Dem Trunk, den Lambourne hierauf leerte, waren so viele andre schon vorausgegangen, daß seine fünf Sinne bereits verwirrt waren. Er schrie dem Krämer ein paar unzusammenhängende Flüche zu, weil dieser in sehr begreiflicher Weise sich weigerte, mit ihm auf den Verlust seiner eigenen Wette anzustoßen.
»Willst Du Grünschnabel mit mir rechten!« rief Lambourne. »Wart', ich will Dich in fünfzig Ellen Tressen zerschneiden.«
Aber als er das Schwert zu ziehen versuchte, um diesen mannhaften Entschluß auszuführen, packten ihn der Kellner und der Hausknecht und schleppten ihn in sein Zimmer, wo er sich nach Herzenslust nüchtern schlafen konnte.
Die Gesellschaft ging auseinander, und die Gäste nahmen Abschied, darüber war freilich der Wirt mehr erfreut als die Burschen, von denen mancher noch gern mehr von dem Wein, der ihnen nichts kostete, getrunken hätte.
Drittes Kapitel
»Und wie geht es Euerm Neffen, guter Herr Wirt?« fragte Tressilian, als am andern Morgen Gosling in die Gaststube trat.
»Ganz gut, Herr, vor zwei Stunden ist er ausgegangen und hat, ich weiß nicht was für alte Kameraden aufgesucht. Eben erst ist er wiedergekommen und nimmt jetzt ein Frühstück von frischen Eiern und Muskateller zu sich. Und was die Wette anbetrifft, so warne ich Euch als Freund, laßt Euch auf nichts ein, was Michel Euch vorschlägt. Daher rate ich Euch, genießt jetzt zum Frühstuck eine Bouillon, die bringt den Magen wieder auf gleich, und laßt meinen Neffen und Meister Goldfaden das Maul von ihrer Wette so voll nehmen, wie sie wollen.«
»Es scheint mir, mein Wirt,« sagte Tressilian, »als wüßtet Ihr nicht recht, was Ihr von diesem Euern Verwandten sagen sollt. Ihr könnt ihn ohne leise Gewissensbisse weder anschwärzen noch herausbeißen.«
»Da trefft Ihr den Nagel auf den Kopf, Herr Tressilian,« erwiderte Giles Gosling. »Natürliche Zuneigung flüstert mir ins Ohr: Giles, Giles, willst Du Deinen eignen Neffen um seinen guten Namen bringen? Willst Du den Sohn Deiner Schwester in bösen Leumund bringen? Willst Du Dir das eigne Nest verschandeln, Dein eigen Blut verunglimpfen? – Und dann wieder kommt der Gerechtigkeitssinn und sagt zu mir: Da ist ein prächtiger Gast, wie nur je einer in den »Schwarzen Bären« gekommen ist. Ein Gast, der nie an einer Rechnung herumgenörgelt hat (das sag ich Euch ins Gesicht, Herr Tressilian, Ihr habt das nie getan, aber Ihr habt freilich auch keine Ursache dazu gehabt), einer, der nicht weiß, warum er hergekommen ist, und auch, so viel ich sehe, noch nicht weiß, wann er wieder gehen wird. Und willst nun Du als ein Gastwirt, der die langen Jahre her in der Stadt Cumnor alles redlich bezahlt hat, der Du jetzt Gemeindevorsteher bist, willst Du dulden, daß dieser Gast der Gäste, dieser Mann der Männer, dieser sechsreifige Humpen, wenn ich so sagen darf, von einem Reisenden, in die Netze Deines Neffen falle, der als ein Maulheld und Tollkopf bekannt ist, als Kartenspieler und Würfler, als Professor der sieben verdammungswürdigen Wissenschaften – sofern in ihnen je ein Mensch den Grad eines Gelahrten erreicht hat? Nein, beim Himmel! Ich kann wohl ein Auge zudrücken, wenn er einen so kleinen Schmetterling wie den Goldfaden fängt, aber Ihr, mein Gast, sollt gewarnt sein und gerüstet, wenn Ihr nur hören wollt auf Euern getreuen Wirt.«
»Nun, Herr Wirt, Euer Rat soll nicht verworfen werden,« erwiderte Tressilian, »in dieser Wette aber muß ich nun meinen Anteil durchhalten, da ich nun einmal mein Wort darauf verpfändet habe. Aber gebt mir nun in dieser Sache Euern Rat – dieser Foster oder – wer und was ist er eigentlich – und warum macht er ein solches Geheimnis aus dieser Frauensperson?«
»Fürwahr,« antwortete Gosling, »dem, was Ihr gestern abend gehört habt, kann ich nur wenig hinzufügen. Er ist einer von den Papisten der Königin Maria gewesen und ist nun einer von den Protestanten der Königin Elisabeth, er war ein Lehnsmann des Abtes von Abingford und wohnt nun als Herr in dem alten Herrenhause. Vor allem, er war arm und er ist jetzt reich. Die Leute reden von geheimen Gemächern im Herrenhause, die so vornehm ausgestattet und verziert sein sollen, daß die Königin drin wohnen könnte. Gott segne sie. Manche glauben, er habe einen Schatz gefunden im Obstgarten, einige meinen, er habe sich um einen Schatz dem Teufel verkauft, und einige sagen, er habe dem Abt das Silbergerät abgegaunert, das zur Reformation im Herrenhause versteckt worden war. Jedenfalls ist er reich, und Gott und sein Gewissen und vielleicht der Teufel noch daneben wissen allein, wie er zu seinem Reichtum gekommen ist. Er hat auch ein mürrisches Wesen und bricht den Verkehr mit allen Hiesigen ab, als wenn er entweder ein sonderbares Geheimnis zu hüten hätte oder sich aus anderm Stoff als wir dünkte. Ich halte es sehr wahrscheinlich, daß mein Verwandter und er in Streit geraten werden, wenn Michel wegen seiner frühern Bekanntschaft sich ihm aufdrängen sollte. Und ich bedauere es, daß Ihr, mein würdiger Herr Tressilian, noch immer daran denkt, mit meinem Neffen zu gehen.«
Tressilian antwortete ihm abermals, er werde die Sache sehr vorsichtig anstellen, und der Wirt brauche sich seinetwegen nicht zu sorgen. Kurz, er gab ihm alle jene Versicherungen, mit denen jemand, der zu einer raschen Tat entschlossen ist, den Rat eines Freundes abwehrt.
