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Mit neugieriger Hast eilte die Dame, die seidene Schnur zu lösen, die das kleine Päckchen umschloß, und da es ihr nicht gelang, den Knoten so rasch aufzuknüpfen, zu dem sie verschlungen war, rief sie wieder laut nach Jeanette:

»Bring mir ein Messer – eine Schere – irgend was, womit dieser niederträchtige Knoten aufzukriegen ist!« »Kann nicht mein armseliger Dolch dazu dienen, geehrte Dame?« fragte Varney und bot ihr einen kleinen Dolch von hervorragender Arbeit an, der an seinem Schwertgurt von türkischem Leder hing.

»Nein, Herr,« versetzte die Dame, das Werkzeug, das er ihr bot, von sich weisend. »Ein stählerner Dolch soll keinen Liebesknoten von mir zerschneiden.«

»Und doch hat er schon viele zerschnitten,« sagte Anton Foster, halb beiseite, mit einem Blick auf Varney.

Mittlerweile war der Knoten ohne jede andre Hilfe als durch die feinen, flinken Finger der Jeanette aufgeknüpft worden – sie war ein schlicht gekleidetes Mädchen, die Tochter Anton Fosters, die auf den wiederholten Ruf ihrer Herrin herbeigeeilt war. Ein Halsband von orientalischen Perlen, das bei einem mit Wohlgeruch genetzten Briefe lag, wurde hastig von der Dame hervorgezogen. Sie reichte das Geschmeide nach einem flüchtigen Blick der Dienerin, während sie den Inhalt des Briefes las oder vielmehr verschlang.

»Jedes Wort in diesem Briefe wiegt dieses ganze Kleinod auf. Aber komm in mein Ankleidezimmer, Mädchen: wir müssen uns sputen und uns fein machen, Mylord kommt heute nacht hierher. – Er bittet mich, Euch meine Gunst zu schenken, Meister Varney, und für mich ist sein Wunsch Gesetz. – Ich lade Euch zu einer Mahlzeit in meinem Zimmer heute nachmittag, und auch Euch, Meister Foster. Gebt Befehl, daß alles in Ordnung gebracht wird und daß zum Empfang Mylords heute abend die gehörigen Vorbereitungen getroffen werden.«

Mit diesen Worten verließ sie das Gemach.

»Sie versteht sich schon aufs Vornehmtun,« sagte Varney, »und teilt die Gunst ihrer Gesellschaft aus, als wäre sie schon die ebenbürtige Gefährtin seiner Würde. – Nun ja, es ist weise, die Rolle, zu der das Schicksal uns bestimmt, vorher einzustudieren, – der junge Adler muß in die Sonne schauen, ehe er mit starken Schwingen ihr entgegenfliegen kann.«

»Sie trägt schon jetzt den Kopf hoch, Meister Varney,« sagte Foster, »und hört nicht mehr auf meinen Pfiff. Ich versichere Euch, sie kehrt sich schon gar nicht mehr an mich.«

»Daran bist Du selber schuld, Du griesgrämiger, unerfinderischer Gesell,« antwortete Varney, »Du weißt eben keine Methode der Zähmung als die rohe Gewalt. – Kannst Du ihr nicht das Heim angenehm machen mit Musik und Spielen? Kannst Du ihr nicht die Außenwelt zu einer Schrecknis machen, indem Du ihr Erzählungen von Gespenstern auftischst? Du wohnst doch hier dicht am Kirchhof und hast nicht einmal Witz genug, einen Geist heraufzubeschwören, der Deine Weibsbilder in guter Zucht halt?«

»Sprecht nicht so, Meister Varney, – die Lebenden fürchte ich nicht, aber ich treibe kein Spiel und keinen Spott mit meinen toten Nachbarn vom Kirchhofe da – ich sage Euch, es gehört schon ein gutes Herz dazu, so ganz in ihrer Nähe zu hausen.«

»Wie kam dieser Tressilian an die Hintertür?« fragte Varney.

»Tressilian? Was weiß ich von Tressilian? Ich habe den Namen noch nie gehört.«

»Du Schuft, es ist eben der Hanswurst aus Cornwallis, dem der alte Sir Hugh Robsart seine Tochter zugesagt hatte, und der hirnverbrannte Narr ist hierher gekommen, seinem weggelaufenen Schätzchen nachzuschauen. Zum Glück weiß er nichts von Mylord und denkt, er hat bloß mit mir zu tun. Aber wie zum Teufel ist er hierher gekommen?«

»Na, mit Michael Lambourne zusammen,« antwortete Foster.

