»Ueber die Beschränkung Unsers Hofstaats dürfen Wir Uns wahrlich nicht beklagen, wenn Wir wahrnehmen, daß Unsre holde Frau Wirtin selbst sich so vielen Obliegenheiten unterzieht. Nicht bloß mit den Aemtern eines Hofmarschalls und Großalmoseniers begnügt sie sich, jetzt versieht sie auch noch den Dienst eines Hauptmanns unsrer Leibwache.«
»Und wird das auch hinfort tun,« entgegnete Lady Lochleven mit hohem Ernst, »die Geschichte Schottlands lehrt uns ja, wie schlecht ein Geschäft betrieben werden kann, wenn es in die Hände eines Günstlings gelegt wird ...« »O, meine Liebe,« erwiderte die Königin, »mein königlicher Vater hatte wohl auch Günstlinge im Unterrock, sollte ich meinen.. zum Beispiel die Ladies Sandland und Olifaunt, und noch diese und jene andre, deren Namen sich freilich im Gedächtnis einer so vielbeschäftigten und würdigen Dame, wie der Lady Lochleven, nicht festsetzen können.«
Lady Lochleven warf einen Blick auf die Königin, als wolle sie sie zermalmen; aber sie beherrschte ihre Wut und entfernte sich, mit dem schweren Schlüsselbund in der Hand, aus dem Zimmer.
»Gott sei Dank, daß er dieses Weib in der Jugend nicht schärfer gehütet hat!« sagte die Königin, »denn hätte sie nicht diese verwundbare Stelle, so verschwendete ich doch all meine Worte umsonst an sie! ... Aber dieser Fleck ist das unmittelbare Widerspiel eines Hexenmales ... Hier läßt sich Empfindung wecken, so unempfindlich dieses Geschöpf auch sonst ist ... Aber, Mädchen! hier stehen wir vor einer neuen Schwierigkeit! Wie ist den Schlüsseln beizukommen? Dieser Heiduk ist doch nicht bestechlich und auch nicht zu hintergehen.«
»Darf ich fragen,« nahm der Page das Wort, »ob Eure Gnaden außerhalb der Schloßmauern über Mittel und Wege verfügen, über den See nach dem Lande hinüber zu gelangen, und dort auch Schutz finden werden?«
»Gewiß, Roland, das überlaß nur uns!« erwiderte die Königin.
»In diesem Falle dürfte ich Euer Gnaden von Nutzen sein können,« erwiderte der Page.
»Und wie, mein Sohn? Sage ohne Furcht, was Du im Sinne hast!« ermutigte ihn die Königin.
»Der Ritter von Avenel hielt darauf, seine Pagen auch im Schmieden der Waffen zu unterrichten, und Fräulein Seyton ist es ja bekannt, daß ich in diesem Handwerk Uebung besitze, denn ich habe ihr ja in der Zeit unsers Beisammenseins auf dieser Burg eine silberne Arbeitsnadel geschmiedet.«
»Schön, aber Ihr solltet dabei nicht unbemerkt lassen, daß die Nadel so schlecht war, daß sie schon am andern Tage zerbrach,« bemerkte Katharina Seyton.
»Es hat ihr bitterleid getan, daß sie so ungeschickt war,« sagte die Königin, »und sie hat die Stücke im Busen geborgen... Aber was unsre Sache angeht, sollte es Dir möglich sein, mein Sohn, eine neue Garnitur Schlüssel zu schmieden?«
»Das nicht, gnädigste Frau, weil mir die Bärte nicht in einem Wachsabdruck vorliegen. Aber daß ich ein Bündel Schlüssel machen könnte, das ungefähr so aussieht wie dieses verhaßte Schlüsselbund, und daß man ihn dann dagegen vertauschen könnte, das glaube ich bestimmt.«
»Hierbei würde es von Vorteil sein, daß Lady Lochleven stark kurzsichtig ist. Aber wie sieht's mit der Schmiede aus?... und wie willst Du unbemerkt arbeiten können?«
»Die Schmiede ist im runden Gewölbe am untern Turm. Ich habe dort schon dann und wann mit dem Schmied gearbeitet. Weil er im Verdacht stand, es zu viel mit Georg Douglas zu halten, ist er zusammen mit dem Turmwart aus dem Dienste entlassen worden. Es wird nicht auffallen, wenn man mich dort arbeiten sieht, und um einen Vorwand, Blasebalg und Amboß zu brauchen, werde ich kaum in Verlegenheit sein.«
»Nun, so mach Dich ohne Zaudern an die Arbeit; doch achte, daß Du nicht entdeckt wirst,« sagte die Königin.
»Ich werde mich vor zufälligen Besuchern dadurch schützen, daß ich den Riegel vorschiebe, so daß mir Zeit bleibt, meine Arbeit beiseite zu tun, bevor ich aufmache.«
»Nun, so wollen wir für die Nacht scheiden,« sagte die Königin, »Gott segne Euch, meine Kinder! und erhebt sich Marias Haupt je über die Fluten, dann sollt Ihr Euch erheben mit ihr!«
Dreizehntes Kapitel
Rolands Unternehmen schien zu gelingen, denn er verstand es geschickt, die Aufmerksamkeit von seiner eigentlichen Arbeit durch Anfertigung von allerhand Kleinigkeiten abzulenken. Bald hatte er eine Anzahl von Schlüsseln, an Gestalt und Schwere denen gleich, die allabendlich der Burgherrin von Lochleven überreicht wurden, geschmiedet; mit Salzwasser brachte er die dunkle, rostige Farbe hervor, die die Schlüssel bedeckte, und im Vollgefühl seiner Kunst überreichte er sie eines Abends der Königin etwa eine Stunde vor dem Abendläuten. Mit froher, aber auch bedenklicher Miene betrachtete sie Rolands Arbeit.
»Ich glaube schon, daß die Augen von Lady Lochleven sich hierdurch täuschen lassen mochten. Aber wie sollen wir es bewerkstelligen, daß wir ihr diese Schlüssel unterschieben? wer an unserm kleinen Hofe soll sich diesem Taschenspielerkniffe unterziehen?«
»Vielleicht fände sich auch hierfür ein Weg,« erwiderte Roland, »ich fürchte nur die Schildwache, die jetzt nachts im Garten ausgestellt wird, und bei der wir notwendigerweise vorbei müssen.«
»Die letzten Nachrichten, die wir von unsern Kinrosser Freunden erhalten haben, sagen uns in dieser Hinsicht Beistand zu,« erwiderte die Königin.
»Und Eure Gnaden sind der Treue und Wachsamkeit dieser auswärtigen Freunde versichert?« fragte Roland.
»Für ihre Treue stehe ich ein mit meinem Leben und für ihre Wachsamkeit nicht minder,« erwiderte die Königin. »Den Beweis hierfür will ich Dir sogleich geben, mein Sohn. Komm, Katharina, begleite Uns in Unser Kabinett. Du weißt, was ich Roland dort zeigen will. Aber ich begebe mich der bösen Zungen in Lochleven halber nicht allein mit einem jungen Manne in mein Kabinett. Oder besser noch, Fleming, komm Du mit! Deine ehrbare Gegenwart wird für Roland eine bessere Gewähr sein!« setzte sie mit einem lächelnden Seitenblick auf Katharina hinzu, »aber, Schatz! nicht eifersüchtig deshalb!«
In dem kleinen Zimmer, das nur durch ein Erkerfenster Licht erhielt, zeigte die Königin Roland die Stelle am jenseitigen Ufer, wo Kinroß lag, und wo die Abendlichter zu flackern begannen ...
»Siehst Du das einzelne Flämmchen dort, getrennt von den übrigen Lichtern, und ein Stück naher am See als die andern? So klein es Dir erscheint, so ist es doch Maria Stuart mehr wert, als jeglicher Stern am Himmelsfirmament. An diesem Zeichen erkenne ich, daß mehr als ein treues Herz auf meine Befreiung sinnt, und ohne dieses Zeichen wäre ich längst meinem Schicksal erlegen, wäre ich längst an gebrochenem Herzen gestorben, Plan auf Plan ist entworfen worden, und Plan auf Plan ist aufgegeben worden, aber noch immer flimmert das Licht, und so lange es flimmert, so lange erstirbt auch meine Hoffnung nicht.«
»Irre ich mich nicht,« bemerkte Roland, »so leuchtet das Licht in dem Häuschen des Gärtners Blinkhoolie?«
»Du hast ein scharfes Auge, mein Sohn,« versetzte die Königin, »ja, dort weilen meine Getreuen und halten Rat über das Werk meiner Befreiung. Die Stimme der armen Gefangnen möge früher auf diesen Wogen verhallen, als sie zu ihren Ohren hinüber dränge, und doch kann ich mich mit ihnen verständigen ... Ich will Dir alles vertrauen. Ich will jetzt bei meinen Getreuen Anfrage halten, ob der Augenblick für das große Werk gekommen ist ... Fleming, setz die Lampe ins Fenster!«
Sie gehorchte, nahm sie aber sogleich wieder weg. Im selben Augenblick verschwand auch in der Gärtnerhütte das Licht.
»Nun zähle,« sagte die Königin, »mir schlägt das Herz zu laut, daß ich selbst zu zählen vermöchte.«
Lady Fleming zählte bis zehn, und dann zeigte das Licht wieder seinen schwachen Schimmer.
»Nun,« sprach die Königin, »Lob und Preis sei unsrer lieben Frau! ... vor kaum zwei Nächten konnte ich noch zählen bis dreißig, ehe der Lichtschein wieder sichtbar war. Die Stunde der Befreiung rückt näher. Gott möge die segnen, die mit solcher Treue für mich am Werke sind ... Aber wir müssen zurück ins andre Zimmer, denn unsre längre Gegenwart hier möchte Verdacht erregen.«