»Hast Du einen Gaul im Stall?«
»Ja, Herr,« sagte Lambourne, »als ich jüngst bei Shooters-Hill einen ehemaligen Viehhändler anhielt, dessen Taschen besser gefüllt waren als sein Hirnkasten, da hat mich die gute Mähre flott vor allen Verfolgern gerettet.«
»Dann sattle ihn und begleite mich,« sagte Varney, »laß Kleider und Gepäck bei dem Wirt in Verwahrung, und ich will Dich in einen Dienst bringen, in dem Du Dein Glück machen kannst.«
»Herzlich gern – und in einem Augenblick bin ich zu Pferde!« rief Lambourne. »Geht mein Neffe mit Euch?«, fragte Giles Gosling, als er die Anstalten zum Aufbruch sah.
»Ja, das ist seine Absicht,« antwortete Richard Varney.
»Da tust Du recht, Neffe,« sagte der Wirt, »da tust Du ganz recht. Wenn Du durchaus durch einen Strick vom Leben zum Tode befördert werden willst – und so sieht es ja ganz aus, da Du mit diesem Herrn da gehst – so suche Dir wenigstens Deinen Galgen möglichst weit von Cumnor aus, und so sitz auf und reite Deiner Wege.«
Der Herr und der neue Diener ritten in schnellem Trabe davon, und als sie den Anstieg eines sandigen Hügels hinter sich hatten, setzten sie ihr Gespräch fort.
»Du bists also zufrieden,« sagte Varney zu seinem Gefährten, »bei Hofe Dienste zu nehmen?«
»Durchaus, Herr, wenn Euch meine Bedingungen ebenso recht sind, wie mir die Euern.«
»Und was sind Deine Bedingungen?« fragte Varney.
»Wenn ich ein flinkes Auge im Interesse meines Herrn haben soll, so muß er meinen Fehlern gegenüber ein Auge zudrücken können,« sagte Lambourne.
»Gewiß,« sagte Varney, »wenn sie nur nicht so hagebuchen am Tage liegen, daß er darüber fallt.«
»Einverstanden,« sagte Lambourne. »Ferner, wenn ich ein Wild erlegt habe, muß ich die Knochen kriegen.«
»Das ist nur billig,« versetzte Varney, »das heißt, Deine Vorgesetzten kommen zuerst dran.«
»Gut,« stimmte Lambourne bei, »und es bleibt nur noch zu sagen übrig, daß, wenn ich mit dem Gesetz in Konflikt gerate, mein Gönner mir heraushelfen muß, das ist ein Hauptpunkt.«
»Auch nur recht und billig,« sagte Varney, »wenn Ihr im Dienste Euers Herrn mit dem Gesetz uneins geworden seid.«
»Was den Lohn und so weiter betrifft,« fuhr Lambourne fort, »so sage ich gar nichts darüber, selbstverständlich muß ich davon leben können.«
»Da sei ohne Sorge, Du kommst in einen Haushalt, wo es Gold wie Heu gibt.«
»Das ist so mein Fall,« erwiderte Michael Lambourne, »und es wäre nun nur noch übrig, daß Ihr mir den Namen meines Herrn nenntet.« »Mein Name ist Herr Richard Varney,« antwortete sein Gefährte.
»Aber ich meine,« sagte Lambourne, »den Namen des edeln Lords, zu dem Ihr mich in Dienst bringen wollt.«
»Wie, Bursche, dünkst Du Dich zu gut, mich Herrn zu nennen?« fragte Varney rasch. »Ich sehe es gern, wenn Du frech bist gegen andre – mir gegenüber laß Deine Unverschämtheit beiseite.«
»Ich bitte Euer Gnaden um Vergebung,« sagte Lambourne, »aber Ihr scheint auf vertraulichem Fuße mit Anton Foster zu stehen – und mit dem steh ich selber auf Du und Du.«
»Du bist ein durchtriebner Bursche, wie ich sehe,« erwiderte Varney. »Hör mich an – ich habe allerdings die Absicht, Dich bei einem Edelmann in Dienst zu bringen, aber meiner Person in der Hauptsache wirst Du zu dienen haben und von mir wirst Du abhängig sein. Ich bin sein Stallmeister – seinen Namen wirst Du bald erfahren – er ist einer, der unter den Räten der Königin die erste Rolle einnimmt und das Ruder des Staates in der Hand hat.«
Die Reiter verfielen nun wieder in den flotten Trab, den sie bei ihrem Zwiegespräch gezügelt hatten, und langten bald in dem königlichen Park von Woodstock an. Sie ritten ohne Umstände in den Hof des alten, verfallenen Herrenhauses hinein, in welchem an diesem Morgen dem Auge sich ein buntbelebtes Bild zeigte. Beamten vom Haushalt des Grafen, Diener in Livree kamen und gingen mit all dem rücksichtslosen Lärm, der ihrem Gewerbe anzuhaften scheint. Pferdegewieher und Hundegebell war zu hören; denn wenn auch Mylord hierher gekommen war, um das alte Haus und Gewese zu besichtigen, so hatte er sich doch auch mit allem versehen, um eine Jagd abhalten zu können in dem Park, dem ersten, eingezäunten Wildpark in England, der reich mit Wild versehen war, das nun schon lange unbelästigt dort geäset hatte. Einige Einwohner des Dorfes lungerten, in der Hoffnung, daß bei diesem ungewohnten Besuch auch für sie etwas abfallen würde, im Hofe herum und warteten, ob der große Mann sich zeigen werde. Ihre Spannung wuchs noch, als sie Varney in aller Eile hereinsprengen sahen, und ein Gemurmel lief herum: »Der Stallmeister des Grafen!