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Kurz darauf unternahmen der Abt und Roland die Reise nach Schloß Avenel, und sie fanden bei dem Ritter Halbert eine überaus herzliche Aufnahme. Die Dame von Avenel aber konnte Tränen der Freude nicht zurückhalten, als sie den Waisenknaben, den sie so tief in ihr Herz geschlossen hatte, wiedersah und zwar als den einzigen überlebenden Sprößling ihrer Familie. Sowohl der Ritter als auch die Dame von Avenel waren erstaunt über die mit Roland in dieser kurzen Zeitspanne vorgegangne große Veränderung, weit erstaunter hierüber war jedoch die Schloßdienerschaft, und zu ihrem Staunen gesellte sich eine aufrichtige Freude, denn der verhätschelte, anmaßende und zanksüchtige Page war als freundlicher, anspruchsloser Jüngling wiedergekehrt, der viel zu genau wußte, was er zu erwarten hatte, und wie sich die Dinge für ihn schicken mußten, als daß er wie ehedem keck und rücksichtslos einen Respekt hätte fordern sollen, der ihm an sich selbst ja gern und willig gezollt wurde. Wingate, der alte Haushofmeister, war der erste, der seinem Lobe die Zügel schießen ließ über die Veränderung, die mit dem jungen Herrn vorgegangen, und ebenso erklangen wahre Hymnen aus dem Munde der Zofe Lilias, die nur einer Hoffnung noch Ausdruck gab, daß es Gott dem Allgütigen belieben möge, ihn zur Erkenntnis des wahren Glaubens zu führen.

Das war jedoch schon lange ein stiller Wunsch Rolands selbst, und als der Abt Ambrosius sich nach Frankreich begab, um dort in ein Kloster seines Ordens zu treten, war das wichtigste Hindernis zur Ausführung von Rolands Absicht, den katholischen Glauben abzuschwören, beseitigt. Ein andres Hindernis war freilich noch seine Pflicht gegen seine Großmutter Magdalena Gräme, aber sein Aufenthalt auf dem Schlosse Avenel war erst von kurzer Dauer, als ihn die Nachricht erreichte, die Großmutter sei in Köln als Opfer einer für ihr Alter zu strengen Bußübung verstorben, der sie sich nach Eintreffen der Kunde von der verlorenen Schlacht bei Longside zum Frommen ihrer Königin und der Kirche Schottlands unterzogen habe. Abt Ambrosius wurde in seiner Gesinnung um vieles gemäßigter und zog sich in ein Schottenkloster auf dem Festlande zurück. Dort führte er ein solches Leben der Frömmigkeit, daß die Klosterbrüder es für angemessen erachteten, die Ehre der Heiligsprechung für ihn zu beantragen. Aber er erriet, was sie vorhatten, und bat sie auf seinem Sterbebett, hiervon Abstand zu nehmen, dagegen seinen Leichnam und sein Herz in der Familiengruft des Geschlechts von Avenel im Sankt-Marienkloster zu Kennaqhueir beisetzen zu lassen, auf daß der letzte Abt des berühmten Gotteshauses unter seinen Trümmern ruhe.

Um viele Jahre früher wurde Roland von Avenel mit Katharina Seyton verbunden, die nach zweijährigem Aufenthalt bei ihrer Königin entlassen wurde, weil die Königin Elisabeth von England, beziehungsweise ihre Ministerräte eine Verschärfung der Haft für die unglückliche Maria Stuart für angemessen erachteten. Daraufhin kehrte Katharina in das Haus ihres Vaters zurück, und seitdem Roland als Nachfolger und rechtmäßiger Erbe des alten Geschlechts derer von Avenel anerkannt worden war, und sein Vorgänger, Sir Halbert Glendinning von Avenel, die Besitztümer durch seine Klugheit und Umsicht reich vermehrt hatte, wurde von seiten der Angehörigen des Hauses Seyton keinerlei Widerspruch gegen diese Verbindung erhoben. Ihre Mutter war kurz vor Katharinas Heimkehr aus dem Kloster gestorben, und ihr Vater erachtete die Verbindung mit einem der Königin Maria zwar treu ergebenen, indessen klugen Manne wie es Roland Avenel war, – der durch Sir Halbert Glendinning auf die herrschende Partei nicht ganz ohne Einfluß war, – in den wirren Zeiten, die auf die Flucht der Königin Maria nach England folgten, für nicht unerwünscht und für nicht unvorteilhaft. So wurde aus Roland und Katharina, trotz dem verschiedenen Glauben, dem sie anhingen, ein glückliches Paar, und die Erscheinung der weißen Dame von Avenel, die zur Zeit des Niedergangs des alten berühmten Geschlechts nur selten zu beobachten war, trieb wieder, angetan mit dem goldnen Gürtel so breit wie ein gräfliches Wehrgehenk, an ihrem Lieblingsbrunnen fleißig ihr Wesen.

