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Aber, noch immer besann sich Tressilian, kannte er doch diesen sonderbaren Patron erst so kurze Zeit; auch war er noch im Zweifel, ob er und wie weit er auf ihn bauen dürfe, sich aus ihm einen Begleiter zu machen, der ihm wirklich von Nutzen sein könne. Ehe er in dieser Sache zu einem bestimmten Entschlüsse gelangte, wurde im Schloßhofe Pferdegetrappel laut, und Meister Mumblazen trat mit Will Badger eilig in Tressilians Zimmer. Beide sprachen laut und erregt miteinander.

»Ein Reiter ist in den Hof geritten auf dem flinksten Grauschimmel, der mir je vor Augen gekommen ist,« sagte Will Badger, seinem Gefährten das Wort abgewinnend. »Er trägt am Arm ein silbernes Schild und drauf erblickt man einen feurigen Drachen, der im Munde einen Ziegelstein halt.«

»Drunter ist eine Grafenkrone,« sprach Meister Mumblazen, »er bringt einen Brief an Euch, mit demselben Wappen gesiegelt.«

Tressilian nahm den Brief, dessen Aufschrift lautete:

»An den gestrengen Herrn Tressilian, unsern geliebten Vetter.«

Und darunter stand:

-»Reite! Reite!« nach damaligem Brauche als Weisung für den Boten, »so flink Du kannst!«

Tressilian brach den Brief auf und fand den folgenden Inhalt: »An Junker Tressilian, unsern geliebten Freund und Vetter.

Wir befinden uns zurzeit so schlecht und auch sonst in so unglücklichen Umständen, daß wir von unsern Freunden diejenigen um uns zu sehen wünschen, denen wir unser besonderes Vertrauen schenken dürfen. Zu diesen zählen wir an erster Stelle unsern lieben Herrn Tressilian als einen der uns am nächsten stehenden, und zwar dem Herzen wie der Verwandtschaft nach, dem guten Willen und der raschen Fertigkeit nach. Weshalb bitten wir Euch, Ihr möget so gütig sein, Euch nach unsrer geringen Wohnung zu begeben, nach Say's Hof bei Deptford, wo wir weiter mit Euch sprechen wollen über Dinge, die wir dem Papier nicht anvertrauen mögen. Und so entbieten wir Euch unsern Gruß und begrüßen Euch als unsern herzlieben Vetter

Ratcliffe, Earl of Sussex.«

»Schick auf der Stelle den Boten herauf, Will Badger,« sagte Tressilian, und als der Mann eintrat, rief er ihm entgegen: »Ah, Steffen, Du bists! Nun, sprich, wie geht es meinem lieben Herrn?«

»Sehr schlecht, Junker Tressilian,« versetzte der Bote, »und darum wünscht er eben, der guten Freunde mehr um sich zu haben.«

»Aber was fehlt denn dem guten Herrn eigentlich?« fragte Tressilian, nicht ohne lebhafte Unruhe, »ich habe ja gar nichts davon gehört, daß er krank sei.«

»Das weiß ich nicht, Junker,« entgegnete der Mann; »er ist krank, recht krank. Die Doktors stehen da, wie die Kühe vorm Scheunentor, und in seinem Hause gibt es manch einen, der was von Hexerei vermutet, wenn nicht gar noch etwas Schlimmeres dahinter steckt.«

»Wie tritt denn das Leiden auf?« fragte Wieland, der Schmied, indem er hastig vortrat.

»Wie denn? Was denn?« sagte der Bote, der den Sinn der Worte des Schmieds nicht recht verstand.

»Ich meine, was ihm fehlt? Wo das Uebel sitzt? Wie sich die Krankheit zeigt?« sagte der Schmied.

Der Diener sah Tressilian an, wie wenn er sich erst vergewissern wollte, ob er auf solche von einem Fremden gestellte Fragen auch antworten dürfe, und als er eine bejahende Gebärde wahrnahm, zählte er nun eiligst den Verfall auf, der an den Kräften des Ritters eingetreten sei, die nächtlichen Schweiße, den Appetitmangel, das Erscheinen von Ohnmächten und so weiter.

»Dazu hat sich wohl auch,« fragte der Schmied, »ein quälender Schmerz im Magen gesellt und ein schleichendes Fieber?«

»Ganz genau,« bestätigte der Bursche, ziemlich verwundert.

