Während dieser Worte waren sie in einen großen Obstgarten getreten, der das Haus auf zwei Seiten umschloß. Die Bäume entbehrten aller Pflege, waren von Moos überwuchert und schienen kaum noch Frucht zu tragen. Ein paar Statuen, die den Garten einst in den Tagen seines Glanzes geziert hatten, waren jetzt von ihren Piedestalen herabgeworfen und zerschellt, und ein großes Sommerhaus mit einer wuchtigen Steinfront, auf der Schnitzereien das Leben und die Taten Simsons darstellten, war in demselben Zustande des Verfalls.
Sie hatten eben diesen Garten der Fäulnis durchschritten und waren nur noch ein paar Schritte vom Tor des Herrenhauses entfernt, als Lambourne ausgeredet hatte. Das war Tressilian sehr angenehm, denn er war somit der Verlegenheit enthoben, zu dem freimütigen Bekenntnis der Absichten, die seinen Gefährten hierher geführt hatten, etwas zu bemerken. Lambourne klopfte ohne alle Umstände und ziemlich ungestüm an die Tür des Herrenhauses, indem er gleichzeitig bemerkte, selbst an Stadtgefängnissen hätte er selten so starke Tore gefunden. Erst als sie mehrmals geklopft hatten, lugte ein alter Diener mit sauertöpfischem Gesicht durch ein kleines, viereckiges Loch in der Tür nach ihnen aus und fragte durch die Eisenstäbe, mit denen die kleine Oeffnung wohl versichert war, nach dem Begehr der Fremden.
»Wir wünschen augenblicklich Herrn Foster in dringenden Staatsgeschäften zu sprechen,« war Michael Lambournes schlagfertige Antwort.
»Mich dünkt, es wird Euch Schwierigkeiten machen, damit durchzukommen,« flüsterte Tressilian seinem Gefährten zu, während der Diener ging, die Botschaft seinem Herrn zu überbringen.
»Still doch,« versetzte der Abenteurer, »im ganzen Leben würde ein Soldat nichts ausrichten, wenn er immer erwägen wollte, wie er durchkommen sollte. Wenn wir nur erst einmal Einlaß erlangen, dann wird schon alles gut gehen.«
Binnen kurzem erschien der Diener wieder, schob mit behutsamer Hand Riegel und Eisenstab zur Seite und öffnete das Tor. Durch einen gewölbten Gang kamen sie nun in einen viereckigen Hof, der von Gebäuden umgeben war. Dem Torweg gegenüber lag ein andres Tor, das der Diener in gleicher Weise entriegelte, und sie traten nun in einen mit Stein gepflasterten Raum, darin nur wenig Mobiliar war, und was drinnen stand, von der gröbsten, altmodischsten Art. Die Fenster waren hoch und weit und reichten fast bis an die Decke des Raumes, die von schwarzem Eichenholz war, die auf den viereckigen Hof hinaussehenden Fenster waren durch die Höhe der Gebäude ringsherum verdunkelt, und da sie mit massigen Steinpfeilern durchsetzt und dick mit religiösen Sprüchen und Szenen aus der Geschichte der Heiligen Schrift bemalt waren, ließen sie ein im Verhältnis zu ihrer Größe nur sehr karges Licht herein, und was hereinfiel, nahm noch den düstern, dämmerigen Schimmer des gefärbten Glases an.
