»Euer Gnaden werden sich noch erinnern,« sagte der Schmied, »daß vor drei Jahren am Tage der heiligen Lucie ein wandernder Zauberer in ein Herrenhaus in Devonshire kam und vor einem würdigen Ritter und einer vornehmen Gesellschaft seine Künste zeigte – ich sehe an dem Gesicht Eurer Gnaden, daß, so unangenehm diese Erinnerung sein mag, mein Gedächtnis mich doch nicht getäuscht hat.«
»Du hast genug gesagt,« erwiderte Tressilian und wandte sich ab, als wollte er vor dem Mann den Schmerz verbergen, den diese Erinnerung plötzlich in ihm erweckte.
»Der Gaukler,« fuhr der Schmied fort, »spielte seine Rolle so gut, daß die Strohköpfe von Landadligen, die zugegen waren, wirklich glaubten, die Sache ginge nicht mit rechten Dingen zu, aber es war ein junges Mädchen von etwa fünfzehn Jahren dabei, mit dem hübschesten Gesicht, das ich je gesehen, deren rosige Wange wurde bleich und ihr helles Auge wurde trübe, als sie die vorgeführten Wunder sah.«
»Schweig, ich befehl es Dir, schweig!« unterbrach ihn Tressilian.
»Ich will Euer Gnaden nicht kränken,« sagte der Mann, »aber ich habe alle Ursache, noch daran zu denken, wie Ihr das junge Mädchen von der Furcht befreitet und Ihr genau die Art und Weise erklärtet, wie das Gaukelspiel bewerkstelligt wurde, und Ihr brachtet den armen Gaukler ganz aus seinem Konzept, indem Ihr seine Geheimnisse so klarlegtet, als wäret Ihr selber ein Bruder von der Zunft gewesen.«
»Kein Wort mehr davon!« versetzte Tressilian. »Mich dünkt,« fuhr er nach kurzem Schweigen fort, »Du warst in jenen Tagen ein fideler Bursche, der eine ganze Gesellschaft mit Gesängen und Anekdoten und Geigenspiel so gut wie mit Deinen Gaukeleien zu erheitern wußte. Wie kommt es, daß ich Dich jetzt als einen Handwerksmann wiederfinde, der sein Gewerbe an einem so traurigen Orte und unter so seltsamen Umständen betreibt?«
»Meine Geschichte ist nicht lang,« sagte der Gaukler, »aber Euer Ehren setzte sich lieber wohl beim Zuhören.«
Mit diesen Worten rückte er einen dreibeinigen Schemel ans Feuer und nahm sich selber einen zweiten, während Dickie Schlamm sich zu Füßen des Schmieds niederhockte und mit einem von gespannter Neugierde wunderlich verzogenen Gesicht zu dem Schmied emporsah.
»Beginnt Eure Erzählung,« sagte Tressilian, »denn meine Zeit ist kostbar.«
»Es soll Euch nicht gereuen, sie mir gewidmet zu haben,« sagte der Schmied, »denn Euer Pferd soll inzwischen ein bessres Futter erhalten als heute morgen, daß es neue Kräfte zur Weiterreise erhält.«
Mit diesen Worten ging er hinaus und kehrte nach einigen Minuten zurück.
Elftes Kapitel
»Ich wurde zum Grobschmied erzogen,« begann der Schwarzkünstler seine Erzählung, »und ich verstand meine Kunst so gut wie nur je ein rußiger Jünger dieser edeln Zunft. Aber ich wurde des ewigen Gehämmers überdrüssig und zog hinaus in die Welt, wo ich mit einem berühmten Schwarzkünstler bekannt wurde, dessen Finger aber mit der Zeit zu steif wurden zu seinem Hokuspokus und der gern einen Gehilfen in seiner edeln Kunst haben wollte. Ich diente ihm sechs Jahre, bis ich selber Meister in meinem Fache war. Nicht lange nachdem ich bei Sir Hugh Robsart im Beisein Eurer Gnaden eine Vorstellung gegeben hatte, ging ich zur Bühne und habe mit den besten Schauspielern um die Wette agiert – aber ich weiß nicht, es gab in diesem Jahre sehr viel Aepfel, und die Rangen auf der Galerie bissen immer nur ein Stückchen ab und warfen dann den Rest dem Schauspieler, der gerade auf der Bühne war, an den Kopf. So kriegte ich denn auch das satt – verzichtete auf meinen Gewinnanteil – gab meinen ganzen Kram an Kostümen meinen Kameraden – und schüttelte den Staub des Theaters von meinen Füßen. Darauf wurde ich halb Assistent, halb Diener eines sehr kundigen, aber nicht eben vermögenden Mannes, der dem ärztlichen Berufe oblag. Wir trieben unsere Praxis in etwas abenteuerlicher Weise, und die Medikamente, die ich in meinen ersten Studien in der Pferdeheilkunde erlernt hatte, wurden oft genug für menschliche Patienten verschrieben. Aber der Same, aus dem alle Krankheit erwächst, ist immer der gleiche, und wenn Terpentin, Teer, Pech und Rindertalg, vermischt mit Gelbwurz, Mastix und einer Knoblauchknolle das Pferd heilen kann, das sich an einem Nagel verwundet hat, so sehe ich nicht ein, warum dasselbe nicht auch einem Menschen gut tun sollte, der mit einem Schwerte gekitzelt worden ist. Aber meines Meisters Praxis wie auch seine Kenntnisse waren den meinen weit überlegen, und er ließ sich auch in gefährlichere Dinge ein. Er machte nicht nur physikalische Experimente der kühnsten und gewagtesten Art, sondern er war auch, wenns gerade mal so sein sollte, auch ein Schwarzkünstler, der in den Sternen las und nach dem Horoskop das Schicksal der Menschen erkundete. Er kannte alle Geheimnisse der Kräutermischung und der Chemie – stellte allerlei Versuche an, Quecksilber zu fixieren und hatte seiner Ueberzeugung nach um ein Haar sogar den Stein der Weisen gefunden. Ich habe selber noch eine schematische Ausstellung von ihm über die diesbezüglichen Experimente.«
Er reichte Tressilian eine Pergamentrolle, auf der am Kopfe, am Fuße und an der Seite die Zeichen der sieben Planeten standen, seltsam vermischt mit kabbalistischen Zeichen und griechischen und hebräischen Brocken. In der Mitte standen ein paar lateinische Verse, die so deutlich geschrieben waren, daß Tressilian sie sogar in der undeutlichen Helle des Gewölbes entziffern konnte.
