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»Ich will hinüberreiten,« rief Roland, »ich bemerkte die Kriegslist des Feindes zuerst!«

»Meines Vaters Banner steht in Gefahr,« erwiderte Heinrich Seyton, »mithin steht mir das Recht zu.«

»Ich lasse der Königin die Entscheidung,« sagte Roland Avenel.

»Muß einer von Euch mich verlassen,« entschied die Königin, »so sei es Seyton. O, über diesen neuen Zwist in meinem Gefolge!« klagte sie. »Habe ich nicht Feinde schon mehr als genug? müssen sich auch meine Freunde fortwährend in Fehde setzen?«

Seyton gab, nachdem er sich so tief verbeugt hatte, daß die weißen Federn des Helmbusches die fliegende Mähne seines Rosses berührten, diesem die Sporen und sauste mit Windeseile über das Blachfeld und die Höhe hinauf, die sein Vater noch immer nicht erreicht hatte, trotzdem ihn kein Hindernis aufhielt.

»Mein Bruder! mein Bruder! mein Vater!« schrie Katharina, von Todesangst ergriffen, »sie schweben in Todesgefahr, und ich – ich befinde mich in Sicherheit!«

»O Gott! könnte ich doch bei ihnen sein!« rief Roland, »jeden Tropfen ihres Blutes wollte ich mit dem doppelten Maße des meinigen erkaufen!«

»Zur Königin, zur Königin, Fräulein Seyton!« rief der Abt, »sie wird immer schwächer!«

Man hielt jetzt vor dem Schlosse. Die Damen halfen der Königin aus dem Sattel. Aber als sie dem Schlosse zuschreiten wollten, wehrte sie dem, indem sie mit matter Stimme bat:

»Nicht dorthin! nicht dorthin! In diese Mauern setz ich den Fuß nie wieder!«

»Zeigt Euch als Königin, gnädigste Frau,« sagte der Abt, »und vergeßt, daß Ihr ein Weib seid!«

»O, weit, weit mehr noch muß ich vergessen,« klagte die hohe Frau, »ehe ich das Auge auf diesen wohlbekannten Schauplatz lenken kann. Ich muß die Tage vergessen, die ich hier gelebt habe als Braut des unglücklichen ... des ermordeten ...«

»Es ist Schloß Crookstone,« sagte die Fleming, »wo die Königin ihren ersten Hof gehalten hat, nach ihrer Vermählung mit Darnley.«

»Himmel,« seufzte der Abt, »Deine Hand lastet schwer auf uns! Und doch, hohe Frau, ermannt Euch! Eure Feinde sind die Feinde der heiligen Kirche, und heute wird Gott seine Entscheidung treffen darüber, ob Schottland dem katholischen Glauben treu bleiben oder in Ketzerei versinken wird.«

Schweres Kanonen- und Musketenfeuer gab seinen Worten furchtbaren Nachdruck und schien von tieferem Eindruck auf die Königin zu sein als geistliche Zusprache.

»Dorthin,« flüsterte sie, auf einen Eichenbaum weisend, der dicht bei dem Schlosse auf einer kleinen Höhe stand, »dorthin! ich kenne sie gar gut, die Stelle! von da habt Ihr eine Aussicht besser als von den Höhen von Schehallion.«

Sie machte sich von ihren Begleiterinnen los und eilte festen, aber leidenschaftlichen Schrittes, auf den Baum zu. Der Abt, Katharina und Roland folgten ihr, während Lady Fleming die geringeren Personen ihres Gefolges zurückhielt. Auch der Reiter in schwarzer Rüstung begleitete die Königin. Wie der Schatten dem Licht, doch immer im Abstände von etwa einem halben Dutzend Schritte, die Arme über der Brust verschränkt, folgte er ihr. Maria blickte ihn nicht an, sondern hielt die Augen nach wie vor auf jenen Eichenbaum geheftet.

»O Du schöner, herrlicher Baum,« rief sie wie in Verzückung, wie wenn sie sein Anblick den grausen Auftritten der Gegenwart entrückte – und auch jenes andre Grausen von ihr gejagt hätte, das beim ersten Anblick dieser Stätte ihr Herz erfüllt hatte – »O, da stehst du noch immer in deiner wundersamen Pracht! unbeirrt um das Kriegsgetöse, das dich umtobt! O, wer erzählen könnte wie du! alles, alles ist verrauscht, seit ich dich zum letzten Male sah! die Liebe ist verflogen, der Geliebte ist hin! die Schwüre sind verhallt, und der sie leistete, wandelt nicht mehr unter den Lebenden, kann nicht mehr aufblicken zu deiner und zu jener andern Krone, die so viel schwerer lastet als deine! ... Aber, hochwürdiger Abt, wie steht die Schlacht? Zu unserm Vorteil, will ich hoffen – Aber, ach! ach! was sonst als Unheil könnten Marias Augen erschauen von dieser Stätte aus!«

Begierig richteten ihre Begleiter die Blicke auf das Schlachtfeld, aber nichts andres ließ sich erkennen, als daß noch immer wild um das Dorf gerungen wurde. Dagegen ließ der andauernde Kanonendonner die Folgerung bestehen, daß noch keine der beiden Parteien im Rückzuge sein könne.

