Mit diesen Worten packte er den Pagen beim Kragen und zog sein Schwert. Der Wirt aber hielt sich in weiser Ferne. Es kam zum Handgemenge, in welchem der Page, in Wut versetzt durch Drysesdales Grobheit und Stärke, den Dolch zog und mit Blitzesschnelle ihm drei Wunden in Brust und Unterleib versetzt hatte, von denen die letzte unbedingt tödlich war. Stöhnend sank der Greis zu Boden, der Wirt aber stimmte ein klägliches Gejammer an.
»Still, Du Kläffer!« fuhr ihn der Hausmeier an, »sind sterbende Männer und Dolchstiche in Schottland solche Rarität, daß Du blökst, als wenn Dir Deine Bude überm Kopfe zusammenstürzte? ... Komm her, Du junger Fant, ich verzeih Dir die rasche Tat; was Du getan, hab ich manch anderm auch getan ... darum also keine Feindschaft! es ist ja doch alles Vorausbestimmung ... wenn Du aber tun willst, woran Du mich verhindert hast, und was Du mir also schuldig bist, so trage diesen Brief hier zum Ritter William Douglas nach Edinburg. Sorge auch dafür, daß mein Nachruf nicht leide, denn ich war, wie Du siehst, besorgt darum, den Auftrag, der mir gegeben worden, noch im letzten Augenblicke meines Lebens zu erfüllen.«
Der Zorn des Jünglings war verraucht, und er wollte eben zu dem alten Manne treten, als die Tür aufging und ein andrer Mann in die Küche trat. Kaum hatte er einen Blick auf den Greis geworfen, als er ausrief: »Was Drysesdale? Ihr hier, und in den letzten Zügen?«
»Ja,« erwiderte Drysesdale, »und mir wär's lieber, ich wär schon tot, statt die Stimme jenes einzigen Douglas hören zu müssen, der falsch und untreu gewesen! Tretet zurück, Ihr alle, vor allem Du, mein Mörder, dem ich jetzt Dank weiß für seinen guten Stoß, und laßt mich mit diesem Abtrünnigen seines Geschlechts reden! Junker Georg! kniet nieder hier an meiner Seite! Es ist Euch zu Ohren gekommen, daß mein Anschlag gegen die Moabiterin fehlschlug. Es ist mir nicht geglückt, diesen Stein des Anstoßes für Schottland mit seinem Drumunddran von Diener- und Genossenschaft aus dem Wege zu räumen. Aber diesen Anschlag, wenn ich auch Deiner Mutter andre Gründe nannte, hab ich einzig und allein gemacht aus Liebe zu Dir!«
»Elender Giftmischer! aus Liebe zu mir!« rief Georg Douglas; »Du wolltest solchen grausen Mord begehen und dabei meines Namens erwähnen?«
»Ei, und warum nicht, Georg?« erwiderte Drysesdale; »es bleiben mir bloß ein paar Atemzüge noch, aber ich will sie zu nichts anderm brauchen als hierzu: hast Du Dich nicht, zuwider der Ehre Deines Namens, der Treue gegen Deinen König zum Trotz, durch die Reize dieser Zauberin in Fesseln schlagen lassen? .. Wolltest Du ihr nicht beistehen zur Flucht? wolltest Du ihr nicht helfen, daß sie wieder auf ihren Thron gelange, den sie zu einer Stätte der Unzucht und des Greuels gemacht hat? .. Nein! nicht hinweg von mir! meine Hand, wenn sie auch schon erstarrt, hat noch Kraft genug, Dich zu halten, daß Du mich zu Ende hörst! War's nicht gar Deine Absicht, diese Hexe von Schottland zu heiraten? Na. Georg! kannst ja am Ende Glück damit haben, oft genug schon ist wenigstens ihre Hand wohlfeiler weggegangen als für den Preis, den Du dafür zahlen wolltest! Eine lumpige Unze Rattengift hätte Dich aber von diesem Elend, diesem Jammer frei gemacht!«
»Dryfesdale,« erwiderte Georg Douglas, »denk an Deinen Gott und sprich nicht weiter solch greuliche Worte! Kannst Du's, dann bereue Deine Tat! kannst Du es nicht, so schweige wenigstens! Komm, Seyton, hilf mir, dem Elenden in seinen letzten Augenblicken beizustehen, daß ihm bessre Gedanken kommen.«
»Seyton!« lallte der Sterbende, »Seyton? durch eines Seytons Hand falle ich endlich? Nun, darin liegt ein Grad Wiedervergeltung, denn seine Sippe hätte durch meinen Anschlag um ein Haar ein Glied, wenn auch ein weibliches nur, verloren!« Er richtete den Blick auf den Jüngling ... »wahrlich! fast ganz dieselben Züge! ganz das gleiche Aussehen! Jüngling, tritt näher, und laß mich Dich genau ansehn ... wenn wir uns in jener Welt treffen, dann möcht ich Dich nicht verkennen, denn wir Mörder gehören dort zu ein und derselben Gilde. Ich hab auch gemordet, aber nicht so jung angefangen wie Du, mein Junge, um so eher aber wirst Du am Ende Deiner Bahn sein ... seltsam! daß sich unser Wille doch immer den gewaltigen, unlenkbaren Wogen des Schicksals entgegenstemmt! warum kämpfen wir immer an gegen den Strom, statt uns von ihm treiben zu lassen? Ach, mein Kopf wird schwach und versagt mir den Gehorsam, diesen Dingen weiter nachzuforschen ... schade, daß mein alter Freund Schöfferbach nicht da ist. Georg Douglas, gehab Dich wohl! ich sterbe als treuer Diener Deines Vaters.«
Nach diesen Worten verfiel er in Zuckungen und verschied. Seyton und Douglas standen noch lange und blickten auf den Sterbenden. Dann verfügten sie sich zum Zweck ernster Betrachtungen in ihre Stube hinauf, wo sie aber bald durch den Eintritt des Wirtes gestört wurden, der Georg Douglas fragte, was mit der Leiche geschehen solle.
