskiert, als daß sie ihren Hohn beiseite ließe!« Dann beugte sie sich zur Königin und flüsterte: »Um Eurer Wohlfahrt willen, gnädigste Fürstin, mäßigt Euch bloß jetzt!«

»Mädchen, Du nimmst Dir viel heraus,« erwiderte die Königin, setzte aber im andern Augenblick hinzu: »Tu' mir bloß den Gefallen und sorge, daß mich die alte Hexe nicht noch einmal mit ihren giftigen Händen berührt! ich fühle dann immer solchen Ekel und Haß, daß ich nicht an mich halten kann.« »Gott sei Dank!« rief da Lady Lochleven, vom Fenster zurücktretend, »der Kahn kommt schnell herüber; er bringt den Arzt und auch ein Weib sitzt drin: sicher doch die Hexe, die ich holen ließ. War sie bloß erst wieder, ohne daß unsre Ehre dabei leidet, vom Schlosse weg, ich wollt ihr sicher keine Träne nachweinen, und ein zweites mal zu solchem Wächterposten bekäme mich kein Mensch!«

Unterdessen beobachtete Roland aus einem Fenster das heranfahrende Boot, und auch er wurde alsbald inne, daß vorn der Kämmerer in seinem schwarzen Samtmantel, hinten seine leibhaftige Großmutter, Magdalena Gräme, in der von ihr angenommenen Rolle einer Mutter Nieneven saß, die gefalteten Hände dem Schlosse zustreckend, wie von schwärmerischer Ungeduld erfüllt, in die Nähe ihrer Königin zu kommen.

Bald waren sie an der Anlande, und während die vermeintliche Hexe beschieden wurde, sich unten in der Torwartstube zu verhalten, wurde der Arzt und Kämmerer in das Zimmer der Königin geführt, das er mit allem seinem Stande angemessenen Zeremoniell betrat. Katharina benützte die erste Gelegenheit, vom Bette der Königin hinweg und zu Roland zu treten.

»Ich glaube nicht,« flüsterte sie ihm ins Ohr, »daß es sonderlich schwer fallen wird, diesem Esel im abgeschabten Samtkittel die Halfter über den Kopf zu werfen. Aber Deine Großmutter, Roland, wird uns mit ihrem maßlosen Eifer das ganze Ding verderben, sofern man ihr nicht zu verstehen gibt, daß sie sich bei der Lady verstellen muß.«

Roland schlich sich ohne weiteres hinaus, eilte durch das Wohnzimmer in den Vorsaal, sah sich aber hier durch zwei mit Karabinern aufgestellte Männer aufgehalten, die ihm ein kräftiges zurück! zuriefen. Hieraus erkannte er, daß Lady Lochleven trotz aller Unruhe, die sie erfüllte, noch immer soviel Argwohn besaß, daß sie es nicht unterlassen hatte, bei ihrer Gefangnen Posten auszustellen. Es blieb ihm nichts weiter übrig, als nach dem Wohnzimmer zurückzugehen, wo er die Schloßherrin in Unterhaltung mit dem Kämmerer fand.

»Verschone mich mit Deiner Salbaderei und mit Deinen Grimassen, Lundin,« herrschte sie den Kämmerer an, »und sage mir unverblümt, ob die Frau etwas zu sich genommen hat, was ihrer Gesundheit von Nachteil werden kann.«

»Aber, gütigste Lady, verehrteste Gönnerin, der ich in meiner Wirksamkeit zu so großem Danke verpflichtet bin, verfahret im vorliegenden Falle doch glimpflich mit mir! Wenn die Kranke sich zu keiner Auskunft bereit finden lassen mag, sondern bloß seufzt und stöhnt, oder mich angähnt, wenn ich mich nach Merkmalen ihres Uebelbefindens befrage, und das andre junge Fräulein – übrigens, wie ich gern gelten lasse, ein recht artiges Ding ...«

»Laß Dein dummes Geschwätz von artigen oder sonstwelchen Dirnen,« fuhr ihn die Dame wieder an, »und sag mir rund heraus: hat die Frau drinnen Gift geschluckt, oder nicht?«

»Die Wissenschaft, gnädigste Frau, kennt mancherlei Gifte,« hub der Kämmerer, sich in die Brust werfend, an: »tierische Gifte, mineralische, halbmineralische Gifte, Gifte aus Kräutern und Pflanzen. Von den erstern erwähnen schon Dioskorides und Galenus den Lepus marinus, von den letzteren haben wir die Aqua cymbalariae