»Ich muß gestehen,« sagte Tressilian, »ich kann von dem Kauderwelsch nichts weiter verstehen, als daß die letzten Worte ungefähr bedeuten: »Nimm, was Du kriegen kannst.«
»Dies,« sagte der Schmied, »war auch der Grundsatz dieses würdigen Freundes und Meisters Doktor Doboobie, und ihm ist er immer treu geblieben, bis er an seinen eignen Phantastereien zum Narren wurde und im Dünkel auf seine Kunst in der Chemie Verschwender wurde und sich selber um das Geld betrog, das er andern abgaunerte. Auch mich versuchte er zu betrügen, aber obgleich ich ihm nie Unannehmlichkeiten machte und mich nie mit ihm entzweite, so sah er doch, daß ich zu viel von seinen Geheimnissen wußte, um noch länger ein harmloser und ungefährlicher Genosse zu sein. Inzwischen wurde er immer berühmter oder richtiger berüchtigter, und seine vermeintliche Kenntnis aller okkulten Wissenschaften zog ihm die geheime Kundschaft von Männern ein, die zu mächtig sind, als daß ich sie nennen dürfte, und die ihn zu Zwecken brauchten, die zu unheimlich sind, als daß ich sie verraten dürfte. Die Menschen verfluchten und bedrohten ihn und gaben mir, dem unschuldigen Gehilfen seiner Studien, den Beinamen Teufelsfaktotum, und ein Steinhagel empfing mich, sobald ich mich auf der Straße sehen ließ. Endlich verschwand mein Herr plötzlich – er wollte mir weis machen, er ginge auf sein Laboratorium in Farringdon, und verbot mir, ihn zu stören, ehe noch zwei Tage herum wären. Als nun diese verstrichen waren, wurde mir bange, und ich ging nach Farringdon ins Laboratorium und fand die Feuer ausgelöscht und alles Gerät in wirrer Unordnung, und ein Schreiben war da von Doktor Doboobie, denn so unterschrieb er sich, in welchem er mir mitteilte, daß wir uns nie wiedersehen würden. Er gebe seine ganzen chemischen Apparate in meine Hände, wie auch das Pergament, das ich eben Euch habe lesen lassen, und legte mirs dringend ans Herz, seinem Geheimnis fleißig weiter nachzuspüren – ich würde dann unfehlbar zur endlichen Entdeckung des großen Magisteriums gelangen.«
»Und hast Du diesen weisen Rat befolgt?« fragte Tressilian.
»Verehrter Herr, nein,« antwortete der Schmied. »Ich bin von Natur vorsichtig und mißtrauisch, ich war es um so mehr, da ich ja wußte, mit wem ich es zu tun hatte – so habe ich alles so genau und so oft durchsucht, ehe ich auch nur ein Feuer anzuzünden wagte, daß ich endlich ein Fäßchen Schießpulver entdeckte, das sorgfältig unter dem Herde versteckt war, gewiß zu keinem andern Zwecke, als daß mit dem Augenblick, wo ich das große Werk der Verwandlung von Metallen in Angriff nehmen würde, die Explosion das Gewölbe und alles in einen Haufen von Trümmern verwandeln sollte, der mich unter sich hätte begraben müssen. Das hat mich von der Alchimie kuriert, und gern wäre ich zu meinem ehrlichen Hammer und Ambos zurückgekehrt, aber wer hätte wohl ein Pferd zum Beschlagen zu mir, dem Teufelsfaktotum, gebracht? Inzwischen hatte ich aber schon die Gunst dieses meines ehrlichen Popanzes hier erworben, denn er war damals in Farringdon mit seinem Magister, dem weisen Erasmus Feiertag. Ich hatte ihm ein paar Geheimnisse mitgeteilt, wie sie Jungen seines Alters Spaß machen; und nachdem wir viel mit einander beraten hatten, kamen wir zu dem Entschlusse, da ich auf ehrliche Weise keine Arbeit finden würde, es zu versuchen, ob ich unter den unwissenden Menschen Beschäftigung finden könnte, indem ich auf ihren albernen Aberglauben spekulierte. Und dank meinem guten Popanz, der wacker dafür sorgte, daß mein Ruf sich im Lande verbreitete, hat es mir auch an Kundschaft nicht gefehlt. Aber ich habe diese Kundschaft unter zu großen Gefahren erworben, und ich fürchte, sie werden mich endlich als einen Hexenmeister aufgreifen, und ich warte nur auf eine günstige Gelegenheit, diese Höhle zu verlassen, sobald ich auf den Schutz eines ehrenwerten und angesehenen Mannes gegen die Wut der Bevölkerung, falls sie mich erkennen sollten, rechnen darf.«