»Ja doch, ja doch,« sagte Foster mürrisch, »das kommt davon, wenn man sich mit jemand einläßt, der nicht einmal soviel von der heiligen Schrift weiß, daß der Arbeiter seines Lohnes wert ist. Wie gewöhnlich, muß ich wieder die ganze Schererei und die ganze Gefahr auf mich nehmen.«
»Gefahr! Und was ist denn die große Gefahr dabei, ich bitte Euch?« antwortete Varney. »Dieser Bursche wird schon noch einmal um unser Haus herumstrolchen oder gar hereinkommen, und wenn Ihr ihn für einen Einbrecher nehmt, was ist natürlicher, als daß Ihr ihn mit kaltem Stahl oder heißem Blei empfangt? Selbst ein Kettenhund reißt den nieder, der ihm zu nahe kommt, und wer wird ihn tadeln?«
»Ja, ich habe hier bei Euch die Arbeit eines Kettenhundes und kriege auch den Lohn eines Kettenhundes,« sagte Foster. »Ihr, Herr Varney, habt Euch da einen schönen Freisitz aus dieser alten Stiftung des Aberglaubens sichergestellt, und ich bin nur ein Pächter dieses Hauses unter Euch, der an die Luft gesetzt werden kann, sobald es Euer Gnaden beliebt.«
»Ei, und da möchtest Du gern Dein Pachtgut in einen Freisitz umwandeln – nun, es kann sich schon so fügen, Anton Foster, wenn Du uns gute Dienste leistest. Aber gemach, guter Anton – es ist nicht damit getan, daß Du ein paar Zimmer dieses Hauses dazu hergibst, den hübschen Papagei Mylords aufzunehmen – nicht indem Du bloß die Fenster und Türen zumachst, daß er nicht wegfliegen kann, verdienst Du Dir schon Dein Teil. Bedenke, der Zins und die Zehnten sind zu dem klaren jährlichen Betrag von neunundsiebenzig Pfund fünf Schilling und fünfeinhalben Penny angesetzt. Komm, komm, Du mußt vernünftig sein; mit großen und geheimen Diensten läßt sich dies beides und noch mehr verdienen. – Und nun mag Dein Bursche kommen und mir die Stiefel ausziehen. – Gib etwas zu essen und einen Becher von Deinem besten Wein.«
Sie trennten sich und kamen zur Mittagsstunde, die damals auch die Essenszeit war, bei Tische wieder zusammen. Als dann die Tafel abgedeckt worden war und sie sich wieder allein beieinander befanden, setzten sie ihr Zwiegespräch fort.
»Schwatzt ein wenig, guter Toni,« sagte Varney. »Sei es, was es sei, ich will es als Würze zu diesem Becher Alikante hinnehmen.«
»Nun, dann sagt mir,« sagte Anton Foster, »wäre nicht der Dienst unsers guten Lords und Gebieters besser versehen und seine Antichambre passender angefüllt mit bescheidnen, gottesfürchtigen Männern, die still und in aller Ruhe seinen Willen verrichten und ihren eignen Nutzen dabei verfolgen, ohne weltlichen Skandal zu machen, anstatt daß seine Mannschaft und seine Begleitung und sein Gefolge aus unverhohlenen Lüderianen und so hagebuchnen Messerhelden, wie Tidesly, Killigrew oder diesem Schurken Lambourne besteht oder ähnlichem Gesindel, das den Galgen im Gesicht und den Mord in der rechten Hand trägt?«
»Gebt Euch zufrieden, guter Meister Anton Foster,« antwortete Varney; »wer auf alle Arten Wild pirscht, muß auch alle Arten von Falken haben – gestutzte und langflüglige. Der Kurs, den Mylord steuert, ist nicht eben glattes Fahrwasser, und da muß er an allen Punkten zuverlässige Helfershelfer haben, die ihm alle Arten von Diensten verrichten können. Er muß seinen flotten Höfling haben, wie mich, der im Vorzimmer gut aufzutreten vermag und bloß die Hand an den Degen legt, wenn jemand von seiner Gnaden etwas Ehrenrühriges spricht. Er muß seine Anwälte haben, verschlagene, scharfsinnige Pioniere, die ihm seine Kontrakte aufsetzen, und er muß seine Aerzte haben, die einen Becher oder eine Suppe zu würzen verstehen – und dann muß er seine Hexenmeister haben, wie Dee und Allan, die den Teufel beschwören können, und die Messerhelden, die mit dem Teufel fechten können – und vor allen muß er so gottergebene, unschuldige, puritanische Seelen haben wie Dich, Anton, die vorm Satan gefeit sind und gleichzeitig doch das Werk des Satans tun können.«
»Ihr wollt doch nicht etwa sagen, Meister Varney,« sagte Foster, »daß unser guter Lord und Gebieter, den ich für vollkommen in allem Adel halte, so niedrige und sündige Mittel anwendete, um in die Höhe zu kommen?«
