»An die Krippe das Pferd
Und den Sekt an den Herd.«
»Amen von ganzem Herzen, mein guter Wirt!« sagte der Gast. »Ein Viertelmaß Eures besten Kanariensektes bringt herbei und leiht mir Euren trefflichen Beistand, es zu leeren!«
»Na, da seid Ihr noch in den Kinderschuhen, Herr Reisender, wenn Ihr Euren Wirt dazu in Anspruch nehmt, Euch bei so einer Lappalie wie einem Viertelmaß beizustehen – wenns wenigstens eine Gallone wäre, dann könntet Ihr vielleicht meine kameradschaftliche Hilfe beanspruchen und Euch schließlich auch einen guten Wirtshausgast nennen.«
»Seid ohne Sorge,« sagte der Gast, »ich will meine Pflicht tun, wie einem Manne geziemt, der bis auf fünf Meilen an Oxford heran ist; denn ich komme nicht vom Felde des Mars, um mich unter den Jüngern der Minerva zu blamieren.«
Als der Wirt dies hörte, hieß er ihn herzlichst willkommen und führte ihn in ein großes, niedriges Zimmer, wo mehrere Männer in verschiedenen Gruppen beieinander saßen. Die einen spielten Karten, die andern plauderten, und wieder andere, die aus Rücksicht auf ihr Geschäft am andern Morgen früh aufstehen mußten, beendeten ihre Abendmahlzeit und regelten mit dem Zimmerkellner die Angelegenheit ihres Nachtquartiers.
Der Fremde erfuhr beim Eintritt die allgemeine oberflächliche Art von Aufmerksamkeit, die bei solchen Anlässen gewöhnlich neuen Ankömmlingen gewidmet wird und diese Musterung führte zu folgendem Ergebnis: Der Gast war einer von jener Art Herren, die ein ganz nettes Aeußere und an sich nicht ungefällige Züge haben, dennoch aber nicht im mindesten hübsch genannt werden konnten – einer von jenen Menschen, von denen man sich – ob das nun am Gesichtsausdruck oder dem Ton der Stimme oder der Art, sich zu geben und zu benehmen, liegen mag – vielmehr im Grunde abgestoßen fühlt.
Der Fremde hatte ein beherztes, selbstbewußtes Auftreten, ohne frech und zudringlich zu sein, und schien voller Eifersucht und Unruhe einen Grad von Aufmerksamkeit und Untergebung für seine Person zu beanspruchen, der ihm vielleicht, wie er fürchtete, nicht gezollt werden möchte, wenn er nicht augenblicklich sein Anrecht darauf geltend machte.
Er war in einen Reitmantel gekleidet, unter dem ein schmuckes, mit Tressen besetztes Wams zum Vorschein kam. Um das Wams trug er einen Gürtel von Büffelleder, in dem ein Schwert und ein Paar Pistolen steckten.
»Ihr reitet wohl gerüstet, Herr,« sagte der Wirt mit einem Blick auf die Waffen, indem er dem Reisenden den bestellten Sekt auf den Tisch setzte.
»Ja, mein Wirt, ich habe gefunden, wie nützlich das in gefahrvollen Zeiten ist, und ich mache es nicht, wie die hohen Herren von heutzutage, daß ich meinen Anhängern den Laufpaß gebe, sobald ich sie nicht mehr brauche.«
»Ei, Herr,« sagte Giles Gosling, »so seid Ihr aus dem Flachlande, dem Lande der Piken und Flinten?«
»Ich war im Hohen und im Flachen, mein Freund, ich war weit und breit, fern und nah; aber ich trinke auf Euer Wohl einen Becher Eures Sektes. Füllt Euch selber einen andern, daß Ihr mir Bescheid tun könnt, und wenn der Wein nicht weit her ist, so müßt Ihr ihn halt trinken, wie er gebraut ist.«
»Wie meint Ihr das?« sagte Giles Gosling, trank den Becher leer und schmatzte mit den Lippen, indem er eine Fratze unsagbaren Behagens schnitt, »so einen Wein haben selbst die »Drei Kraniche« nicht im Keller, das steht fest. Aber wenn Ihr besseren Sekt auf den kanarischen Inseln selber findet, so wollt ich in meinem Leben nichts wieder an die Lippen bringen. Na, haltet ihn doch nur in die Höhe, gegen das Licht, dann seht Ihr die kleinen Perlen in der goldenen Flüssigkeit tanzen wie Staub im Sonnenlicht. Aber ich möchte lieber Wein abziehen für zehn Bauern als für einen Reisenden. – Ich hoffe doch zuversichtlich, der Wein findet bei Euer Ehren Beifall?«
»Er ist rein und angenehm, mein Wirt. Wenn man aber guten Wein kennen lernen will, dann muß man dorthin gehen, wo der Wein wächst. Glaubt mir, der Spanier ist Euch viel zu schlau, als daß er das beste von seinen Trauben hierher schicken sollte. Dieser Tropfen hier, der Euch so ausgezeichnet vorkommt, würde doch nur als Halbblut gelten in Coruna oder zu Porto Santa Maria. Wenn Ihr dem Mysterium der Fässer und Krüge bis auf den Grund kommen wollt, Herr Wirt, dann solltet Ihr auf Reisen gehen.«
»In Wahrheit, Signor Gast,« sagte Giles Gosling »sollte ich nur zu dem Zweck reisen, um mir an dem, was ich zu Hause haben kann, den Geschmack zu verderben, so wäre das wohl ein recht törichtes Beginnen. Ich versichere Euch übrigens, so mancher Hausnarr rümpft die Nase über ein gutes Getränk und ist doch aus dem Küchenrauche von Altengland in seinem Leben nicht herausgekommen. Es lebe mein eigener Herd!«
»Das nenn ich kleinlich denken, mein Wirt,« sprach der Fremdling. – »Zuversichtlich denken nicht alle Leute hier im Städtchen so. Ihr habt hier auch tapfere Kerle, das glaub ich ganz bestimmt, und ein paar mögen wohl bis nach Virginia gereist sein oder haben zum mindesten das Flachland durchzogen. Kommt, helft einmal Euerm Gedächtnis nach! Habt Ihr Freunde im fernen Lande, von denen Ihr gern etwas hörtet?