»Manche Seele wird zum Himmel gerufen oder zur Hölle,« sprach der Abt, »Ihr unter uns, die Ihr Euch zur heiligen Kirche bekennt, laßt uns knieen und beten, daß uns der Sieg werde in diesem grausigen Kampfe!«

»Nicht hier – nicht hier!« rief die unglückliche Königin, »betet nicht hier, frommer Vater, oder betet leise! denn mein Gemüt ist in zu heftigem Kampfe zwischen einst und jetzt, als daß es wagen könnte, sich dem göttlichen Throne zu nahen. Oder wenn Ihr beten wollt, dann betet für ein armes Weib, dem seine heiligsten Empfindungen zu den schwersten Verbrechen wurden, und das aufhörte, Königin zu sein um deswillen, weil es ein Weib war, das für die Liebe empfänglich war und durch Liebe getäuscht und betrogen wurde!«

»Wäre es nicht geraten,« sagte Roland, »wenn ich näher an die Heere heran ritte, und die Entscheidung des Tages zu erspähen suchte?«

»Tu' das in Gottes Namen,« antwortete der Abt, »denn sind unsre Freunde geschlagen, so müssen wir schleunigst fliehen, aber sieh Dich vor, daß Du nicht zu dicht in die Schlacht hinein gerätst, denn mehr als Dein eignes Leben hängt davon ab, daß Du wieder zurückkehrst.«

»Fürchtet nichts! ich werde auf der Hut sein!« rief Roland, und ohne weitern Bescheid abzuwarten, sprengte er nach dem Blachfeld hinüber, wo die Heere im schrecklichen Ringen waren. Bald hatte er einen Hügel gewonnen, der in größerer Nähe an dem Höhenzuge lag, um den die Scharen Lord Seytons stritten, und behutsam, um in keine feindliche Schar zu geraten, drang er weiter vor. Stärker dröhnten die Schüsse ihm in die Ohren, immer wilderes Geschrei erfüllte die Luft, und immer stärker schlug ihm das Herz, je mehr er sich dem eigentlichen Kampfgewühl näherte, dessen Schauplatz ein Hohlweg war, in den sich der Vortrab der Königin in unbedachter Hitze gewagt hatte, um von ihm aus auf dem kürzesten Wege zu dem Dorfe hinauf zu gelangen. Hier aber waren sie von den feindlichen Truppen unter Anführung des wilden Kriegshelden Kirkaldy und des klugen Grafen Morton gestellt worden, und in dem Bemühen, sich zu dem jenseits vom Hohlwege aufgestellten Heere durchzuschlagen, hatten sie schon sehr schwere Verluste erlitten. Da aber ihre Schar fast durchgängig aus Adelingen bestand, die zu den besten Lanzenkämpfern von ganz Schottland gehörten, waren sie, aller Hindernisse ungeachtet, vorgedrungen und griffen, als Roland auf der Höhe anlangte, den Vortrab des Regenten am Schlüssel des Engpasses mit grimmiger Wut an, während ihre Gegner, nicht gewillt, den erstrittenen Vorteil aufzugeben, die Angreifer mit gleicher Hartnäckigkeit zurückzudrängen suchten.

»Gott und die Königin!« erscholl es auf der einen, »Gott und der König!« auf der andern Seite. So mochte der Kampf wohl eine Stunde getobt haben, als Roland eine Abteilung Fußvolk erblickte, die sich um den Fuß des Hügels, auf dem er selbst stand, mit einigen Reitern an der Spitze, herumschlängelte, um dem Vortrab der Königin in die Flanke zu fallen. Auf den ersten Blick erkannte er in dem Führer des Zugs seinen alten Dienstherrn, den Ritter von Avenel, und ein zweiter Blick sagte ihm, daß derselbe den entscheidenden Streich gegen den Vortrab der Königin zu führen vorhatte ... Und wirklich, dieser Eingriff frischer Mannschaft in den Kampf sollte die Entscheidung herbeiführen!

Die Schlachtordnung der angreifenden Ritter, die bislang eine finstre, dichtgeschlossene Reihe von Helmen mit wallenden Federbüschen gebildet hatte, wurde im Nu durchbrochen, und nicht lange mehr dauerte es nun, so war der Vortrab der Königin von dem so lange umstrittenen Hügel verjagt. Umsonst riefen die Lords ihren Mannen zu, die Schlacht zu halten, umsonst kämpften sie selbst weiter, als bereits aller Widerstand umsonst war, wer nicht wich, wurde erschlagen, niedergestampft oder in die Flucht hineingerissen. Roland erkannte die Notwendigkeit, auf der Stelle das Pferd zurückzuwenden, nach Schloß Crookstone zurückzureiten und, sofern es noch möglich war, den Versuch zur Rettung der Königin zu machen. Aber als er am Fuße der Höhe Heinrich Seytons ansichtig wurde, der, abgeschnitten von den seinigen, mit Staub und Blut bedeckt, sich verzweiflungsvoll gegen eine Schar von Feinden wehrte, die, durch seine strahlende Rüstung angelockt, auf ihn eindrang, da gab es für Roland kein Besinnen. Wie ein Wettersturm war er die Höhe hinunter gesaust und machte mit ein paar wuchtigen Hieben zwei der wildesten Gegner Seytons nieder, worauf die andern sich zur Flucht wandten. Dann hieß er Seyton die Mähne seines Roßes packen.