»So ist mir doch etwas noch geblieben,« waren die ersten Worte, die er hervorstieß, und während sie den Weg über seine Lippen nahmen, machte er seinen Empfindungen Luft in einem Weinkrampf, und die Tränen schossen ihm über seine sonnverbrannten Wangen und seinen langen, weißen Bart.
»Ich habe nie im Leben gedacht, daß ich Gott für Tränen danken würde, die mein Herr vergießt,« sagte Will Badger, »aber jetzt tue ich es, ob ich gleich mit ihm um die Wette weinen möchte.«
»Ich will Dir keine Fragen stellen,« sagte der alte Ritter, »keine Fragen – keine, Edmund – Du hast sie nicht gefunden, oder so Du sie gefunden, so wäre es besser, sie wäre verloren.«
Tressilian war nicht imstande zu erwidern, außer daß er die Hände vor das Gesicht legte.
»Es ist genug ... es ist genug. Aber weine nicht um sie, Edmund. Ich habe Ursache zu weinen, denn sie ist meine Tochter ... Du hast Ursache, Dich zu freuen, daß sie Dein Weib nicht geworden ist. ... Du droben im Himmel, großer Gott! Du weißt am besten, was für uns gut ist ... es war mein Gebet zu Dir in der Nacht, daß ich Amy und Edmund als Paar sehe ... wäre meine Bitte erfüllt worden, so hätten sich zu meiner Bitternis jetzt noch Gewissensbisse gesellt.«
»Tröste Dich, Freund!« sprach der Pfarrer, sich zu Sir Hugh wendend, »es ist ja gar nicht möglich, daß die Tochter all unsrer Hoffnung, all unsrer Liebe das schlechte Geschöpf sein sollte, als das Du sie Dir denkst.«
»O, nein, nein,« erwiderte Sir Hugh mit Ungeduld, »ich täte unrecht, wenn ich sie rund heraus mit dem gemeinen Wort benennen wollte, das sie sich verdient hat ... nein! Es gibt sicher irgendeinen neuen hofmäßigen Ausdruck dafür, ganz gewiß, ganz gewiß! Ehre genug für die Tochter eines alten Devonshireedelmanns, daß sie die Liebste eines lustigen Hofmannes geworden ist ... noch dazu eines Varney ... eines Varney, dessen Großvater von meinem Vater ausgelöst wurde, als sein Vermögen zertrümmert wurde in der Schlacht von ... der Schlacht von ... wo Richard erschlagen wurde ... verschwunden ists aus meinem Gedächtnis! ... Und ich wette drauf, es kann mir keiner von Euch drauf helfen. ...«
»In der Schlacht von Bosworth,« sagte Meister Mumblazen, »die zwischen Richard Crookback und Henry Tudor, dem Großvater der Königin, die jetzt auf dem Throne sitzt, primo Henrici Septimi, und im Jahre eintausend vierhundert und achtundfünfzig post Christum natum geschlagen wurde.«
»Richtig ... genau so ...« sprach der alte Ritter, »ein jedes Kind weiß es.. Aber mein armes Gedächtnis hat es vergessen, mein armes Gedächtnis vergißt alles, wessen es sich erinnern sollte, und behält bloß, was es vergessen, ach, am ehesten vergessen sollte! Mein Hirn, Tressilian, mein Hirn hat mich im Stiche gelassen fast die ganze Zeit über, die Du weg warst, und auch jetzt rennt es schon wieder auf und davon!«
»Euer Ehren,« sagte der wackre Geistliche, »zöge sich besser in Euer Wohngemach zurück und versuchte eine kurze Zeit zu schlafen ... der Arzt hat einen beruhigenden Trank dagelassen ... und unser großer Arzt dort droben hat uns befohlen, Mittel, die die Erde spendet, zu brauchen, damit wir gekräftiget werden, die Prüfungen zu tragen, die er über uns verhängt.«
»Richtig, richtig, alter Freund,« sprach Sir Hugh, »und wir werden unsre Prüfungen männlich tragen ... wir haben ja doch bloß ein Frauenzimmer verloren. – Sieh, Tressilian,« ... bei diesem Worte zog er eine lange Locke blonden Haares aus seinem Busen – »sieh hier diese Locke! ... Ich sage Dir, Edmund, in jener selben Nacht, als sie verschwand, als sie mir guten Abend wünschte, wie es ihre Gewohnheit war, da hing sie an meinem Halse und herzte mich inniger als sonst; und ich, wie ein alter Narr, ich hielt sie an dieser Locke, hielt sie fest, bis sie die Schere nahm und die Locke abschnitt und sie in meiner Hand ließ ... als das ... als das ... das einzige, was ich je noch von ihr sehen sollte!«
Tressilian war außer stande zu sprechen, denn er empfand nur zu gut, welch ein Wirrwarr von Empfindungen den Busen des unglücklichen Flüchtlings in diesem grausamen Augenblick zerreißen mußte. Der Geistliche war im Begriff, das Wort zu nehmen, aber Sir Hugh kam ihm zuvor.
