Der Zugang zu dem Hofe des alten Herrensitzes führte durch einen von dem vorerwähnten Turme überragten Torweg, und ein Flügel des mit Eisen beschlagenen Tors stand offen, ohne daß sich jemand darum zu kümmern schien. Tressilian ritt eilig über die Zugbrücke und in den Hof, wo er mit lauter Stimme die Dienstboten bei ihren Namen rief. Eine Zeitlang gab ihm bloß das Echo Antwort und das Geheul der Hunde, deren Pferch nicht weit von dem Herrensitze lag und von demselben Graben umgeben war. Endlich kam Will Badger, der alte und bevorzugte Diener des Ritters, der bei ihm den Kammerdienst versah und auch seinen Leibesübungen vorstand, zum Vorschein. Der rüstige, wetterharte Weidmann bezeigte große Freude, als er Tressilian erkannte.
»Gott Lob und Dank,« sagte er, »Junker Edmund, bist Du es denn in Fleisch und Bein? ... Dann kann es wohl sein, daß Du Sir Hugh gelegen und zu nutze kommst, denn mit ihm auszukommen, geht über Menschenwitz, das heißt über meinen und über den des Pfarrers und über den Meister Mumblazens.«
»Geht es denn schlechter mit Sir Hugh, seit ich weg bin, Will?« fragte Tressilian.
»Was das körperliche Befinden angeht, nein, da gehts im Gegenteil besser,« versetzte der Diener, »aber er ist wohl oben nicht mehr so, wie er war, er ißt und trinkt aber so, wie immer, dagegen schläft er nicht, oder vielmehr wacht nicht auf, denn er ist immer in einer Art von Dämmerstimmung, die weder Schlafen noch Wachen ist. Frau Swineford hat gedacht, es sei so was wie Schlagfluß. Aber nein, nein, Frau, hab ich gesagt, das Herz ists, das Herz!«
»Läßt sich denn sein Geist nicht aufheitern durch Zeitvertreib dieser Art oder jener?« fragte Tressilian.
»Er mag von allem Vergnügen nichts mehr sehen und hören,« versetzte Will Badger, »hat weder Domino noch Häufelspiel angerührt, noch mit Meister Mumblazen einen Blick getan in das große Traumbuch. Ich habe die Uhr ablaufen lassen in der Meinung, es möchte ihn ein bißchen aufrütteln, wenn er die Uhr einmal nicht schlagen hört; denn Ihr wißt doch, Junker Edmund, hinsichtlich der Zeit nahm er es immer sehr genau; aber er hat nie ein Wort darüber geäußert, und so darf man wohl die alte Klingel wieder in Gang setzen. Ich hab sogar die Courage gehabt, dem Bungay auf den Schwanz zu treten, und Ihr wißt recht gut, welchen Tanz zu andrer Zeit das für mich abgesetzt hätte – aber das Gewinsel des armen Kerls hat ihn diesmal so wenig gekümmert, wie das Geschrei einer Waldeule, die sich in unsern Schornstein verflogen hat. Wie gesagt, mir ist das ein Rätsel.«
»Du kannst mir ja das andre drin erzählen, Will. ... Inzwischen laß den Mann da in die Speisekammer führen und mit Achtung behandeln. Er ist nämlich einer von der Kunst.«
»Von was wohl für einer? Von der weißen oder schwarzen?« erwiderte Will Badger, »ich möchts wissen, um zu wissen, ob er mit seiner Kunst uns helfen kann oder nicht. Hier, Kellnerbub, guck Dir den Mann von der Kunst an und sieh zu, daß er Dir keinen von Deinen Löffeln maust,« setzte er im Flüsterton, zu dem Kellnerbuben gewandt, hinzu, »ich habs erlebt, daß mancher mit grundehrlichem Gesicht pfiffig genug war, so was zu machen.«
Darauf schob er Tressilian in ein niedriges Zimmer, sah jedoch auf seinen Wunsch erst nach, in welchem Zustande sich sein Herr befand, damit nicht die plötzliche Wiederkehr seines lieben Mündels und vermutlichen Schwiegersohns ihm allzu nahe gehen möge. Er kam alsbald zurück und sagte, Sir Hugh schlummere in seinem Lehnstuhl, aber Meister Mumblazen wolle Junker Tressilian auf der Stelle melden, wenn er aufwache.
»Aber es fragt sich, ob er Euch kennt,« sagte der Weidmann, »denn er weiß ja von keinem Hunde in der Koppel den Namen mehr. Es mögen wohl acht Tage her sein, seit es mir vorkam, als sei es ein wenig besser geworden. Da sagte er nämlich: ›Sattle mir die alte Sorrel‹, und zwar ganz plötzlich, nachdem er aus dem großen silbernen Ehrenbecher seinen üblichen Nachttrunk genommen hatte, ›und schaff morgen die Hunde auf den Haselhorstberg‹. Jesus, waren wir da alle vergnügt, und draußen hatten wir ihn in aller Frühe, und er ritt munter und flott wie sonst; doch was er sagte, war weiter nichts, als daß der Wind aus Süden komme und daß die Witterung trügen werde. Und ehe wir die Hunde von der Koppel hatten, fing er an, um sich herum zu stieren, wie jemand, der plötzlich aus einem Traume aufwacht ... reißt sein Tier herum und rast zur Halle zurück und überläßts uns, ob wir weiter jagen wollen oder nicht.«
»Ihr erzählt uns eine gar trübe Geschichte, Will,« versetzte Tressilian, »aber Gott helfe uns weiter, von Menschen ist hier nichts mehr zu hoffen.«
»Dann bringt Ihr uns wohl keine Kunde vom jungen Fräulein Amy? Aber wozu brauche ich da zu fragen? Erzählt doch Eure Stirn, wie die Dinge stehen. Immer habe ich gehofft, daß, wenn sie jemand bringen könnte oder brächte, Ihr dieser jemand sein müßtet. Ach, jetzt ist alles vorbei und verloren. Treff ich aber diesen Varney mal in Pfeilschußweite, dann will ich ihm einen sein gespitzten Bolzen in den Leib jagen; das schwör ich bei Salz und Brot.«
Dieweil er so sprach, ging die Tür auf und Meister Mumblazen erschien, ein vertrockneter, dürrer, ältlicher Mann, dessen Wangen aussahen, wie ein Winterapfel, dessen graues Haar von einem kleinen Hütchen verdeckt wurde, das wie ein Kegel geformt war oder vielmehr wie ein Stachelbeerkorb, wie ihn die Obsthöker in London vor ihre Fenster hängen. Er war eine zu gesetzte Person, um auf eine bloße Begrüßung Worte zu verschwenden; darum lud er Tressilian, nachdem er ihn mit einem Nicken und einem Händedruck bewillkommnet hatte, ein, ihm in Sir Hughs großes Zimmer zu folgen, das der brave Ritter in der Regel bewohnte. Will Badger folgte ihnen, wenn man ihn auch nicht dazu aufgefordert hatte, weil er zu ängstlich besorgt war um seinen Herrn, und auf alle Fälle sehen wollte, ob ihn Tressilians Ankunft aus seinem apathischen Zustande reißen werde oder nicht.
In einem langen,, niedrigen, mit Jagdgerät und Jagdbeute reich verzierten Gemache, neben einem ganz aus Steinen gebauten Kamin, über dem ein Schwert und eine Rüstung hingen, beide verstaubt und lange Zeit nicht geputzt, saß Sir Hugh Robsart von Lidcote, ein Mann von stattlicher Größe, den bloß fleißige Motion vor Korpulenz bewahrt haben mochte. Es kam Tressilian so vor, als ob die Lethargie, unter der sein alter Freund zu leiden schien, schon in den wenigen Wochen seiner Abwesenheit dessen Umfang vermehrt habe, zum wenigsten hatte sie die Lebendigkeit seines Gesichtsausdrucks erheblich beeinträchtigt. Langsam folgten seine Augen, als er mit Meister Mumblazen in das Gemach trat, erst diesem bis zu einem großen Eichenpult, auf dem ein wuchtiger Band aufgeschlagen lag, dann heftete es sich, wie voll Ungewißheit, auf den Fremden, der mit Meister Mumblazen eingetreten war. Der Pfarrer, ein grauhaariger Herr, der in den Tagen der Königin Maria Beichtvater bei Hofe gewesen war, saß in einem andern Winkel des Gemachs, mit einem Buch in der Hand. Auch er nickte Tressilian trübe zu und legte sein Buch beiseite, um zu beobachten, welche Wirkung das Erscheinen desselben auf den mit Kummer beladenen alten Mann machen würde.
Als Tressilian, dem gleichfalls Tränen in den Augen ständen, sich dem Vater seiner angelobten Braut mehr und mehr näherte, schien Sir Hughs Verstand sich wieder zu beleben. Er tat einen schweren Seufzer, wie jemand, der aus einem Zustande von Starrsucht aufwacht, dann glitt ein leichter Krampf über seine Züge; ohne ein Wort zu sprechen, breitete er die Arme aus und schloß Tressilian, als dieser sich in seine Arme warf, an seinen Busen.