»Und wer ist dieser Michel Lambourne?« fragte Varney. »Beim Himmel, Du tätest am besten dran, Du hängtest ein Schild über Deine Tür und lüdest jeden Landstreicher, der des Weges kommt, ein, sich anzusehen, was Du vor Sonne und Luft selber geheim halten solltest.«

»Ei, ei! Das ist so recht Höflingsmanier, mir den Euch geleisteten Dienst zu vergelten, Meister Richard Varney,« erwiderte Foster. »Habt Ihr mir nicht aufgetragen, für Euch einen Burschen ausfindig zu machen, der ein gutes Schwert und ein weites Gewissen hätte? Und habe ich mich nicht bemüht, einen passenden Mann zu finden – denn, dem Himmel sei Dank! Mein Umgang liegt nicht bei dieser Sorte von Kerlen – da will es der Himmel, und dieser lange Bursche, der in all seinen Eigenschaften so recht der Teufelskerl ist, den Ihr Euch wünscht, kommt hierher und zwingt mir in seiner haarsträubenden Unverschämtheit seine Bekanntschaft auf, und ich ließ mir das auch gefallen, weil ich dachte, ich tät Euch einen Gefallen damit, – und da sieht man nun, was mein Dank ist, daß ich mich selber entwürdigt habe, indem ich mich mit ihm abgegeben habe.«

»Na, da ist er wohl Deinesgleichen,« sagte Varney, »nur daß ihm Deine Gabe der Heuchelei fehlt, die so dünn über Deinem harten, ruchlosen Herzen liegt, wie Goldlack über rostigem Eisen – und hat er den muckernden, seufzenden Tressilian mitgebracht?«

»Zusammen sind sie gekommen, beim Himmel,« sagte Foster, »und Tressilian – um die Wahrheit des Himmels zu reden – hat einen Augenblick mit unserm hübschen Püppchen sprechen können, während ich abseits mit Lambourne verhandelt habe.«

»Unvorsichtiger Schurke! Wir sind beide geliefert!« sagte Varney, »sie hat in letzter Zeit manchen Blick zurück nach dem Hause ihres Vaters geworfen, wenn ihr Verehrer sie allein ließ. Wenn dieser salbadernde Schafskopf sie mit seinem flötenden Gewäsch in die alte Hürde zurücklocken sollte, dann ists um uns beide geschehen.«

»Darum laßt Euch nicht bange sein, Meister,« versetzte Anton Foster, »sie denkt nicht im mindesten daran, nach seiner Pfeife zu tanzen, denn als sie ihn sah, hat sie laut aufgekreischt, als wenn eine Otter sie gestochen hätte.«

»Das ist gut. – Kannst Du nicht von Deiner Tochter herausbekommen, was zwischen ihnen vorging, guter Foster?«

»Ich sage Euch rund heraus, Meister Varney,« sagte Foster, »meine Tochter soll nicht in unsre Pläne eingeweiht werden, noch unsre Wege wandeln. Mir selber machts nichts weiter aus, denn ich weiß mich mit dem Himmel wegen meiner Missetaten wieder auszusöhnen, aber ich will nicht, daß die Seele meines Kindes zu Euerm oder Mylords Gefallen irgend welcher Gefahr ausgesetzt werde. Ich selber kann zwischen Schlangen und Fallen einhergehen, weil ich vorsichtig bin, aber ich will nicht das arme Lamm zwischen sie lassen.«

»Du kannst doch auf Umwegen irgend etwas von Deiner Tochter erfahren, Du mißtrauischer Narr?«

»Das habe ich auch getan, und sie hat mir gesagt, ihre Lady härme sich um die Krankheit ihres Vaters.«

»Gut!« versetzte Varney. »Dieser Wink schon ist die Nachfrage wert, und ich will mich danach richten. Aber dieser Tressilian muß aus dem Lande – denn ich hasse ihn wie starkes Gift, seine Gegenwart ist Schierling für mich – und heute selber wäre ich ihn los geworden, nur daß mein Fuß ausglitt – und in Wahrheit, wenn Dein Kamerad hier nicht mir zu Hilfe gekommen wäre und seine Hand festgehalten hätte, so wüßte ich jetzt schon, ob wir beide den Pfad des Himmels oder der Hölle wandeln.«

»Und Ihr könnt so ruhig von solch einer Gefahr sprechen!« rief Foster. »Euch schlägt ein starkes Herz in der Brust, Meister Varney – ich für mein Teil, wenn ich nicht hoffte, noch viele Jahre zu leben und Zeit zu finden für das große Werk der Reue, ich ginge nicht eines Weges mit Euch.«

»O! Du willst so lange leben wie Methusalem,« sagte Varney, »und so großen Reichtum aufhäufen wie Salomo, und Du wirst so gottergeben bereuen, daß Deine Reue noch großartiger sein wird als Deine Verruchtheit – und das will viel sagen. Aber vor allem muß dafür gesorgt werden, daß dieser Tressilian verschwindet. Dein Raufbold da ist hinter ihm drein und spürt ihm nach. Unser beider Glück steht dabei auf dem Spiele, Anton.«