Sogleich hatten die Führer sich um die Königin geschart, um einen beschleunigten Kriegsrat zu halten. Marias bebende Lippen kündeten die Bangigkeit, die sie durch eine kühne Haltung und würdevolle Miene zu verbergen trachtete. Aber die Erinnerung an den unglücklichen Ausgang des Treffens von Carberry-Hill war zu schmerzlich, daß es ihr hätte gelingen können, und als sie die Frage an ihre Lords stellen wollte, wie sie sich die Schlachtstellung am günstigsten dächten, da entschlüpfte ihr die andre Frage, ob es nicht möglich sei, der Schlacht noch auszuweichen.
»Ausweichen?« rief Lord Seyton voll wilden Feuers; »stehe ich einer gegen zehn dem Feinde gegenüber, dann kann ich von so etwas reden. Aber nun und nimmer, stehe ich ihnen drei zu zwei gegenüber. Und das ist der Fall hier!«
»In die Schlacht! in die Schlacht!« riefen ungestüm die Lords wie aus einem Munde. »Wir wollen die Meuterer aus ihrer guten Stellung jagen wie der Hund den Hasen auf die Höhe jagt.«
»Verzeiht, edle Lords,« warf der Abt dazwischen, »aber es wäre wohl ebenso gut, den Feind zu hindern, daß er selbst solchen Vorteil gewinne? .. Unser Weg führt durch das Dörfchen oben auf der Höhe, und meiner Meinung nach gewinnt der, welcher es zuerst besetzt, eine sehr feste Stellung, und ist in bedeutendem Vorteil gegenüber dem Gegner.«
»Der hochwürdige Herr spricht klug und wahr,« pflichtete die Königin bei; »o eile, eile Seyton, daß Du das Dorf in Deine Gewalt bekommst. Schon rückt der Feind mit Windeseile heran.«
Seyton verneigte sich tief und riß sein Roß herum.
»Königliche Hoheit vergönnt mir viel Ehre,« sprach er, »ich werde sofort vordringen und mich des Platzes bemächtigen.«
»Doch nicht früher als ich, Mylord, denn mir wurde die Führung des Vortrabs übertragen,« rief Lord Arbroath.
»Früher als Ihr und jeder Hamilton in Schottland,« rief Seyton, »denn ich habe den Befehl aus dem Munde der Königin ... Folgt mir, Kameraden, Vasallen und Vettern! Sankt-Benediktus, und drauf und dran!«
»Und Ihr, meine edlen Vettern und Lehnsmänner,« rief Arbroath, »wir wollen unserseits sehen, wer den Platz zuerst gewinnt, denn wir haben die Ehre des Vortrabs zu wahren! Für Gott und die Königin!«
»Unheilkündende Eile und unheilvoller Zwist!« sagte der Abt, als er die Lords mit ihren Scharen wie Rasende von dannen sausen sah, die Höhe zu gewinnen, ohne zu warten, bis ihre Mannschaften sich formiert hatten. »Und Ihr, Ihr jungen Herren!« sprach er vorwurfsvoll weiter, zu Roland und Seyton gewandt, die sich anschickten, den Rasenden zu folgen, »wollt Ihr die Person der Königin unbewacht zurücklassen?«
»O, Roland! ach, Seyton! weichet nicht von mir!« bat die Königin, »es fehlt doch wahrlich nicht an Armen, das Schwert zu ziehen in diesem grausen Ringen. Entzieht mir nicht Eure Arme, denen ich mich anvertraue in dieser schweren Gefahr!«
»Eure Gnaden dürfen wir nicht im Stiche lassen,« rief Roland und riß sein Roß herum, während er auf Seyton blickte.
»Ich hab schon immer drauf gewartet, daß Dir das einfallen werde,« rief ihm der ungestüme Jüngling zu.
