»Wohl gesprochen, mein würdiger Wirt,« sagte der Gast mit schwermütigem Gesicht, – das bei aller Schwermut seinen Zügen etwas sehr Anmutiges gab – »wohl gesprochen, mein jovialer Freund, wer ein Griesgram ist wie ich, soll nicht den Frohsinn derer, die sich glücklich fühlen, stören. Ich will einmal mit Euern Gästen anstoßen, von Herzen gern – bloß daß sie mich nicht für einen Spielverderber halten.«
Mit diesen Worten erhob er sich und trat zu der Gesellschaft, die größtenteils aus Personen bestand, die die Gelegenheit, auf Kosten des Wirts ein frohes Gelage abzuhalten, gern sich zu nutze machten. Sie hatten denn auch, dem Beispiel und den Lehren Michael Lambournes folgend, schon des Guten zu viel getan und begannen auszuarten, was aus dem Ton hervorging, in dem Michael nach seinen alten Bekannten in der Stadt fragte, und aus dem schallenden Gelächter, mit dem jede Antwort aufgenommen wurde.
Giles Gosling selber nahm nicht geringen Anstoß an dieser krakehlenden Fidelitas, zumal er unwillkürlich vor seinem unbekannten Gaste Respekt hatte. Er blieb daher ein paar Schritte vor dem Tische, an dem die polternden Saufgenossen saßen, stehen und sagte, wie um ihre Ausgelassenheit zu entschuldigen:
»Wenn Ihr die Burschen so lärmen hört, möchtet Ihr sie wohl alle für Gesindel halten, das von »Steh und dein Geld her« lebt, und doch könnt Ihr sie morgen als fleißige Handwerker oder Handelsleute bei der Arbeit sehen. Der Krämer da hat den Hut schief auf dem Ohre, er hat das Wams nicht zugeknöpft und den Mantel über die eine Schulter gehängt und spielt sich auf wie ein echter und rechter Schlagetot. Er schwatzt, als wenn er jede Nacht die Heerstraße zwischen Hunslow und London unsicher machte, und dabei liegt er friedlich im Bett, mit einer Kerze zur einen und einer Bibel zur andern Seite, damit ihm die Gespenster nichts anhaben können.«
»Und ist Euer Neffe, Herr Wirt, dieser Michael Lambourne, der der Held des Gelages ist, auch nur so zum Schein ein Wildfang?«
»Ei, da treibt Ihr mich in die Enge,« sagte der Wirt. »Mein Neffe ist mein Neffe, und wenn er auch ein toller Vogel früher gewesen ist, so kann er sich gemausert haben wie andere Leute. Und ich möchte nicht, daß Ihr alles aufs Wort glaubt, was ich von ihm gesagt habe. Ich habe das Vögelchen gleich erkannt und wollte ihm nur erst so ein bißchen das Gefieder zausen. Und nun, mein Herr, bei welchem Namen darf ich meinen würdigen Gast diesen Herren vorstellen?«
»Jenun, mein Wirt,« versetzte der Fremde, »Ihr mögt mich Tressilian nennen.«
»Tressilian?« antwortete der Wirt vom »Schwarzen Bären«. »Ein gar stattlicher Name – und wie mich dünkt, aus kornwallischem Geschlecht. Darf ich sagen, der würdige Herr Tressilian aus Kornwallis?«
»Sagt nichts weiter, als ich Euch erlaubt habe, mein Wirt, so werdet Ihr sicher sein, nichts mehr zu sagen, als was der Wahrheit entspricht.«
Der Wirt ging nicht weiter in seiner Neugierde, sondern stellte Herrn Tressilian der Gesellschaft seines Neffen vor, sie begrüßten ihn, tranken auf sein Wohl und setzten dann ihre Unterhaltung fort, die durch manchen Witz und Trinkspruch unterbrochen wurde.
Zweites Kapitel
»Also Will von Wallingford, das Großmaul,« sagte Lambourne, »ist auch dahingegangen?«
»Er ist gestorben wie ein feister Rehbock,« sagte einer von der Gesellschaft, »der alte Thatcham, des Herzogs stämmiger Förster in Donnington-Castle hat ihn mit einem Armbrustbolzen zur Strecke gebracht.«
»Wildpret hat er sein Leben lang gern gehabt,« sagte Michael. »Ich trinke ein Glas auf sein Andenken. Prosit, meine Herren!«
Als die Gesundheit dieses würdigen Entschlafenen getrunken war, erkundigte Lambourne sich nach Prance von Padworth.
»Hat baumeln müssen – vor zehn Jahren ist er unsterblich gemacht worden,« sagte der Krämer.
