»Aber nicht ganz so dem alten Benedikt Lambourne, ihrem Ehemann,« sagte der Krämer blinzelnd und kichernd. »Besinnst Du Dich noch, Michael, was Du sagtest, als der Schulmeister seinen Bakel über Dir tanzen ließ, weil Du Deinem Vater die Krücken weggenommen hattest? Das ist ein weises Kind, sagtest Du, das seinen Vater kennt. Dr. Bircham mußte lachen, bis ihm die Tränen kamen, und diese seine Tränen haben Dir die Tränen erspart.«
»Na, er hat michs noch lange nachher entgelten lassen,« sagte Lambourne, »und wie geht es dem alten Pädagogen?«
»Tot,« erwiderte Giles Gosling, »schon lange tot.«
»So ist es,« sagte der Gemeindeküster, »ich habe an seinem Totenbett gesessen. Voller Seelenruhe ist er dahingegangen, Morior mortuus sum vel fui mori – das waren seine letzten Worte, und er setzte dann noch hinzu: Nun habe ich mein letztes Verbum konjugiert.«
»Nun, Friede sei mit ihm,« sagte Michel. »Er ist mir nichts schuldig.«
»Nein, gewiß nicht,« versetzte Goldfaden, »und mit jeder Strieme, die er Dir aufgezogen hat, so pflegte er immer zu sagen, hat er dem Henker eine Arbeit erspart.«
»Man möchte meinen,« ,sagte der Küster, »er hätte ihm dann nicht mehr viel zu tun übrig gelassen. Und doch hat der gute Thong, der Henker, keine Sinekure bei unserm Freunde.«
»Voto a dios!« lief Lambourne, dem die Geduld zu reißen schien; er nahm den breiten Schlapphut vom Tische und setzte ihn auf, und unter dem tiefen Schatten nahmen seine Augen und Züge, die von Natur nichts Anheimelndes hatten, so recht das Aussehen eines spanischen Bravos und Abenteurers an. – »Hört, Ihr Herren, – unter Freunden, und wenns durch die Blume gesagt wird, ist schließlich alles nicht so sehr schlimm, und ich habe schon meinem würdigen Oheim und Euch allen gern erlaubt, über die Torheiten meiner Jugendzeit nach Herzenslust herzuziehen. Aber ich trage Schwert und Dolch bei mir, meine guten Freunde, und ich verstehe sie mit Leichtigkeit zu gebrauchen, wenn sich ein Anlaß bietet. Seit ich in spanischen Diensten stehe, habe ich gelernt, im Punkte der Ehre ein wenig empfindlich zu sein, und ich möchte nicht, daß Ihr mich bis zum Aeußersten reiztet.«
»Was würdet Ihr denn tun?« fragte der Küster.
»Na ja doch, Freundchen, was würdet Ihr denn tun?« fragte der Krämer und huschte geschwind an die andere Seite des Tisches.
»Euch die Kehle aufschlitzen, daß Euch Euer Sonntagsgeplärr vergehen sollte, Herr Küster,« sagte Lambourne wild, »und Euch, mein würdiger Krämer in Sammet und Seide würde ich zu einem Eurer Warenballen zusammenhauen.«
»Nur sachte, nur sachte,« fiel der Wirt ein, »hier verbitt ich mir jede Großmäuligkeit. Neffe, es wird Dir am besten anstehen, nicht allzu vorschnell etwas schief zu nehmen. Und Ihr Herren werdet gut tun, daran zu denken, daß Ihr allerdings in einem Gasthause seid, daß Ihr aber doch die Gäste des Wirtes seid und auf die Ehre seiner Familie Rücksicht zu nehmen habt. – Meiner Treu, über Euerm albernen Gezänk vergeß ich alles andere. Und dort sitzt mein stiller Gast, wie ich ihn nenne, denn er wohnt nun seit zwei Tagen bei mir und hat noch nie ein Wort gesprochen, außer wenn er sein Essen bestellt und seine Rechnung bezahlt. – Macht einem nicht mehr Umstände als ein einfacher Bauer – bezahlt seine Zeche wie ein königlicher Prinz, guckt immer nur nach der Summa summarum auf der Rechnung, – und ich weiß noch nicht, an welchem Tage er abreisen wird. O, er ist ein Juwel von einem Gaste! Und doch, ich Rindvieh ich, da habe ich ihn sitzen lassen wie einen Ausgestoßenen, ganz allein in seiner finsteren Ecke da und habe ihn nicht einmal eingeladen, doch wenigstens einen Bissen oder einen Teller Suppe mit uns zu essen. Es wäre schon die rechte Strafe für meine Unhöflichkeit, wenn er nach dem Hasen mit der Trommel ginge, ehe noch die Nacht älter wird.«
Er glättete die weiße Serviette sorgfältig über seinem linken Arme, legte für den Augenblick seine Sammetkappe beiseite und nahm sein bestes Silberfläschchen in die Rechte. So schritt nun der Wirt auf den genannten einsamen Gast zu und lenkte dadurch die Augen der Anwesenden auf ihn.
