»Was soll das heißen, Douglas?« fragte die Königin. »Warum flieht derjenige, dessen kühnem Plane ich meine Freiheit doch nur zu danken habe, Unsre gesellige Tafel?«
»Gnädigste Frau,« erwiderte Douglas, »all die Lords, denen Ihr die Gnade Eurer Gegenwart gewährt, führen Euch streitbare Mannen zu und bringen Euch Schätze zum Unterhalt Eures Hofstaats oder besitzen Burgen, Euch zu bergen. Ich aber bin ein heimatloser Mensch, der weder Mannen noch Schätze noch Burgen sein nennt, der enterbt ist vom Vater, der belastet ist mit dem Fluche seines Hauses und seines Geschlechtes, der ausgestoßen ist von allen, die den Namen Douglas führen. Ich bring Euch nichts zu Eurem Banner als ein bloßes Schwert und das armselige Leben seines Trägers.«
»Wollt Ihr mir Vorwürfe machen, Douglas, über die Verluste, die Euch betroffen haben?« fragte, selbst vorwurfsvoll, die Königin, – »Behüte Gott meine Gnädige,« fiel ihr mit Lebhaftigkeit Douglas ins Wort; »stünde es nochmals in meiner Macht, und besäße ich zehnmal mehr Rang und Reichtum und zwanzigmal mehr Freunde, so würde ich nicht anders handeln, als ich gehandelt habe! überreich würde ich alles, was ich verloren, vergolten sehen dadurch, daß ich Eure Majestät als freie Fürstin auf ihrem Throne, auf Schottlands Throne, sähe!«
»Warum wollt Ihr Euch denn nicht freuen mit denen, die durch die Freude über den Wiedereintritt dieses Ereignisses zu fröhlicher Tafel versammelt sind?« fragte die Königin.
»Gnädigste Frau,« erwiderte der Jüngling; »wenn ich auch ein Enterbter und Ausgestoßener bin, so bin ich doch noch immer ein Douglas, und mit den meisten dieser Adelinge hat meine Familie in Fehde gelebt. Eine kühle Aufnahme ihrerseits wäre für mich eine Kränkung, eine freundliche Aufnahme noch eine größere Demütigung für mich.«
»Schäme Dich, Douglas!« rief die Königin, »schüttle solch unmännlichen Trübsinn von Dir! Dem Besten unter ihnen kann ich Dich gleichstellen an Rang und Reichtum, und glaube mir, ich will es auch! .. Begib Dich also in ihre Gesellschaft. Ich befehle es Dir.«
»Diese Worte sind genügend,« antwortete Douglas. »Ich gehe. Nur eins erlaubt mir zu bemerken: Nicht um Rang und Reichtum hätt ich getan, was ich getan! Maria Stuart will nicht, und die Königin kann mich nicht belohnen.«
Mit diesen Worten schritt er aus der Kapelle und mischte sich unter die Adelinge, setzte sich aber an das untere Ende der Tafel, Die Königin blickte ihm nach und trocknete sich die Augen.
»Heilige Gottesmutter, hab mit mir Erbarmen,« flehte sie, »denn kaum haben meine Schmerzen als Gefangne ein Ende gefunden, fangen die Sorgen der Königin wieder an, mich zu bedrücken ... Glückliche Elisabeth! der das Staatsinteresse alles gilt und die sich nie betören läßt durch Herzenssachen! ... Doch nun muß ich den andern Jüngling aufsuchen, wenn verhindert werden soll, daß er und Seyton mit den Dolchen aufeinander losgehen!«
Roland Gräme war wohl auch in der Kapelle, aber so weit abseits von Douglas, daß er nicht hatte hören können, was zwischen der Königin und ihm gesprochen worden war. Auch Roland war verdrießlich und in Nachdenken verloren, aber auch seine Stirn heiterte sich auf, als er die Frage aus dem Munde der Königin vernahm:
»Wie steht es, Roland? hat Euch der nächtliche Ritt so müde gemacht? Ihr vernachlässigt ja ganz Euren Dienst!«
»Gnädigste Fürstin, ich bin nicht müde,« versetzte Roland, »aber es ist mir gesagt worden, der in Lochleven Page gewesen sei, sei nicht mehr Page in Schloß Niddrie, und so hat mich Junker Seyton meines Dienstes überhoben.«
»Herr im Himmel!« rief die Königin, »wie bald schwillt diesen jungen Hähnchen der Kamm!... So will ich mich wenigstens gegen Kinder und Knaben als Königin erweisen.. Ihr müßt mir Freunde zusammen werden... Hole mir auf der Stelle jemand den jungen Seyton her!..« Aber kaum war der Name über ihre Lippen, so war auch sein Träger zur Stelle.. »Tretet näher, Seyton! und reicht diesem Jüngling hier die Hand! Ihr wißt doch, was wir ihm zu danken haben bei diesem Werk meiner Befreiung.«
»Gern, gnädigste Frau,« antwortete Seyton, »sobald mir dieser Jüngling verspricht, die Hand meiner Schwester nicht zu berühren, denn bisher hat ihm die meinige hierfür gegolten. Will er meine Freundschaft gewinnen, muß er die Liebe meiner Schwester sich aus dem Kopfe schlagen.«
»Heinrich Seyton, kommt es Euch zu, Bedingungen zu stellen, wenn ich Gehorsam fordre?« fragte die Königin.
