Der so herbeigerufene Zögling kam endlich ins Zimmer gestolpert. Er war ein kleiner, watschelnder, verwachsener Zwerg, der seiner kleinen Gestalt nach kaum zwölf oder dreizehn Jahre alt sein konnte, obgleich er in Wirklichkeit wohl ein oder zwei Jahre älter sein mochte. Das rote Haar hing ihm verwildert um das von Sommersprossen bedeckte, verbrannte Gesicht herab, er hatte eine Stülpnase, ein spitzes Kinn und graue, durchdringende Augen, die zu schielen schienen. Beim bloßen Anblick des kleinen Kerls fühlte man den lebhaftesten Kitzel zum Lachen.
»Ricarde,« sagte der Lehrer, »Du sollst mit dem Herrn dort bis auf den Hügel hinauf und ihm zeigen, wo Wieland, der Schmied, wohnt.«
»Mein guter Junge,« sagte Tressilian, »ich will Dir ein Silberstück geben, wenn Du mich nach der Werkstätte des Schmiedes führst.«
Der Knabe warf ihm einen listigen Seitenblick zu:
»Ich will Euch schon führen,« sagte er, »setzt Euch nur den Hut auf, zieht Euer Pferd aus dem Stall und vergeht nicht, daß Ihr mir ein Silberstück versprochen habt.«
»Nun, nun, nicht so hastig!« rief der Lehrer. »Suflamanina Ricarde!«
»Seid Ihr nur hübsch still,« sagte Dickie und entschlüpfte dem Lehrer.
Tressilian bestieg ohne Säumen sein Pferd und folgte seinem gnomenhaften Führer.
Zehntes Kapitel
»Haben wir noch weit bis zur Behausung des Schmieds, mein hübscher Junge?« fragte er den Knaben.
»Wie nennt Ihr mich?« war die Antwort, indem der Junge ihn mit seinen durchdringenden grauen Augen ansah.
»Ich nenne Dich einen hübschen Jungen – ist das was Schlimmes?«
»Ei, wenn meine Großmutter und Magister Feiertag mit dabei waren, dann könntet Ihr alle drei das Lied singen:
Wir sind ei, ei,
Schön dumm alle drei!
Denn Ihr drei,« sagte der häßliche Kobold, »seid die einzigen, die mich je einen hübschen Jungen genannt haben. Meine Großmutter tut es, weil sie vor Alter halb blind und aus Großmutterliebe ganz blind ist – und mein Schulmeister, der arme Kerl, tut es aus Liebedienerei, damit er immer eine volle Schüssel Haferbrei kriegt. Aber warum Ihr mich einen hübschen Jungen nennt, das müßt Ihr freilich selber am besten wissen.«
»Du bist eine durchtriebne Range, wenn Du auch nicht hübsch bist. Aber wie nennen Dich Deine Spielkameraden?«
»Hoppspopanz,« antwortete der Bengel flink.
»Fürchtest Du Dich nicht vor dem Schmied, zu dem wir gehen?«
»Ich mich vor ihm fürchten,« versetzte der Junge. »Wenn er der Teufel wäre, für den die Leute ihn halten, so würde ich mich doch nicht vor ihm fürchten, aber wenn er auch ein absonderlicher Kauz ist, so ist er doch ebenso wenig ein Teufel wie Ihr selber. Und das sage ich Euch, weil Ihr so ganz anders ausseht, als sonst die Herren, die wir hier zu Gesicht bekommen, und ich möchte nicht, daß gerade Ihr mich für einen Schafskopf halten sollt, zumal ich Euch eines Tages vielleicht, einmal um eine Gefälligkeit zu ersuchen habe.«
»Das wäre?« erwiderte Tressilian.
»O, wenn ich sie jetzt von Euch erbitten würde,« sagte der Junge, »so würdet Ihr mirs abschlagen. Aber wartet, bis wir, uns bei Hofe wiedersehen.«
»Bei Hofe, Richard! Sollst Du an den Hof kommen?«
»Ja, ja, ich wette, Ihr denkt nun auch,« erwiderte der Knabe, »was soll ein so widerwärtiger, watschelnder Kobold bei Hofe? Aber laßt nur Richard Schlamm für sich. Ich bin nicht umsonst hier Hahn im Korbe gewesen. Ich will schon dafür sorgen, daß der scharfe Verstand über die Häßlichkeit triumphiert. Ich wäre schon längst weg von hier, aber der Magister hat mir versprochen, daß ich auf dem nächsten Feste, das er veranstalten wird, eine Rolle spielen soll. Es soll in kurzem ein großes Fest geben, auf irgend einem Schlosse im Norden – nicht weit von Berkshire. Und wenn der Magister sein Wort nicht hält, dann wehe ihm. Dann nehm ich das Gebiß zwischen die Zähne und gehe durch und werf ihn ab, daß er sich alle Knochen brechen soll. Und doch möcht ich ihm nicht gern ein Leid antun, denn der alte, langweilige Narr hat mir mit vieler Mühe alles beigebracht, was er selber weiß. Doch genug! Hier sind wir an der Tür von Wielands Schmiede!«
»Du spaßest wohl, mein kleiner Freund,« sagte Tressilian, »hier ist ja nichts als ein nacktes Moor und ein Ring von Steinen mit einem großen in der Mitte.«
»Ja, und der große, flache Stein in der Mitte,« sagte der Junge, »ist Wielands Zahltisch, da müßt Ihr Euer Geld abgezählt darauflegen.«
»Was soll diese Dummheit?« fragte, Tressilian und sing an, sich über die Range zu erbosen.
