Aber ehe wir der Geschichte ihr Recht lassen, müssen wir uns nach zwei Hauptpersonen umsehen, die in dem Heere der Königin Seite an Seite ritten, nach dem Ritter Avenel und dem Abte Ambrosius. Der letztere trug nicht mehr Knappentracht, sondern das heilige Kleid seines Ordens. Seit der Nacht, da die Königin aus Lochleven geflohen war, hatte Roland den Abt nicht mehr gesehen und ihn eben erst wieder im Gefolge der Königin bemerkt. Er hatte sich beeilt, an seine Seite zu reiten und mit entblößtem Haupte ihn um seinen Segen zu bitten.
»Der Segen des Klosterabtes von Sankt-Marien, mein Sohn,« antwortete Ambrosius, »gehört Dir. Ich sehe Dich jetzt unter Deinem wahren Namen und in der Rittertracht, die Dir zukommt. Deiner Stirn steht der Helm mit dem Palmenzweige wohl an, und lange habe ich auf die Stunde gewartet, da Du ihn tragen werdest.«
»So war Euch meine Herkunft bekannt, frommer Vater?« fragte Roland.
»Wohl, doch unter dem Siegel der Beichte, durch Deine Großmutter; demnach stand es nicht in meiner Macht, das Geheimnis zu offenbaren, sondern ich mußte es überlassen, ob sie dies Geheimnis lösen werde oder nicht.«
»Was mag ihr Grund gewesen sein, frommer Vater, es so lange zu hüten?« fragte Roland.
»Vielleicht Scheu vor meinem Bruder, aber es wäre unbegründete Scheu gewesen, denn mein Bruder Halbert hätte, und wenn es einem Königreich gegolten hätte, keinem Waisenknaben Unrecht angetan, ganz abgesehen davon, daß Euer Anspruch, Roland, in ruhigen Zeiten sich mit dem Anspruche von Halberts Frau, als der Tochter von Julians älterm Bruder, nicht hätte messen können, auch wenn Euer Vater sich so gerecht gegen Eure Mutter erwiesen hatte, wie es, so will ich hoffen, der Fall gewesen ist.«
»Von meiner Seite haben sie Ansprüche nicht zu gewärtigen, geschweige zu fürchten,« versetzte Avenel, »denn Schottland ist doch wahrlich groß genug, und manches Lehn ist zu gewinnen, ohne daß ich meinen Wohltäter auszuplündern brauche. Aber beweist mir, hochwürdiger Vater, daß mein Vater gerecht war gegen meine Mutter, und daß ich mich mit Fug und Recht einen Avenel nennen kann ... Ihr macht mich dadurch zu Eurem in Ewigkeit Euch zu Dank verbundenen Sklaven.«
»Die Seytons achten Dich, wie ich höre, gering wegen dieses auf Deinem Wappenschilde haftenden Fleckens. Ich besitze aber Mitteilungen vom Abte Bonifazius, die solchen Vorwurf widerlegen können, wenn er ernstlich erhoben werden sollte.«
»Gebt mir Kenntnis von diesen Nachrichten, die Balsam für mein Gemüt sind,« rief Roland, »und was mein künftiges Leben vermag ...«
»Ungestümer Jüngling,« erwiderte der Abt, »ich müßte fürchten, Dich in dem Gleichgewicht Deiner Seele zu stören, wollte ich Hoffnungen in Dir wecken, die sich nicht erfüllen können – oder vielleicht nicht erfüllen dürften ... Und ist dies jetzt die Zeit dazu? Bedenke, auf welchem gefahrvollen Marsche wir uns befinden, und laß, sofern Du noch eine Sünde zu beichten hast, diese kurze Frist nicht vorübergehen, die Dir der Himmel vielleicht noch spendet zur Beichte und zur Vergebung Deiner Sünden.«
»Zu beidem findet sich vielleicht noch Zeit, wenn wir in Dumbarton sein werden,« erwiderte der jugendliche Ritter.