»Binde ihm einen Stein um den Hals,« sagte Seyton, »und wirf ihn in den Cleishersee! Dort mag er sehen, ob er Grund findet.«
»Nein,« sagte Douglas, »Keltie, Du bist mein alter Gönner! schaff ihn nach der Kirche von Bellingry, und erzähl irgend ein Märchen, daß er im Streit mit Gästen bei Dir umgekommen sei ...«
»Nicht doch, wenn es so sein soll, dann mag er die Wahrheit sagen, daß er im Kampfe mit Heinrich Seyton gefallen ist. Mir liegt kein Pfifferling dran, ob ich wegen dem Kerl Streit bekomme oder nicht.«
»Ein Streit mit Douglas war aber niemals etwas Geringes,« versetzte Georg, indem sich Unmut zu seinem Grolle gesellte.
»Nicht, wenn der beste des ganzen Geschlechts auf meiner Seite steht!«
»Wir wollen den Pater Ambrosius zu Rate ziehen,« sagte hierauf Douglas, »wir reiten ja doch noch heute abend nach Kinroß.«
Zwölftes Kapitel
Der Faden unsrer Erzählung führt uns nach dem Schlosse Lochleven zurück, und wir nehmen die Reihenfolge der Ereignisse mit dem merkwürdigen Tage wieder auf, an welchem Dryfesdale aus dem Schlosse geschickt wurde. Die Mittagszeit war vorüber, und zur Bewirtung der Königin, die sich in ihr Zimmer zurückgezogen hatte, wo sie eifrig mit Schreiben beschäftigt war, schienen keinerlei Anstalten gemacht zu werden. Die Dienerschaft war im vordern Zimmer beisammen und erging sich in Betrachtungen über den Aufschub der Mahlzeit, die ihr um so näher lagen, als sie ja zufolge des seltsamen Vorgangs um ihr Frühstück gekommen war.
»Mir scheint,« meinte Roland, »da die Herrschaften mit ihrem Gifte kein Glück gehabt haben, wollen sie es nun mit einer Hungerkur probieren. Zuzutrauen wär's ihnen!«
Lady Fleming fühlte sich durch diese Andeutung beklommen, tröstete sich aber mit dem Gedanken, daß ja die Küchenesse den ganzen Tag über tüchtig geraucht habe.
»Na, da kommen sie ja mit den Schüsseln über den Hof,« rief Katharina Seyton, die ans Fenster getreten war, »und Lady Lochleven wird das Amt eines Seneschalls selbst verrichten; sie kommt in ihrer schönsten und geschmacklosesten Saloppe, mit Krausen und Schleifen von Flor und im Reifrock von rotem Samt, wie er Mode war zu ihrer Großmutter Zeit.«
»Meiner Treu,« erwiderte der Page, gleichfalls ans Fenster treten, »es ist der gleiche, den sie trug, als sie das Herz Königs Jakob gewann und unsrer armen Königin das teure Juwel eines Bruders bescherte.«
»Recht wohl möglich, Herr Roland,« erwiderte Lady Fleming, die für alles, was mit Mode zusammenhing, ein scharfes Gedächtnis hatte, »da ja der Reifrock erst nach der Schlacht bei Pinkie durch die Königin-Regentin aufgebracht wurde ...«
In dieser wichtigen Erörterung wurde sie jedoch gestört durch den Eintritt der Lady Lochleven, die den Dienern vorausging, die mit den Schüsseln kamen. Sie vollzog mit allem Zeremoniell die Obliegenheit eines Seneschalls, von jeder Schüssel besonders zu kosten. Lady Fleming sagte ein paar verbindliche Worte, daß die Lady sich solcherweise ihretwegen bemühen müsse. Darauf erwiderte die Lady, »daß es nach einem so seltsamen Vorfall die Ehre ihres Hauses und ihres Sohnes erheische, daß sie von allem künftighin mitgenieße, was dem unfreiwilligen Gaste ihres Hauses zur Nahrung geboten werde.« Dann bat sie, »Lady Maria in Kenntnis zu setzen, daß sie sich zu ihren Befehlen halte.«