»Ich weiß, woher das Leiden stammt,« erklärte der Schmied, »und weiß auch, wie es entstanden ist. Euer Herr hat vom Manna des heiligen Sankt Nikolaus gegessen. Ich weiß auch« die Kur ... mein Herr soll nicht sagen können, daß ich mich in seinem Laboratorium herumgedrückt hatte, ohne was zu lernen.«

»Was ist der Sinn solcher Worte?« fragte Tressilian, die Stirn in Falten legend. »Wir sprechen von einem der vornehmsten Männer Englands. Bedenke das! Witze und Späße anzubringen ist das kein Fall.«

»Da sei Gott vor,« sagte der Schmied. »Ich sage ja nur, und das halte ich aufrecht, daß ich die Krankheit des hohen Herrn kenne und heilen kann. Erinnert Euch doch dessen, was ich für Sir Hugh Robsart getan.«

»Wir wollen auf der Stelle aufbrechen,« sagte Tressilian. »Gott ruft uns.«

Demzufolge machte er schnell Sir Hugh Robsart und dessen Hausgenossen Mitteilung von diesem neuen Grunde zur Beschleunigung der Abreise, ohne jedoch weder der argwöhnischen Befürchtungen des Sendboten, noch der Zusicherungen Wielands, des Schmieds, Erwähnung zu tun. Sir Hugh Robsart begleitete ihn mit seinen Segenswünschen und seinem Gebet, und in Begleitung des Schmieds und des Sussexschen Sendboten machte sich Junker Tressilian auf den Ritt nach London.

Dreizehntes Kapitel

Tressilian ritt mit seinen beiden Begleitern, so rasch die Rosse laufen konnten. Den Schmied hatte er zuvor gefragt, ob er nicht lieber Berkshire, wo er doch so gut bekannt sei, links liegen lassen wolle. Wieland antwortete indessen, seiner Sache ganz sicher zu sein. Er hatte die kurze Frist, die ihm noch geblieben war, bevor sie von Lidcotehall wegritten, benützt zu einer ganz erstaunlichen Umwandlung seines Aussehens. Der struppige lange Bart war jetzt auf ein schmales Schnurrbärtchen zusammengeschrumpft, das militärisch aufgezwirbelt war. Ein Lidcoter Dorfschneider hatte für Geld und gute Worte unter Aufsicht des Bestellers all seine Kunstfertigkeit aufgeboten, um aus dem Schmied einen Menschen zu machen, der um zwanzig Jahre jünger erschien. Vordem sah er in seinem schmierigen Arbeitskittel, mit dem Haarbusch auf dem Kopf und um das Gesicht, in der gebückten Haltung, die er sich durch sein Handwerk angewöhnt hatte, und in dem Ruß und Schmutz, der sich auf seiner Haut festgesetzt hatte, fast wie ein Mann von fünfzig Jahren aus, und jetzt, in der schmucken, kleidsamen Livree eines Gefolgmanns von Tressilian, mit dem Schwert an der Seite und dem Schild auf der Schulter, sah er aus wie höchstens ein Mann von dreißig bis fünfunddreißig Jahren, also in der Blüte des Mannesalters. Das ihm früher eigne derbe, ungeschlachte Wesen schien sich gleichfalls ganz umgewandelt zu haben, und zwar in ein entgegenkommendes, schneidiges und keckes, in Blick und Handlung zum Vorschein tretendes Wesen.

Auf Tressilians Frage, wie er mit dem allen so schnell zu stande gekommen sei, gab Wieland bloß Antwort durch einen Vers aus einer Komödie, die damals neu war und nach Meinung mancher Kritiker bei dem Verfasser ein nicht geringes Talent vermuten ließ. Es freut uns, daß wir in der Lage sind, diesen Vers hersetzen zu können, der genau gelautet hat wie folgt:

»Pah pah ça ça Caliban,

Kriegst 'n neuen Meister,

Nu werd ein neuer Mann!«

Obgleich sich Tressilian nicht darauf besann, diese Verse gehört zu haben, besann er sich doch, daß Wieland, der Schmied, früher einmal Komödiant gewesen sei, woraus sich auch die Geschwindigkeit erklärte, mit der er die Umwandlung seiner äußern Person vollzogen hatte. Der Schmied selbst setzte ein so festes Vertrauen in diese Wandlung und in die Unkenntlichkeit, die er sich dadurch verschafft, daß es ihm fast leid getan hätte, wenn er an seinem früheren Wohnorte nicht vorbeigekommen wäre.

»Ich kann es riskieren,« sagte er, »in der Kleidung, die mich jetzt deckt, und bei dem Rückhalt, den mir Euer Ehren leihen, dem Richter Blindas direkt vor die Augen zu treten, sogar in öffentlicher Gerichtssitzung, und möchte wirklich mal noch zu erfahren suchen, was aus dem Musje Kobold geworden ist, der ganz gewiß am liebsten die Welt auf den Kopf stellte, wenn er mal die Fesseln los werden und seiner Großmutter und seinem Dominus ausreißen könnte. ...Ei, und das vertrackte, alte Gewölbe!« rief er, »was aus dem geworden, wie das Pulver dort unter den Retorten und Phiolen des Doktors Demetrius Doboobie gehaust haben mag, das hätte ich gar zu gern mal gesehen! Ich weiß ganz sicher, daß von mir noch erzählt werden wird im Tale von Whitehorse, wenn auch meine Knochen längst verfault sein werden, und daß noch mancher Tropf sein Pferd anbinden und seinen Silberling niederlegen und pfeifen wird, wie ein Seemann bei Windstille, daß Wieland, der Schmied, komme und sein Roß beschlage! Aber das Roß wird eher die Rotzkrankheit kriegen, als daß sich Wieland, der Schmied, wieder sehen lassen wird.«