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»Allerdings weiß ich mehr von dieser unglücklichen Dame als Ihr, mein freundlicher Wirt, und in diesem Augenblick entbehre ich so gänzlich aller Freunde und jedes guten Rates, daß ich Euch gern zu meinem Ratgeber machen und Euch die ganze Geschichte erzählen möchte, um so mehr, als ich Euch am Schluß um eine Gefälligkeit ersuchen möchte.«

»Guter Herr Tressilian,« sagte der Wirt, »ich bin bloß ein armer Gastwirt, der einen solchen Gast wie Euch wohl kaum einen guten Rat wird geben können, aber ich bin ein ehrlicher Mann und als solcher gewiß Euers Vertrauens wert.«

Tressilian sann eine Weile nach, wie er seine Erzählung beginnen sollte.

»Ich muß, um mich verständlich zu machen, ein wenig zurückgreifen,« begann er dann, »Ihr habt gewiß von der Schlacht von Stoke gehört und wohl auch von Sir Roger Robfart. In dieser Schlacht nun wurde mein Großvater, der, wie viele andre Edelleute aus Cornwallis dem Hause York treu ergeben war, von eben diesem Sir Roger Robfart gefangen genommen. Der edle Ritter entließ ihn aber ohne Lösegeld, doch konnte er ihn nicht vor dem Zorne des Königs schützen, der ihm eine so schwere Geldbuße auferlegte, daß er zum armen Manne wurde. Der gute Ritter tat alles, ihm seine Sorgen zu erleichtern, und so wurden beide so innige Freunde, daß mein Vater wie ein Bruder des jetzigen Sir Hugh Robsart des einzigen Sohnes Rogers, auferzogen wurde. Dieser Sir Hugh Robsart hatte eine einzige Tochter. Und hiermit fängt mein Anteil an der Geschichte an. Als mein Vater vor einigen Jahren gestorben war, wollte der gute Sir Hugh mich gern zu seinem Nachfolger machen, und damit war ich völlig einverstanden, denn die große Schönheit, zu der Amy Robsart mit der Zeit heranwuchs, konnte mir nicht entgehen, da ich bei dem vertrauten Verhältnis zu ihrem Vater fast ständig um sie war. Mit einem Worte, ich liebte sie, und ihr Vater bemerkte das wohl. Er nahm meine Bewerbung mit großer Freude an, – aber leider erwiderte seine Tochter meine Liebe nicht. Sie begegnete mir freilich wohl mit Achtung und machte mir auch Hoffnung, daß mit der Zeit aus diesem Gefühl sich eine wärmere Neigung entwickeln werde. Auf ihres Vaters Veranlassung wurde zwischen uns abgemacht, daß wir uns heiraten sollten, aber auf ihr dringendes Ersuchen wurde die Vollziehung dieses Kontraktes auf ein volles Jahr hinausgeschoben. Während dieser Zeit erschien in der Gegend Richard Varney, wußte sich bei Sir Hugh beliebt zu machen und lebte bald dort, als wenn er zur Familie gehörte. Damit fing das Unglück an, aber es folgte eins dem andern so seltsam, daß ich jetzt die Reihenfolge nicht mehr Fall für Fall verfolgen kann– kurz, mit einem Male war die ehedem so glückliche Familie zugrunde gerichtet. Eine. Zeitlang begegnete Amy Robsart Varneys Aufmerksamkeiten mit Gleichgültigkeit, dann schien sie ihn mit Mißfallen, ja mit Widerwillen zu betrachten – dann aber schien sich plötzlich eine ganz neue Art von Bekanntschaft zwischen ihnen zu entwickeln – und bald schien Einverständnis und eine gewisse Vertraulichkeit zwischen ihnen zu herrschen – und dann eines Tages verschwand Amy plötzlich aus ihres Vaters Hause– Varney verschwand zu derselben Zeit – und heute erst habe ich sie als seine Maitresse wiedergesehen, in demselben Hause, das dieser schmutzige Foster innehat.«

»Und daher seid Ihr auch miteinander handgemein geworden? Aber sagt mir nur, wie habt Ihr nur die Wohnung dieser Dame, oder vielmehr ihr Versteck ausfindig machen können?«

»Es war mir bekannt geworden, daß Varney große Güter, die ehemals den Mönchen von Abingdon gehörten, verwaltete, und als dann Euer Neffe die Absicht aussprach, seinen alten Bekannten Foster zu besuchen, gab mir das Gelegenheit, mich durch eignen Augenschein zu überzeugen.«

