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Als in diesem Selbstgespräch Tressilian herantrat und versuchte, ob er die Tür öffnen oder über die Mauer steigen könnte, bemerkte er, daß von außen ein Schlüssel in das Schloß gesteckt wurde. Der Schlüssel wurde herumgedreht, der Riegel sprang zurück, und ein Kavalier trat herein, in den Reitmantel gehüllt und einen breitkrempigen Hut mit herabhängender Feder auf dem Kopfe und stand nun dicht vor Tressilian, der eben hinauswollte. Im Tone des Grolls und Erstaunens rief der eine: »Varney!« und der andere: »Tressilian!«

»Was macht Ihr hier?« war die barsche Frage, die der Fremde an Tressilian richtete, als die erste Ueberraschung überwunden war, »was macht Ihr hier, wo Eure Anwesenheit weder erwartet noch erwünscht wird?«

»Nein, Varney,« versetzte Tressilian, »was macht Ihr hier? Seid Ihr gekommen, über die Unschuld, die Ihr vernichtet habt, zu triumphieren, wie der Geier oder die Aaskrähe kommt, sich an dem Lamme zu mästen, dem sie zuerst die Augen ausgehackt haben? – Oder seid Ihr gekommen, der verdienten Rache eines ehrlichen Mannes Euch zu stellen? – Zieh, Hund, und verteidige Dich!«

Tressilian zog sein Schwert, aber Varney legte nur die Hand auf den Griff des seinen, indes er antwortete:

»Du bist verrückt, Tressilian – ich gebe zu, der äußere Schein ist gegen mich, aber bei allen Eiden, die ein Priester aufsetzen oder ein Mensch ablegen kann, Mistreß Amy Robsart ist kein Leid von mir widerfahren; und wahrhaftig, es sollte mir doch ein wenig leid tun, Euch um deswillen zu verwunden. – Du weißt, ich kann fechten.«

»So hört ich Dich sagen, Varney,« antwortete Tressilian, »jetzt aber, dünkt mich, hätte ich gern einen bessern Beweis als Dein bloßes Wort.«

»Der soll nicht ausbleiben, so mir Griff und Klinge treu sind,« antwortete Varney, und sein Schwert zog er mit der Rechten, den Mantel warf er um die Linke und fiel Tressilian mit einem Ungestüm an, der ihm auf einen Moment den entscheidenden Vorteil im Zweikampfe zu geben schien. Aber nicht lange hielt diese günstige Wendung an. Tressilian war von Rachedurst erfüllt und hatte obendrein eine sichere Hand und ein festes Auge – Eigenschaften, die ihn zu einem Meister in der Handhabung des Rapiers machten. Varney sah sich bald hart bedrängt und versuchte, sich seine überlegene Körperkraft zu nutze zu machen und mit seinem Gegner handgemein zu werden. Zu diesem Zwecke wagte er es beherzt, einen von Tressilians Stößen in seinem Mantel aufzufangen, den er um den Arm gewickelt hatte, und ehe sein Gegner sein so festgeranntes Rapier herausziehen konnte, fiel er ihn dicht an, indem er sein Schwert kurz faßte, um ihm den Garaus zu machen. Aber Tressilian war auf der Hut, und er riß den Dolch aus der Scheide, parierte mit der Klinge dieser Waffe den Todesstoß, der sonst dem Zweikampf ein Ende gemacht hätte, und führte nun den Kampf so geschickt weiter, daß Varney zu Boden gestreckt wurde. Sein Schwert flog ein paar Schritte weit, und ehe er wieder aufspringen konnte, setzte ihm sein Gegner die Degenspitze an die Kehle.

»Gebt mir augenblicks die Mittel, das Opfer Eures Verrats zu erlösen,« sagte Tressilian, »oder tut Euern letzten Blick zur Sonne Euers Schöpfers!«

Zu bestürzt oder zu trotzig zu antworten, machte Varney eine plötzliche Anstrengung, aufzuspringen, und sein Gegner zog den Arm zurück und hätte wohl seine Drohung ausgeführt, aber der Stoß wurde durch den Griff Michael Lambournes aufgehalten, der dem Klange der klirrenden Schwerter nachgeeilt war und gerade zur rechten Zeit ankam, um Varneys Leben zu retten.

