»Euer Platz ist nicht bei hochgebornen Damen. Bleibt vorn und sorgt, daß das Boot nicht aus dem Gleichgewicht kommt ... Na, Platz da! versteht Ihr nicht Schottisch? .. Leute, rudert, rudert um Gottes und der Königin willen!«
»Warum habt Ihr die Ruder nicht umwickelt?« flüsterte Roland, »das Plätschern muß ja die Wache wecken ... Bursche, rudert, daß Ihr aus Schuhweite kommt! hätte der alte Hildebrand nicht heut einen Teller Mohnsuppe geschluckt, dann hätt er schon längst von Eurem Geflüster munter sein müssen.«
»Du bist allein an der Säumnis schuld!« rief Seyton. »Wenn wir drüben am Lande sind, sollst Du mir hierfür und für manch andres Rede und Antwort stehen!«
Aber Rolands Befürchtung bewahrheitete sich schnell genug, so daß er sich einer Antwort hierauf enthalten mußte. Die Wache hatte in ihrem Schlummer wohl das Geflüster der Stimmen nicht gehört, aber das Plätschern der Ruder machte sie munter, und jetzt vernahm man den Alarmruf: »Ein Boot! ein Boot! haltet an, oder ich schieße!«
Und als die Ruderer nur um so derber sich ins Zeug legten, schrie die Wache mit Stentorstimme: »Verrat! Verrat!« schoß ihre Feuerbüchse nach dem Boote ab und zog die Glocke.
Wie gescheuchte Vögelchen drängten sich die Damen zusammen, als der Schuß über das Wasser dröhnte. Die Ruderer setzten die besten Kräfte ein. Andre Kugeln pfiffen nun über die Wasserfläche, und im ganzen Schlosse fing es an, lebendig zu werden.
»Stemmt Euch gegen die Ruder!« rief Seyton, »zieht an, daß Euch das Blut unter die Nägel tritt, oder ich will's Euch mit dem Dolche aus dem Leibe zapfen ... gleich wird uns von drüben ein Boot auf den Hacken sein!«
»Daß das nicht der Fall sein kann, dafür ist gesorgt!« bemerkte Roland kalt und ruhig, »denn ich bin vorhin nochmals zurückgeeilt, um die schweren Hauptriegel vor die Tore zu legen. In dieser Nacht wird kein Boot aus Lochleven mehr über den See fahren, denn mit den falschen Schlüsseln können sie die Tore nicht öffnen, und ehe sie sich bei Tage von ihrem Verlust überzeugen weiden, sind wir in Sicherheit ... Und nun lege ich mein Schließeramt von Lochleven nieder, und übergebe das Schlüsselbund der Nixe tief unten am Grunde.«
Als die schweren Schlüssel unter dem Wasser verschwanden, sagte der Abt:
»Gottes Segen über Dich, mein getreuer Sohn! Deine Klugheit und Vorsicht, Dein Mut und Dein Eifer beschämt uns alle!«
Als das Boot aus Büchsenschußweite gebracht worden war, schöpfte die Königin Atem und gewann langsam die Ruhe wieder. Dann sagte sie:
»Die Treue und Klugheit meines Knappen zog ich nie in Zweifel. Ich muß ihn mit meinen beiden nicht minder getreuen Rittern Douglas und Seyton als einen lieben Freund ansehen .. aber wo ist Douglas?«
»Hier, gnädigste Dame!« antwortete eine tiefe Stimme aus der Reihe der Ruderer; sie kam aus der Brust des ihr zunächst sitzenden, der das Steuer lenkte.
»Also decktet Ihr mich mit Eurem Leibe, als die Kugeln um das Boot pfiffen?« fragte die Königin gerührt.
»Seid Ihr der Meinung, ein Douglas überließe einem andern die Gefahr, das Leben seiner Königin durch das eigne zu schützen?«
Hier wurde die Unterhaltung durch schwerere Schüsse gestört, die vom Schlosse nach dem Boote herüberstrichen. Man feuerte jetzt aus den Falkonetten, leichteren Kanonen, die damals zur Bollwehr für Schlösser und Burgen im Brauch waren. Aber die Schüsse waren aufs Geratewohl gefeuert worden, da das Boot mittlerweile verhältnismäßig weit aus Sehweite gelangt war. Der dumpfe Knall indes, der jedem Schusse vorausging, und die Blitze, die vom Schlosse herüberzuckten, waren für die Damen doch ein Gegenstand großen Schreckens. Endlich stieß das Boot ans Land, und zwar an einem primitiv angelegten Landungsplätze vor einem großen Garten, und während hier der Abt Gott für das bisherige Gelingen inbrünstig dankte, erntete Douglas den schönsten Dank für seine Treue, denn er durfte die Königin am Arme nach der Gärtnerhütte geleiten. Aber die Königin vergaß auch jetzt der Dienste Rolands nicht und befahl ihm, Katharina den Arm zu reichen, während sie Seyton befahl, sich der Lady Fleming anzunehmen. Aber Seyton übergab diese Sorge dem Abte unter dem Vorwande, daß er sich nach den Pferden umsehen müsse, und seine Mannen beeilten sich, indem sie die Ruderermäntel abwarfen, ihm hierin beizustehen.