»Was? So haben sie den armen Prance an den Galgen geknüpft – und bloß, weil er gern bei Mondschein ausging? Ein Glas seinem Andenken, meine Herren! Alle lustigen Kerle haben das Mondlicht gern. Was ist aus Heinz mit der Feder geworden? Er wohnte unten in Yattenden und trug eine lange Feder – ich habe vergessen, wie er hieß.«
»Ah, Heinz Hempseed?« versetzte der Krämer. »Na, der war ja so eine Art vornehmer Herr, wie Du Dich erinnern wirst, und mischte sich gern in Staatsangelegenheiten, und da ist er wegen der Sache mit dem Herzog von Norfolk in die Klemme geraten, er wurde steckbrieflich verfolgt, flüchtete aus dem Lande und ist seit zwei oder drei Jahren nicht mehr gesehen worden.«
»Na, ich habe genug gehört,« entgegnete Michael Lambourne, »und habe schon gar keine Lust mehr, mich nach Toni Foster zu erkundigen, denn wenn Strick und Armbrustbolzen und Steckbriefe hier so an der Tagesordnung sind, dann ist ihnen der Toni sicherlich nicht entwischt.«
»Was für einen Toni Foster meinst Du denn?« fragte der Gastwirt.
»Na den, den sie Toni den Scheiterhaufenanstecker nannten, weil er ein Licht brachte, womit der Scheiterhaufen von Latimer und Rudley angebrannt werden konnte, denn der Wind hatte dem Henker die Fackel ausgelöscht und niemand wollte sie ihm für Geld und gute Worte wieder anbrennen.«
»Toni Foster lebt und es geht ihm gut,« sagte der Wirt, »aber ich rate Dir, Neffe, nenne ihn nicht den Scheiterhaufenanstecker, wenn Du ihn nicht fuchsteufelswild machen willst.«
»Wie! So schämt er sich wohl jetzt dessen?« rief Lambourne. »Er hat sich sonst immer groß damit getan und sagte, er sähe ebenso gern einen gebratenen Ketzer wie einen gebratenen Ochsen.«
»Ja, Vetter, das war zur Zeit der Maria,« versetzte der Wirt. »Damals war Tonis Vater noch Vogt beim Abt von Abingdon. Jetzt hat Toni eine Strenggläubige vom reinsten Wasser geheiratet und ist ein guter, eifriger Protestant geworden.«
»Und schaut sehr würdevoll drein und trägt den Kopf hoch und guckt seine alten Kameraden nicht mehr an,« sagte der Krämer.
»Jedenfalls ist er vermögend geworden,« sagte Lambourne. »Denn wenn jemand Geld allein hat und sein eigen nennt, dann geht er in der Regel denen aus dem Wege, die ihre Schatzkammern in anderer Leute Taschen haben.«
»Ein Großer vom Hofe,« sagte der Wirt, »der das Land dort von der Krone zu Lehen hatte, hat ihm das alte Herrenhaus Cumnorplace hinter dem Kirchhofe überlassen, und dort wohnt nun Toni und kümmert sich nicht mehr um die armen Schlucker von Cumnor, ganz als wäre er ein stolzer Ritter.«
»Nein,« sagte der Krämer, »bei Toni ist es nicht bloß Stolz. Da ist eine hübsche Frau im Spiele, und Toni ist so eifersüchtig, daß er selbst die Sonne kaum ihr Antlitz schauen lassen will.«
»Wie!« sagte Tressilian, der sich jetzt zum erstenmal in die Unterhaltung mischte, »sagtet Ihr nicht, dieser Foster sei verheiratet und mit einer Strenggläubigen!«
»Er war verheiratet, und zwar mit einer so strengen Protestantin, wie je eine Fleisch in der Fastenzeit gegessen hat, und wie Hund und Katze haben sie miteinander gelebt. Aber sie ist tot jetzt, Friede sei mit ihr, und Toni hat bloß so ein winziges Ding von einer Tochter. Nun heißt es, er werde die Fremde freien, von der die Leute so viel Wesens machen.«
»Und warum?« fragte Tressilian, »ich meine, warum machen die Leute so viel Wesens von ihr?«
»Ja, das weiß ich nicht,« erwiderte der Wirt, »bloß sagen eben die Leute, sie war so schön wie ein Engel. Niemand weiß, wo sie her ist, und alle Welt möchte gern wissen, warum sie so abgeschlossen und unter so strengem Gewahrsam gehalten wird. Ich meinesteils habe sie noch nie gesehen – Ihr habt sie wohl mal gesehen, Herr Goldfaden?«
»Freilich, freilich, alter Junge,« erwiderte der Krämer, »schaut, ich kam gerade von Abingdon geritten – und ritt unter dem östlichen Erkerfenster des alten Herrenhauses vorbei, wo alle die alten Heiligen und Historien aufgemalt sind – ich hatte nicht den gewöhnlichen Weg eingeschlagen, sondern einen Pfad durch den Park, denn die Hintertür war nur eingeklinkt, und ich dachte, als alter Bekannter könnte ich es mir schon erlauben, durch die Bäume zu reiten, sowohl weil ich da im Schatten war, denn es war ein sehr heißer Tag, als auch weil ich vor Staub geschützt war – ich hatte nämlich mein pfirsichfarbenes Wams mit der schweren Goldstickerei an.«