»Ja doch,« sagte Dickie mit einem Grinsen, »Ihr müßt Euer Pferd an den aufrecht stehenden Stein dort anbinden, an dem der Ring dran ist, und dann müßt Ihr dreimal pfeifen, und Euer Geld auf den flachen Stein dort legen und aus dem Kreise herausgehen und Euch an der Westseite des Gebüsches hier niedersetzen, und wohl acht geben, daß Ihr zehn Minuten lang nicht rechts noch links seht oder wenigstens solange, wie der Hammer klingt, und wenn die Hammerschläge aufhören, dann sprecht ein Gebet, und dann tretet wieder in den Kreis, und Ihr werdet Euer Geld nicht mehr finden, aber Euer Pferd beschlagen.«
»Mein Geld wird weg sein, ja das glaub ich wohl!« rief Tressilian. »Hör, Du Range, ich bin freilich nicht Dein Schulmeister, aber wenn Du mich zum Narren halten willst, so will ich Dir die Jacke nicht weniger derb ausklopfen.«
»Ja, wenn Ihr mich kriegt!« rief der Junge, und sogleich war er über die Heide geflüchtet mit einer solchen Geschwindigkeit, daß Tressilian in seinen schweren Stiefeln ihn nicht einholen konnte. Dabei rannte der Bengel – was Tressilian nur noch mehr reizte, – nicht einmal so schnell, als er hätte rennen können, wenn er sich in Gefahr gewußt oder sich gefürchtet hätte, sondern er richtete seine Eile immer danach ein, daß Tressilian ihm nahe genug blieb, um noch weiter Lust zur Verfolgung zu behalten – und wenn er ihm dann zu nahe gekommen war, dann stob er hinweg mit der Geschwindigkeit des Windes. Das ging so eine Weile fort, bis Tressilian vor Erschöpfung stillstand und eben die Verfolgung mit einem herzhaften Fluch auf den widerwärtigen Bengel, der ihn zu einer so lächerlichen Anstrengung verleitet hatte, aufgeben wollte. Aber der Junge, der sich jetzt auf einem kleinen, gerade vor Tressilian liegenden Hügel aufgepflanzt hatte, begann in die langen, dünnen Hände zu klatschen, mit seinen knochigen Fingern nach ihm zu deuten und seine wilden, häßlichen Züge zu einem so absurden Ausdruck des Gelächters und der Verhöhnung zu verzerren, daß Tressilian fast glauben mochte, er habe einen leibhaftigen Kobold vor sich.
Aufs äußerste gereizt und doch gleichzeitig unwiderstehlich zum Lachen gekitzelt, wollte Tressilian sein Pferd besteigen, um dem Jungen mit mehr Aussicht auf Erfolg zu Pferde nachzusetzen, aber er dachte an das verlorene Hufeisen, und hielt es für das beste, mit einem so flinkfüßigen und durchtriebnen Feinde seinen Frieden zu schließen.
»Komm herunter,« sagte er, »Du Teufelsrange! Laß Dein Foppen und Fratzenschneiden und komm her, ich will Dir nichts zu leide tun, so wahr ich ein Edelmann bin.«
Der Knabe folgte dem Rufe mit dem größten Vertrauen und tanzte mit ausgelassenen Sprüngen von dem Hügel herab, wobei er das Auge fest auf Tressilian geheftet hielt, der sein Pferd am Zügel hielt und ganz außer Atem und in Schweiß gebadet war, während auf der mit Sommersprossen bedeckten Stirn des Bengels, deren Haut wie ein Stück vergilbtes Pergament aussah und straff über den fleischlosen Schädel gespannt war, nicht ein Tröpflein Schweiß zu sehen war.
»Und nun sage mir,« sagte Tressilian, »warum treibst Du ein solches Spiel mit mir oder was bezweckst Du damit, daß Du mir ein solches albernes Ammenmärchen aufbindest? Zeige mir lieber ordentlich, wo der Schmied wohnt, und ich will Dir soviel Geld geben, daß Du Dir den ganzen Winter über Aepfel kaufen kannst.«