Ende

Kenilworth

Erster und zweiter Teil

Übersetzt von Erich Walter

Kenilworth. A Romance.

Edinburgh 1821

Erster Teil

Erstes Kapitel

Ein Erzähler hat das Vorrecht, den Anfang seiner Geschichte in ein Gasthaus zu verlegen – denn dort ist der Sammelplatz aller Reisenden, und dort gibt sich jeder, wie er ist, ohne Umstände und ohne Zwang. Bei einer Geschichte, die in den Tagen des lustigen Altenglands spielt, machte sich das besonders gut; denn damals waren die Gäste nicht bloße Bewohner, sondern Zechkumpane und zeitweilige Gefährten des Wirtes, der gewöhnlich ein mit dem Vorrecht größter Freiheit und Ungezwungenheit einstimmig belehnter Mann von stattlicher Erscheinung, guter Laune und saftigem Humor war. Unter seiner Gönnerschaft und Befürwortung kamen sich die verschiedensten Charaktere bereitwilligst näher, und wenn sie erst ihre paar Humpen wacker geleert hatten, warfen sie in der Regel alle Zurückhaltung ab und stellten sich einander und ihrem Wirte vor mit der Ungezwungenheit alter Bekannten.

Das Städtchen Cumnor, drei bis vier Meilen von Oxford entfernt, konnte sich im achtzehnten Regierungsjahre der Königin Elisabeth eines ausgezeichneten Gasthauses vom alten Schlage rühmen, das unter der Verwaltung von Giles Gosling stand, einem stattlichen und feisten Wirte. Er mochte fünfzig Jahre und wohl noch etwas älter sein, war mäßig in seinen Rechnungen, prompt und pünktlich in seinen finanziellen Verpflichtungen, hatte einen Keller voll trefflicher Getränke, einen schlagfertigen Witz und eine hübsche Tochter.

Seit den Tagen des alten Heinz Baillie, der das Gasthaus »Zum Waffenrock« in Southwark hatte, war noch keiner besser darauf »geeicht« gewesen, den Gästen nach jeder Richtung hin angenehm und gefällig zu sein, als Giles Gosling; und so groß war sein Ruf, daß jeder, Reisende, der in Cumnor war und nicht auf einen Humpen in dem guten Hause »Zum schwarzen Bären« hätte einsprechen wollen, sich ein trauriges Armutszeugnis ausgestellt hätte. Ebenso gut hätte ein Mann vom Lande aus London zurückkommen können, ohne die Königin gesehen zu haben. Die Leute von Cumnor waren stolz auf ihren Wirt und ihr Wirt war stolz auf sein Haus, seinen Wein, seine Tochter und sich selber.

Im Hofe des Gasthauses, das diesen wackeren Mann seinen Wirt nannte, stieg gegen Abend ein Reisender ab, gab sein Pferd, das einen weiten Weg zurückgelegt zu haben schien, dem Stallknecht und stellte einige Fragen, die zu dem folgenden Zwiegespräch zwischen den Myrmidonen des guten »Schwarzen Bären« führte.

»Heda, Kellner Hans!«

»Da bin ich, Stallknecht Willem,« versetzte der Mann vom Faßhahn und trat in seiner losen Jacke, seinen Leinenhosen und der grünen Schürze auf die Türschwelle, von der aus es in einen Keller hinunterzugehen schien.

»Hier ist ein Herr, der fragt, obs bei dir gutes Bier gäbe,« fuhr der Stallknecht fort.

»Ei, das versteht sich,« antwortete der Buffetier, »liegen doch bloß vier englische Meilen zwischen uns und Oxford. Wenn nicht mein Bier gut genug wäre, den Studenten die Köpfe zu erleuchten, so würden sie wahrscheinlich meinem Kopfe mit ihren zinnernen Krügen heimleuchten.«

»Soll das Logik à la Oxford sein?« fragte der Fremde, der jetzt den Zügel seines Pferdes hatte fallen lassen und auf die Wirtshaustür zuging. – Da trat ihm die stattliche Gestalt Giles Goslings selber entgegen.

»Sprecht Ihr von Logik, Herr Gast?« fragte der Wirt. »Ei, da laßt mich Euch einen schönen logischen Schluß zurufen: