»Und dennoch wird es Euch leid tun,« fuhr der Fremde fort, »wenn ich Euch sage, daß der arme Michael Lambourne bei Maastricht beim Sturm auf eine Schanze gefallen ist.«
»Das sollte mir leid tun?« entgegnete der Wirt, »die beste Nachricht wäre es, die ich von ihm hören könnte, denn ich hätte dann doch die Gewißheit, daß er nicht mehr an den Galgen kommen würde. Aber laßt das gut sein. Ich glaube nicht, daß sein Ende so rühmlich für seine Angehörigen sein würde. Wenn es so wäre, so würde ich sagen (und er nahm einen neuen Becher Sekt zur Hand), von ganzem Herzen trinke ich auf seine Ruhe in Gott!«
»Still, Mann!« sagte der Reisende, »seid ohne Sorge, Euer Neffe wird Euch noch Ehre machen, besonders wenn es der Michael Lambourne ist, den ich gekannt und fast so lieb gehabt habe wie mich selber. Könnt Ihr mir kein Kennzeichen angeben, nach dem ich beurteilen könnte, ob es derselbe wäre?«
»Meiner Treu, nicht daß ich wüßte,« sagte Giles Gosling. »Höchstens daß unserem Michel der Galgen auf der linken Achsel eingebrannt worden ist, weil er der Dame Snort von Hogsditch einen silbernen Leuchter gestohlen hatte.«
»Nein, Oheim, da lügt Ihr selber wie ein Spitzbub,« sagte der Fremde, warf die Halskrause ab und streifte den Aermel seines Wamses von Hals und Achsel. »Beim hellen Tage! Meine Schulter trägt noch ebensowenig ein Brandmal wie Deine eigene.«
»Was! Michel – Junge! Michel!« rief der Wirt. »Bist Dus denn im Ernst? Das habe ich mir doch bald gedacht, denn ich sagte mir, kein andrer hätte sich halb soviel für Dich interessiert. Aber, Michel, wenn Deine Schulter noch frei ist vom Brandmal, dann bist Du bloß dem Henker Thong Dank schuldig, daß er ein Auge zugedrückt und Dich mit einem kalten Eisen gezeichnet hat.«
»Still, Oheim, laßt Eure Scherze beiseite. Würzt damit Euer saures Bier, und laß uns lieber sehen, was für ein herzliches Willkommen Du einem Verwandten bereitest, der achtzehn Jahre lang sich um die Welt herumgetrieben hat, der die Sonne hat untergehen sehen, wo sie aufgeht, der gereist und gereist ist, bis der Westen gar zum Osten geworden war.«
»Du hast eine den Reisenden eigentümliche Fähigkeit mitgebracht, wie ich sehe, allerdings gerade die, wegen der Du am allerwenigsten hättest wegzureisen brauchen. Ich erinnere mich noch recht wohl, neben Deinen anderen Vorzügen hattest Du auch den, daß man Dir kein Wort glauben konnte.«
»Welch ein ungläubiger Heide, meine Herren!« sagte Lambourne und wandte sich an die, die diesem seltsamen Auftritt zwischen Oheim und Neffen mitansahen, von denen einige als alte Einwohner des Städtchens den wilden Jüngling wohl gekannt hatten. – »Das heiß ich einen nett bewillkommnen. – Aber Onkel, ich komme nicht von den Trebern und nicht vom Schweinetrog, und es kümmert mich herzlich wenig, ob ich Dir willkommen bin oder nicht. Ich habe das bei mir, was mir Willkommen schaffen wird, wohin ich mich auch wenden werde.«
Mit diesen Worten zog er eine gut gefüllte Geldbörse heraus, deren Anblick auf die Gesellschaft Eindruck machte. Einige schüttelten den Kopf und flüsterten untereinander, während ein paar von den weniger bedenklichen Charakteren sich sofort wieder seiner als ihres Schulkameraden oder Mitbürgers erinnern wollten. Dagegen verließen einige würdevolle Personen von gesetztem Aeußern unter Kopfschütteln das Gasthaus, indem sie andeuteten, daß Giles Gosling wohl seinen unsteten, halt- und gottlosen Neffen sich sobald wie möglich wieder vom Halse schaffen müsse, wenn er nicht ruiniert sein wollte.
Gosling schien seinem Wesen nach so ziemlich derselben Meinung zu sein. Dem ehrlichen Manne stach das Gold weit weniger in die Augen, als man sonst bei Leuten seines Berufs zu finden pflegt.
