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»Herr Varney,« sagte die Gräfin, »ich weiß, daß mein Herr Euch schätzt und Euch für einen treuen und zuverlässigen Lotsen in jenen Meeren hält, in denen er ein so großes und waghalsiges Segel gesetzt hat. Denkt daher nicht, daß ich etwa mit Euch selber ins Gericht hätte gehen wollen, indem ich die Wahrheit sagte zu Tressilians gunsten. Wie Ihr wohl wißt, bin ich auf dem Lande groß geworden und liebe schlichte, bäuerische Wahrheit mehr als höfische Komplimente, aber ich muß doch wohl meine Manier ändern, da ich jetzt in anderen Kreisen lebe.«

»Sehr wahr, Madam,« sagte Varney lächelnd, »eine Hofdame – und sei es die edelste, die tugendhafteste, die untadeligste am Hofe der Königin, würde es vermieden haben, die Wahrheit, oder das, was sie für die Wahrheit hielte, zum Lobe eines in Ungnade gefallnen Verehrers vor dem vertrauten Diener ihres edeln Gemahls offen herauszusagen.«

»Und warum,« sagte die Gräfin und errötete vor Unmut, »sollte ich nicht Tressilian vor dem Freunde meines Gatten – vor meinem Gatten selber – vor der ganzen Welt verteidigen, wie er es verdient?«

»Und wird Eure Ladyschaft heute abend,« sagte Varney, »mit derselben Offenheit meinem edeln Lord erzählen, daß Tressilian Euern vor aller Welt so ängstlich geheim gehaltenen Wohnort entdeckt und eine Unterredung mit Euch gehabt habe?«

»Ganz gewiß,« sagte die Gräfin. Es wird das erste sein, was ich ihm sage, und jedes Wort, das Tressilian gesagt und das ich ihm geantwortet habe, obendrein. Ich werde damit meine eigene Schmach aussprechen, denn Tressilians Vorwürfe – wenn sie auch weniger gerecht waren, als er selber meinte – ganz unverdient waren sie nicht. So will ich sprechen, wenn auch mit Schmerz, und nichts will ich verbergen.«

»Eure Lordschaft wird nach Belieben verfahren,« antwortete Varney, »aber meines Dünkens wäre es, da ja doch gar kein Grund zu einer solchen offenherzigen Enthüllung vorliegt, gerade so gut, Ihr erspartet Euch diesen Schmerz und meinem edeln Lord die Unruhe, und dem Herrn Tressilian – da ja bei der Sache eben doch auch an ihn gedacht werden muß – die Gefahr, die für ihn daraus entstehen kann. – Seht, Madam,« setzte er nach einer kleinen Pause mit einer aufrichtigen oder erkünstelten Offenheit hinzu, die von seinem sonstigen glatten, höfischen Wesen sehr abstach, »ich will Euch zeigen, daß auch ein Höfling die Wahrheit sprechen kann wie jeder andere, wenn es das Wohl derer gilt, die er ehrt und die ihm nahe stehen – ja, und brächte er sich selber dadurch in Gefahr.« Er wartete, wie auf ein Geheiß oder wenigstens eine Erlaubnis fortzufahren, da aber die Dame in Schweigen verharrte, sprach er, doch mit sichtlicher Vorsicht. »Schaut Euch um,« sagte er, »edle Lady, und gewahrt die Schranken und Gitter, mit denen dieser Platz umschlossen ist, und mit welch ängstlicher Sorge das prächtigste Juwel, das England aufweist, vor dem bewundernden Blick geheim gehalten wird. Seht, in welchen engen Kreis Euer Gehen und Stehen streng gebannt ist, und wie Euer Handel und Wandel eingeschränkt ist durch diesen vierschrötigen Foster. Bedenkt das alles und urteilt selber, was die Ursache sein kann.«

»Mylords Belieben,« antwortete die Gräfin, »es ist meine Pflicht, nach keinem anderen Grunde zu suchen.«

»Allerdings ist es sein Belieben,« sagte Varney, »aber wer einen Schatz besitzt, und wer diesen Schatz hoch und wert hält, der ist oft ängstlich bemüht, und zwar im selben Maße, als er ihn wert hält, den Schatz vor den räuberischen Händen anderer zu sichern.«

»Was soll all dies Geschwätz, Herr Varney?« entgegnete die Dame. »Wollt Ihr mich glauben machen, mein edler Herr sei eifersüchtig? Und wenn es wahr wäre, ich weiß ein Heilmittel gegen Eifersucht: jederzeit Mylord die Wahrheit sagen und mein Gemüt und mein Gedächtnis rein wie einen Spiegel halten, so daß er, wenn er hinein sieht, seine eignen Züge widergespiegelt sieht.«

