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»Und bist Du,« fragte Tressilian, »vollkommen bekannt mit den Wegen in diesem Landstrich?«

»Ich würde mich um Mitternacht zu Pferde zurecht finden,« antwortete Wieland, der Schmied.

»Du hast aber kein Pferd,« sagte Tressilian.

»Verzeiht,« versetzte Wieland, »ich habe einen ganz guten Gaul – ich vergaß zu sagen, daß dieses Pferd das beste war an dem ganzen Vermächtnis des Arztes.«

»Dann wasche Dich und kämme Dich,« sagte Tressilian, »kleide Dich ordentlich an, so gut es geht, lege diese grotesken Lumpen ab, und wenn Du verschwiegen und treu sein willst, so sollst Du auf kurze Zeit bei mir bleiben, bis Dein Hokuspokus hier vergessen ist. Ich habe etwas vor, was Geschicklichkeit und Mut erheischt, und ich glaube, Dir fehlt es an beidem nicht.«

Wieland, der Schmied, nahm begierig den Vorschlag an und gelobte seinem neuen Herrn Treue und Ergebenheit. In ein paar Minuten hatte er seine frühere Erscheinung so wesentlich umgeändert, indem er die Kleidung wechselte und sich Haar und Bart schor und kämmte, daß Tressilian selber zugeben mußte, er bedürfe eigentlich kaum eines Beschützers, da seine alten Bekannten ihn in dem neuen Aufzuge nicht erkennen würden.

Wieland schritt voran aus der Höhle. Dann rief er Popanz, der nach kurzem Zögern mit dem Sattelzeug des Pferdes erschien. Wieland machte die Falltür zu und breitete sorgfältig das Gestrüpp darüber hin, um sie unsichtbar zu machen. Er würde die Höhle vielleicht im Notfalle noch einmal brauchen können, bemerkte er, auch sei das Werkzeug nicht ohne Wert. Auf einen Pfiff kam ein Gaul heran, der gemächlich auf der Gemeindewiese weidete und an das Zeichen gewöhnt war. In wenigen Minuten waren Tressilian und Wieland zur Reise fertig.

Da kam Schlamm herbei, um ihnen Lebewohl zu sagen.

»Also wollt Ihr mich verlassen, mein alter Spielkamerad,« sagte der Junge, »und so ist unser Possenspiel und all unser Jux mit den feigen, furchtsamen Dummerianen, die ich hierher an Eure Teufelsschmiede brachte, ein- für allemal zu Ende?«

»So ist es,« sagte Wieland, der Schmied, »die besten Freunde müssen sich trennen, Popanzchen, Du aber, mein Junge, bist das einzige, was ich in diesem Tale von Whitehorse eigentlich mit Bedauern zurücklasse.«

»Nun, ich sage Dir auch gar nicht Lebewohl,« sagte Dickie Schlamm, »denn Du wirst doch an dem Feste teilnehmen, denk ich, und wenn mich Magister Feiertag nicht mitnimmt, dann beim Lichte des Tages, das wir dort in der dunklen Höhle nicht sehen konnten, dann gehe ich allein hin.«

»Kommt Zeit, kommt Rat,« sagte Wieland, »ich bitte Dich nur, handle nie vorschnell und unbedacht.«

»Ei, wollt Ihr denn jetzt auf einmal ein Kind aus mir machen – ein ganz gewöhnliches, alltägliches Kind, daß Ihr mir vorhaltet, wie gefährlich es sei, ohne Gängelband zu gehen? Aber ehe Ihr eine Meile weg seid, sollt Ihr an einem sichern Zeichen erkennen, daß ich mehr vom Popanz an mir habe, als Ihr glauben mögt.«

Die Reiter saßen auf und entfernten sich in flottem Trabe, nachdem Tressilian seinem Führer die Richtung angegeben hatte. Als sie fast eine Meile geritten waren, äußerte Tressilian zu seinem Gefährten, es falle ihm auf, daß sein Pferd weit leichter gehe als am Morgen.

