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»Auch wir, gnädigste Frau,« sagte er, »haben als getreue Begleiter von Euer Gnaden Freunde und Verwandte zu beklagen. Ich lasse einen Bruder zurück in größter Gefahr, Katharinas Vater und Brüder befinden sich drüben auf blutiger Walstatt, tot oder verwundet, oder als Gefangne eines grimmigen Feindes. Wir vergaßen im Dienste unsrer Königin das Schicksal unsrer Liebsten und Nächsten, und unsre Königin ist so mit ihrem eignen Schmerz beschäftigt, daß sie für uns kaum einen Gedanken findet.«

»Ich verdiene Euren Vorwurf nicht, hochwürdiger Herr,« sagte die Königin und trocknete ihre Tränen, »aber ich leihe ihm Gehör ... wohin sollen wir uns begeben? ... Was sollen wir beginnen?«

»Wir müssen fliehen, und zwar auf der Stelle,« erwiderte der Abt; »wohin, ist nicht so leicht zu sagen; aber darüber können wir uns unterwegs klar werden. Hebt die Königin in den Sattel, und laßt uns aufbrechen.«

Es wurde aufgebrochen. Roland bedeutete die Begleiter des Ritters von Avenel, nach dem Schlosse Crookstone zu reiten, und begehrte für die Freilassung des Ritters kein andres Lösegeld als das Versprechen für sich und sein Gefolge, die Richtung als Geheimnis zu hüten, die er mit der Königin einschlüge.

Als er sein Roß wandte, gaffte ihn das ehrliche Gesicht Adam Woodcocks an, mit einem solchen Ausdruck von Staunen und Verwunderung, daß er zu andrer Zeit sich vor Lachen ausgeschüttet hätte. Woodcock war mit unter den Reitern des Ritters von Avenel gewesen, die seinen starken Arm zu fühlen bekommen hatten. Roland vergaß nicht, ihm ein paar Goldstücke – die er der Freigebigkeit der Königin verdankte – in die Mütze zu werfen, die noch auf der Erde lag, und mit einem freundlichen Abschiedsgruß sprengte er von dannen, um die Königin einzuholen, die schon weit hinunter den Hügel gelangt war.

»Es wird doch kein Hexengold sein,« meinte der ehrliche Falkner, indem er die Stücke einzeln untersuchte und betastete, »und Herr Roland war's doch auch, das steht bombenfest! denn es war noch immer die gleiche derbe Faust, die sich nicht besinnt zuzuschlagen ... Na, das wird der lieben Schloßherrin lieb sein zu hören, denn sie trauert wirklich und wahrhaftig um ihn, als wenn der Junge ihr leibliches Kind wär! Und wie flott der Kerl einherritt! Das muß man ihm lassen. Aber diese leichtfüßigen Burschen kommen ebenso sicher obenauf, wie der Schaum aufs Bier! ... Ein Falkner bleibt doch ein ganzer Kerl Zeit seines Lebens!«

Mit diesen Worten begab er sich zu seinen Kameraden, die jetzt in größerer Zahl sich eingefunden hatten, und half ihnen, seinen Herrn, der unter einer starken Quetschung litt und sich noch nicht bewegen konnte, in das Schloß hinein tragen.

Sechzehntes Kapitel

Unter bittern Tränen vollzog sich die weitere Flucht der Königin. Es waren der zerstörten Hoffnungen, der vernichteten Aussichten, der gefallenen Freunde auch gar zu viel, aber am meisten von allem ging ihr der Verlust Seytons und des wackern Douglas nahe, so nahe wie der Verlust des Thrones, den sie fast wiedergewonnen hatte! Katharina, ängstlich besorgt, den Mut im Herzen ihrer Gebieterin aufrecht zu erhalten, verbarg ihren Schmerz, während der Abt sich vergeblich mühte, für die nächste Zukunft einen Plan zu entwerfen, auf den sich einigermaßen bauen ließe. Bloß Rolands Mut blieb ungebeugt.

»Eure Majestät hat eine Schlacht verloren,« sagte er, »doch gedenkt Eures Ahnherrn Bruce, der sieben Schlachten hintereinander verlor, ehe er sieghaft den Thron Schottlands besteigen konnte, ehe er als Sieger auf dem Schlachtfelde von Bannockburn die Unabhängigkeit seines Vaterlandes errang. Und ist diese Heide nicht unendlich besser als das von Wasser umschlossne, modrige Schloß Lochleven? ... Können wir sie nicht frei durchschweifen? Wir sind frei, Majestät! in diesem einzigen Worte liegt ein Trost für alle Verluste!«

Eine kühne Saite war es, die er anschlug, aber sie hallte nicht wider in Marias Herzen.