»Der Teufel hole Dich mitsamt Deinem lateinischen Quark!« rief die Lady; »wie kann ich doch so dumm sein, von solchem Brummochsen einen Orakelspruch zu erhoffen?«

»Aber Eure Gnaden wollen geruhen,« sagte der Kämmerer wieder, »wenn ich nur wenigstens wüßte, von welcher Speise sie genossen hat, oder die Reste davon einsehen könnte, denn den äußern Symptomen nach kann ich nichts entdecken – sagt ja doch schon Galenus in seinem Buche über die Gegengifte oder, wie er sagt, De Antidosis

»Das Maul gehalten, Narr!« rief die Dame und wandte sich zu einem der Wächter draußen, »schafft mir auf der Stelle die Hexe herauf!«

Im Nu wurde ihrem Befehle Folge geleistet; doch hielten sich die Männer, von deren Gegenwart die Hexe gar nichts zu wissen schien, in scheuer Entfernung, weil sie ohne Zweifel Furcht hatten vor den übernatürlichen Fähigkeiten, die man der Frau nachredete. Sie trug dieselbe düstere Kleidung, in der sie Roland in Kinroß gesehen hatte, bloß hatte sie jetzt das Gesicht nicht verhüllt, sondern trat unerschrocken vor die Schloßherrin, die mit Verdruß wahrzunehmen schien, daß sie es in der Frau mit keiner schüchternen oder zaghaften Person zu tun hatte.

»Elendes Weib,« herrschte die Schloßherrin die Frau an, nachdem sie eine Weile umsonst versucht hatte, sie durch ihren strengen Blick einzuschüchtern, »was für ein Pulver hast Du meinem Diener, Dryfesdale, verkauft zu dem Zwecke, eine langsame, heimliche Rache damit zu üben? Beschreib mir das Pulver genau, oder, bei der Ehre der Douglas, ich laß Dich lebendig als Hexe verbrennen, bevor die Sonne vom Himmel verschwindet.«

»Wann hat es einem Douglas oder einem in seinem Dienste an Mitteln zur Rache gefehlt, daß er sie zu suchen brauchte bei einem armen, hilflosen Weibe? Noch stehen ja die Türme fest, in denen Eure Gefangnen verschmachten, noch haben die darin verübten Verbrechen nicht ihre Gewölbe gesprengt, noch haben Eure Mannen ihre Armbrüste und Spieße und Dolche – was tut's Euch not an Zaubertränken, wenn Ihr nach Rache dürstet?«

»Holt Drysesdale aus dem Turme her!« befahl die Schloßherrin, »ich will sie einander gegenüber stellen.«

»Erspart Euch und Euren Knechten solche Mühe,« sagte die Frau, »denn ich bin nicht hierher gekommen, um einem erbärmlichen Reitknecht zur Staffage zu dienen oder der ketzerischen Buhlin Jakobs Rede und Antwort zu stehen. Ich bin hierher gekommen, um mit der Königin von Schottland zu sprechen – marsch, Platz da!« und während Lady Lochleven betroffen über solche Verwegenheit dastand, wie an den Boden gewurzelt, schritt Magdalena Gräme an ihr vorbei in das Schlafgemach der Königin, kniete dort nieder und berührte mit der Stirn, nach morgenländischer Sitte, die Erde.

»Heil Dir, Fürstin,« rief sie, »Heil Dir, Du Tochter einer langen Ahnenreihe! aber berufen von allen, begnadigt vor allen, für den wahren Glauben zu leiden! Heil Dir! und vernimm den Trost, den Gott und unsre liebe Frau Dir sendet durch den Mund Deiner unwürdigsten Dienerin! Zuvor aber ...« sie bekreuzte sich wiederholt und sagte dem Anschein nach eine bestimmte Gebetsformel her.

»Greift sie! schleppt sie in das tiefste Verließ meines Schlosses!« schrie wie außer sich Lady Lochleven, »nur der Teufel konnte ihr die Kühnheit leihen, die Mutter der Douglas in ihrem eignen Schlosse zu beschimpfen!«

Der Kämmerer aber bemühte sich, die Lady zu besänftigen. »Vergönnt mir doch, gnädigste Herrin, zuvor ein Paar Worte mit der Inkulpatin,« sagte er, »es ist doch nicht ausgeschlossen, daß wir etwas über das Arcanum in Erfahrung bringen, das sie allem Gesetz zuwider Eurem Hausmeier verabfolgt hat.«