»Mir scheint,« sagte sie, »die Lichter kommen nicht vom Friedhofe, sondern von Blinkhoolies Hütte herüber. Was der alte Mann wohl vorhat, daß er seit kurzem immer bis in die Nacht hinein Licht brennt? Ich habe ihn immer für einen ruhigen, fleißigen Mann gehalten; nimmt er jedoch Nachtschwärmer und Tagediebe bei sich auf, dann werden wir Sorge tragen müssen, daß er seinen Aufenthalt wechselt.«
»Er mag wohl Körbe flechten, gnädige Frau,« sagte der Page in der Absicht, ihre Aufmerksamkeit abzulenken.
»Oder Netze, wie?« erwiderte die Lady.
»Kann auch sein,« versetzte der Page, »für den Forellen- und Lachsfang, dem er ja obliegt.«
»Oder für Narren- und Schurkenfang!« rief die Lady Lochleven grimmig. »Doch morgen soll das untersucht und festgestellt werden!« Dann wandte sie sich zu der Königin. »Für heute wünsche ich Euer Gnaden und Eurer Gesellschaft guten Abend. Randal, komm mit uns mit!«
Die Lady verschwand mit ihrem Diener, dem sie das Schlüsselbund in die Hand gelegt hatte. Roland aber rieb sich vergnügt die Hände, daß ihm sein Streich gelungen war, und sagte zu Katharina:
»Narren verschieben auf morgen, was gescheite Leute heute tun. Doch ich muß jetzt gehen, diese Werkzeuge zur Freiheit gut zu schmieren, daß sie durch Knarren uns nicht verraten. Mut und Ausdauer! dann wird alles gut gehen. Wenn nur unsre Freunde rechtzeitig mit dem Boote zur Stelle sind!«
»Ihretwegen seid ohne Furcht!« sagte Katharina, »sie sind treu wie Gold – wenn bloß unsre teure Gebieterin den Mut nicht sinken läßt, der sie so lange aufrecht erhalten hat!« »Zweifle nicht an mir, Katharina,« sprach die Königin, »wenn ich vor einer Weile noch unterlag, so habe ich doch den Mut der früheren, fröhlicheren Tage wiedergefunden, als ich mit meinen bewaffneten Adelingen durch Wald und Flur ritt und das Verlangen im Herzen trug, ein Mann zu sein, um zu lernen, wie es sich lebt im Felde, mit Schild und Schwert, mit Panzer und Brotbeutel.«
»O, keine Lerche singt froher als ein lustiger Soldat,« rief der Page; »bald, bald wird sich Eure königliche Majestät in der Mitte ihres Heers befinden, und das Auge der Königin wird in jedes Mannen Herz erhöhten Mut pflanzen! Aber ich muß jetzt an meine letzte Arbeit! Entschuldigt also, Eure Gnaden!«
»Es bleibt nur wenig Zeit noch,« sagte die Königin, »eins von den beiden Lichtern ist verloscht. Das ist uns ein Zeichen dafür, daß eins der Boote schon unterwegs ist.«
»Die Leute werden nur langsam rudern,« erwiderte der Page, »stellenweis werden sie es, kein Geräusch zu machen, schieben müssen. Aber jetzt jeder auf seinen Posten! Ich will im Vorbeigehen Rücksprache mit dem frommen Vater nehmen.«
Die Mitternachtsstunde schlug, Totenstille herrschte im Schlosse, als die Glocke verklungen war. Da schob der Page den Schlüssel in das Schloß des Pförtchens, das sich unterhalb der zu den Zimmern der Königin in den Schloßgarten führenden Wendeltreppe befand. Der Riegel leistete nur geringen Widerstand, und das Schloß knarrte kaum, Roland hatte die Schlüssel gut geölt. Aber er wagte es nicht, den Fuß über die Pforte hinaus zu setzen, sondern flüsterte dem verkleideten Abte bloß die Frage zu, ob das Boot bereit sei.