»Besser, ich wäre in Lochleven geblieben,« klagte sie, »als daß ich solche Niederlage meiner treuen Untertanen durch diese Meuterer erleben mußte! Redet mir nichts von neuen Versuchen! sie möchten doch bloß Euch und allen meinen übrigen Freunden das Leben kosten! und ich könnte es nicht noch einmal ertragen, was ich in diesen Tagen gelitten habe! O, war das ein Anblick, als ich die blutdürstigen Reiter dieses Morton unter den getreuen Seytons und Hamiltons wüten sah! und weshalb sind sie gefallen im blutigen Kampfe? um meinetwillen! ... Nicht noch einmal möchte ich leiden, was ich gelitten habe, als das Blut des edlen Douglas meinen Mantel bespritzte um seiner Liebe zu Maria Stuart willen! ... und könnte ich Kaiserin werden über alle Besitztümer der britischen Krone! Nennt mir einen stillen Ort, wo ich mein Haupt verbergen kann, das Verderben bringt über alle, die mich lieben ... das möge der letzte Liebesdienst sein, den ich, Maria Stuart, von meinen Getreuen erbitte.«

Nachdem zuerst Lord Herries mit einer kleinen Schar sie eingeholt hatte, zog Maria Stuart in dieser tiefen Niedergeschlagenheit in die Abtei von Dundrennen ein, die etwa zwanzig Stunden von dem Schlachtfelde entfernt lag, das ihres Ruhmes Grab werden sollte. In diesem entfernten Winkel von Galloway waren die neuen Kirchengesetze noch nicht mit jenem Eifer und jener Strenge durchgeführt worden, wie in den der Hauptstadt näher gelegnen Stätten. Hier hausten und beteten noch einige Mönche unbehelligt in ihren Zellen, und der Prior der Abtei hieß die flüchtige Königin unter Tränen und mit tiefer Ehrerbietung an der Klosterpforte willkommen.

»Ich bring Euch Unglück, frommer Vater,« sagte die Königin, als sie von ihrem Zelter gehoben wurde.

»Solch Unglück soll willkommen sein,« erwiderte der fromme Mann.

Als die Königin zu ihren Kammerfrauen trat, betrachtete sie einen Augenblick ihren weißen Zelter mit trauriger Miene, dann sagte sie zu Roland:

»Gib acht, mein Lieber, daß die arme Rosabella nicht Not leide. Der liebe Douglas hat dafür gesorgt, daß ich mein altes treues Pferd wieder reiten konnte. Es hat dem lieben Menschen viel Mühe gemacht, es aus dem Marstall des Regenten für mich zu beschaffen. Frag Dein eignes Herz, warum ich in dieser trüben Stunde Dich um diesen Liebesdienst ersuche.«

Die Königin wurde in ihr Zimmer geführt, und hier wurde in übereilter Beratung der verhängnisvolle Entschluß gefaßt, in England eine Zuflucht für die unglückliche Königin zu suchen. Am andern Morgen gab sie hierzu ihre Einwilligung, und es wurde zu der nächsten Grenzvogtei ein Bote gesandt mit dem Ersuchen um Aufnahme und sichres Geleit für die Königin von Schottland. Am andern Tage ging der Abt mit Roland im Abtei-Garten spazieren, und hier sprach er in heftiger Erregtheit sein Mißfallen über den gefaßten Entschluß aus. »Besser wäre es gewesen, die Königin überantwortete sich den rauhen Hochländern im Gebirge, als daß sie sich der treulosen Elisabeth ins Garn lieferte, die ja doch darauf ausgeht, sich den Thron von Schottland selbst in die Hände zu spielen! Roland,« sagte er, »Lord Herries ist treu und ehrlich und wacker, aber durch diesen Rat stürzt er seine Herrin unmittelbar ins Verderben.«

»Ja, Verderben folgt uns, wohin wir den Fuß setzen,« sprach ein Greis, der ein Grabscheit in der Hand hielt und die Kleidung eines Laienbruders trug. Der Abt hatte ihn in der Leidenschaft, mit der er sich gegen Roland geäußert hatte, nicht bemerkt. »Verderben folgt uns allen, überall. O, staunt mich doch nicht so verwundert an! ja doch, ich bin derselbe, der zu Kennaqhueir Abt Bonifazius hieß, der in Lochleven als Gärtner Blinkhoolie bekannt war und rings durch Schottland gejagt worden ist, bis er wieder Einkehr gehalten hat in jenem Kloster, wo er einst sein Probejahr bestand. Und nun seid Ihr schon wieder da, mich zu verscheuchen? Ach, für einen, dem der Frieden über alles im Leben ging, hab ich ein schreckliches Leben des Unfriedens geführt!«