»Tatata, Mann,« erwiderte Varney, – »sieh mich nicht mit so finstrer Stirn an, Mensch, – Du fängst mich nicht und ich bin nicht in Deiner Gewalt, wie Du Dirs in Deinem schwachen Hirn einbilden magst, weil ich Dir offenherzig die Maschinen, Federn, Schrauben und Taue nenne, durch die die großen Männer in unruhigen Zeiten in die Höhe kommen. – Sagst Du, unser guter Lord ist vollkommen in allen adligen Eigenschaften? – Amen, und so ist es. Um so mehr aber tut es ihm not, Leute um sich zu haben, die sich ohne irgend welche Bedenken seinem Dienste weihen und, weil sie wissen, daß sein Fall auch sie mitreißen und vernichten wird, Blut und Hirn, Seele und Leib dransetzen müssen, ihn oben zu halten; und das sage ich Dir, weil es mir einerlei ist, wer es erfährt. Und hast Du all das in Ordnung gebracht, was Dir von London zugeschickt wurde, und die westlichen Zimmer so hergerichtet, daß Mylord daran Gefallen finden wird?«
»Ein König kann darin Hochzeit halten,« sagte Anton, »und ich versichere Euch, Dame Amy sitzt jetzt schon darin, so stolz und froh, als wäre sie die Königin von Saba.«
»Um so besser, guter Anton,« antwortete Varney, »wir müssen unser zukünftiges Glück auf ihrem Wohlwollen gründen.«
»Dann bauen wir auf Sand,« sagte Anton Foster, »denn gesetzt den Fall, sie segelt von hinnen, um in aller Würde ihres Lords zu prangen, – wie sollte sie auf mich zurückblicken, der ich hier sozusagen ihr Kerkermeister bin, der sie gegen ihren Willen festhält?«
»Fürchte nicht ihre Ungnade,« sagte Varney, »ich will ihr zeigen, daß alles, was Du getan hast, ein guter Dienst gewesen ist sowohl für Mylord wie für sie.«
»Da seht Euch nur vor, Meister Varney,« sagte Foster, »Ihr verrechnet Euch vielleicht arg in dieser Sache – sie hat Euch sehr frostig empfangen heute morgen, und ich glaube, sie sieht Euch wie mich mit feindseligen Augen an.«
»Ihr irrt Euch in ihr, Foster – Ihr verkennt sie ganz und gar. Mit festen Banden ist sie an mich geknüpft als an den, dem sie die Befriedigung ihrer Liebe und ihres Ehrgeizes verdankt. Wer war es, der die obskure Amy Robsart – die Tochter eines verarmten, schwachsinnigen Ritters – die erlesene Braut eines mondsüchtigen, faselnden Schwärmers wie Edmund Tressilians, von ihrem niedrigen Schicksal errettet und ihr Anwartschaft auf das höchste Glück in England, vielleicht in Europa, verliehen hat? Ich wars, Mann, ich, wie ich Dir schon oft gesagt habe, der ihnen Gelegenheiten zu ihren geheimen Zusammenkünften verschaffte. Ich wars, dem bis heute von ihrer Familie die Schuld an ihrer Flucht zugemessen wird. – Wer hat die Briefe zwischen ihnen besorgt? Ich. – Wer hat dem alten Ritter und Tressilian Sand in die Augen gestreut? – Ich. Wer hat den Plan zu ihrer Flucht entworfen? – Ich wars. Ich wars, mit einem Worte, ich, Dick Varney, der dieses kleine, hübsche Gänseblümchen aus dem niedern Winkel hervorgeholt und sie auf den stolzesten Hut in England gesteckt hat.«
»Sie muß Euch aber aus irgend welchem Grunde auf dem Striche haben,« sagte Foster; »ich sage Euch das, damit Ihr Euch rechtzeitig vorsehen könnt. Sie denkt wohl, Ihr seid daran schuld, daß sie hier so geheim und verborgen gehalten wird, weil Ihr dem Lord das geraten habt und weil auch ich darauf hingewirkt habe. Und so liebt sie uns beide, wie ein Verurteilter den Richter und den Gefängniswärter liebt.«
»Sie muß uns mehr lieben, ehe sie von hier wegkommt, Anton,« antwortete Varney. »Wenn ich aus gewichtigen Gründen geraten habe, sie eine Zeitlang hier zu halten, so kann ich andrerseits auch den Rat geben, daß sie in den vollen Glanz ihrer Würde emporgehoben werde. Aber ich müßte ja wahnsinnig sein, täte ich das, da ich Mylord so nahe stehe und sie meine Feindin ist. Diese Wahrheit flüstert ihr ins Ohr, wenn sich Gelegenheit bietet, Anton, und überlaßt es mir, Euch bei ihr herauszustreichen – eine Hand wäscht die andere – das ist ein Sprichwort, das in der ganzen Welt gilt. Die Lady muß ihre Freunde kennen und einsehen, was für Macht sie haben, wenn sie ihre Feinde sind. Inzwischen halte ein scharfes Auge auf sie – bewahre aber dabei, soweit es Dir bei Deiner vierschrötigen Natur möglich ist, den äußern Anstand. Doch horch, es pocht wer ans Tor. Sieh zum Fenster hinaus – laß niemand herein – es wäre nicht gut, wenn wir heute abend gestört würden.«