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»Und warum wohl, ich bitte Euch?« fragte Anton Foster, preßte die Zähne aufeinander und kniff die Lippen zusammen, wie jemand, der sich bemüht, eine wilde innere Erregung zu bezwingen.

»Weil,« sagte Lambourne gelassen, »Ihrs bei Euerm Leben nicht wagen dürft, mich auch nur mit dem Finger anzutippen. Ich bin jünger und stärker als Ihr und habe in mir eine doppelte Portion von dem Teufel, der mit Hieb und Stich losgeht, wenn auch vielleicht nicht ganz so viel von dem maulwurfsartigen Satan, der unter der Erde einen Weg zu seinem Ziele findet – der den Leuten Galgenstricke unter die Kissen legt und ihnen Rattengift in die Suppe tut, wies in dem Bühnenstück heißt.«

Foster sah ihn ernst an, wandte sich dann ab und durchschritt den Raum zweimal mit demselben festen, bedachtsamen Schritt, mit dem er ihn betreten hatte. Dann kam er plötzlich zurück, streckte Michael Lambourne die Hand hin und sagte:

»Sei nicht böse auf mich, guter Michel; ich wollte nur probieren, ob Du Deine alte, ehrliche Freimütigkeit eingebüßt hättest, die Deine Neider und Verleumder freche Unverschämtheit nannten.«

»Mögen sie sie nennen, wie sie wollen,« sagte Michael Lambourne, »darin besteht doch das Handgepäck, das wir mit uns durchs Leben tragen müssen. Potz Dolch und Schneide! Ich sage Dir, Mann, mein eigener Vorrat an Keckheit war zu klein, um was daraus zu schlagen, so habe ich denn ein paar Tonnen Frechheit mehr in jedem Hafen einladen müssen, an dem ich auf meiner Lebensfahrt angelegt habe, und was ich an Bescheidenheit und Skrupeln noch übrig hatte, das habe ich über Bord geworfen, damit für den Ballast Platz wurde.«

»Nein, nein,« versetzte Foster, »was die Skrupel und die Bescheidenheit betrifft, an dem Ballast hattest Du ja genug, als Du von hier absegeltest. – Aber wer ist dieser edle Herr dort? – Ist das auch so ein Luftikus, so ein Windbeutel, wie Du?«

»Bitte schön, ich stelle Dir Herrn Tressilian vor, mein Dickerchen,« erwiderte Lambourne und stellte zur Antwort auf die Frage seines Freundes seinen Bekannten vor. – »Kenn ihn und ehre ihn, denn er ist ein Edelmann von vielen bewundernswerten Eigenschaften; und wenn er auch nicht in meiner Branche Geschäfte macht, wenigstens soweit ich es weiß, so hat er doch eine gerechte Hochachtung und Bewunderung für Tausendkerle unsrer Klasse. Er wird mit der Zeit schon auch in unser Fahrwasser steuern, das bleibt ja selten aus; vorjetzt aber ist er nur ein Neophyt, ein Proselyt.«

»Wenn er solche Vorzüge besitzt, so will ich Euch bitten, mir in einem andern Gemach Eure Gesellschaft zu vergönnen, ehrlicher Michel, denn was ich Dir zu sagen habe, ist nur für Dein Ohr. – Inzwischen bitte ich Euch, edler Herr, in diesem Gemach auf uns zu warten und sich nicht daraus zu entfernen. Es sind ihrer in diesem Hause, die über den Anblick eines Fremden sich erschrecken würden.«

Tressilian war einverstanden, und die beiden würdigen Kumpane verließen das Zimmer zusammen, in welchem er nun allein zurückblieb.

Viertes Kapitel

Der Raum, in den der Herr von Cumnor-Place seinen würdigen Gast geführt hatte, war geräumiger als der, in welchem sie zuerst sich unterhalten hatten und machte doch mehr den Eindruck der Zerfallenheit. Große eichene Wandschränke, mit Fächern vom gleichen Holze gefüllt, standen rings an den Wänden und hatten ehedem zur Aufnahme einer reichhaltigen Sammlung von Büchern gedient, von denen noch viele vorhanden waren, aber zerrissen und unkenntlich, mit Staub bedeckt, der kostbaren Schlösser, Riegel und Einbände beraubt und in unordentlichen Haufen auf den Brettern zusammengeschoben, wie ganz abgetane und unbeachtete Sachen, die, wer Lust hatte, zerstören konnte. Die Schränke selber waren stellenweise beschädigt und angebrochen und überdies mit Spinngeweben förmlich überzogen und mit Staub dicht bedeckt.

»Die Männer, die diese Bücher geschrieben haben, haben sichs wohl nicht träumen lassen, in wessen Hut sie einmal fallen würden,« meinte Lambourne.

»Ah bah!« rief Anton Foster, »das ist lauter papistisches Gewäsch, Privatstudien von dem Abt von Abingdon, dem alten Mummelgreis. Der neunzehnte Teil einer reinen, rechtgläubigen Predigt wiegt eine Wagenladung von solchem Kram auf.«

»Brav gesprochen, Meister Toni Scheiterhaufenanstecker!« antwortete Lambourne.