«, während sie eilig ihn, für sich einzunehmen trachteten, indem sie die Hüte zogen und dem begünstigten Diener und seinem Begleiter Zügel und Steigbügel hielten. Kurz darauf erschien der Earl mit seinem Gefolge und begab sich zu Pferde, um nach dem Hofe zurückzukehren, begleitet von dem lauten Zuruf der Einwohner von Woodstock, die so laut brüllten, daß die alten Eichen widerhallten: »Lang lebe Königin Elisabeth und der Graf von Leicester!«
Achtes Kapitel
In der Nacht seines plötzlichen Verschwindens hatte Tressilian sich zur Ruhe gelegt und lag in trüben Gedanken, als er die Tür seiner Stube knarren hörte und ein Licht hereinschimmern sah. Er sprang sofort aus dem Bette und ergriff sein Schwert, aber er ließ es ruhig in der Scheide, als er die Worte hörte:
»Seid nicht so ungestüm mit Euerm Degen, Herr Tressilian. Ich bin es, Euer Wirt, Giles Gosling,«
Gleichzeitig entfernte er den Schirm der Blendlaterne, die nur einen undeutlichen Schimmer verbreitet hatte, und die behäbige Gestalt des Wirtes vom »Schwarzen Bären« stand vor seinem erstaunten Gast.
»Was ist das für ein Mummenschanz, Herr Wirt?« fragte Tressilian. »Habt Ihr wieder einen fidelen Abend gehabt und Euch in der Kammer geirrt? Oder ist Mitternacht eine Zeit, daß Ihr in den Zimmern Eurer Gäste Maskeraden treibt?«
»Herr Tressilian,« versetzte der Wirt, »ich weiß genau, wo ich hingehöre, und kenne auch meine Zeit so gut, wie nur je ein lustiger Wirt. Aber mein Neffe, dieser Teufelskerl, hat Euch scharf bewacht, wie nur je ein Kater eine Maus bewacht hat, und dann habt Ihr entweder mit ihm oder mit einem anderen gefochten, und ich fürchte, Ihr seid von ernster Gefahr bedroht.«
»Geht, geht, Ihr seid nicht recht gescheit,« sagte Tressilian, »Euer Vetter hat nur einen Groll auf mich, und woher wollt Ihr denn wissen, daß ich mit irgend wem einen Zweikampf gehabt hatte?«
»O, Herr,« antwortete der Wirt, »Ihr habt einen roten Fleck auf der Wange gehabt, der von kurz vorher ausgefochtenem Streite zeugte, auch Euer Gürtel hat sich verschoben, und Ihr wart in wilder Hast.«
»Nun, guter Wirt, wenn »ich den Degen habe, ziehen müssen,« sagte Tressilian, »warum soll das Euch zu dieser Nachtzeit aus Euerm warmen Bette treiben? Ihr seht ja doch, alles Unheil ist vorüber.«
»Das eben, mit Verlaub, bezweifle ich. Anton Foster ist ein gefährlicher Mensch, der am Hofe von starker Gönnerschaft unterstützt wird, und mein Neffe – na, ich habe Euch ja schön gesagt, was das für ein Früchtchen ist, und wenn diese Halunken ihre alte Bekanntschaft erneuert haben, so wünschte ich nur, mein ehrenwerter Gast, es wäre nicht auf Eure Kosten geschehen.«
»Ihr seid ein ehrlicher Mann, Herr Wirt,« sagte Tressilian, »und ich will Euch reinen Wein einschenken. Wenn diese Männer etwas Böses wider mich im Schilde führen, – und ich gebe gern zu, daß das möglich ist – so tun sie das nur als die Helfershelfer eines weit mächtigen Bösewichts.«
»Damit meint Ihr Richard Varney, nicht wahr?« fragte der Wirt. »Er ist gestern nach Cumnorplace gekommen, und wenn er auch noch so insgeheim hergekommen ist, so hat ihn doch jemand gesehen und es mir gesagt. Da seid nur ja auf Eurer Hut, Herr Tressilian. Dieser Varney ist der Gönner und Beschützer von Anton Foster, und durch seine Gunst ist ihm das Herrenhaus da in Pacht gegeben worden. Dein Varney ist ein großer Teil der Ländereien der Abtei von Abingdon von seinem Herrn, dem Grafen von Leicester, überlassen worden. Da habt Ihr Euch einen gar gefährlichen Feind auf den Hals gehetzt. Weil Richard Varney einen so großen Einfluß auf den Grafen besitzt – man sagt, er habe ihn vollständig in der Hand – so fürchten sich die Leute fast, seinen Namen zu nennen, geschweige denn, irgendwie sich seinen Plänen entgegenzustellen. Und dabei denken doch alle Leute, daß er hinter diesem Geheimnis mit der hübschen Dirne stecke. Aber vielleicht wißt Ihr selber davon mehr als ich.«