Einstweilen nahm der Reisende die Einladung des Wirtes an und war eben mit dem Frühstück fertig, das ihm und Giles Gosling die hübsche Cäcilie aufgetragen hatte, da trat Michael Lambourne herein.
Seine Toilette hatte ihm augenscheinlich einige Mühe gekostet, denn sein Anzug war im Gegensatz zu dem Reisekostüm vom vergangenen Tage nach der neuesten Mode und mit großer Sorgfalt so angelegt, daß seine Persönlichkeit möglichst vorteilhaft darin sich ausnahm.
»Meiner Treu, Oheim,« rief der Galan, »das war eine feuchte Nacht gestern, und es ist ein trockner Morgen, darauf gefolgt. Ich möchte Dir gern mit einem Humpen Bescheid tun. – Ei, mein hübsches Muhmchen Cilly! Als ich Dich verließ, lagst Du noch als Baby in der Wiege, und nun stehst Du im Sammetmieder da, ein so stattliches Mädchen, wie nur Englands Sonne bescheint. Erkenne Deinen Freund und Verwandten, Cilly, daß ich Dich küssen und Dir meinen Segen geben kann.«
»Kümmere Dich nicht um Cilly, Neffe,« sagte Giles Gosling, »sondern laß sie in Gottes Namen ihrer Wege gehen, denn wenn auch Deine Mutter die Schwester ihres Vaters war, so sollst Du Dich doch nicht mit ihr einlassen.«
»Wie, Oheim,« versetzte Lambourne, »denkst Du, ich sei ein Ungetreuer und würde den Angehörigen meines eigenen Hauses ein Leid zufügen?«
»Von Leid zufügen ist gar keine Rede, Michel,« antwortete sein Oheim, »das ist nur so ein bißchen Vorsicht von meiner Seite. Nun, Du bist allerdings so schmuck herausgeputzt, wie eine Schlange, wenn sie die alte Haut im Frühling abstreift, aber trotz alledem sollst Du nicht in mein Eden hineinschleichen. Ich will schon auf meine Eva aufpassen, und damit laß Dir Genüge sein, Michel. – Aber wie fein Du jetzt aussiehst, Junge! Wenn man Dich jetzt ansieht und mit Herrn Tressilian in seinem dunkelfarbenen Reitkostüm vergleicht, so möchte man wirklich meinen, Du wärst in Wirklichkeit der vornehme Herr und er der Stallknecht.«
»Fürwahr, Onkel,« versetzte Lambourne, »das kann auch nur so ein Bauer wie Du sagen, ders nicht besser versteht. Ich sage offen, und es ist mir einerlei, wer es hört, das Wesen des echten Adels hat etwas Besonderes an sich, das wenige, die nicht von adliger Geburt sind und so die Fähigkeit gleich mitbringen, sich aneignen können. Ich weiß nicht, worin der Kniff liegt, aber ich mag in eine Gaststube noch so dreist und selbstbewußt eintreten, mag noch so laut mit Kellnern und Buffetiers herumschimpfen, noch so tüchtig trinken, noch so dickbackig fluchen und noch so freigebig, wie nur irgend einer von den Bespornten und Befederten um mich her, mit Gold um mich werfen – es hilft nichts – den echten Chik bringe ich doch nicht heraus, obwohl ich es schon hundertmal versucht habe. Der Wirt weist mir den untersten Tisch an der Tafel an und schneidet mir zu allerletzt vor, und der Hausdiener sagt zu mir: Na, kommt, Freund, ohne mir eine Reverenz zu machen oder mir sonstwelche Ehrerbietung zu bezeigen. Aber Schwamm drüber! Ich pfeife darauf. Ich habe Adel genug in mir, um Toni, dem Scheiterhaufenanstecker, einen Streich zu spielen.«