Tressilian und sein Führer hatten Zeit genug, all diese Einzelheiten zu bemerken, denn sie warteten geraume Zeit im Gemach, ehe der gegenwärtige Herr des Hauses endlich erschien. Tressilian war wohl darauf gefaßt, einen Mann von unheilverkündendem, abscheuerregendem Aeußern zu sehen, aber die Häßlichkeit Anton Fosters überbot noch, was er zu sehen erwartet hatte. Er war von mittlerm Wuchs, stämmig gebaut, aber dabei so plump, daß er fast mißgestaltet erschien und die knotige Tölpligkeit eines an Händen und Beinen linken Menschen hatte. Sein Haar, in dessen Pflege die Männer damals eben so peinlich waren, wie heutzutage, war nicht sauber frisiert und in Löckchen gekräuselt und auch nicht hinten aufgestutzt, wie man es auf alten Gemälden findet – es hing vielmehr in schmutziger Vernachlässigung unter einer Pelzmütze hervor und fiel in Alpzöpfen, die nie einen Kamm kennen gelernt zu haben schienen, über die struppigen Brauen und in das seltsame, jedes anheimelnden Zuges bare Gesicht hinein. Seine stechenden, finstern Augen saßen tief unter breiten, zottigen Augenbrauen und waren stets zu Boden geschlagen, als schämten sie sich selber des ihnen eignen Ausdrucks, und suchten ihn vor menschlichen Blicken zu verbergen. Bisweilen aber, wenn er mehr auf die Beobachtung andrer bedacht war, schlug er sie plötzlich auf und heftete sie scharf auf die, mit denen er sprach, und dann drückten sie um so wilder tiefe Leidenschaft und jene Gewalt des Beistandes aus, die willkürlich die Tiefe und den Umfang der innern Gefühle unterdrücken und verhehlen kann. Die Züge, die zu diesen Augen und dieser Gesichtsform paßten, waren unregelmäßig und doch so ausgeprägt, daß sie sich unauslöschlich der Erinnerung dessen, der sie jemals gesehen hatte, einprägten.
Seine Kleidung bestand aus einem Wamse von rostbraunem Leder – wie die bessere Klasse der Landleute trug – und einem Gürtel von Rindsleder, in dem links ein langes Dolchmesser und rechts ein Hirschfänger steckte. Er hob die Augen, als er in das Gemach trat und heftete einen scharf durchdringenden Blick auf die beiden Gäste, dann schlug er den Blick zu Boden, als wenn er seine Schritte zählte, während er langsam bis zur Mitte des Raumes vorkam, und sagte in leisem, gedämpftem Tone:
»Laßt mich Euch bitten, Ihr Herren, mir die Ursache dieses Besuches zu sagen.«
Er schien die Antwort von Tressilian zu erwarten, so sehr traf Lambournes Bemerkung zu, daß höhere Geburt und Anstand auch durch die Verkleidung niederer Tracht erkenntlich sei. Aber Michael gab ihm die Antwort in der ungezwungenen Vertraulichkeit eines alten Freundes und in einem Tone, der nicht durch den geringsten Zweifel an einer herzlichen Aufnahme beeinträchtigt klang.
»Ha, mein teurer Freund und Kamerad, Toni Foster!« rief er und ergriff die unwillige Hand und schüttelte sie so nachdrücklich, daß er fast die vierschrötige Gestalt der Person, der sie gehörte, ins Taumeln gebracht hätte. – »Wie gehts Euch seit so manchem langen Jahre? Was! Habt Ihr ganz Euern alten Freund, Gevatter und Spielkameraden Michael Lambourne vergessen?«
»Michael Lambourne!« sagte Foster und sah ihn auf einen Augenblick an. Dann senkte er den Blick und zog ohne alle Umstände die Hand aus dem freundschaftlichen Griff des Mannes, von dem er angeredet wurde, – »seid Ihr Michael Lambourne?«
»Ja doch, so gewiß wie Ihr Anton Foster seid,« versetzte Lambourne.
»Na schön,« sagte sein mürrischer Wirt, »und was kann Michael Lambourne von seinem Besuche hier erwarten?«
»Voto a dios!« antwortete Lambourne, »einen bessern Willkommen habe ich erwartet, als mir zuteil wird.«
»Ei, Du Galgenvöglein, Du Gefängnisratte, Du Duzbruder vom Henker und seiner Kundschaft,« versetzte Foster, »bist Du so keck, von irgendwem, dessen Hals noch nicht mit dem Eisen Bekanntschaft gemacht hat, Entgegenkommen zu erwarten?«
»Es mag schon so sein,« erwiderte Lambourne, »und nehmen wir mal an, ich laß es gelten, bloß daß wir weiter kommen – so bin ich doch noch gut genug als Bekanntschaft für meinen alten Freund Anton, den Scheiterhaufenanstecker, wenn er auch zurzeit durch irgend ein nicht ganz koscheres Privilegium Herr von Cumnor-Place ist.«
»Hört, Michael Lambourne, Ihr seid jetzt ein Spieler,« sagte Foster, »und Ihr lebt vom guten Glück – was kommt es mir darauf an, daß ich Euch in diesem Augenblick aus dem Fenster dort in den Graben werfe?«
»Ich wette zwanzig gegen eins, daß Ihr das hübsch bleiben lassen werdet,« antwortete der abgebrühte Gast.