»Schon seit einer halben Stunde,« antwortete dieser, »unter dem Wall, zu dicht an der Insel, um vom Turmwart gesehen zu werden, aber wenn es abstößt, wird es den Späherblicken desselben wohl kaum entgehen.«
»Die Dunkelheit wird uns schützen,« erwiderte der Page, »wir werden suchen, so unbemerkt abzustoßen, wie die Leute gelandet sind. Zudem hat Hildebrand die Wache auf dem Turm, ein Tölpel, der nie ohne einen vollen Krug auf Nachtwache zieht. Der schläft doch sicher!«
»So hole die Königin!« flüsterte der Abt, »ich will Heinrich Sehton rufen, er soll den Herrschaften beim Einsteigen helfen.«
Leisen Schrittes, mit verhaltenem Atem, zusammenschreckend beim leisesten Rascheln der eignen Gewänder, schlüpften die holden Gefangnen, eine hinter der andern, von Roland geleitet, die Wendeltreppe hinunter und wurden am Pförtchen von Heinrich Seyton und dem Abte in Empfang genommen. Der erstere schien die Leitung des ganzen Unternehmens in die Hand genommen zu haben.
»Hochwürdiger Abt,« flüsterte er, »reicht meiner Schwester den Arm, ich werde die Königin geleiten, der junge Mann hier wird die Ehre haben, sich der Lady Fleming anzunehmen.«
Roland mußte sich fügen, denn Zeit zu einem Einspruch war nicht vorhanden. Freilich hätte Roland eine andre Anordnung lieber gesehen, Katharina hüpfte gleich einer Sylphide voraus und führte mehr den Abt, statt von ihm geführt zu werden. Die Königin, deren angeborener Mut alle Furcht und alle Bedenken besiegte, schritt unter Seytons fester Hand festen Schrittes voran, während die Fleming für Roland ihrer Ängstlichkeit und Unbeholfenheit wegen eine rechte Last war. Er bildete mit ihr den Nachtrab, und während er sie an der einen Hand führte, trug er unter dem andern Arm ein Päckchen für die Königin. Roland trat, als er die Wendeltreppe glücklich mit seiner Dame herunter gestiegen war, an die Gartentür und versuchte sie mit einem der in seiner Hand befindlichen Schlüssel zu öffnen, mußte aber mehrere probieren, ehe er den richtigen fand. Darüber verstrich ein banger Augenblick. Endlich gab die Tür nach, und nun wurden die Damen von Männern, die bislang, im Rasen versteckt, auf dem Boden gelegen hatten, zum Boote, das ihrer mit sechs Ruderern im See wartete, halb geführt, halb getragen. Heinrich Seyton führte die Dame in das Hinterteil des Bootes, der Abt wollte Katharinen beim Einsteigen helfen, aber die Maid war mit einem Satze im Boote, noch ehe der Abt den Arm erhoben hatte, ihn ihr zu reichen, und Roland wollte grade der Lady Fleming den gleichen Ritterdienst erweisen, als ihm plötzlich ein Gedanke in den Sinn schoß. Mit dem Rufe: »Ich hab was vergessen. Wartet bloß eine Minute auf mich!« warf er, es seiner Dame überlassend, wie sie zurechtkäme, das Paket der Königin in das Boot und eilte, geräuschlos wie ein leichtbeschwingter Vogel, durch den Garten zurück.
»Beim Himmel!« rief Seyton, »noch im letzten Moment bricht er die Treue. Gefürchtet hab ich es ja immer.«
»Er ist treu, wie der Himmel selbst!« rief Katharina, »dafür stehe ich ein.«
»Still, Püppchen!« erwiderte Seyton, »Dein Urteil gilt mir nichts. Stoßt ab, Leute, und rudert auf Tod und Leben!« »Helft mir an Bord!« rief ängstlich, und lauter als sie mochte, die Fleming, »helft mir an Bord!«
»Stoßt ab! stoßt ab!« befahl Seyton; »laßt alles schießen, wenn bloß die Königin in Sicherheit ist.«
»Gnädigste Frau, wollt Ihr das zugeben?« rief da Katharina flehend; »soll Euer Retter dem sichern Tode anheimfallen?«
»Nein! das soll nicht sein!« sagte die Königin .. »Seyton, ich befehle Euch, zu warten, auf jede Gefahr!«
»Verzeiht mir, gnädigste Name, wenn ich ungehorsam bin,« erwiderte der unbeugsame Jüngling, und nachdem er schnell der Fleming noch ins Boot geholfen hatte, gab er dem Boote selbst einen Tritt mit dem Fuße und sprang dann hinterher.
Etwa Zwei Klaftern weit war es vom Lande, als Roland am Ufer erschien und mit einem Satze im Wasser war, es noch zu erreichen. Mit einem zweiten Satze war er im Boote, rannte aber dabei Seyton über den Haufen, der darüber einen derben Fluch ausstieß. Als Roland nach dem Hinterteil des Bootes gehen wollte, wo sich die Damen befanden, trat ihm Seyton in den Weg mit den Worten: