»Ihr bleibt also dabei, Euern alten Bekannten zu besuchen,« fragte Tressilian den Abenteurer.
»Gewiß, Herr,« sagte Lambourne, »es ist gewettet worden, also muß das Spiel auch riskiert werden. Das ist Spielgesetz und gilt auf dem ganzen Erdenrund. Wenn mich mein Gedächtnis nicht im Stiche läßt – denn ich habe gestern ein bißchen zu tief ins Glas geguckt, habt Ihr Euch ja selber an meinem Risiko beteiligt.«
»Ich bleibe auch dabei, Euch bei Euerm Abenteuer zu begleiten,« sagte Tressilian, »wenn Sie mir die Gunst erzeigen und es mir erlauben wollen. Meinen Anteil am Einsatz habe ich unserm würdigen Wirt eingehändigt.«
»Das hat er getan,« sagte Giles Gosling. »Ich wünsche Euerm Unternehmen Glück, aber bei meiner Ehre, es wäre angebracht, wenn Ihr vorher noch einen Schluck trinkt, ehe Ihr geht, denn dort drüben in der Halle werdet Ihr einen etwas trocknen Willkommen finden. Und wenn es Euch an den Kragen gehen sollte, seht Euch vor, daß Ihr kein kaltes Eisen in den Magen bekommt. Schickt nach mir, und Giles Gosling, der Gemeindevorstand, wird schon mit Toni Foster fertig werden, so stolz er auch sein mag.«
Das Städtchen Cumnor ist anmutig auf einem Hügel erbaut, und in einem dicht angrenzenden Waldpark lag das alte Herrenhaus, das zu jener Zeit Anthony Foster bewohnte. Die Ruinen sind noch heute zu sehen. Der Park war damals voll von großen Bäumen und besonders von alten, mächtigen Eichen, die ihre riesigen Zweige über die hohe Umfassungsmauer des Hauses reckten. So eingeschlossen, nahm es sich recht abgeschieden, melancholisch und klösterlich aus. In den Garten führte ein altmodischer Torweg in der Außenmauer, dessen Tor aus zwei mächtigen Eichenbohlen gezimmert und wie das Tor einer alten Stadt mit Nägeln beschlagen war.
»Hier säßen wir fest,« sagte Michael Lambourne, mit einem Blick auf das Tor, »wenn der Mann in seinem Mißtrauen uns gar nicht hereinlassen wollte. Aber nein,« setzte er hinzu, indem er wider das Tor stieß, das nachgab, »die Tür steht einladend offen, und nun stehen wir auf dem verbotenen Boden.«
Vor ihnen lag eine Allee, von alten Bäumen beschattet und eingesäumt von hohen Hecken. Die waren aber jahrelang nicht gestutzt worden und nun zu großen Büschen oder vielmehr zu Zwergbäumen aufgeschossen und wucherten nun auf den Weg herüber, den sie einst beschirmt hatten.
Auf der Allee selber stand das Gras dicht und hoch, und hie und da lagen große Haufen von Reisig, das zum Trocknen zusammengetragen worden war. Der allgemeine Eindruck der Verödung, der sich immer stark einprägt, wenn wir die Werke der Menschen verwüstet und vernichtet sehen durch Vernachlässigung und allmählich das Pflanzenleben die Spuren des Menschenlebens vertilgt, wurde noch erhöht durch die Größe der Bäume und ihre weit ausgedehnten Wipfel. Selbst wenn die Sonne am höchsten stand, war es hier düster, und düstre Stimmung befiel jeden, der hier herkam.
Dies empfand selbst Michael Lambourne, so fern seinem Wesen auch sonst die Zugänglichkeit für Eindrücke liegen mochte, außer bei solchen Dingen, die unmittelbar mit seinen Leidenschaften zu tun hatten.
»Dieser Wald ist finster wie ein Wolfsrachen,« sagte er zu Tressilian, als sie die einsame, versperrte Allee selbander dahinschritten und eben in Sicht der klösterlichen Front des alten Herrenhauses gekommen waren, deren Bogenfenster und Ziegelsteine von Efeu und Schlinggewächsen überwuchert und von hohen, schweren Schornsteinen überragt waren. – »Und doch ist es ganz richtig so von Foster, wenn er doch keine Besuche haben will. So läßt er denn sein Grundstück in einem solchen Zustand, daß sich wenige verlockt sehen werden, in seine Einsamkeit einzudringen. Wenn er aber der Toni wäre, den ich einmal gekannt habe, dann wären diese stämmigen Eichen längst das Eigentum eines Holzhändlers geworden, und der Wald hier würde um Mitternacht heller aussehen, als jetzt am Morgen, während Foster selber mit dem daraus gelösten Gelde in irgendeiner Ecke von Whitefriars spielte.«
»War er denn so ein Verschwender?« fragte Tressilian.
