Sie verließen das Kabinett der Königin, und der Abend nahm seinen weiteren Verlauf wie gewöhnlich. Aber am folgenden Tage, um die Mittagsstunde, trug sich ein Vorfall zu, der die gleichmäßige Ruhe störte. Während Lady Lochleven bei der Mahlzeit der Königin anwesend war, kam ein Diener mit der Meldung, ein Gewappneter fordre Einlaß ins Schloß.
»Hat er die Losung gegeben?« fragte die Lady.
»Er spart sie wohl auf für das Ohr von Euer Gnaden,« erwiderte Randal, der Diener.
»Befiehl ihm, in der Halle auf mich zu warten,« beschied ihn die Dame, »doch nein, mit Eurer Erlaubnis, gnädigste Frau, bring ihn hierher!«
»Wenn es Euch beliebt, Eure Diener hier zu empfangen, ohne meine Einwilligung abzuwarten,« sagte die Königin, »so bleibt mir freilich keine Wahl.«
»Meine Kränklichkeit mag mir als Entschuldigung dienen,« erwiderte Lady Lochleven; »das Leben, das ich hier führen muß, paßt schlecht zu den früher verlebten Jahren; ich muß deshalb von mancher Förmlichkeit Abstand nehmen.«
»Ach, meine gute Lady,« versetzte darauf die Königin, »ich wünschte, es gebe in diesem Schlosse nichts, was schlimmern Zwang übte, als Förmlichkeitsrücksichten. Aber Schloß und Riegel sind doch noch bösere Gesellen.«
Unterdes trat der von Randal gemeldete Knappe ins Zimmer, in welchem Roland auf den ersten Blick den Pater Ambrosius erkannte.
»Euer Name, Freund?« fragte Lady Lochleven.
»Eduard Glendinning,« erwiderte mit geziemender Verbeugung der Abt.
»Bist Du verwandt mit dem Ritter von Avenel?« fragte die Lady.
»Jawohl, gnädige Dame, sehr nahe,« antwortete der Abt.
»Wahrscheinlich genug, denn der Ritter ist, was er ist, durch seine Taten und von geringer Abkunft zu seinem jetzigen hohen Stande im Staate gestiegen. Aber er ist von unbescholtner Treue und von erprobtem Werte, und sein Verwandter sei uns willkommen! Ihr bekennt Euch doch zu dem allein wahren Glauben?«
»Des dürft Ihr Euch überzeugt halten, gnädigste Dame!« versetzte der Abt.
»Gab Dir Sir William eine Losung?« fragte die Dame weiter.
»Ja! doch soll ich sie Euch im Vertrauen sagen!«
»Du hast recht,« sagte die Lady und trat mit dem Fremden in eine Fensternische... »So sag mir die Losung!«
»O Douglas, Douglas! lieb und treu!« sagte der Knappe.
»Es ist in Ordnung, Glendinning. Wir nehmen Dich in unser Gefolge auf. Doch, Randal, sorge, daß er nur die Außenwacht übernimmt! wenigstens bis wir aus seinem Munde Näheres gehört haben über unsern Sohn... Du bist doch Nachtluft gewohnt, oder scheust Du Dich vor ihr?«
»Ich scheue mich im Dienste Euer Gnaden vor nichts,« versetzte der Abt in Knappentracht. »So wäre denn unsre Besatzung durch solchen Zufall um einen treuen Mann verstärkt,« sagte Lady Lochleven, sichtlich erfreut. »Begebt Euch in die Speisekammer und laßt Euch reichlich bewirten.«
Kaum hatte sich die Lady mit dem Pseudo-Knappen entfernt, als die Königin sich zu Roland mit den Worten wandte:
»Ich erblicke Trost in den Zügen des fremden Mannes, wenn ich auch nicht weiß, warum es mir so zu Mute ist. Aber ich bin überzeugt, daß er uns ein Freund ist.«
Der Page unterrichtete die Königin, daß es der Abt des heiligen Marienklosters in Person sei, der hier in der Rolle des Kriegsknappen sich Eintritt ins Schloß verschafft habe.
Die Königin bekreuzte sich und sandte einen Blick gen Himmel.
»Ich unwürdige Sünderin,« sprach sie, »um meinetwillen setzt sich ein heiliger Mann von so hohem Rang in Gefahr, als Verräter zu sterben, und wechselt sein heiliges Kleid mit dem profanen Gewand eines Kriegsmanns!«
»Der Himmel wird seinen Diener schützen!« sagte Katharina. »Segnen würde seine Teilnahme unser Unternehmen, wäre es nicht schon gesegnet an sich selbst!«
»Und was das Zeichen vom andern Ufer angeht, so sagt mir mein Herz,« warf Katharina dazwischen, »daß wir heut nacht statt eines Flämmchens vom Garten Blinkhoolies zwei sehen werden! Und dann, Roland, gilt's! sei wacker, wie bisher, und wir wollen, gleich Feen zu mitternächtiger Stunde, auf dem grünen Rasen tanzen und springen.«
Katharina hatte recht. Am Abend flimmerten drüben über dem See zwei Flämmchen statt eines, und der Page hörte mit klopfendem Herzen, wie draußen vorm Schlosse der neue Knappe zur Wache bestellt wurde. Als er die erste Kunde hiervon der Königin überbrachte, reichte sie ihm die Hand. Er kniete nieder, führte die Hand in schuldiger Ehrfurcht an die Lippen und fühlte, daß sie kalt war wie Marmor.