»Kommt, kommt, Kamerad,« sagte Lambourne, »hier ist genug getan und mehr als genug – tut Euer Schwert zur Seite und laßt uns heim bummeln.«

»Hinweg, Auswurf!« sagte Tressilian und riß sich von Lambourne los. »Wagst Du es, zwischen mich und meinen Feind zu treten?«

»Auswurf! Auswurf!« wiederholte Lambourne; »das soll mit kaltem Stahl beantwortet werden, sobald ein Glas Sekt die Erinnerung an den Morgentrunk hinweggespült hat, den wir miteinander geleert haben. Mittlerweile, seht Ihr, – geht los, schwimmt ab, zieht Leine – wir sind zwei gegen einen.«

Er sagte die Wahrheit, denn Varney hatte die Gelegenheit benutzt, seine Waffe wieder aufzuraffen, und Tressilian sah ein, daß es Wahnwitz wäre, den Kampf bei so ungleichem Stande fortzusetzen. Er zog die Börse, nahm zwei Goldnobels heraus und warf sie Lambourne zu:

»Da, Sklave, ist Dein Morgenlohn – Du sollst nicht sagen, Du habest mich ohne Lohn geführt. Varney, lebt wohl! Wir sehen einander wieder, wo niemand zwischen uns treten soll!«

Mit diesen Worten wandte er sich um und ging zur Hinterpforte hinaus.

Varney schien keine Lust zu haben – oder keine Kraft (denn sein Sturz war schwer gewesen), seinem Feinde zu folgen, aber er starrte ihm finster nach, dann wandte er sich an Lambourne:

»Bist Du ein Kamerad von Foster, guter Bursch?«

»Wir sind geschworene Freunde, wie Heft und Messer,« erwiderte Michael Lambourne.

»Da hast Du einen Zehrgroschen, – geh dem Buben da nach und sieh, wohin er geht und bring mir Bescheid ins Herrenhaus hier. Vorsichtig und verschwiegen, Bursche, sofern Dir Deine Kehle lieb ist.«

»Genug gesagt,« erwiderte Lambourne, »ich kann eine Spur verfolgen so gut wie ein Schweißhund.«

»Dann geh Deines Weges,« sagte Varney, steckte sein Rapier in die Scheide, kehrte Lambourne den Rücken zu und schritt langsam dem Hause zu.

Lambourne verweilte nur einen Augenblick, um die Nobels aufzulesen, die sein ehemaliger Gefährte ihm so unfein zugeworfen hatte, und während er sie mit dem Handgeld Varneys einsteckte, murmelte er vor sich hin:

»Zu den Hornochsen da drüben hab ich vom Eldorado gesprochen. Bei Sankt Anton, für Leute unsers Schlages gibt es kein Eldorado, das sich mit dem guten Altengland vergleichen läßt! Hier regnet es Nobels vom Himmel – sie liegen auf dem Grase so dick wie Tautropfen – man braucht sie bloß aufzulesen. Und wenn ich nicht meinen Teil an diesen glitzernden Tautropfen habe, so mag mein Schwert schmelzen wie ein Eiszapfen!«

Fünftes Kapitel

Anton Foster war noch immer in Wortwechsel mit seiner schönen Schutzbefohlnen, die jeder Aufforderung, sich in ihr Zimmer zu begeben, mit Verachtung zurückwies – da ließ sich ein Pfeifen an der Eingangstür des Herrenhauses hören.

»Jetzt sind wir geliefert,« sagte Foster, »da draußen ist das Signal Euers Lords, und was wir zu der Unordnung, die jetzt hier herrscht, sagen sollen, bei meinem Gewissen, ich weiß es nicht.«

»Ruhe, Herr,« sagte die Dame, »und macht Euerm Gebieter das Tor auf. – Mylord! Mein treuer Lord!« rief sie dann und eilte nach dem Eingang des Zimmers; dann setzte sie im Tone der Enttäuschung hinzu: »Puh! Es ist bloß Richard Varney.«

»Ja, Madame,« sagte Varney und grüßte im Hereintreten die Dame mit einer respektvollen Verneigung, die sie halb nachlässig, halb mißvergnügt erwiderte. – »Es ist bloß Richard Varney, aber die erste graue Wolke, die im Osten aufleuchtet, sollte willkommen sein, weil sie die Nähe der gesegneten Sonne verkündet.«

»Wie! Kommt Mylord heute hierher?« fragte die Dame freudig, doch auch bestürzt; und Anton Foster haschte das Wort auf und wiederholte die Frage. Varney antwortete der Dame, sein Herr beabsichtige, ihr seine Aufwartung zu machen, und die Dame lief nach der Tür des angrenzenden Gemachs und rief laut: »Jeanette – Jeanette! Komm sofort in mein Boudoir!« Dann wandte sie sich wieder zu Varney und fragte, ob Mylord ihr sonst noch etwas bestellen ließe.

»Diesen Brief soll ich abgeben, geehrte Dame,« sagte er und zog aus der Brust ein kleines, in scharlachrote Seide gewickeltes Päckchen, – »und mit ihm ein Angebinde für die Königin seiner Liebe.«