»Ja, Du bist ganz wie alle übrigen, und denkst nicht an das alte Wort von den Hähnen, die zu früh gackern!« sagte der Abt. »Noch sind wir nicht in Dumbarton, und ein Löwe sperrt uns den Weg.«
»Meint Ihr den Grafen Murray? oder Morton und die andern Meuterer?« rief Roland. »Ehrwürdiger Vater! sie halten dem Anblick des königlichen Paniers nicht stand!«
»So sprachen andre auch, die erfahrener sind als Du, Sohn .. Ich komme aus dem Süden zurück, wo ich manchen berühmten Häuptling sprach, der Kriegerscharen warb für die Sache der Königin. Und die hier versammelten Lords verließ ich als weise und besonnene Männer .. aber wie finde ich sie wieder? als rasende Toren! ... Aus bloßem Stolz und eitler Ruhmsucht wollen sie die Königin im Triumph angesichts des feindlichen Heeres unter den Wällen von Glasgow vorbeiführen. Aber nur selten ist der Himmel solchem trotzigen Selbstvertrauen gnädig gesinnt. Wir werden Widerstand finden, und bitterernsten Widerstand!«
»Um so besser,« versetzte mit Begeisterung Roland Avenel, »das Blachfeld war meine Wiege.«
»Hüte Dich, mein Sohn, daß es Dir nicht zum Sarge werde!« erwiderte der Abt; »doch was hilft es, einem jungen Wolfe von den Gefahren zu sprechen, die ihm drohen von Hetze und Treibjagd? Wer weiß, ob Ihr nicht schon, ehe der Tag sich neigt, erfahren habt, was für Männer es sind, die Ihr jetzt so unbesonnenerweise geringschätzt!«
»Was sprecht Ihr da, hochwürdiger Abt?« rief Heinrich Seyton, der zu dem Paare herangeritten war, »haben die drüben etwa Sehnen von Stahl und Muskeln von Eisen? Schlägt ihnen Stahl keine Wunden, und dringt Blei nicht in ihr Fleisch? ... Und sind es Menschen wie wir, dann, hochwürdiger Herr, haben wir wenig zu fürchten.«
»Es sind böse Menschen, aber der Krieg erfordert keine Heiligen,« erwiderte der Abt, »Murray und Morton sind bekannt als Schottlands beste Heerführer, noch keiner hat Lindesays oder Ruthvens Rücken gesehen, und den Kirkaldy von Grange nannte der Connetable von Frankreich den ersten Kriegshelden von Europa .. und mein Bruder? auch er führt einen Namen, der zu gut ist für solch ungerechte Sache.«
»Desto ruhmvoller für uns!« rief Heinrich Seyton wieder, und seine Mienen strahlten vor Stolz und Freude ... »all diese Verräter von Namen und Rang werden wir auf herrlichem Schlachtfelde vor uns haben. Unsre Sache ist gerecht, unsre Scharen sind zahlreicher, und an Mut und Kraft stehen wir ihnen wahrlich nicht nach, also: Sankt Benediktus! drauf und dran!«
Der Abt gab hierauf keine Antwort, aber er schien in Betrachtungen zu versinken, und seine Unruhe und Besorgnis ging auf Roland über, der von jeder Höhe aus, über die sie der Marsch führte, beklommenen Herzens die Blicke über die Türme von Glasgow schweifen ließ, als sei er gefaßt, die Feinde aus ihren Toren brechen zu sehen. Wohl bangte er nicht vor dem Kampfe, aber der Ausgang desselben war zu wichtig für die weitere Gestaltung der Dinge in seinem Vaterlande, wie nicht minder seiner persönlichen Verhältnisse, als daß sich das ungestüme Temperament nicht hätte mäßigen sollen. Liebe, Ehre, Ruhm, Wohlfahrt, alles schien abzuhängen von dem Ausgange einer einzigen Schlacht, die vielleicht zu schnell gewagt wurde, jetzt aber unvermeidlich geworden zu sein schien.
Der Heereszug bewegte sich jetzt der Stadt Glasgow gegenüber .. da sah Roland auf den Höhen, die sich vor ihnen hinzogen, Helme blitzen, und nun erkannte er, daß sie besetzt gehalten wurden von einer Kriegerschar, die das königliche Banner entfaltete, gleich dem Heere, dem er angehörte ... und weiter erspähte er, daß aus den Toren der Stadt Fußvolk und Reiterei hervordrang, um die auf dem Höhenzuge postierten Truppen zu verstärken. Nun kamen Reiter über Reiter von der Vorhut herangesprengt mit der Meldung, daß Graf Murray das Blachfeld, das sich vor ihnen dehne, mit seinem ganzen Heere besetzt halte, und daß er den festen Entschluß gefaßt habe, sich dem Heere der Königin zu stellen ...
Der Augenblick war also da, in welchem der Mut der Streiter die Feuerprobe bestehen sollte, wo alle jene, die zu voreilig gemeint hatten, sie würden unbeanstandet an der Stadt vorbeimarschieren können, erkennen sollten, daß sie sich in schwerem Irrtum befunden hatten, denn sie sahen sich so plötzlich einem entschlossenen Feinde, der gleich ihnen um die Frage der Herrschaft, ja um die Frage seines weiteren Daseins rang, gegenüber, daß ihnen kaum noch Zeit blieb, einen Entschluß zu fassen, geschweige zu überlegen.