»Jeanette,« sagte Amy zu ihrer Zofe, »rufe Deinen Vater her und auch Varney, – ich will gegen niemand Groll hegen, und obwohl ich Ursache habe, mit beiden unzufrieden zu sein, so sollen sie doch beide selber daran schuld sein, wenn ich je eine Beschwerde wider sie beim Grafen anbringe. – Rufe sie hierher!«
Jeanette Foster gehorchte ihrer Herrin, und in wenigen Minuten trat Varney herein, mit der anmutigen Ungezwungenheit und der heiteren Stirn eines vollendeten Höflings, der geübt ist, unter dem Schleier äußerer Höflichkeit die eigenen Gefühle zu verbergen und die anderer zu durchschauen. Anton Foster trottete hinter ihm herein, die natürliche, finstere Gemeinheit seines Aeußeren schien noch auffallender, da er in seiner plumpen Weise versuchte, die Beklommenheit und das Mißvergnügen zu verbergen, mit dem er jetzt auf sie blickte, die er doch bisher in so strenger Zucht gehalten hatte – und nun saß sie in so prachtvollem Gewande und so prächtiger Umgebung, in der alles von der Liebe ihres Gatten sprach. Er machte der Gräfin eine unbeholfene Verneigung, wie sie der Verbrecher vor dem Richter macht, wenn er zugleich seine Schuld gesteht und um Erbarmen bittet.
Die Gräfin grüßte Varney fast herzlich, so daß es schien, als erteile sie ihm volle Amnestie für alles, was sie je ihm vorzuwerfen gehabt hätte. Sie stand von ihrem Sitze auf, trat ihm zwei Schritt entgegen und hielt ihm die Hand hin, während sie sagte:
»Herr Richard Varney, Ihr habt mir heute morgen so willkommene Nachricht gebracht, daß ich wohl, wie ich fürchte, Euch nicht mit der den Wünschen meines Lords und Gatten entsprechenden Auszeichnung empfangen habe. Wir bieten unsere Hand, Herr, zur Versöhnung.«
»Ich bin unwürdig, diese Hand zu berühren,« sagte Varney, sich auf ein Knie niederlassend, »außer mit der Ehrfurcht, die der Untertan dem Fürsten entgegenbringt.«
Er berührte mit den Lippen die schönen, zarten Finger, die so reich mit Ringen und Juwelen beladen waren, dann erhob er sich in anmutiger Galanterie und wollte sie zu ihrem Staatssessel führen, aber sie sagte:
»Nein, guter Herr Richard Varney, dort nehme ich meinen Platz nicht eher ein, als bis mein Herr selber mich dorthin geführt hat. Ich bin vorderhand nur eine angeputzte Gräfin und will mir keine Würde anmaßen, ehe mich nicht der Mann dazu ermächtigt hat, von dem sie stammt.«
»Ich hoffe zuversichtlich, Mylady,« sagte Foster, »daß ich nicht Eure Ungnade auf mich geladen habe, indem ich meines Gebieters Befehle ausführte und Euch hier in strengem Gewahrsam hielt, denn ich habe damit ja doch nur meine Pflicht gegen meinen Herrn und mich selber getan – denn der Himmel hat, wie die heilige Schrift sagt, dem Manne die Oberhand und die Gewalt über das Weib gegeben – ich glaube, so heißt die Stelle, oder wenigstens so ähnlich.«
»Mir ist in diesem Augenblick eine so angenehme Ueberraschung geworden, Herr Foster,« antwortete die Gräfin, »daß ich Euch nicht im mindesten tadeln kann, daß Ihr mich in strenger Gehorsamkeit gegen Euern Herrn solange von diesen Gemächern ferngehalten habt, bis sie ein so neues und herrliches Aussehen angenommen hatten.«
»Ach ja, Lady,« sagte Foster, »es hat manche gute Krone gekostet, und damit nicht mehr darauf gehen möge, als unbedingt nötig ist, so lasse ich Euch bis zu meines Herrn Ankunft mit dem guten Meister Varney allein – ich glaube, er hat Euch was zu sagen von Euerm höchst edeln Lord und Gatten.«
Foster machte seine vierschrötige Verbeugung und ging, seine Tochter nahm einen Stickrahmen und setzte sich am äußersten Ende des Zimmers nieder. Varney nahm den niedrigsten Stuhl, den er finden konnte, stellte ihn neben den Diwan, auf dem die Gräfin sich wieder niedergelassen hatte, und saß eine Zeitlang schweigend da, die Augen auf den Boden geheftet.