Er war ein Mann im Alter zwischen fünfundzwanzig und dreißig Jahren, ein wenig über Mittelgröße, einfach und anständig gekleidet, aber eine gewisse Nonchalance, die sich fast zur Würde steigerte, ließ erkennen, daß sein Rang höher war, als seine Kleidung auf den ersten Blick vermuten ließ. Seine Miene war ernst und gedankenvoll, er hatte dunkles Haar und dunkle Augen – die Augen blitzten bei jeder augenscheinlichen Erregung in ungewöhnlichem Glanze, hatten aber sonst denselben nachdenklichen, ruhigen Ausdruck wie seine Züge.
Die rege Neugier des Städtchens war geschäftig gewesen, seinen Namen und Stand zu erkunden und was er in Cumnor zu tun habe. Aber nach keiner Seite hin hatte sich etwas Unrechtes wittern lassen, was die Neugierde befriedigt hätte.
Giles Gosling, Gemeindevorstand des Oertchens, und ein treuer, beständiger Anhänger der Königin Elisabeth und der protestantischen Konfession, war zuerst geneigt, seinen Gast für einen Jesuiten oder Seminarpriester zu halten, wie sie Rom und Spanien zu jener Zeit so zahlreich aussandte, die englischen Galgen zu zieren. Aber es war kaum möglich, eine solche Voreingenommenheit gegen einen solchen Gast, der so wenig Umstände verursachte, seine Rechnung so regelmäßig beglich und wie es schien, recht lange im »Schwarzen Bären« zu bleiben gedachte, aufrecht zu halten.
Der ehrliche Giles war also der Ueberzeugung, daß sein Gast kein Römer sei, und ersuchte ihn mit aller gebührlichen Höflichkeit, ihm Bescheid zu tun mit einem kühlenden Schluck und teilzunehmen an einem kleinen Festessen, daß er seinem Neffen zu Ehren seiner Rückkehr und, wie er hoffe, seiner Besserung spendierte. Der Fremde schüttelte zuerst den Kopf, als lehne er die Einladung ab, aber der Wirt drang weiter in ihn.
»Meiner Treu, Herr,« sagte er, »es gehört zu meinem Renommee, daß in meinem Hause alle lustig sein sollen, und wir haben böse Jungen unter uns in Cumnor, (zwar wo wären die nicht?) die es übel auslegen, wenn jemand den Hut über die Stirn zieht, als wenn er an die Vergangenheit dächte, statt sich des heitern Sonnenscheins zu freuen, den Gott uns im süßen Antlitz unsrer Landesherrin, der Königin Elisabeth, gesandt hat – möge der Himmel sie segnen und uns erhalten.«
»Ei, mein Wirt,« antwortete der Fremde, »es ist doch hoffentlich kein Verrat, wenn ein Mann gern seinen eignen Gedanken nachhängt unterm Schatten seines eignen Hutes? Ihr habt zweimal so lange wie ich in der Welt gelebt, und Ihr müßt wissen, es gibt Gedanken, die uns selber zum Trotz verfolgen und denen wir vergebens zurufen: Geht und laßt uns lustig sein.«
»Wir müßten sie in einer prächtigen See von Rotwein ersäufen, mein edler Gast! Entschuldigt meine Freiheit, Herr. Ich bin ein alter Wirt und muß reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Diese sauertöpfische Melancholie steht Euch übel an. Sie paßt nicht zu einem blanken Stiefel, einem feingarnierten Hut, einem schmucken Mantel und einer vollen Börse. Laßt sie fahren, schickt sie denen, die sich die Beine in Heu eingewickelt haben, die einen alten Filzhut über den Schädel ziehen müssen, deren Jacken so dünn sind wie Spinneweben und die nichts in den Taschen haben, um dem bösen Feind Melancholie den Laufpaß zu geben! Lustig, Herr! Allweil fidel! Sonst bei diesem guten Weine werden wir Euch aus den Freuden fröhlicher Gesellschaft verbannen und in den Nebel des Trübsinns und das Land des Unbehagens verstoßen. Hier ist ein Kreis von guten Kerlen, die sich einen Jux machen wollen. Da dürft Ihr nicht zu ihnen so mißmutig hinüberschauen, wie zehn Meilen böser Weg.«