»Ich verstumme, Madam,« antwortete Varney. »Und da ich gar keine Veranlassung habe, mich um Tressilian zu sorgen, der gern mein Herzblut vergösse, wenn er nur könnte, so werde ich mich auch leicht mit dem Gedanken aussöhnen, was wohl dem Herrn widerfahren könnte, wenn Ihr so offenherzig verratet, daß er in Eure Einsamkeit frech eingedrungen ist. Ihr kennt ja Mylord so viel besser als ich und könnt am besten beurteilen, ob er diese Beleidigung ungesühnt hingehen lassen wird.«

»Wenn ich denken sollte, daß ich selber Tressilian ins Verderben stürzen würde,« sagte die Gräfin, »ich, die ich ihm schon soviel Herzeleid bereitet habe – das wäre freilich für mich ein Grund, doch zu schweigen. Doch was hülfe es? Hat ihn doch Foster und wohl auch noch jemand anders gesehen! Nein, nein, Varney, dringt nicht weiter in mich. Ich will die ganze Sache Mylord erzählen und will Tressilians Torheit so beredt entschuldigen, daß mein edler Herr in seiner Großmütigkeit ihm nicht zürnen soll.«

»Foster kennt Tressilian nicht von Ansehen,« sagte Varney, »und ihm und seinem Burschen kann ich leicht irgend was weis machen, was das Erscheinen eines Fremden hinreichend erklärt.«

Die Dame zauderte einen Moment, dann antwortete sie:

»Wenn es wahr ist, Varney, daß Foster noch nicht weiß, daß der Mann, den er gesehen hat, Tressilian ist, dann wäre es mir freilich recht unlieb, wenn er erführe, was ihn ja gar nichts angeht. Ich habe so schon genug unter seiner Strenge zu leiden, und ich möchte nicht, daß er sich auch noch zum Richter in meinen Privatangelegenheiten aufwürfe.«

»Was hat der griesgrämige Bursche mit den Angelegenheiten Eurer Ladyschaft zu tun?« erwiderte Varney. »Nicht mehr als der Kettenhund, der seinen Hof bewacht! Wenn er Eurer Ladyschaft in irgend was zuwider ist, so habe ich Einfluß genug, Euch an seiner Stelle einen Seneschall zu verschaffen, der Euch angenehmer sein wird.«

»Herr Varney, laßt dieses Thema,« sagte die Gräfin, »wenn ich mich über die Diener zu beschweren habe, mit denen Mylord mich umgeben hat, so will ich es nur gegen ihn persönlich tun. – Horch! Ich höre Pferdegetrappel. Er kommt! Er kommt!« rief sie und sprang entzückt auf.

»Ich kann nicht glauben, daß er das ist,« sagte Varney, »Ihr könnt doch nicht durch diese verhängten Fenster hindurch den Tritt seines Pferdes hören.«

»Haltet mich nicht auf, Varney! Er ist es.«

»Aber Madam, Madam!« rief Varney ängstlich, ihr in den Weg tretend, »ich denke doch, was ich in untertänigstem Diensteifer gesagt habe, wird nicht zu meinem Verderben angewendet werden? Ich hoffe, mein treuer Rat wird nicht zu meinem Nachteil ausgelegt werden? Ich flehe Euch an ...«

»Seid getrost, Mann, seid getrost!« sagte die Gräfin, »und laßt mein Kleid los – mich aufzuhalten! Das ist doch wirklich zu dreist! – Gebt Euch doch zufrieden – ich denke gar nicht an Euch!«

In diesem Augenblick flogen die Flügeltüren weit auf, und ein Mann von majestätischer Erscheinung, in die Falten eines langen Reitmantels gehüllt, trat herein.

Siebentes Kapitel

Die Gräfin warf sich dem edlen Fremden in die Arme, drückte ihn an die Brust und rief:

»Endlich – endlich – bist Du da!«

Varney zog sich diskret zurück, als sein Gebieter eintrat, und Jeanette wollte dasselbe tun, doch ihre Herrin gab ihr einen Wink zu bleiben. Sie begab sich wieder an das fernste Ende des Zimmers und blieb hier stehen, wie um auf den leisesten Wink sofort bereit zu sein.

Inzwischen erwiderte der Earl [Zur damaligen Zeit die höchste englische Würde.] – denn er war von nicht geringerem Range – die Liebkosungen seiner Dame mit zärtlichster Inbrunst, aber als sie versuchte, ihm den Mantel abzustreifen, tat er so, als wolle er es ihr wehren.

»Nein,« sagte sie, »ich muß Dir den Mantel ausziehen – ich muß sehen, ob Du Dein Versprechen gehalten hast und als der große Earl gekommen bist, den die Leute Dich nennen, und nicht wieder, wie bisher, als einfacher Ritter.«