Die Räte des Hauses Robsart erachteten es für geboten, Tressilian auf der Stelle hiervon Kenntnis zu geben; und Tressilian ließ sogleich Wieland, den Schmied, rufen und stellte, ihm die Frage ... unter vier Augen jedoch ... mit welcher Befugnis er sich herausgenommen habe, Sir Hugh Robsart eine Arznei zu reichen?
»Jenun,« versetzte der Schmied, »Euer Gnaden müssen sich doch darauf besinnen, daß ich Euch erzählt habe, ich hätte in die Kunst oder Mysterien meines Meisters ... ich meine den gelahrten Herrn Doktor Doboobie ... tiefern Einblick gewonnen als ihm recht gewesen. Und fürwahr, sein Gezanke und sein Grimm gegen mich rührten bloß daher, weil ich ihm so viel abgeguckt hatte ... gar manche Leute, ganz besonders eine schmucke, junge Witib aus Abingdon, wollten von seinen Rezepten nichts mehr wissen, sondern kamen zu mir und ließen sich von mir Arznei verschreiben.«
»Laß jetzt Deinen Firlefanz, Mensch,« rief Tressilian ernst und streng. »Hast Du uns genarrt oder gar etwas angestellt, was der Gesundheit Sir Hugh Robsarts schaden kann, so verlaß Dich drauf, daß Du Dein Grab in einer Zinngrube findest.«
»Ich habe zu geringe Kenntnis von dem großen Arcanum, Erz in Gold zu wandeln,« sagte Wieland festen Tones. »Aber weist Euren Befürchtungen die Wege, Junker Tressilian ... ich weiß genau, wie es um den Fall des guten Ritters steht, aus den Mitteilungen, die mir der Meister William Badger gemacht hat; und bin hoffentlich sattsam imstande, ihm eine lumpige Dosis Mandragora zu verabfolgen, die zusammen mit dem Schlafe, der drauf folgen muß, das einzige ist, was Sir Hugh Robsart braucht, damit sein aus dem Geschick geratenes Gehirn wieder instand kommt.«
»Ich verlasse mich drauf, Wieland, daß Du ehrliches Spiel mit mir treibst,« sagte Tressilian.
»Ehrlich, rechtlich und treu, wie der Erfolg es ausweisen wird,« erwiderte der Schmied; »was würde es mir wohl nützen, dem armen, alten Mann ein Leid anzutun, an dem Ihr ein so großes Interesse nehmt? Ihr, dem ich es verdanke, daß der Henkersknecht mit seinen sakrischen Zangen mir nicht jetzt Fleisch und Sehnen zerreißt? Mir mit seiner scharfen Pfrieme nicht jetzt Löcher in den Leib bohrt? ... Hol die Hände, die sein Henkerswerkzeug schmiedeten, der Satan! ... Ihr habt mich vor ihm bewahrt, und ich habe mich, meiner Treu! anheischig gemacht, Euch in Eurem Gefolge als getreuer Diener zu dienen, und verlange weiter nichts von Euch, als durch das Ergebnis aus des guten Ritters Schlummer einen Beweis meiner Ehrlichkeit zu liefern.«
Wieland, der Schmied, hatte richtig prophezeit. Der beruhigende Trank, den seine Kunst bereitet hatte, und der dem Ritter durch den vertrauensvollen Diener Will Badger gereicht war, übte die allergünstigsten Wirkungen. Der Patient, tat einen langen, gesunden Schlaf und erwachte, zwar seelisch niedergedrückt und sehr schwach bei Kräften, jedoch weit frischeren Geistes, als er die letzte Zeit über gewesen war. Er verstand sich nicht gleich dazu, dem Vorschlag seiner Freunde zuzustimmen, der dahin ging, Tressilian an den Hof zu schicken, um auf diesem Wege die Rückgabe der Tochter und die Wiederherstellung ihrer Ehre zu erreichen, soweit das letztere noch möglich war. »Laßt sie gehen,« sagte er, »sie ist bloß ein Falke, der nach dem Winde fliegt; mir wäre jeder Pfiff zu schade, sie wieder herzurufen.« Aber trotzdem er eine ganze Zeit diesen Grund aufrecht hielt, gelang es den Freunden zuletzt doch, ihn dahin zu überzeugen, daß es seine Pflicht sei, den Entschluß zu fassen, zu welchem ihn natürliche Zuneigung triebe, und darein zu willigen, daß alles zugunsten seiner Tochter von Tressilian versucht werde, was sich irgend tun lasse. Er unterschrieb also eine gerichtliche Vollmacht, die ihm der Pfarrer aufsetzte, denn in jenen schlichten Tagen war die Geistlichkeit häufig Beraterin ihrer Gemeinde in Gerichts- wie in Kirchen- oder Glaubenssachen.
