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Mit tiefem Schmerz betrachtete Edward diese grause Verwüstung eines einst so hoch in Ehren stehenden Edelsitzes. Aber sein Verlangen, Gewisses über das Schicksal seiner Eigentümer zu erfahren, wuchs mit jedem Schritte, den er machte. Und als er die Blicke nun an der Front des Gebäudes entlang gleiten ließ, da suchte er nach dem alten trauten Balkon, der zu Rosas Stübchen gehörte, wo sie das Schönste von Blumen zu ziehen pflegte ... und da sah er unten am Boden die leeren Töpfe und dazwischen auch Bücher, zerrissen und zerfetzt, umherliegen ... und dann wars ihm ganz zu Mute, wie an jenem ersten Male, denn er hörte, wie er sich umblickte, um ein menschliches Wesen hier zu entdecken, auch jetzt wieder eine Stimme aus dem Gebäude her, die ein altschottisches Heldenlied sang;

Sie kamen zu uns in stockfinstrer Nacht

Und schlugen den Ritter in blutiger Schlacht.

Die Knechte flohen vor dem Tod

Und ließen uns in schwerer Not.

Sie schlugen den Ritter, ach! mir so teuer,

Verheerten sein Haus, seinen Hof mit Feuer.

Der Mond mag sinken, die Sonne steigen,

Die Augen schloß ihm des Todes Schweigen.

»Ach, bist Dus? Du armes, hilfloses Wesen? bist Du allein zurückgeblieben zum Schwatzen und Klagen?« Dann rief er, erst leise, dann lauter: »David ... David Gellatley!«

Aus den Trümmern eines Gewächshauses lugte der arme Tropf hervor, zog sich aber, als er einen Fremden erblickte, schnell zurück. Waverley, der seine Art gut kannte, fing eine bekannte Melodie an zu pfeifen, die ihm David nach dem Gehör abgelauscht hatte. Da lugte Davie wieder um die Ecke, aber scheu, und Waverley, um ihn nicht zu schrecken, blieb ruhig auf seinem Fleck stehen, winkte ihm aber freundlich.

»Sein Geist! sein Geist!« flüsterte der arme Schacher. Aber als er jetzt den Kopf wieder herausschob, da schien es ihm klar zu werden, daß der Freund lebendig vor ihm stehe. ... Dagegen sah er selbst einem Geiste ähnlicher als einem Menschen, denn die seltsame Tracht, in die ihn der Baron gesteckt hatte, hing ihm in Lumpen am Leibe und war von ihm auf die komischste Weise, mit Fetzen und alten Gemälden, mit Tapetenresten ausgeflickt worden. Und aus seinem Gesicht war die alte Sorglosigkeit, die alte Fröhlichkeit wie hinweggewischt; hohläugig, dem Verhungern nahe, jämmerlich entkräftet, war er kaum noch Mensch zu nennen. Nach langem Zaudern näherte er sich endlich Waverley, starrte ihn an, dann ließ er die Augen rollen und sagte mit unheimlichem Grinsen: »Alles tot, alles fort ... alles tot und fort!« »Wer ist tot?« fragte Waverley, ohne daran zu denken, daß Davie nicht im stande war, einen zusammenhängenden Satz zu sprechen.

»Baron und Schösser und Saunders, und Lady Rosa, die so süß gesungen, alles tot und fort!«

Doch komm nur, komm nur mit mir,

So lange Glühwürmchen erhellt das Revier,

Wo die Leiche liegt, das zeig' ich dir – – –

Komm, komm nur mit mir,

Wer sucht wohl bei Nacht einer Leiche Revier?

Mit diesen Worten, in feierlichem Tone gesungen, winkte er Waverley, ihm zu folgen, und ging flüchtigen Schrittes durch den hintern Garten und am Ufer des kleinen Flusses hin und kletterte über die zerfallne Mauer, die den Garten einst von dem Tale getrennt hatte, worin die alte Burg von Tully-Beolan stand. Dann sprang er in den Fluß hinein, und Waverley ihm nach, und dann gings zwischen Felsblöcken hin, bald drüber hinweg, bald um andre herum. Dann kamen sie an einen wilden Pfad, so krumm, daß Waverley bald den Führer verlor, aber ein Lichtschimmer, der sich aus einer Ritze stahl, war ihm ein sichrer Führer. Und da, hinter einer scharfen Biegung, stand er jäh vor der Tür einer kleinen Hütte. Hunde schlugen an, aber als er näher kam, verstummten sie. Eine Stimme drang von innen heraus. Waverley lauschte gespannt.

»Was hast denn mit hergebracht, Tolpatsch?« fragte, wie es schien, eine alte Frau grillig.

