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»Die Schmerzen! Ist denn mein Vater krank?« fragte die Dame.

»So krank,« antwortete Tressilian, »daß, wenn Ihr auch auf Flügeln zu ihm eiltet, Ihr ihn doch nicht gesund machen könntet, doch soll alles sogleich zu Eurer Abreise hergerichtet werden, sobald Ihr Euch dazu bereit erklärt.«

»Tressilian,« antwortete die Dame, »ich kann nicht, ich darf nicht diese Stätte verlassen. Kehrt zu meinem Vater zurück, sagt ihm, ich will mir Urlaub erwirken, ihn in zwölf Stunden von jetzt ab zu besuchen. Kehrt zurück, Tressilian, – sagt ihm, ich befinde mich wohl, ich bin glücklich – ich wäre glücklich, könnte ich denken, er wäre es auch – sagt ihm, er soll sich nicht davor fürchten, daß ich kommen will – ich will so zu ihm kommen, daß all der Kummer, den Amy ihm bereitet hat, vergessen sein soll – die arme Amy ist jetzt größer als sie verraten darf. Geht, mein guter Tressilian, – ich habe auch Euch weh getan, aber glaubt mir, ich habe Macht, die Wunden zu heilen, die ich geschlagen habe. Ich habe Euch ein kindisches Herz geraubt, daß Euer gar nicht würdig war, und ich kann den Verlust durch Ehren und Beförderung ersetzen.«

»Sagt Ihr das mir, Amy? – Bietet Ihr mir den Flitter eiteln Ehrgeizes für den stillen Frieden, den Ihr mir geraubt habt? Noch sei es so – ich bin nicht gekommen, Vorwürfe zu machen, – sondern Euch zu dienen und Euch zu befreien. Ihr könnt es vor mir nicht verbergen, Ihr seid eine Gefangene. Sonst wäre Euer liebes Herz – denn lieb und gut war es einst – schon am Bette Eures Vaters. Kommt, armes, betrognes, unglückliches Mädchen! – Alles soll vergessen sein – alles soll vergeben sein. Fürchtet nicht, ich könnte Euch Ungelegenheiten machen wegen unsers frühern Verhältnisses – es war ein Traum und ich bin erwacht. Doch kommt – Euer Vater lebt noch – kommt, und ein Wort der Liebe – eine Träne der Reue wird das Gedächtnis von allem, was vorgegangen ist, ausmerzen.«

»Habe ich nicht schon gesagt, Tressilian,« erwiderte sie, »daß ich ganz bestimmt zu meinem Vater kommen werde, und ich will dies nicht länger hinausschieben, als unbedingt nötig ist, um andre ebenso unerläßliche Pflichten zu erfüllen. – Geht, bringt ihm den Bescheid – ich komme, so gewiß, wie Licht am Himmel ist – das heißt, wenn ich Erlaubnis bekomme.«

»Erlaubnis? Erlaubnis, Deinem Vater auf dem Krankenbette, vielleicht auf seinem Totenbette zu besuchen?« sagte Tressilian, »und Erlaubnis von wem? – Von dem Schurken, der unter dem Mantel der Freundschaft jeder Pflicht der Gastfreundschaft Hohn sprach und Dich aus Deines Vaters Hause stahl?«

»Verunglimpf ihn nicht, Tressilian. Er, von dem Du sprichst, trägt ein Schwert, so scharf wie Deines, – ja schärfer noch, eitler Mann – denn die besten Taten, die Du je im Frieden oder Kriege getan hast, waren ebenso wenig würdig, in einem Atem mit den seinen genannt zu werden, wie Dein niedrer Rang sich mit der Sphäre messen kann, in der er sich bewegt. Verlaß mich! Geh, richte meine Bestellung an meinen Vater aus, und wenn er wieder zu mir schickt, soll er einen willkommnern Boten wählen.«

»Amy,« erwiderte Tressilian sanft, »mit Deinen Vorwürfen richtest Du nichts aus bei mir. Sage mir eins, daß ich wenigstens einen Strahl des Trostes meinem alten Freunde bringen kann. Seinen Rang, von dem Du so rühmlich sprichst, teilst Du mit ihm, Amy? – Hat er das Recht eines Gatten, Dir Vorschriften zu machen?«

»Zügle Deine unartige Zunge!« sagte die Dame. »Eine Frage, die meine Ehre in Zweifel stellt, würdige ich keiner Antwort.«

»Ihr habt schon genug gesagt, indem Ihr die Antwort darauf verweigertet,« versetzte Tressilian, »und merke wohl, unglücklich wie Du bist, ich bin gerüstet mit der Vollmacht Deines Vaters, Dir Gehorsam zu bieten, und ich will Dich retten aus der Sklaverei von Sünde und Kummer, selbst wider Deinen Willen, Amy!«

»Droh mit keiner Gewalttat hier!« rief die Dame und zog sich vor ihm zurück, bestürzt über die Entschlossenheit, die aus seinem Blick und Wesen sprach. – »Drohe mir nicht, Tressilian, denn ich habe Mittel, mich vor Gewalt zu schützen.«