Roland gab keine Antwort, sondern biß sich auf die Lippen, daß sie zu bluten anfingen. Dann flüsterte er Katharinen zu, indem er an ihren Zelter heransprengte:
»Nie habe ich gemeint, daß ich durch persönliches Verdienst mir Anspruch erworben hätte auf Eure Hand. Aber heut habe ich mir Feigheit von Eurem Bruder ins Gesicht vorwerfen lassen, und mein Schwert ist ruhig in der Scheide geblieben! einzig und allein aus Liebe zu Euch!«
»Ihr seid alle wie von Sinnen!« sagte Katharina, »mein Vater, mein Bruder und Ihr! An unsre arme Königin solltet Ihr alle denken, und jeder denkt bloß an sein ärmliches Selbst! jeder ist eifersüchtig auf das bißchen persönliche Recht, das ihm zusteht! ... Der einzige unter uns, der seine Besonnenheit wahrt, der ein besserer Feldherr ist als Ihr alle, ist der Mönch ... Hochwürdiger Herr,« sagte sie laut, »war es nicht klüger, wir zögen uns westlich und warteten den Erfolg, den uns Gott beschieden hat, ab, statt hier auf offner Landstraße zu warten, wo wir die Person der Königin doch in unmittelbare Gefahr setzen und unsern Truppen beim Vorrücken hinderlich sind?«
»Du hast recht, meine Tochter,« erwiderte der Abt. »Ach, hätten wir doch nur jemand, der uns dorthin geleitete, wo sich die Königin in Sicherheit befände! All unsre Adelinge reiten wie rasend in den Kampf, ohne an die alleinige Ursache dieses Kampfes zu denken.«
»Folgt mir,« sprach ein gewappneter Krieger mit geschlossenem Visier und in tiefschwarzer Rüstung, ohne Busch auf dem Helm und ohne Abzeichen auf dem Schilde.
»Wir werden keinem Fremden folgen ohne irgend eine Bürgschaft für seine Treue,« sprach der Abt.
»Ich bin ein Fremder, doch in Euren Händen,« antwortete der Reiter, »und wollt Ihr mehr wissen, dann wird sich die Königin selbst für mich verbürgen.«
Wie gelähmt von Furcht, war die Königin nicht von dem Platze gewichen, auf dem ihr Zelter hielt. Sie lächelte mechanisch, winkte mit der Hand und nickte, wenn Fahnen und Speere der hinter Seyton und Arbroath nachrückenden Scharen sich vor ihr senkten. Doch kaum hatte der schwarze Ritter sich vor ihr verbeugt und ihr ein Wort ins Ohr geflüstert, so rief sie: »Ja, ja, Ihr habt recht!« und als er nun mit lauter, gebietender Stimme befahclass="underline" »Ihr Herren, die Königin will, daß Ihr mir folgt!« da rief sie wieder, und zwar mit einem gewissen Grade von Heftigkeit: »Ja, ich will es!«
Im Augenblick war alles in Bewegung, denn der schwarze Reiter tummelte jetzt sein Roß und ließ es Sprünge und Wendungen machen, daß man wohl sah, daß er es ganz in der Gewalt hatte. Schnell hatte er das Gefolge der Königin in Ordnung gebracht, dann schwenkte er links um und nahm die Richtung auf ein Schloß, das auf einer kleinen, freien Höhe lag und einen weiten Blick über die zu seinen Füßen liegende Landschaft gestattete. Von ihm aus übersah man die Höhen, um deren Besitz jetzt die beiden Heere rangen und die augenscheinlich bald der eigentliche Schauplatz des Kampfes werden sollten.
»Wem gehört das Schloß dort?« fragte der Abt den schwarzen Reiter. »Befindet es sich im Besitze von Freunden?«
»Es hat jetzt keinen Herrn oder ist zum wenigsten frei von feindlicher Besatzung,« antwortete der Gefragte, »aber spornt doch, bitte, die beiden Jünglinge an zu größerer Eile! es ist doch wahrlich jetzt keine Zeit, müßige Neugierde für einen Kampf zu zeigen, an dem man keinen Anteil nehmen kann.«
»Mir ist das sicher keine Freude,« erwiderte Seyton, »denn ich wäre lieber dort unter dem Banner meines Vaters, als in Erwartung der Aussicht, für treue Hüterpflichten einst Kammerherr zu Holyrood zu werden,«
»Der Platz unter dem Banner Eures Vaters wird bald höchst gefahrvoll werden,« sagte Roland, der den Blick, auch während er sein Roß in entgegengesetzter Richtung lenkte, den beiden im Kampfe befindlichen Heeren zugewandt hielt, »denn die von Osten im Anmarsch befindliche Schar wird das Dorf wohl eher erreichen, als es Lord Seyton wird besetzen können.«
»Es ist doch bloß Reiterei,« erwiderte Heinrich Seyton, »und ohne Büchsenfeuer läßt sich das Dorf doch nicht halten.«
»Seht schärfer hin, und Ihr werdet erkennen,« erwiderte Roland, »daß hinter jedem dieser Reiter ein Krieger zu Fuße marschiert.«
»Beim Himmel, er hat recht,« pflichtete der schwarze Reiter bei, »es muß einer von Euch auf der Stelle dem Lord Seyton hiervon Meldung machen! und dem Lord Arbroath desgleichen, damit sie nicht ohne Fußvolk weiter vorrücken, sondern ihre Mannschaft so schnell wie möglich in rechte Ordnung bringen!«