»Er war wie wir alle,« erwiderte Lambourne, »kein Heiliger und kein Sparer. Aber was ich ihm immer am meisten nachgetragen habe, das war, daß er sich immer allein amüsierte und um jeden Tropfen grollte, der nicht auf seine Mühle floß. Das und auch eine Neigung zum Aberglauben, die ihm im Blut zu liegen schien, machte ihn der Gesellschaft guter Kameraden unwürdig. Und nun hat er sich hier vergraben in einer Höhle, die so recht für so einen schlauen Fuchs paßt.«
»Darf ich Euch fragen, Herr Lambourne,« sagte Tressilian, »da doch die Gemütsart Euers alten Bekannten so wenig zu der Euern paßt, warum ist Euch so viel daran gelegen, Eure Bekanntschaft mit ihm zu erneuern?«
»Und darf ich meinerseits Euch fragen, Herr Tressilian,« versetzte Lambourne, »warum Euch so viel daran gelegen zu sein scheint, mich auf diesem Vorhaben zu begleiten.«
»Ich habe Euch ja meinen Grund genannt,« sagte Tressilian, »als ich mich an Eurer Wette beteiligte. – Pure Neugierde.«
»Papperlappapp!« unterbrach ihn Lambourne. »Seht doch, wie Ihr höflichen, vorsichtigen Herren uns anführen wollt, die wir kein Blatt vor den Mund nehmen und uns geben, wie uns der Schnabel gewachsen ist. Wenn ich Eure Frage damit beantwortet hätte, daß es bloße Neugierde wäre, weshalb ich meinen alten Kameraden Anthony Foster besuche, dann möchte ich wetten, Ihr hättet es für eine Ausflucht erklärt, mit der ich nur meinen wahren Zweck verschleiern wollte. Aber mir, wie es scheint, muß jede Antwort recht sein.«
»Und warum sollte nicht pure Neugierde,« sagte Tressilian, »ein hinreichender Grund sein, daß ich mit Euch gehe?«
»O, gebt Euch doch zufrieden, Herr,« entgegnete Lambourne. »So leicht könnt Ihr mir kein X für ein U machen, denn ich habe mich lange genug in der tollen Welt umgesehen, daß ich kein Stroh mehr für Korn fresse. Ihr seid ein Adliger von Geburt und Erziehung – das erkenn ich an Euerm ganzen Wesen. Ihr seid ein höflicher Mann und von gutem Rufe – Eure Manieren beweisen es mir und mein Oheim bezeugt es, und doch tut Ihr Euch zusammen mit so einem Lotterkerl, wie die Leute mich nennen, und Ihr wißt, daß ich so einer bin, und tut Euch doch mit mir zusammen, um einen Mann zu besuchen, dem Ihr ganz fremd seid – und alles aus bloßer Neugierde – ei ja doch! – Wenn man diesen Vorwand genau abwägt, dann fehlen auch ein paar Striche am reellen Gewicht.« »Und wenn Euer Verdacht begründet wäre,« sagte Tressilian, »Ihr habt mir ja auch kein Vertrauen entgegengebracht – wie könnt Ihr da auf Vertrauen meinerseits rechnen?«
»O, wenns danach ginge,« entgegnete Lambourne, »meine Beweggründe schwimmen oben. So lange das Gold hier reicht,« und er nahm seine Börse heraus, schnippte sie in die Luft und fing sie im Fallen auf, – »so lange will ich es für Vergnügen und Spaß ausgeben, und wenns alle ist, dann muß ich mehr haben. Nun, wenn diese geheimnisvolle Dame vom Edelhof – diese Herzallerliebste von Toni, dem Scheiterhaufenanstecker – ein so wunderbares Stück Mensch ist, wie die Leute sagen, ei, dann ist Aussicht vorhanden, daß sie mir dazu verhelfen könnte, meine Rosenobels in Grots [Eine kleine Silbermünze – 4 Pence. Rosenoble, eine alte Goldmünze – 4 Shilling 8 Pence.] zu verwandeln, und wenn Anton wiederum ein so reicher Filz ist, wie das Gerücht geht, dann erweist er sich vielleicht als mein Stein der Weisen und verwandelt mir wieder meine Grots in schöne Rosenobels.«
»Die Sache ließe sich hören,« sagte Tressilian, »aber ich sehe nicht ein, wieso Ihr Aussicht hättet, diesen angenehmen Vorsatz auszuführen.«
»Heute nicht gleich – und wohl auch morgen noch nicht,« antwortete Lambourne. »Ich glaube selber nicht daran, daß ich den alten Fuchs fangen werde, ehe ich nicht den Grundköder fein sauber zurecht gelegt habe. Aber ich bin heute morgen schon etwas weiter in seine Schliche eingeweiht, als ichs gestern abend noch war, und was ich weiß, das will ich so anwenden, daß er denken soll, ich wüßte noch weit mehr, als ich eigentlich weiß. – Nein, wenn ich nicht bestimmt auf Vergnügen oder auf Gewinn rechnete, dann hätte ich nicht einen Fuß auf diesen Herrensitz gesetzt, das kann ich Euch sagen; denn ich versichere Euch, ich halte es gar nicht für so ungefährlich, daß wir hierher gekommen sind. Aber wir sind nun einmal da, und müssen eben sehen, wie wir am besten dabei fahren.«