Foster schielte finster nach ihm hin und erwiderte:

»Hört, Freund Michel, vergeßt den Namen und den Vorfall, auf den er sich bezieht, wenn Ihr nicht wollt, daß unsere neu belebte Kameradschaft eines plötzlichen und gewaltsamen Todes sterben soll.«

»Ei, ei,« sagte Michael Lambourne, »Ihr rühmtet Euch doch sonst, daß Ihr bei der Hinrichtung der beiden ketzerischen Bischöfe mitgeholfen habt.«

»Das,« sagte sein Kamerad, »war zu der Zeit, da ich noch in der Galle der Bitternis und in den Banden der Missetat gefangen war, und hat nichts mehr zu schaffen mit meinem Wandel oder meinen Wegen jetzt, da ich zu den Auserlesenen zähle. Herr Melchisedek Maultext hat mein Mißgeschick in dieser Angelegenheit mit dem des Apostel Paulus verglichen, der den Zeugen, die den heiligen Stephan steinigten, die Kleider hielt. Darüber hat er gepredigt vor drei Sabbathen, und zum darstellenden Beispiel, sagte er, nähme er das Verhalten eines ehrbaren Mannes, der unter den Zuhörern weile – damit meinte er mich.«

»Ich bitte Dich, verschone mich, Foster,« sagte Lambourne, »ich weiß nicht, wie es kommt, aber wenn ich den Teufel die heilige Schrift zitieren höre, dann läuft mirs wie eine Gänsehaut über das Fell, und übrigens, Mann, wie konntest Du das Herz haben, die bequeme, alte Religion zu verlassen, die Du aus- oder anziehen konntest wie Deinen Handschuh? Ist mirs nicht noch erinnerlich, wie Ihr Euer Gewissen zur Beichte zu führen pflegtet, so regelmäßig, wie der Monat herankam? Und wenn Dir der Priester Dein Gewissen gesäubert, gestriegelt und weißgewaschen hatte, dann warst Du allezeit bereit zu der schlimmsten Schurkerei, die ausgeheckt werden konnte, wie ein Kind, das immer die meiste Lust hat, in den Dreck zu rennen, wenns einen reinen Sonntagskittel anhat.«

»Mach Dir keine Kopfschmerzen um mein Gewissen,« sagte Foster, »das ist ein Ding, das Du nicht verstehen kannst, denn Du hast selber nie eins gehabt. Laß uns lieber zur Sache kommen und sage mir mit einem Worte, was Du mit mir vorhast und was für Hoffnungen Dich hierhergelockt haben.«

»Die Hoffnung auf ein besseres Leben,« antwortete Lambourne, »wie das alte Weib sagte, als es über die Brücke in Kingston sprang. Seht her, diese Börse enthält den ganzen Rest einer so runden Summe, wie sie nur einer in der Hosentasche herumzutragen sich wünschen kann. Ihr sitzt hier im warmen Neste, wie es scheinen möchte, und erfreut Euch der Gunst guter Freunde, denn die Leute sagen, Ihr ständet unter ganz besondrer Protektion. Na, starr mich nur nicht an, wie ein Schwein, das gestochen wird – denkst Du, Du kannst in einem Netze herumtanzen, ohne daß die Leute Dich sehen? Nun weiß ich, solche Protektion ist nicht so ohne weitres feil, Ihr müßt dafür Dienste zu verrichten haben, und in diesen Diensten biete ich Dir meinen Beistand an.«

»Aber wenn ich nun keinen Beistand von Dir gebrauchen kann, Michel? Ich denke, bei Deiner Bescheidenheit hast Du eine solche Möglichkeit schon in Betracht gezogen?«

»Das heißt,« versetzte Lambourne, »Du willst lieber die ganze Arbeit allein herunterschuften, als den Lohn teilen – aber sei nicht allzu futterneidisch, Anton. Habgier und Knauserigkeit bringt den Sack zum Platzen, und das Korn wird verschüttet. Seht, wenn der Weidmann auf den Hirsch pirscht, dann nimmt er mehr als einen Hund mit. Er hat den festen Spürhund, der das wunde Wild über Hügel und Tal aufspürt, aber er hat auch den flinken Windhund, der es zu Tode hetzt, wenn ers zu sehen bekommen hat. Du bist der Bluthund, ich bin der Windhund, und Dein Gönner wird beide brauchen und kann sichs auch leisten, beide zu bezahlen. Du hast tiefen Scharfsinn, – eine zielbewußte, unerschütterliche Ausdauer – eine standfeste, langatmige Niederträchtigkeit, die die meine noch übertrifft. Dafür aber bin ich der kühnere, der schlagfertigere. Getrennt sind unsre Eigenschaften nicht so weit her, aber tu sie zusammen, so können wir die Welt vor uns herjagen. Wie sagst nun – sollen wir selbander jagen?«