»Gnädigste Frau,« sagte Heinrich, »ich bin Euer Diener, als Sohn Eures treuesten Vasallen in Schottland; unsre Habe, unsre Schlosser, unser Blut sind Euch geweiht. Aber unsre Ehre zu erhalten, ist unsre Sache. Ich könnte Weiteres noch sagen. Aber...«
»Sprecht weiter, ungestümer Knabe!« sagte die Königin, »was hilft es mir, aus Lochleven befreit zu sein, wenn ich unter das Joch meiner Befreier gezwängt sein soll? wenn man hindern will, gegen jemand gerecht zu sein, der sich mir so treu und eifrig erwies, wie Ihr selbst?«
»Laßt Euch nicht die Laune verderben um meinetwillen,« sagte Roland, »dieser Jüngling besitzt als treuer Diener Eurer Gnaden und als Bruder von Katharina Seyton etwas, das ihn feit gegen jeden Zornesausbruch meines Gemüts.«
»Ich warne Dich noch einmal, Aeußerungen zu tun,« rief Heinrich stolz, »die sich so anhören, als sei die Tochter des Lord Seyton mehr für Dich als jeden Niedriggebornen Schottlands.«
Die Königin wollte eben wieder vermitteln, denn über Rolands Wangen glitt jähe Röte, die es zweifelhaft erscheinen ließ, wie lange seine Liebe zu Katharina den Zorn gegen Heinrich zu dämpfen vermochte, da kam eine andre Person, bislang von niemand beachtet oder bemerkt, aber von Anbeginn Zeuge dieses Auftritts, der Königin zuvor. Aus einer Nische hervor trat eine hohe weibliche Gestalt, die dort gebetet hatte. Es war Magdalena Gräme. Sie wandte sich unmittelbar an den jungen Seyton, anknüpfend an seine kränkenden Aeußerungen gegen Roland.
»Aus welchem Tone sind sie denn geformt, die stolzen Seytons, daß das Blut der Grämes kein Anrecht haben sollte, sich dem ihrigen zu vermischen? Wisse, Du hochmütiger Knabe, daß ich diesen Sohn den Sohn meiner Tochter nenne, und daß ich dadurch seine Abkunft von Malisius bezeuge, zubenannt mit dem funkelnden Schwer, von Malisius, Grafen von Strathern. Euer Blut entspringt, glaube ich behaupten zu dürfen, aus keiner edleren Quelle.«
»Wackre Mutter,« erwiderte Seyton, »Eure Heiligkeit sollte Euch erheben über solche irdischen Eitelkeiten. Es scheint auch, wie wenn sich Euer Gedächtnis in dieser Hinsicht geschwächt habe, aber um sich der Herkunft als Adeling zu rühmen, muß der Name und Stammbaum des Vaters ebenso vornehm und unbescholten sein wie der der Mutter.«
»Und wenn ich Euch sagte, daß er von väterlicher Seite herstammt aus dem Geschlechte der Avenel, nenn ich dann sein Blut edler als das Deinige, hochfahrender Jüngling?« rief die Gräme mit hohem Feuer.
»Vom Blute der Avenels entstammte mein Page?« fragte die Königin.
»Jawohl, gnädigste Königin!« antwortete Magdalena Gräme. »Roland ist Sohn des Julian von Avenel, des letzten männlichen Erben des uralten Geschlechtes, der in der Schlacht gegen die Leute aus dem Süden fiel.«
»Ich habe von dieser traurigen Geschichte gehört,« sagte die Königin. »Also Deine Tochter war es, die diesem unglücklichen Lord in die Schlacht folgte und auf seiner Leiche den Tod fand? Ach, wie viel Wege zum eignen Elend findet doch die Leidenschaft eines Weibes!... Und Du, Roland, bist jenes Kind des Unglücks, das zwischen Leichen und Lebendigen zurückblieb? Heinrich Seyton, Roland ist Dir als Avenel und als Gräme ebenbürtig an Geschlecht und Abkunft.«