»Vetter Michael,« sagte er, »steck nur Deine Börse wieder ein. Der Sohn meiner Schwester soll in meinem Hause für Abendbrot und Logis nichts zu bezahlen haben, und ich denke mir, Du wirst schwerlich den Wunsch haben, Dich länger an einem Orte aufzuhalten, wo Du nur zu wohl bekannt bist.«
»Was das anbetrifft, Onkel,« sagte der Reisende, »das wird sich nach meinen eigenen Geschäften und meinem Gutdünken richten. Inzwischen will ich diesen wackeren Herren, die nicht zu stolz sind, sich des Michel Lambourne, des ehemaligen Kellnerjungen, zu erinnern, zum Abend Bescheid tun. Wenn Du mich für mein Geld bewirten willst, gut – wenn nicht, so sind es ja nur ein paar Schritte bis zum Hasen mit der Trommel, und ich denke doch, unsere Nachbarn werden sich nicht scheuen, bis dorthin mit mir zu gehen.«
»Nein, Michel,« erwiderte sein Oheim, »achtzehn Jahre sind über Dein Haupt hingegangen, und gewiß haben sich Deine Verhältnisse ein wenig gebessert. Du sollst mein Haus nicht zu dieser Stunde verlassen und sollst haben, was Du vernünftigerweise begehren magst. Aber ich wollte, ich wüßte, daß das viele Geld in Deiner Börse, mit dem Du Dich so groß tust, auch wohl erworben wäre.«
»Ein ungläubiger Thomas, Nachbarn!« sagte Lambourne, und wandte sich abermals an die Umstehenden. »Nach einer Menge von Jahren will er noch auftischen, was sein Neffe auf dem Kerbholz hat. Was das Gold anbetrifft, – ich bin dort gewesen, wo es wächst und für jeden zu haben war, der welches suchte. In der neuen Welt bin ich gewesen, Mann, im Eldorado, wo kleine Rangen mit Diamanten Murmel spielen, und die Landdirnen sich Halsbänder aus Rubinen flechten statt aus Vogelbeeren, wo die Ziegel auf den Dächern aus purem Golde sind und die Pflastersteine aus reinem Silber.«
»Das muß ich sagen, Freund Michel,« sagte der junge Lorenz Goldfaden, der Schnittwarenhändler von Abingdon, – »an solch einer Küste muß sich fein Handel treiben lassen. Was mögen wohl Linnen, Seide und Band einbringen, wo das Gold so wohlfeil ist?«
»O, gar nicht auszurechnen wäre der Profit,« versetzte Lambourne, »besonders wenn ein junger, schmucker Handelsmann sein Päckchen selber trägt. Denn die Damen unter dieser Zone sind bona-robas, und da sie selber ein wenig sonnverbrannt sind, so fangen sie Feuer wie Zunder beim Anblick einer solchen frischen Gesichtsfarbe, wie Du sie hast, und eines solchen ins Rote spielenden Haares.«
»Ich hätte schon Lust, dort Handel zu treiben,« sagte der Krämer schmunzelnd.
»Ei, und das könntest Du auch sehr leicht,« sagte Michael. »Das heißt, wenn Du noch derselbe flotte, lebendige Bursche bist, mit dem zusammen ich den Obstgarten des Abtes geplündert habe. Es ist nichts weiter nötig, als so ein kleiner alchimistischer Kniff, Dein Haus und Deinen Grund und Boden in bares Geld zu verwandeln, und dieses bare Geld in ein großes Schiff mit Segel, Ankern und Takelage und allem, was dazu gehört, dann wird Dein Warenlager gut verstaut, fünfzig tüchtige Kerle unter meinem Kommando werden geheuert, und dann werden die Segel gehißt, und hei! gehts in die neue Welt!«
»Du hast ihm ein Geheimnis verraten, Vetter,« sagte Giles Gosling, »wie er seinen Taler in einen Heller und seine Gewebe in einen bloßen Faden verwandeln kann. Hört Ihr nur nicht auf den Rat eines Narren, Nachbar Goldfaden. Wagt Euch nur nicht auf die See, denn die See ist ein gefräßiges Ungeheuer. Karten und Liebschaften, das könnt Ihr schon ein Weilchen aushalten, und wenns noch so toll ginge, da hat Euer Vater Warenballen genug herangeschafft, daß Ihr nicht so bald ins Spital kommen könnt. Aber das Meer hat eine grundlose Freßsucht – es würde den ganzen Reichtum der Lombardstraße an einem Morgen hinunterschlingen, ebenso leicht, wie ich ein Setzei und ein Gläschen Rotwein verschlucke. Was meines Vetters Eldorado betrifft, so verlaßt Euch nur darauf, er hat es nirgendwo anders als in den Taschen solcher Gimpel gefunden, wie Ihr einer seid. – Aber laßt Euch das nur nicht in die Nase stechen. Wohlgemut ans Werk, denn da kommt das Abendbrot, und ich lade jeden ein, der daran teilnehmen will, zur Feier der Rückkehr meines Neffen. Ich selber nehme bestimmt an, er ist als ein anderer Mensch wiedergekommen. – In der Tat, Vetter, Du bist meiner armen Schwester ähnlich, wie nur je ein Sohn seiner Mutter ähnlich gesehen hat.«