»Ich nicht,« antwortete der Wirt, »seit der wilde Robin von Drysandford bei der Belagerung von Brill gefallen ist, habe ich keine Freunde mehr in der Welt draußen. Der Teufel mag die Kugel holen, die ihn getroffen hat, – es hat nie einen fröhlicheren Burschen gegeben am Kneiptisch um Mitternacht. Aber er ist nicht mehr, und ich kenne keinen Soldaten und keinen Reisenden vom Soldatenhandwerk, für den ich einen Pfifferling gäbe.«
»Das ist sonderbar, es treibt sich mancher brave englische Bursche draußen herum, und Ihr, ein Mann von hervorragender Stellung, solltet keinen Freund oder Verwandten dabei haben?«
»Wenn Ihr auf Verwandte zu reden kommt,« versetzte Gosling, »so habe ich allerdings so einen Tunichtgut von einem Verwandten, der uns im letzten Regierungsjahr der Königin Maria ausgerissen ist – aber es ist besser, der bleibt verschollen, als daß wir ihn wiederfinden möchten.«
»So solltet Ihr nicht reden, Freund, sofern Ihr in der letzten Zeit nichts Schlimmes mehr von ihm gehört habt. Aus manchem wilden Füllen ist noch ein gutes Pferd geworden. Sagt mir, wie der Mann hieß.«
»Michael Lambourne,« erwiderte der Wirt vom »Schwarzen Bären«, »der Sohn meiner Schwester. Eine Freude ists gerade nicht, des Namens oder der Verwandtschaft sich zu erinnern.«
»Michael Lambourne!« wiederholte der Fremde, der in seinem Gedächtnis nachzusuchen schien, »doch nicht etwa ein Verwandter mit dem Michael Lambourne, dem tapfern Ritter, der sich bei der Belagerung von Venlos so tapfer zeigte, daß Graf Moritz ihm vor versammelter Mannschaft Dank abstattete? Es hieß, er sei ein Engländer, aber nicht von hohem Stande.«
»Das dürfte wohl kaum mein Neffe gewesen sein,« erwiderte Giles Gosling, »der hatte nicht soviel Courage wie ein Huhn – bloß wenn es galt, Unheil zu stiften, da war er bei der Hand.«
»O, es ist mancher erst im Kriege zu einem mutigen Soldaten geworden.«
»Wohl möglich,« sagte der Wirt, »aber meiner Meinung nach hätte unser Michel seinen geringen Vorrat an Courage dort eher noch vollends einbüßen müssen.«
»Der Michael Lambourne, den ich kenne,« fuhr der Fremde fort, »war ein schmucker Bursche, kleidete sich immer sehr sauber und hatte Augen wie ein Falke – zumal auf hübsche Mädels.«
»Unser Michel,« sagte der Wirt, »hatte Augen wie ein Köter, der den Schwanz einzieht, und er hatte einen Kittel an, an dem ein Fetzen immer dem andern Valet sagte.«
»O, im Kriege kommt man leicht zu einer guten Ausrüstung,« meinte der Gast.
»Unser Michel,« erwiderte der Wirt, »hätte sie wohl eher in einem Kleiderladen gestohlen, wenn der Trödler gerade anderswohin gesehen hätte, und was seine Falkenaugen betrifft, von denen Ihr sprecht, die schielten meistens bloß nach meinen silbernen Löffeln. Er ist ein Vierteljahr lang Kellner in diesem gesegneten Hause gewesen, und da war der falschen Rechnungen, Ungezogenheiten, Irrtümern und Schlechtigkeiten kein Ende, und wenn er noch ein Vierteljahr länger hier gewesen wäre, dann hätte ich mein Wirtshauszeichen herunternehmen, die Bude zumachen und den Schlüssel dem Teufel selber abliefern können.«