»Was Du tust, muß mir immer recht sein, meine süße Amy,« versetzte ihr Gemahl, »und es gefällt mir umsomehr, daß Du ihnen diese Gunst erweisest, da Richard Varney für mich durchs Feuer geht und ich fürs erste auf diesen Anton Foster noch rechnen muß.«
»Ich hätte Dich noch um etwas zu bitten und ein Geheimnis Dir anzuvertrauen, mein teurer Herr,« sagte die Gräfin stammelnd.
»Laß beides bis morgen, mein Lieb,« erwiderte der Earl. »Wie ich sehe, werden die Flügeltüren zum Speisesaal geöffnet, und da ich weit und schnell geritten bin, wird mir ein Becher Wein gut tun.«
Mit diesen Worten führte er sein reizendes Weib in das nächste Zimmer, wo Varney und Foster sie mit den tiefsten Verbeugungen empfingen, – der erste verneigte sich nach Höflingsmanier, der zweite, wie er es bei seinen frommen Versammlungen zu tun gewohnt war. Als das Mahl beendet war, war auch die Stunde der Ruhe herangekommen, und der Graf und die Gräfin zogen sich in ihr Gemach zurück. Die Nacht hindurch lag das Schloß in tiefer Stille.
Nachdem der Graf am anderen Morgen seine Pferde bestellt hatte, trat er wieder in das Schlafgemach, um raschen Abschied von der liebreizenden Gräfin zu nehmen. Er fand sie in einem Morgenrock von Seide mit Pelzbesatz, die kleinen Füße waren noch ohne Strümpfe und das Haar hing fessellos hernieder.
»Nun, Gott sei mit Dir, mein Teuerstes und Liebstes!« sagte der Graf, sie wieder und wieder in die Arme schließend und wieder ihr Lebewohl sagend und wieder zurückkehrend, sie zu küssen und zu umarmen.
»Schon ist die Sonne am Rande des blauen Horizonts, ich darf nicht länger säumen. Schon längst müßte ich zehn Meilen von hier weg sein.«
Mit diesen Worten wollte er endlich dem Abschied ein Ende machen.
»So wollt Ihr nicht meine Bitte erfüllen?« fragte die Gräfin. »Falscher Ritter! Hat je eine Dame mit nackten Füßen und Pantöffelchen einen wackern Ritter vergebens um eine Gunst gebeten?«
»Alles, Amy, alles, was Du erbitten kannst, will ich gewähren,« antwortete der Graf, »nur nicht etwas,« setzte er hinzu, »was uns beide ins Verderben bringen würde.«
»Nein,« sagte die Gräfin, »ich will nicht den Wunsch vorbringen, als die Gattin des ersten und verehrtesten unter Englands Edelleuten anerkannt zu werden – laßt mich nur das Geheimnis meinem lieben Vater mitteilen – laßt mich nur dem Jammer ein Ende machen, in den mein unwürdiges Verhalten ihn gestürzt hat – sie sagen, der arme, alte, liebe Mann sei krank.«
»Sie sagen?« fragte der Earl rasch. »Wer sagt es? Hat nicht Varney alles, was wir zurzeit über Euer Glück und Wohlergehen melden können, Sir Hugh übermittelt? Und hat er Euch nicht gemeldet, daß der gute, alte Ritter frisch und gesund seinen gewohnten Lieblingssport treibt? Wer hat es gewagt, Euch andre Gedanken in den Kopf zu setzen?«
»O, niemand, Mylord, niemand,« sagte die Gräfin, ein wenig bestürzt über den Ton, in dem die Frage gestellt war. »Aber ich möchte mich doch gern mit eigenen Augen davon überzeugen, daß mein Vater sich wohl befindet.«
»Gib Dich zufrieden, Amy – Du kannst jetzt nicht mit Deinem Vater oder den Seinen zusammentreffen, jener Mann aus Cornwallis – jener Trevanion oder Tressilian oder wie er gleich heißt, verkehrt im Hause des alten Ritters und würde sogleich erfahren, was dort bekannt wird. Und gerade dem mag ich nicht trauen – bei meiner Ehre, ich will ihm nicht trauen. Lieber wollte ich, der böse Feind mischte sich in unsere Sache, als dieser Tressilian.«
»Und warum, Mylord?« fragte die Gräfin, obgleich sie leicht erschauerte über den entschiedenen Ton, in dem er sprach. »Laßt mich nur wissen, warum Ihr so hart von Tressilian denkt?«