Alles, was zu seiner zweiten Reise notwendig war, wurde vierundzwanzig Stunden nach seiner Rückkehr nach Lidcotehall hergerichtet; bloß einen wesentlichen Umstand hatte man außer acht gelassen, an den Tressilian erst durch Meister Mumblazen erinnert wurde. »Ihr begebt Euch zu Hofe, Junker Tressilian,« sagte er: »Ihr werdet doch wohl nicht außer acht lassen, daß Euer Wappenschild argent und or sein muß, denn andere Felder gelten dort nicht.«
Die Bemerkung war ebenso richtig wie beunruhigend. Um eine Sache bei Hofe zu führen, war auch in den goldnen Tagen der Königin Elisabeth Bargeld ebenso unentbehrlich, wie zu allen spätern Zeiten, und gerade das war bei den Bewohnern von Lidcotehall recht knapp vertreten. Tressilian selbst war arm, die Einkünfte des guten Sir Hugh Robsart gingen, und zwar immer schon im voraus, durch seine gastfreundliche Lebensweise drauf, und schließlich stellte sich die Notwendigkeit heraus, daß der Heraldiker, der den Zweifel wachgerufen hatte, ihn selbst heben mußte. Meister Michael Mumblazen brachte nämlich einen Beutel mit Geld zum Vorschein, der annähernd dreihundert Pfund in Gold und Silber in Münzen verschiedener Prägung enthielt. Es waren die Ersparnisse von etwa zwanzig Jahren, die er jetzt, ohne eine Silbe darüber zu verlieren, dem Dienste des Gönners weihte, dessen Freundschaft ihm Dach und Fach gegeben und dem er es zu danken hatte, daß er sich diese Summe hatte sparen können. Tressilian nahm das Geld in Empfang, ohne sich eine Sekunde zu besinnen, und ein gegenseitiger Händedruck war alles, wodurch der eine seiner Freude, seine ganze Habe solchem Zwecke zu weihen, der andre dem Troste, auf solch unerwartete Weise das Haupthindernis für den Erfolg beseitigt zu sehen, Ausdruck gab.
Als sich Tressilian am andern Morgen zur Abreise rüstete, erbat sich Wieland, der Schmied, kurzes Gehör. Er gab der Hoffnung Ausdruck, Tressilian sei mit der Medizin zufrieden gewesen, die er Sir Hugh Robsart eingegeben, und knüpfte hieran die Bitte, ihn mit nach Hofe begleiten zu dürfen. Daran hatte nun Tressilian selbst schon wiederholt gedacht, denn die Klugheit, Beschlagenheit in allen möglichen Dingen und Willigkeit zu allen Dingen, die der Bursche auf der ersten Reise bewiesen hatte, die sie zusammen gemacht hatten, legte Tressilian den Wunsch nahe, ihn mitzunehmen. Aber Wieland stand in Gefahr, von den Häschern der Justiz aufgegriffen zu werden, und hieran erinnerte ihn Tressilian, indem er gleichzeitig der Zangen des Henkers und des Haftbefehls Erwähnung tat, den der Richter in Händen hatte. Wieland, der Schmied, jedoch lachte dazu.
»Ei, Sir,« sagte er, »sehet doch! Ich habe ja meinen Arbeitskittel, schon vertauscht gegen die Livree eines Gefolgsmannes, aber abgesehen hiervon guckt Euch doch meinen Schnurrbart an, jetzt hängt er herunter und jetzt zwirble ich ihn in die Höhe und färbe ihn mit einer Tinktur, die ich zu mischen verstehe; und nun will ich den Teufelskerl sehen, der mich wiedererkennt.«
Diese Worte begleitete er mit der dazu gehörigen Gebärde, und in knapp einer Minute stand er, zufolge dieser an sich vorgenommenen Wandlungen, als ein ganz andrer da. Nichtsdestoweniger nahm Tressilian noch immer Anstand, sich seiner Dienste zu versichern. Um so dringender aber wurden die Bitten des Schmieds.
»Ich schulde Euch Leib und Leben,« rief er, »und möchte gern einen Teil der Schuld abtragen, zumal ich von Herrn Will Badger erfahren habe, welch gefährliches Unternehmen Ihr vorhabt. Ich bin zwar kein Hitzkopf, kein Raufbold, der seines Herrn Sache mit Schwert und Schild zu führen liebt. Weit eher gehöre ich' zu jenen andern, die das Ende einer Mahlzeit dem Anfang eines Handgemenges vorziehen. Immerhin weiß ich, daß ich recht wohl imstande bin, in, einer Sache Euch, gestrenger Herr, bessere Dienste zu leisten, als jeder, der das Schwert und den Dolch zu führen versteht. Und diese Sache ist eben die, um derentwillen Ihr jetzt ausziehen wollt. Mein Kopf ist so viel wert, wie hundert Fäuste.«