»Ich weiß, was Ihr sagen wollt, Herr Pfarrer! ... Schließlich ist es doch bloß eine Locke aus eines Weibes Haar ... und durch das Weib kam Schmach und Sünde und Tod in die Welt, in eine unschuldige Welt ... o, und unser gelahrter Herr Mumblazen kann von philosophischen Dingen auch genug sagen über des Weibes untergeordnete Bedeutung im All.«
»C'est l'homme,« sagte Meister Mumblazen, »qui se bast et qui conseille.«
»Richtig,« sagte Sir Hugh, »und wir wollen uns darum betragen wie Männer, die beides, Mut und Weisheit, in sich tragen. – Tressilian, Du bist genau so willkommen, wie wenn Du frohere Kunde brächtest. Aber wir haben zu lange gesprochen, ohne die Lippen zu feuchten ... . Amy, füll Edmund einen Becher Wein und einen andern mir!« ... Dann besann er sich im Augenblick, daß er jemand rief, der ihn nicht hören konnte, er schüttelte das Haupt und sagte zu dem Geistlichen:
»Dieses Herzeleid ist für ein verstörtes Gemüt, was die Lidcoter Kirche für unsern Park ist: wir können uns wohl eine Weile zwischen den Büschen und Sträuchern verlaufen, aber wir sehen doch immer den alten, grauen Turm und das Grab meiner Ahnen. Ach, trügen sie mich doch morgen schon diesen Weg!«
Tressilian und der Geistliche drangen zusammen in den erschöpften, alten Mann, sich zur Ruhe zu begeben, und erreichten es auch endlich, daß er sich ihren Bitten fügte. Tressilian blieb so lange an seinem Bette sitzen, bis er sah, daß sich der Schlummer auf seine Lider gesenkt hatte. Dann kehrte er zurück, um mit dem Prediger zu beraten, welche Schritte unter solchen unseligen Umständen zu tun seien.
Meister Michael Mumblazen konnten sie von diesen Betrachtungen nicht ausschließen, und sie zogen ihn um so lieber dabei zu Rate, als sie nicht bloß alles von seinem Scharfsinn hoffen durften, als auch ihn als einen so großen Freund von Schweigsamkeit hielten, daß sie in seine Eignung zum Berater keinen Zweifel setzen konnten. Er war ein alter Junggeselle aus guter Familie, aber ohne Vermögen und mit dem Hause Robsart weitläufig verwandt. Zufolge dieser Beziehung war Lidcotehall wahrend der letztverflossenen zwei Jahrzehnte durch seinen Aufenthalt ausgezeichnet worden. Seine Gesellschaft war Sir Hugh angenehm, hauptsächlich seines großen Wissens wegen, das, wenn es sich auch in der Hauptsache auf Wappenkunde und Genealogie beschränkte, wie auf denjenigen Teil von Geschichte, der zu diesen Wissenschaften in Beziehung stand, doch dem wackern, alten Ritter so imponierte, daß er den alten Junggesellen nur ungern vermißt hätte. Außerdem war es ihm sehr recht, immer einen Freund in dem alten Junggesellen zur Hand zu haben, an den er sich wenden konnte, wenn sich sein eigenes Gedächtnis, wie es leider recht oft geschah, als schwach erwies und ihn betreffs Namen und Jahreszahlen irreführte, in welchen Fällen dann Meister Michael Mumblazen mit pflichtschuldiger Kürze und Diskretion einsprang und nachhalf. Dieser Herr gab auch wirklich oft in Fragen, die die moderne Welt angingen, in seiner prägnanten und heraldischen Redeweise guten Rat, der immer der Berücksichtigung wert war, oder, um sich in Will Badgers Sprache auszudrücken, er schoß das Wild, dieweil andere den Busch abklepperten.
»Wir haben eine schlimme Zeit mit dem wackern Ritter durchgemacht, Junker Edmund,« sagte der Geistliche. »Soviel habe ich nicht gelitten, seit ich von meiner geliebten Herde gerissen und gezwungen wurde, sie den römischen Wölfen Zu überlassen.«
»Das war in Tertio Mariae,« sagte Meister Mumblazen.
»Um Himmelswillen sagt uns bloß,« fuhr der Geistliche fort, »habt Ihr Eure Zeit besser angewandt, als wir die unsre, oder bringt Ihr irgendwelche Kunde von jenem unglücklichen Mädchen, das während so mancher Jahre die große Freude dieses niedergeschmetterten Hauses war, und nun sich als sein größtes Unglück erweist? Habt Ihr nicht wenigstens ihren Aufenthaltsort ausgekundschaftet?«