»Aber doch wohl nicht den Wunsch, diese Mittel zu so schlimmem Zwecke zu benutzen,« sagte Tressilian. »Mit Deinem Willen – Deinem unbeeinflußten, freien und natürlichen Willen, Amy, kannst Du nicht diesen Zustand der Sklaverei und Schande auf Dich genommen haben – Du bist durch irgend einen Zauber gebannt worden – Du bist durch irgend einen Betrug umgarnt worden – Du wirst durch ein erzwungenes Gelübde festgehalten. – Aber so brech ich den Zauber – Amy, im Namen Deines herrlichen, vom Herzeleid gebrochnen Vaters gebiete ich Dir, mir zu folgen.«

Mit diesen Worten trat er auf sie zu und streckte den Arm aus, als wollte er sie ergreifen. Aber sie wich zurück vor seinem Griff und stieß den Schrei aus, der Lambourne und Foster in das Zimmer führte.

Der letztere rief, sobald er hereintrat:

»Feuer und Reisig! Was haben wir hier?« Dann wandte er sich an die Dame und setzte in einem Tone zwischen Bitte und Befehl hinzu: »Potzblitz, Madame! Was tut Ihr hier in voller Freiheit? Macht, daß Ihr wegkommt – weg – weg – Tod und Leben sind hier im Spiele! – Und Ihr, Freund, wer Ihr auch seid, verlaßt dieses Haus – hinaus mit Euch, ehe mein Dolch und Eure Brust miteinander Bekanntschaft machen. Zieh, Michel, und befrei uns von dem Schurken!«

»Ich nicht, bei meiner Seele,« versetzte Lambourne. »Er ist hierher gekommen in meiner Gesellschaft, und er ist sicher vor mir nach den Gesetzen der Diebszunft, zum wenigsten, bis wir einander wieder begegnen. Aber hört, mein Freund aus Cornwallis: Ihr habt einen echten kornischen Windsturm mit hierher gebracht, einen Taifun, wie sie im Orient sagen. Macht Euch dünn – zieht Leine – verschwindet, sonst soll Euch das Lebenslichtlein ausgeblasen werden.«

»Hinweg, erbärmlicher Bursche,« sagte Tressilian. »Und Ihr, Madame, gehabt Euch wohl – das letzte bißchen Leben in Euers Vaters Brust wird von hinnen fliehen bei der Nachricht, die ich ihm zu bringen habe.«

Er ging, – als er das Zimmer verließ, flüsterte die Dame ihm leise zu:

»Tressilian, seid nicht voreilig und unbedacht – sprecht nichts Ehrenrühriges von mir!«

»Da haben wir ja eine nette Bescherung,« sagte Foster, »ich bitte Euch, geht in Euer Zimmer, Mylady, und laßt uns bedenken, wie wir das wieder gut machen können. – Nein, säumet nicht.«

»Auf Euer Geheiß rühr ich kein Glied, Herr,« antwortete die Dame.

»Aber Ihr müßts, schöne Dame,« erwiderte Foster, »entschuldigt meine Freiheit, aber bei Blut und Nageln, wir haben keine Zeit jetzt, Höflichkeiten zu drechseln – Ihr müßt in Euer Zimmer gehen – Michel, geh diesem naseweisen Laffen nach, und wenn Dir selber daran liegt, gut zu fahren, sorge dafür, daß er von hier wegkommt, dieweil ich diese halsstarrige Dame zur Vernunft bringe. Zieh vom Leder, Kerl, und hinter ihm drein!«

»Das will ich,« sagte Michael Lambourne, »und weg soll er von hier. Aber einem zu Leibe gehen, mit dem ich am Morgen noch ein Glas zusammen getrunken habe, das ist ganz gegen mein Gewissen.«

Mit diesen Worten ging er hinaus.

Tressilian schritt indessen in Hast auf dem ersten besten Wege dahin, der ihn aus dem wilden, überwucherten Park, in welchem Fosters Haus lag, hinauszuführen versprach. Hast und tiefer Seelenschmerz ließen ihn irre gehen, und anstatt die Allee einzuschlagen, die nach der Stadt führte, schlug er einen andern Weg ein, der ihn, nachdem er ihm eine Zeitlang mit hastigen, unachtsamen Schritten gefolgt war, an die andre Seite des Grundstücks brachte, wo eine Hintertür in der Mauer aufs freie Feld hinausführte. Tressilian blieb einen Augenblick stehen. Es war ihm gleichgültig, auf welchem Wege er eine jetzt für seine Erinnerung so hassenswerte Stätte verließ, aber es war doch anzunehmen, daß die Hintertür verschlossen wäre und er hier nicht hinausgelangen könnte.

»Ich muß es aber doch versuchen,« sagte er zu sich selber, »das einzige Mittel, dieses verlorene, – dieses verworfene – dieses trotz allem noch liebreizende und unglückliche Mädchen zurückzufordern, ist, daß ihr Vater sich an die Gesetze seines Landes wendet. Ich muß ihm schleunigst diese herzzerreißende Nachricht bringen.«