In der kurzen Zeit, die nun die Königin in der Hütte verweilte, bemerkte sie in einem Winkel den alten Mann, dem die Hütte gehörte, und rief ihn zu sich. Mit Widerstreben folgte er dem Rufe.
»Aber, Bruder,« sagte der Abt Ambrosius, »so langsam, wenn es gilt, Deiner erlauchten Königin und Gebieterin Glück zu ihrer Befreiung aus schmählicher Haft zu wünschen?«
Der Greis kam dieser Aufforderung mit ein Paar schicklichen Worten nach. Die Königin dankte ihm huldvoll und reichte ihm als Belohnung seiner Treue eine kleine Börse ... »Nehmt sie,« sagte sie, »Eure Wohnung ist lange genug Zufluchtsort für unsre getreuen Diener gewesen. In Zukunft gedenken wir solche Dienste besser zu lohnen.«
»Danke der Königin für solche Huld, Bruder, und kniee nieder!« sagte Abt Ambrosius.
»Bruder,« antwortete der Gärtner, aber mit verdrießlicherer Stimme als bisher, »Du standest einst verschiedene Stufen unter mir und bist um manches Jahr jünger als ich. Drum laß mich danken auf meine Weise! Es hat Tage gegeben, da Königinnen vor mir knieten, und meine Kniee sind zu alt und steif geworden, daß ich sie beugen könnte, selbst vor solch holdseliger Dame wie dieser! ... Gestatten Eure Gnaden mir die bescheidene Bemerkung, daß es mir der schönste Lohn wäre, wenn sie in Zukunft ihren Aufenthalt recht weit von dieser Stätte stiller Zurückgezogenheit nehmen wollte, die über Gebühr durch den mitternächtigen Verkehr von Dienern Eurer Gnaden gelitten hat. Weiß ich doch kaum, ob ich es noch mein Eigentum nennen darf! alle Blumen haben sie mit ihren schweren Stiefeln niedergetreten, und seit sie sogar ihre Streitrosse hergeführt haben, ist es um all mein Obst geschehen ... Ich bin ein Greis, hoch an Jahren, und möchte gern die paar Jahre, die mir der Herr in seiner Güte noch verleihen wird, in Ruhe und Frieden verbringen.«
»Gern versprech ich Euch, daß mich die Mauern dort drüben nicht wieder sehen sollen, guter Mann,« antwortete die Königin, »aber nehmt immerhin dies bißchen Geld! es mag doch halbwegs im stande sein, den Schaden auszugleichen, den Ihr erlitten habt.«
»Vielen Dank, Euer Gnaden!« antwortete der Greis, »aber es wird mir kaum Entschädigung sein können. Die zerstörte Arbeit eines Jahres läßt sich von einem Menschen, der vielleicht bloß ein Jahr noch zu leben hat, nicht leicht wett machen. Zudem höre ich, daß ich diesen Ort werde meiden und wieder zum Pilgerstabe greifen müssen. Das ist für einen Greis in meinem Alter eine harte Zuversicht. Außer diesen paar Blumen und Obstbäumen nenn ich nichts mein eigen, höchstens noch ein Paar Dokumente und Familienpapiere, Geheimnisse bergend, der Mitteilung und Kunde wohl kaum wert. Hätt ich dem Golde angehangen, so hätte ich Klosterabt von Sankt-Marien bleiben können; und doch, wenn ich denke, daß aus meinem Nachfolger Ambrosius ein Kriegsmann geworden mit Schild und Tartsche, so ist mir das Los als Gärtner doch lieber, denn es entspricht dem Leben eines Bonifazius doch besser!«
»Ist dies wirklich Abt Bonifazius, von dem ich so viel gehört habe?« sprach die Königin. »Das Knie hätt ich vor Euch beugen sollen, daß Ihr mich segnet, frommer Vater!«
»Beugt nicht das Knie vor mir, Fürstin! aber der Segen eines Greises, der kein Abt mehr ist, möge Euch begleiten über Berg und Tal ... Ich höre das Getrappel Eurer Rosse.«
»Lebt wohl, mein Vater!« sagte die Königin, »wenn Wir Unsern Thron zu Holyrood wieder bestiegen haben, wollen Wir Eurer und Eures Gartens huldvoller gedenken!«
»Vergeßt mich und den Garten, Fürstin,« sagte der Ex-Abt, »und Gott sei mit Euch!«
In düsterm Selbstgespräch verschwand der Greis hinter seiner Pforte und verwahrte sie durch Schloß und Riegel.