»Um Gottes willen, gnädigste Frau,« rief die Fleming, »betet zu Eurem Schutzheiligen!«
»Betet zu den hundert Geistern der Königsreihe, von der Ihr abstammt!« sagte Roland wieder, »in dieser Stunde der Not wäre die Entschlossenheit eines Fürsten soviel wert wie der Beistand von hundert Heiligen!«
»Ach, Roland Gräme, sei mir treu,« sagte Maria im Tone höchster Verzagtheit, »sei mir treu – so manche sind falsch gegen mich gewesen! – Ach, und ich war mir selbst nicht treu!... Meinem Herzen ahnt es, daß ich in der Sklaverei sterben werde, daß dieses kühne Werk allen das Leben kosten werde! ... Von einer Wahrsagerin ist mir in Frankreich gekündet worden, daß ich im Gefängnis eines gewaltsamen Todes sterben werde ... Jetzt naht sie, die schwere Stunde!«
»O, gnädigste Frau,« rief Katharina Seyton, »erinnert Euch, daß Ihr eine Königin seid! Es ist besser, wir finden bei dem mutigen Werk alle unsern Tod, als daß wir hier bleiben, in Gefahr, den Tod durch Gift zu leiden, durch böses Gewürm, wie es in allem alten Gemäuer haust.«
»Du hast recht, Katharina,« erwiderte die Königin, »Maria wird sich zeigen Marias würdig. Aber, ach! ach! Dein jugendlicher, kräftiger Mut vermag die Ursachen nicht wohl zu erraten, die den meinigen brachen. Lebt wohl für ein paar Augenblicke, Kinder! ich will Geist und Leib bereiten zu diesem furchtbaren Abenteuer.«
Sie gingen voneinander und blieben getrennt, bis das Abendläuten sie wieder zusammenrief. Die Königin war ernst, aber fest und entschlossen. Lady Fleming verstand es meisterhaft, die Bangigkeit, die ihr Herz erfüllte, durch die Kunst der Hofdame zu verbergen; Katharinas Augen leuchteten von mutvollem Feuer, und ihren schönen Mund umspielte ein muntres Lächeln, das jeder Gefahr und aller Furcht vor Entdeckung zu spotten schien; Roland suchte sich in dem Bewußtsein, daß der Erfolg zum großen Teil von seiner Gewandtheit und Festigkeit abhängig sei, alle Geistesgegenwart zu erhalten, und stand, gleich dem Jagdhund an der Leine, Hand, Herz und Auge gespannt, alle Gelegenheit zur Durchführung des Anschlags wahrzunehmen.
Lady Lochleven stand mit dem Rücken dem Fenster zugekehrt, das, wie das im Schlafkabinett, nach Kinroß und auf die Kirche hinaus sah, die ein Stück vom Dorfe dem See näher lag und damals nur durch wenige Hütten mit ihm im Zusammenhang stand. Das Gesicht hielt sie dem Tische zugewandt, auf dem für die kurze Zeit, die sie zum Kosten der Speisen brauchte, das Schlüsselbund lag; ihre Miene war – so meinten wenigstens die Gefangnen – herausfordernder denn sonst, ihr Blick fester als sonst auf das Werkzeug strenger Haft gerichtet. Gerade als sie nach dem Bunde greifen wollte, warf der Page den Blick nach Kinroß hinüber und rief, er sehe ja Totenlichter auf dem Friedhofe; die Lady war zwar vom Aberglauben, der zur damaligen Zeit die Gemüter beherrschte, ziemlich frei, aber sie gedachte des Schicksals ihrer Söhne, ein sogenanntes Totenlicht auf dem Friedhofe bedeute Todesfall in der Familie, und so drehte sie sich um, in der Absicht, zum Fenster hinaus zu sehen; sie sah die Flämmchen flimmern, die für die Gefangnen Signale waren, und vergaß auf einen Augenblick ihr Amt, und ging nun der Früchte ihrer Wachsamkeit verlustig. Mit großer Gewandtheit vertauschte der Page die selbstgeschmiedeten Schlüssel, die er unter dem Mantel trug, gegen die echten, hatte aber ein schwaches Geklirr doch nicht verhüten können. Im Nu fuhr die Lady mit dem Kopfe herum und rief: »Wer rührt an meinen Schlüsseln?« der Page sagte, er habe mit dem Aermel daran gestreift; sie aber sah sich um, griff nach dem Schlüsselbund, ohne gewahr zu werden, daß sie das falsche nahm, und blickte wie er hinüber nach den vermeintlichen Totenlichter.