»Madam,« versetzte der Carl, »mein Wille sollte hinreichender Grund sein. Wenn Ihr mehr begehrt, so bedenkt, mit wem dieser Tressilian in Verbindung steht. Er steht hoch in der Achtung dieses Radcliffe, dieses Sussex, gegen den ich nur mit Mühe den Boden in der Gunst unsrer so mißtrauischen Königin behaupten kann; und wenn er einen solchen Vorteil gegen mich hätte, Amy, daß ihm die Geschichte unsrer Heirat bekannt wäre, ehe Elisabeth in geeigneter Weise darauf vorbereitet ist, so wäre ich für immer aus ihrer Gnade ausgestoßen – bankerott wäre ich zugleich in Gunst und Glück, und vielleicht – denn sie hat etwas von ihrem Vater Heinrich in sich – ein Opfer, ein blutiges am Ende, ihres gekränkten eifersüchtigen Zornes.«
Aber warum, Mylord,« drang die Dame wieder in ihn, »denkt Ihr so schmählich von einem Manne, von dem Ihr so wenig wißt. Was Ihr von Tressilian wißt, wißt Ihr durch mich, und ich selber gebe Euch die Versicherung, daß er unter keinen Umständen Euer Geheimnis verraten würde. Wenn ich ihm um Euretwillen unrecht getan habe, Mylord, so liegt mir jetzt umsomehr daran, daß Ihr ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen sollt. – Es kränkt Euch, daß ich von ihm spreche – was würdet Ihr sagen, wenn ich ihn wirklich gesehen hätte?«
»Wenn Ihr ihn gesehen hättet,« erwiderte der Graf, »so tätet Ihr gut, dieses Zusammentreffen so geheim zu halten, wie ein Geheimnis, das im Beichtstuhle abgelegt wird. Ich trachte niemand nach dem Leben, aber wer sich in meine Privatgeheimnisse, drängt wird in Zukunft auf Gottes Welt keinen gefahrlosen Schritt mehr tun können. Der Bär läßt keinen ungestraft seinen furchtbaren Pfad durchkreuzen.« [Das Abzeichen des Grafen Leicester war das alte von seinem Vater, als er Earl von Warwick war, angenommene Wappen: der Bär und der Knotenstock.]
»Furchtbar in der Tat!« sagte die Gräfin, tief erbleichend,
»Dir ist nicht wohl, mein Lieb,« sagte der Graf und stützte sie mit dem Arm. »Lege Dich noch einmal nieder, es ist noch zu früh für Dich. Hast Du noch irgend etwas andres, wobei mein Ruhm, mein Glück, mein Leben weniger im Spiele ist, von mir zu erbitten?«
»Nichts, mein Lord und Leben,« antwortete die Gräfin matt. »Es war wohl etwas, was ich Euch sagen wollte, aber vor Euerm Groll ist es mir entfallen.«
»Heb es auf, bis wir uns wiedersehen, mein Lieb,« sagte der Earl zärtlich und umarmte sie wiederum. »Und wenn Du die Ansuchen beiseite läßt, die ich nicht gewähren kann und darf, dann muß Dein Wunsch mehr umfassen, als ganz England erfüllen könnte, wenn er nicht bis auf den Buchstaben befriedigt werden sollte.«
Mit diesen Worten nahm er endlich Abschied. Am Fuß der Treppe reichte ihm Varney einen weiten Mantel und einen breitkrempigen Hut, beide machten ihn völlig unkenntlich. Im Hofe standen für ihn und Varney Pferde bereit. Ein paar Leute seines Gefolges, die so weit in das Geheimnis eingeweiht waren, daß sie um die Liebschaft des Grafen mit einer ihnen dem Namen und dem Stande nach unbekannten Name in diesem Hause wußten, warm bereits über Nacht weggeschickt worden.
Anton Foster selber hielt das Pferd des Grafen am Zügel, einen stämmigen Straßengaul, während sein alter Dienstbursche das stattlichere und seiner aufgeputzte Pferd Varneys, der hier als der Herr gelten sollte, am Zügel hielt.
Als der Earl herantrat, sprang jedoch Varney herzu, um seinem Herrn den Zügel zu halten und Foster nicht diesen Dienst dem Grafen erweisen zu lassen, den er offenbar als zu seinem Amte gehörig betrachtete. Foster warf ihm einen bösen Blick zu, als er so gehindert wurde, seinem Gönner seine Aufwartung zu machen, aber er machte Varney Platz, und der Graf stieg ohne eine weitere Bemerkung zu Pferde. Er vergaß, daß er gemäß der Rolle des Dieners, die er spielen sollte, eigentlich hinter seinem Herrn herreiten müßte, und ritt ganz in Gedanken zu, dem Hofe hinaus, die Hand mehrfach schwenkend zur Antwort auf die Zeichen, die ihm die Gräfin noch aus dem Fenster ihres Zimmers mit dem Taschentuch nachwinkte.
Während seine vornehme Gestalt unter dem dunkeln Torweg verschwand, murmelte Varney: »Das nenn ich schlau gehandelt – der Diener reitet vor dem Herrn!« Dann benutzte er die Gelegenheit, noch ein Wort mit Foster zu sprechen.