»Und was gedenkt Ihr nun zu tun?«

»Ich will mich an den Grafen von Leicester wenden,« sagte Tressilian, »er soll selber die Schändlichkeit seines Günstlings richten. Wenn ihm sein eigner Ruf am Herzen liegt, darf er meine Bitte nicht abweisen. Sonst will ich mich an die Königin selber wenden.«

»Sollte Leicester,« sagte der Wirt, »seinen Günstling in Schutz nehmen wollen (und er soll ja mit ihm ein Herz und eine Seele sein), so werden sie beide zur Vernunft kommen, wenn Ihr Euch an die Königin selber wendet. Ihre Majestät versteht keinen Spaß in solchen Dingen. Sie wird lieber einem Dutzend Höflingen Pardon geben, wenn sie sich in sie verlieben, als einem, wenn er einem andern Weibe den Vorzug gibt. Also corragio, mein lieber Gast! Wenn Ihr eine Bittschrift von Sir Hugh dem Throne zu Füßen legt, so wird der so hoch in Gunst stehende Graf lieber in die Themse springen, wo sie am breitesten und tiefsten ist, als Varney in einer solchen Angelegenheit zu schützen. Aber um einigermaßen mit Erfolg vorzugehen, müßt Ihr ganz formell dabei zu Werke gehen. Und vor allem müßt Ihr unverzüglich nach Devonshire, müßt dem Sir Hugh eine Bittschrift aufsetzen und Euch möglichst viele Freunde werben, die bei Hofe ein Wort für Euch einlegen können.«

»Ihr habt wohl gesprochen, mein guter Wirt,« antwortete Tressilian, »und ich werde Euer« Rat befolgen. Ihr aber seid so gut und habt ein Auge darauf, was im Hause Fosters vorgeht. Schickt mir schriftliche Mitteilungen darüber durch die Person, die Euch diesen Ring hier zeigen wird – keinem andern Menschen vertraut etwas an.«

»Gut, Sir,« erwiderte der Wirt. »Ich beklage von Herzen den guten Edelmann, dem seine Tochter, die Stütze seines Alters, durch solch einen Habicht wie diesen Varney geraubt worden ist, und ich will Euch dabei behilflich sein, das Mädchen dem alten Manne wiederzugeben, soweit ich Euch bei der Sache als guter Kundschafter dienen kann. Aber ich muß mich darauf verlassen können, daß Ihr reinen Mund haltet? denn es könnte dem Renommee des »Schwarzen Bären« schaden, wenn man seinem Besitzer nachsagte, daß er sich in solche Angelegenheiten mische. Auch hat Varney Einfluß genug, das schöne Schild über meiner Tür herunterreißen zu lassen und mir die Konzession, zu entziehen.«

»Ihr könnt Euch auf meine Verschwiegenheit verlassen, Herr Wirt,« sagte Tressilian. »Ich werde Euch allzeit dankbar sein für Eure Gefälligkeit – und vergeßt nicht, daß dieser Ring hier ein Zeichen von mir sein soll. Nun aber lebt wohl – ich will die Nacht noch fort.«

»So folgt mir,« sagte der Wirt »und tretet so leise auf, als ginget Ihr auf Eiern, statt auf Dielen. Niemand darf wissen, wie und wann Ihr aufgebrochen seid.«

Neuntes Kapitel

Tressilian war bis in das Tal von Whitehorse gelangt, als der Tag heranbrach. Jetzt wurde er zu seinem Verdruß gewahr, daß sein Pferd ein Hufeisen an einem der Vorderfüße verloren hatte. Da er sich in der Nähe eines armseligen Dörfchens befand, stieg er ab und führte sein Pferd. Vor einem der kläglichen Häuschen, aus denen die verlassene Ortschaft bestand, stand eine alte Frau, die ihn aus seine Frage, ob nicht in der Nähe ein Grobschmied wohne, mit sonderbarer Miene ansah.

»Ein Grobschmied?« erwiderte sie. »Ja, ein Grobschmied ist wohl hier in der Nahe. – Was wollt Ihr von ihm?«

»Mein Pferd soll er beschlagen, gute Frau. Ihr seht, es hat ein Hufeisen verloren,« antwortete Tressilian.

»Magister Feiertag!« rief die alte Frau. »Magister Erasmus Feiertag! Kommt doch einmal her und sagt dem Manne hier Bescheid. Er fragt nach Wieland dem Schmied, und ich mag ihm den Weg zu dem Teufel nicht sagen. Sein Pferd hat ein Eisen verloren.«