David Gellatley trällerte zur Antwort dasselbe Liedchen, durch das sich ihm Waverley zu erkennen gegeben hatte. Und nun trug er kein Bedenken länger, zu klopfen. Totenstille trat ein. Dann knurrten wieder dumpf die Hunde. Dann hörte er Schritte zur Tür hin kommen. Um zu verhindern, daß die Tür von innen verriegelt würde, klinkte Waverley sie auf. Ein altes Weib stand vor ihm von gar ärmlichem Aussehen. Und mit matter, aber doch eindringlicher Stimme fragte sie:

»Wer kommt auf solchem Pfade zu solcher Nachtzeit zu den Leuten in solcher Hütte?«

Aber die Hunde schienen ihn zu kennen, sie ließen ihr Knurren und kamen wedelnd heran. Auf der andern Seite aber stand, halb gedeckt durch die offen stehende Tür, mit einem gespannten Pistol in der Hand, mit einem zweiten im Gürtel, eine lange, knöcherne, spindeldürre Gestalt in den Lumpen einer zerschlissenen Uniform und mit einem Barte, der wochenlang kein Schermesser mehr gesehen hatte. ...

Der Baron Bradwardine von Bradwardine!

Und im Nu lag er Waverley in den Armen. ...

Achtundzwanzigstes Kapitel

Die Geschichte des Barons ist rasch erzählt. Vornehmlich, wenn wir die englischen, lateinischen und französischen, desgleichen die schottischen und gälischen Zitate weglassen, mit denen er sie gar reichlich spickte. Ueber den Verlust Edwards und Glennaquoichs lange untröstlich, hatte er bei Falkirk und Culloden sich tüchtig geschlagen. Aber als in der letzten Schlacht alles verloren wurde, da war er, in der Ueberzeugung, daß er bei seinen Untertanen am besten geborgen sein werde, nach seinem Tully-Veolan gewandert. Es war ein Soldatentrupp abgeschickt worden, sein Besitztum zu zerstören, denn Pardon war nicht zu erwarten. Ein Erlaß vom bürgerlichen Gerichtshofe setzte jedoch dieser Verwüstung durch das Militär schließlich ein Ende. Es wurde nämlich durch ein beschleunigtes Einspruchsverfahren festgestellt, daß das Stammgut der Bradwardine nicht an die Krone fallen könne, da sich ein männlicher Erbe in der Person des Malcolm Bradwardine am Leben befinde und das Gut seit altersher ein Mannslehn sei. Dies Mannslehn konnte demjenigen nicht vorenthalten bleiben, der es nicht persönlich verwirkt hatte, und da gegen diesen Malcolm Bradwardine nicht das geringste vorlag, durfte er nicht von der Erbfolge ausgeschlossen werden, der Fiskus wurde im Gegenteil verurteilt, den alten status quo wieder herzustellen. Jedoch der neue Laird, in vielem anders als andre Menschen, ließ bald die Absicht durchblicken, seinen Vorgänger von allem Vorteil und Mitgenuß am Stammgute unbedingt auszuschließen und das Unglück desselben als ein selbstverschuldetes anzusehen, dessen Folgen derselbe auch allein tragen müsse, was um so ungerechter war, als sich der Baron um seines Vorhandenseins willen immer ablehnend dagegen verhalten hatte, die Eigenschaft seines Besitzes als eines Mannslehns zu gunsten seiner leiblichen Tochter umzuändern. Wie der Baron wörtlich zu Waverley sagte, »mit der neuen Lage seien die Gemeinden von Bradwardine ganz und gar nicht einverstanden, die Steuern würden mit Trotz abgeführt, die Pflichten noch widerwilliger geleistet, und als der neue Besitzer mit seinem neuen Schösser, einem Mr. Lamie Heatherblutter, persönlich in die Dörfer gekommen sei, um den Zehnten zu erheben, da sei es einem unseligen Hitzkopf eingefallen, eine Kugel nach ihm zu schießen – wie ich vermute, dem alten Hegereiter Heatherblutter, der dem Sohne eintränken wollte, sich so bei dem neuen Herrn ins Zeug zu legen – und darüber ist Malcolm so in Angst geraten, daß er seine sieben Sachen gepackt hat und verschwunden ist und sich seitdem noch nicht wieder hat sehen lassen. Dafür hat er mich als Gurgelabschneider in London bei den Primates wieder in besondere Erinnerung gesetzt, die sich deshalb bemüßigt gefunden haben, mir einen Trupp Rotröcke in Beköstigung zu geben, und die mich jagen wie ein Rebhuhn auf dem Felde oder wie weiland unsern tapfern William Wallace, mit dem ich mich freilich nicht vergleichen kann und mag. Als Ihr eintratet, da dachte ich, sie hätten den alten Kerl endlich aufgestöbert, und wollte es ihnen wenigstens zeigen, wie ein alter Bod in seinem Notstande fällt. ... Aber, Janet, hast Du denn für uns gar nichts zu essen?«