»Ich glaubte, Herr Varney,« sagte die Gräfin, als sie sah, daß er nicht willens schien, die Besprechung zu eröffnen, – »Ihr hättet etwas von meinem Herrn und Gemahl mitzuteilen, wenigstens habe ich so Herrn Foster verstanden, und deshalb habe ich meine Zofe weggeschickt. Wenn ich mich irre, so will ich sie wieder an meine Seite rufen, denn ihre Nadel ist noch nicht so vollkommen im Kreuzstich, und es wird sich empfehlen, ihr dabei ein wenig auf die Finger zu sehen.«
»Lady,« sagte Varney, »Foster ist über mein Vorhaben zum Teil im Irrtum gewesen – ich wollte nichts von Euerm edeln Gemahl und meinem hochedeln Gönner bestellen – sondern ich sehe mich genötigt, über ihn mit Euch zu reden.«
»Das ist mir ein sehr willkommener Gesprächsgegenstand, Herr,« sagte die Gräfin, »ob Ihr mir nun etwas von meinem Gemahl oder über meinen Gemahl sagt. Aber seid kurz, denn ich erwarte ihn binnen kurzem.«
»Also kurz, Madam,« erwiderte Varney, »und frei heraus, denn, was ich zu sagen habe, erfordert Eile sowohl als Mut. Ihr habt heute Tressilian gesehen?«
»Ich habe ihn gesehen, Herr, und was solls damit?« antwortete die Dame ein wenig schroff.
»Nicht als ob es mich was anginge, Lady,« versetzte Varney unterwürfig. »Aber meint Ihr, geehrte Dame, daß Euer Lord es mit derselben Gleichgültigkeit vernehmen wird?«
»Und warum sollte er nicht? – Für mich war Tressilians Besuch eine unangenehme und schmerzliche Störung, denn er hat mir Nachricht gebracht, daß mein guter Vater krank sei.«
»Euer Vater krank, Madam!« antwortete Varney. »Was muß plötzlich gekommen sein, sehr plötzlich. Nenn der Bote, den ich auf Mylords Geheiß absandte, fand den guten Ritter auf der Jagd, wo er seine Hunde mit dem gewohnten jovialen Feldgeschrei losließ. Ich bin überzeugt, Tressilian hat diese Nachricht gefälscht. Er hat ja seine Gründe dazu, Madam, das weiß ich sehr wohl, Euch Euer, gegenwärtiges Glück zu verleiden.«
»Ihr tut ihm unrecht, Herr Varney,« erwiderte die Gräfin lebhaft, »Ihr tut ihm bitteres Unrecht. Er ist das freieste, offenste, zarteste Herz, das schlägt. Immer meinen ehrenwerten Lord ausgenommen, kenne ich keinen, dem Falschheit und Lüge verhaßter wären als Tressilian.«
»Ich bitte demütig um Verzeihung, Madam,« sagte Varney, »es war nicht meine Absicht, dem Herrn unrecht zu tun. Ich wußte nicht, wie sehr Euch seine Sache am Herzen liegt.«
»Ich muß Tressilian Gerechtigkeit erweisen,« unterbrach ihn die Gräfin, »den ich habe ihm arg mitgespielt, wie Ihr selber am besten wißt. Tressilians Gewissen ist von anderem Stoffe als Euer Höflingsgewissen. Diese Welt birgt bei all ihren Reichtümern nichts, was ihn von dem Wege der Wahrheit und der Ehre hinweglocken könnte. Um deswillen liebte ihn auch mein Vater – um deswillen würde auch ich ihn geliebt haben, wenn ich gekonnt hätte. Und doch hatte er, da er ja von meiner Heirat nicht unterrichtet ist, auch nicht weiß, mit wem ich vereinigt wurde, seiner Meinung nach so zwingende Gründe, mich von hier weg zu bringen, daß er wohl das Mißbefinden meines Vaters stark übertrieben haben mag – und wohl mögen Eure besseren Nachrichten mehr der Wahrheit entsprechen.«
»Das könnt Ihr mir glauben, Madam,« antwortete Varney, »ich gebe mich keineswegs als einen blinden Kämpen dieser selben nackten Tugend, der Wahrhaftigkeit, aus. Ich kann mich völlig damit einverstanden erklären, daß ihre Reize, sei es auch nur des Anstands wegen, mit einem Schleier verhüllt werden. Aber Ihr müßt geringer von meinem Kopf und meinem Herzen denken, als Ihr von einem Manne, den mein edler Lord Freund zu nennen geruht, füglich denken solltet – wenn Ihr meint, ich würde in eigensinniger und unnötiger Weise Eurer Ladyschaft mit einer Lüge aufwarten, die doch so bald ans Tageslicht kommen müßte.«