»Verspürt Ihr das?« sagte Wieland lächelnd. »Das macht mein kleines Geheimnis. In eine Handvoll Hafer habe ich Eurem Pferde etwas beigemischt, daß Euer Gnaden sechs Stunden lang mindestens ihm keine Sporen zu geben brauchen. Medizin und Arzneikunde habe ich nicht umsonst studiert.«

»Wird Eure Mixtur auch meinem Pferde nichts schaden?«

»Nicht mehr als ihm die Milch der Stute geschadet hat, die es geworfen hat,« antwortete der Tausendkünstler.

Er wollte noch weiter über die Vorzüglichkeit seines Rezeptes sprechen, aber ein lauter und furchtbarer Knall, wie der einer Mine, die die Wälle der umlagerten Stadt sprengt, unterbrach ihn. Die Pferde scheuten, und die Reiter waren gleichfalls überrascht. Sie wandten sich um, nach der Richtung zu schauen, in der der Donnerkrach erschollen war, und sahen genau auf dem Flecke, den sie vor kurzem erst verlassen hatten, eine große, dunkle Rauchsäule hoch in die klare, blaue Atmosphäre des Himmels emporsteigen.

»Meine Behausung ist vernichtet,« sagte Wieland, dem die Sache sofort klar war, »ich war ein Narr, daß ich erzählt habe, was der Doktor mit mir in seinem Laboratorium geplant hatte – wenigstens hätte ich es nicht vor diesem Taugenichts, diesem Popanz, sagen sollen. Ich hätte mir gleich denken können, daß es ihn an allen Fingern jucken würde, einen solchen Streich zur Ausführung zu bringen. Aber laßt uns rasch unsers Weges eilen, sonst treibt der Knall die ganze Bevölkerung an den Fleck.«

Mit diesem Worte gab er seinem Pferde die Sporen, und Tressilian hielt Schritt mit ihm. Die Nacht verbrachten sie in einem kleinen Gasthofe. Früh am nächsten Morgen brachen sie auf und gelangten nun ohne weitere Zwischenfälle nach Wiltshire und Somerset, und am Abend des dritten Tages, nachdem Tressilian Cumnorplace verlassen hatte, langten sie in dem an der Grenze von Devonshire gelegenen Landsitze Lidcote-Hall des Ritters Hugh Robsart an.

Zwölftes Kapitel

Der alte Landsitz Lidcotehall lag nahe bei dem gleichnamigen Dorfe und grenzte an den wilden, ausgedehnten Wald von Exmoor, in welchem ein reicher Wildstand vorhanden war; mancherlei alte, der Familie Robsart gehörige Rechte gaben Sir Hugh die Befugnis, seinem Lieblingsvergnügen, der Jagd, hier nachzugehen. Das alte Herrenhaus war ein niedriges, ehrwürdiges Gebäude, das einen beträchtlichen Bodenraum, von Morast umgeben, einnahm. Der Zugang und die Zugbrücke wurden von einem achteckigen Turm aus altem Ziegelwerk verteidigt, der aber mit Efeu und andern Kletterpflanzen so überwachsen war, daß man nur schwer erkennen konnte, aus was für Material er gebaut war. Die Winkel des Gebäudes waren mit Türmchen geschmückt, die in Gestalt und Größe eine wunderliche Verschiedenheit aufwiesen, und zufolgedessen mit jenen eintönigen Pfefferbüchsen aus Stein nicht die geringste Ähnlichkeit hatten, die zu dem gleichen Zwecke in moderner Gotik Verwendung finden. Einer dieser Türme war viereckig und diente als Glockenturm. Aber die Uhr an seinem Frontispiz stand jetzt still; ein Umstand, der besonders Tressilian höchst unangenehm berührte, weil der brave, alte Ritter, neben andern unschuldigen Eigentümlichkeiten, es nie unterlassen konnte, sich ganz genau um die Zeit zu kümmern, eine Mode, die man so häufig bei Leuten antrifft, die mit ihrer Zeit sonst nichts anzufangen wissen und sich von Langeweile schwer bedrückt fühlen. Bei Kaufleuten, wenn sie nichts zu tun haben, kann man ja auch die Beobachtung machen, daß sie dann von ihren Waren ein haarkleines Verzeichnis aufnehmen.